Strachow giebt uns darüber ziffernmässige Nachweise, die wir hier folgen lassen. Vor allem hat Anna Grigorjewna Dostojewskaja eine neue Ausgabe von des Dichters Werken veranstaltet, welche folgendes Erträgnis hatte: Im Januar 1873 erschienen „Die Besessenen“ in 3500 Exemplaren, im Januar 1874 der „Idiot“ in 2000 und im Dezember 1875 erschienen die „Memoiren aus einem Totenhause“ in 2000 Exemplaren. Im Dezember 1876 „Schuld und Sühne“ in 2000 und im November 1879 „Erniedrigte und Beleidigte“ in 2400 Exemplaren.
Diese Erfolge beruhigten den Dichter, welcher endlich alle Schulden zu tilgen vermochte, ungemein über das Los seiner Familie, die in Armut zu hinterlassen er stets hatte fürchten müssen. Man hat ferner nach seinem Tode ein Blatt in seinen Rechenbüchern gefunden, darauf die aus seinen Werken allein bezogenen Einkünfte mehrerer Jahre genau verzeichnet waren. So bezog er:
Dazu kamen jene Summen, welche der Dichter für die in den Zeitschriften erscheinenden neuen Romane erhielt. So zahlten ihm die „Vaterländischen Annalen“ i. J. 1875 für den Druckbogen des Romans „Junger Nachwuchs“ (Podrostok, der Adolescent) 250 Rubel, und der „Russkij Wjestnik“ für die „Brüder Karamasow“ (1879-80) 300 Rubel.
Die Einnahmen für Dostojewskys Werke haben sich bis auf den heutigen Tag gesteigert. Anna Grigorjewna macht kein Hehl daraus, ja es ist ihr, die des Dichters schwerste Jahre äusserster Not tapfer geteilt hat, heute eine Genugthuung, es dahin gebracht zu haben, dass der Reingewinn jeder neuen Auflage, die sie selbst verlegt, rund 75000 Rubel betrage. Ein noch sehr reichliches ungedrucktes Material an Briefen, Fragmenten und Dokumenten gestattet es, jeder neuen Auflage, je nach den Zeitumständen, etwas ungedrucktes beizufügen. —
Bald nach seiner Rückkunft hatte der Fürst Wladimir P. Meschtschersky den Dichter näher kennen gelernt und ihn eingeladen, die Redaktion seines Blattes „Grashdanin“ zu übernehmen. Für diese Thätigkeit, welche mit dem Jahre 1873 begann und bis Ende desselben Jahres währte, erhielt der Dichter ein Monats-Honorar von 250 Rubeln, ausser dem Honorar für seine Beiträge. Diese Artikel waren meist Feuilletons über die brennenden Tagesfragen, welche den fortlaufenden Titel „Tagebuch eines Schriftstellers“ führten. Sie bilden heute den ersten Band der unter demselben Titel herausgegebenen Schriften.
In dem von Dostojewsky im Jahre 1876 gegründeten und von ihm ganz allein besorgten Blatte, dem er den gleichen Namen „Tagebuch eines Schriftstellers“ gab, fand er endlich das Feld seiner Thätigkeit, das ihm am meisten zusagte. Allerdings nennt er in einem Briefe an eine bekannte Dame einen anderen Grund, der ihn bewogen habe, diese Monatsschrift zu schaffen. Wir meinen jedoch, dass ihm nicht sowohl das Kennenlernen der Tagesfragen um seines Romanes willen, als der nimmer rastende Wunsch dazu trieb, sich auszusprechen, seine Wahrheit an allem zu messen, was der Tag eben brachte. Der oben erwähnte Brief vom 9. April 1876 beginnt mit einer Erörterung persönlicher Beziehungen und fährt dann fort:
„Sie teilen mir Ihre Gedanken darüber mit, dass ich mich im „Tagebuche“ in Kleingeld umwechsle. Ich habe das auch hier aussprechen gehört. Hier ist, was ich Ihnen unter anderem darauf sagen will: Ich bin zu dem unumstösslichen Schluss gekommen, dass ein Schriftsteller der künstlerischen Richtung ausser dem Poem die von ihm dargestellte Wirklichkeit bis in das allerkleinste Detail mit der grössten Genauigkeit, historisch und aktuell, kennen muss. Bei uns glänzt damit nach meiner Meinung einzig und allein — Graf Leo Tolstoj. Victor Hugo, welchen ich als Romanschriftsteller hochschätze, wofür sich der selige Th. Tjutschew über mich, denken Sie nur, heftig ereiferte, indem er sagte, „Schuld und Sühne“ stehe höher als die „Misérables“, hat uns, ob er auch manchmal sehr breit im Studium des Details ist, wunderbare Studien gegeben, welche ohne ihn der Welt völlig unbekannt geblieben wären. Aus diesem Grunde habe ich, da ich mich dazu vorbereite, einen grossen Roman zu schreiben, beschlossen, mich speziell in das Studium — nicht der Wirklichkeit an und für sich, denn ich kenne sie ohne das — sondern der aktuellen Einzelheiten der laufenden Dinge zu vertiefen. Eine der wichtigsten Aufgaben in dieser Gegenwart ist für mich zum Beispiel die junge Generation und zugleich damit die gegenwärtige russische Familie, welche, ich fühle das, heute ganz anders ist, als vor zwanzig Jahren. Allein es giebt ausserdem noch vieles andere.
Wenn man 53 Jahre zählt, so kann man leicht bei der ersten Unachtsamkeit hinter der gegenwärtigen Generation zurückbleiben. Ich habe unlängst Gontscharow getroffen, und auf meine offene Frage, ob er im gegenwärtigen Lauf der Dinge alles verstehe oder schon aufgehört habe, manches zu begreifen, hat er mir geradeaus geantwortet, dass er vieles nicht mehr begreife (dies unter uns). Natürlich bin ich mir ganz klar, dass dieser grosse Geist nicht nur alles versteht, sondern die Lehrer lehren könnte; allein in dem bestimmten Sinne, in welchem ich ihn fragte (und den er in einem halben Worte verstand), versteht er nicht etwa vieles nicht, sondern er will es nicht verstehen. ‚Mir sind meine Ideale teuer und alles, was ich im Leben liebgewonnen‘, fügte er hinzu, ‚damit will ich nun auch die wenigen Jahre zubringen, die mir übrig bleiben; diese aber zu studieren (er wies auf die den Newsky Prospekt entlang wandelnde Menge) ist mir beschwerlich, denn es ginge meine kostbare Zeit darauf‘ ....
Ich weiss nicht, ob ich Ihnen das klar ausgedrückt habe, Christina Danilowna, aber es reizt mich, noch etwas mit voller Sachkenntnis zu schreiben. Das ist’s, warum ich eine Zeit lang zugleich studieren und das „Tagebuch“ führen werde, damit eine Menge von Eindrücken nicht verloren gehe. Alles das ist natürlich ideal! Würden Sie z. B. glauben, dass ich noch nicht damit zu Stande gekommen bin, mir die Form des „Tagebuchs“ klar zu machen, sogar noch nicht weiss, ob ich sie je in die Richte bringe, sodass möglicherweise dies Tagebuch schon zwei Jahre erscheinen und noch immer keine gelungene Sache sein wird? Beispielsweise: Ich habe zehn bis fünfzehn Themen, wenn ich mich zum Schreiben hinsetze (nicht weniger). Nun muss ich jene Themen, welche mich mehr einnehmen, unwillkürlich zurücklegen: sie werden viel Raum einnehmen, viel Glut verbrauchen (der Prozess Kroneberg z. B.), werden dem Heft schaden, denn es wird dadurch einförmig, arm an Artikeln werden. Andererseits habe ich, allzu naiv, gemeint, dies werde ein wirkliches Tagebuch werden. Ein wirkliches Tagebuch ist fast unmöglich, nur ein präsentables für das Publikum ist möglich. Ich treffe auf Begebnisse und empfange viele Eindrücke, die mich sehr einnehmen — aber wie soll man über das und jenes schreiben? Manchmal ist dies geradezu unmöglich.