So erhalte ich seit drei Monaten schon von allen Seiten sehr viele Briefe, mit und ohne Unterschrift — alle voll Teilnahme. Manche darunter sind ausserordentlich interessant und originell, dazu gehören sie allen möglichen jetzt herrschenden Richtungen an. Aus Anlass dieser verschiedenartigsten Richtungen, welche da in der Begrüssung meiner Thätigkeit zusammenfliessen, wollte ich einen Artikel schreiben, namentlich aber den Eindruck niederschreiben (ohne Namensnennung), den ich von diesen verschiedenen Briefen empfangen habe. Dabei ist der Gedanke, der mich mehr als alles in Anspruch nimmt, der: worin liegt unsere Zusammengehörigkeit, wo sind die Punkte, in welchen wir uns alle, die wir den verschiedenen Richtungen angehören, einigen könnten. Aber als ich den Artikel schon überlegt hatte, sah ich plötzlich, dass es um keinen Preis möglich wäre, ihn mit voller Offenheit zu schreiben. Nun aber, ohne Aufrichtigkeit? Ist es wert ihn zu schreiben?
Ja, auch keine Wärme wird bleiben. Vorgestern am Morgen kommen da plötzlich zwei junge Mädchen zu mir, beide etwa zwanzig Jahre alt. Sie kommen herein und sagen: „Wir haben mit Ihnen bekannt werden wollen, schon seit der Fastenzeit her. Alle haben uns ausgelacht und gesagt, Sie würden uns nicht empfangen und, wenn Sie uns auch empfangen sollten, uns nichts sagen. Aber wir haben beschlossen, es zu versuchen, und da sind wir, N. N. und N. N.“ Zuerst hat sie meine Frau empfangen, dann bin auch ich zu ihnen herausgekommen. Sie erzählten, sie seien Studentinnen der medicinischen Akademie, es seien ihrer dort schon 500 Frauenzimmer, und dass sie in die Akademie eingetreten seien, um höhere Grade zu erlangen und später der Gesellschaft Nutzen zu bringen — diesen Typus neuer junger Mädchen hatte ich noch nicht angetroffen (alte Nihilisten kenne ich wohl sehr viele, bin persönlich mit solchen bekannt und habe sie gründlich studiert). Werden Sie mir glauben, dass ich selten eine bessere Zeit verlebt habe, als diese zwei Stunden mit diesen Jungfrauen? Welche Geradheit, welche Natürlichkeit, was für eine Gefühlsfrische, Reinheit des Geistes und Herzens, welcher alleraufrichtigste Ernst und welche alleraufrichtigste Fröhlichkeit. Durch sie habe ich natürlich viele andere kennen gelernt, die ebenso waren, und ich gestehe Ihnen — der Eindruck war stark und sonnig. Aber wie soll man das beschreiben? Bei aller Herzlichkeit und Freude mit der Jugend — unmöglich. Ja, es ist auch fast persönlich. Aber was soll ich in diesem Falle für Eindrücke eintragen?
Gestern nun höre ich da wieder, dass ein junger Mensch, ein Studierender, den man mir gezeigt hatte, da er in einem mir bekannten Hause war, in die Stube des Hauslehrers getreten ist und, auf dessen Tische ein verbotenes Buch erblickend, dieses dem Hausherrn meldet, welcher dann seinen Hofmeister sofort hinausjagt. Als man, in einer anderen Familie, dem jungen Menschen vorhält, dass er eine Schurkerei begangen habe, da hat er das garnicht begriffen. Nun, wie soll ich das erzählen? Das ist etwas Persönliches und dabei ist auch etwas Nicht-Persönliches; es war hier ganz besonders, wie man mir erzählte, jener Denkprozess in den Ansichten und Überzeugungen charakteristisch, demzufolge er nicht begriff und über welchen man ein interessantes Wörtchen sagen könnte.“ —
So beginnen dann endlich für den Dichter bessere Zeiten. Er tilgt nach und nach alle persönlichen sowie die vom Bruder übernommenen Schulden und wenn er, seine Gattin und zwei Kinder auch an seiner Lebenswende noch immer zwei kleine Stuben des Schmiedegässchens unweit der Wladimirkirche innehatten, so haben seine äusseren Zustände an Ruhe und Sorglosigkeit in materieller Beziehung gewonnen und sind, was Anerkennung und Ehrung betrifft, zu einer Höhe gelangt, die trotz aller persönlichen Feindschaften, die ihm sein nervöses und oft wechselndes Wesen eintrug, von Jahr zu Jahr stieg. „Ich habe einen schlechten Charakter“, schrieb er um diese Zeit einmal an eine Freundin, „aber nicht immer, und das ist mein Trost.“
Im Jahre 1875 veröffentlicht Dostojewsky, wie wir schon erwähnten, in den vaterländischen Annalen den Roman: „Der Adolescent“.
Wir haben über die Erzählung „Podrostok“ (der Adolescent), welche nicht mit Unrecht im Deutschen den Titel „Junger Nachwuchs“ führt, weder in des Dichters Briefen, noch bei den russischen Kritikern eine andere als flüchtige Erwähnung gefunden. W. Rósanow meint, es seien darin manche selbstbiographischen Züge enthalten. Wenn man unter selbstbiographisch die Erwähnung auch inneren Fühlens und Erlebens und seiner Eigenform versteht, so kann man sagen, dass es kein Werk Dostojewskys giebt, das nicht selbstbiographische Züge aufwiese. Auch die Schilderung manches äusseren Geschehens tritt uns mit der Lebendigkeit des Erlebten entgegen.
So finden wir in der Schilderung eines Traumes, den Wersilow, des jungen Helden Vater, erzählt, das erlebte Urbild des im Jahre 1877 im Aprilheft des „Tagebuchs“ erschienenen „Traumes eines lächerlichen Menschen“. Ja, der aufmerksame Leser findet in allen Werken Dostojewskys eigentlich immer dieselben Ideen, immer dieselben Typen in unendlichen Variationen wiederkehrend; schon das allein ist nicht nur höchst künstlerisch, sondern auch innenbiographisch.
Der „Podrostok“ nun, dessen Inhaltswiedergabe wir hier für überflüssig erachten, weil der künstlerische Aufbau des Werkes sich nicht ganz mit seiner Grundidee deckt, erscheint uns vom russischen Standpunkt aus als ein Übergang von den Ideen Raskolnikows zum Hinweis auf das künftige, reinchristliche junge Russland, mit dem Dostojewsky seine „Brüder Karamasow“ und somit sein Lebenswerk zu beschliessen gedachte. Von „Schuld und Sühne“, strenger genommen, von seiner Rückkehr nach Russland, angefangen, sehen wir den Dichter unausgesetzt mit der Jugend, der russischen Jugend, beschäftigt, die er, in unendlichen Variationen, von der völligen Abwendung, wie in Stawrogin („Die Besessenen“), bis zu völliger Durchdringung, wie in Myschkin („Idiot“) und Aljoscha Karamasow mit dem Christentum in Contact bringt. Hier und da setzt er Ausgereifte, Alte, welche das Christentum fertig in sich tragen, als feste Stützpunkte, gleichsam Ankerbojen, in dieses überschäumende Jugendmeer hinein. So den ewig pilgernden Bauer Makar, Arkadjis Adoptiv-Vater, so den Starez Sosima, so, wenn auch humoristisch als blindes Werkzeug verwendet, Stepan Trofimowitsch in den „Besessenen“ und die junge Sonja, die ihren naiven Christus durch allen Erdenschmutz hindurchträgt.
Von Raskolnikow, dem „Napoleon“, bis zum Bürschlein Kolja Krassotkin, der — im Epilog der „Karamasow“ — „für die Wahrheit sterben möchte, mögen auch unsere Namen vergehen“, zieht eine endlose Reihe junger Wesen an uns vorüber, durch deren Seele der Geist der Zeit weht. Es ist sehr bedeutsam, was der Dichter in jenem oben citierten Briefe an Christine Danilowna N. sagt, dass er sich bestrebe, mit 53 Jahren noch die Jugend zu verstehen. Gerade er müsste es empfinden, dass mit seiner Liebe, seinem Interesse für die Jugend, seine Thätigkeit begraben würde, dass er, an diese Grenze gelangt, überhaupt nichts mehr zu sagen hätte.
Arkadji Makarowitsch, unser Adolescent, ist eine Art Raskolnikow. Auch er hat seine „Idee“. Nicht ein Napoleon will er sein, sondern ein Rothschild. Er will „ununterbrochen“ und „hartnäckig“ Geld aufhäufen, um die Macht auszuüben, die das Geld verleiht. Aber nicht durch Glanz und Prunk will er das, sondern viel hochmütiger, indem er den Glanz ablehnt und sich erlauben darf, als Bettler einherzugehen, Millionen zu verachten.