Wieso kommt dieser Zwanzigjährige zu seiner „Idee“? Er ist ein unehelicher Sohn, das Opfer der „zufälligen Familie“ unserer Tage, und strebt auf diese Weise alles, was das Schicksal ihm schuldig geblieben, nobel zu quittieren. Er schreibt selbst die Geschichte dieser Ideen, ihrer Entwickelung zur That nieder, sowie das Fiasko, das sie endlich erleidet, und sendet diese Aufzeichnungen an einen klugen, alten Freund zur Beurteilung, ob sie für einen Roman tauglich seien.

Was dieser Aussenstehende darüber sagt, das spricht des Dichters eigene Absicht aus, die Dostojewsky immer oder zumeist im Epilog seiner Hauptgedanken zusammenfassend ausspricht, was manche Neueren ihm mit wenig Glück nachgemacht haben. Denn ein solches Zusammenfassen und Aussprechen wirkt nur bei dem Starken, der seine Ideen künstlerisch auf die Beine zu stellen versteht, als Verstärkung, während sie für den Schwachen zum Rettungsanker für die Verständlichkeit verwendet wird.

Jener Freund nun weist vor allem auf den Verfall der alten, grundständigen russischen Familie hin, die andere Kinder, andere Jünglinge herangezogen habe, als die hereinbrechende Horde der „zufälligen Familie“, die eine solche Jugend erzeuge wie die heutige. Mit solchen Typen, meint er, werde der russische Roman unmöglich werden. Die Reinheit der Familie müsse es sein, welche nicht allein dem Roman, nein, dem Leben verheissungsvolle Typen schenken würde. Nun zählt der Schreiber dem jungen Menschen, die ehelichen und unehelichen Kinder seines „zufälligen“ Vaters, des geistreichen und haltlosen Neurussen Wersilow, vor, und schliesst:

„Sagen Sie mir jetzt, Arkadji Makarowitsch, dass diese Familie — eine zufällige Erscheinung sei, so wird sich meine Seele darüber freuen. Allein, wird nicht im Gegenteil jene Schlussfolgerung richtiger sein, welche sagt, dass unbedingt schon eine grosse Anzahl russischer Stammfamilien unaufhaltbar und in Massen in zufällige Familien eintreten und in gemeinsamen Chaos, gemeinsame Unordnung mit ihnen zusammenfliessen? Auf einen Typus dieser zufälligen Familien weisen ja auch Sie in Ihrer Handschrift hin. Ja, Arkadji Makarowitsch, Sie — sind Mitglied einer zufälligen Familie, im Gegensatze zu unseren noch vorlängst bestehenden alten Familientypen, die eine von der Ihrigen so sehr verschiedene Kindheit und Jugend hatten.

Ich gestehe, ich möchte nicht der Romancier eines Helden der zufälligen Familie sein! Eine undankbare Arbeit, eine Arbeit ohne schöne Formen. Ja, und diese Typen sind auf jeden Fall — noch eine Gegenwarts-Sache, können daher nicht künstlerisch vollendet werden. Da sind schwere Irrtümer, Übertreibungen, da ist ein Übersehen möglich. Auf jeden Fall müsste man allzu viel erraten. Was aber soll ein Schriftsteller thun, der wünschen würde, nicht nur historisch zu schreiben, der von der Sorge um die Gegenwart bedrängt ist? Raten und — sich irren.

Allein solche „Aufzeichnungen“, wie die Ihren, könnten, so scheint es mir, als Material für ein künftiges Kunstwerk, für ein künftiges Bild einer unordentlichen, aber schon vergangenen Epoche dienen. Wenn des Tages Zorn vorüber sein wird und das Kommende hereinbricht, dann wird der künftige Künstler sogar für die Gestaltung des vergangenen Chaos herrliche Formen finden, dann werden solche Aufzeichnungen, wie die Ihrigen sind, gebraucht werden und ein gutes Material abgeben — wenn sie nur aufrichtig sind, ungeachtet alles Chaotischen und Zufälligen darin ... Es werden da wenigstens einige wahrhafte Züge unversehrt erhalten bleiben, aus denen man wird erraten können, was sich in der Seele manch eines Jünglings jener trüben Zeiten bergen konnte — eine nicht ganz geringfügige Erkenntnis, denn aus den Jünglingen erstehen die Geschlechter.“

Ausser der Korrespondenz mit Fremden, die von Jahr zu Jahr für den Dichter immer drückender wurde, nahm Dostojewskys intensive innere und äussere Vorbereitung zu seinem „letzten Roman“ einen immer grösseren Raum in seinem Leben ein. Er sucht die grossen Mönchklöster mit ihren ‚Skity‘ (Einsiedeleien) wieder auf und widmet vor allem jeden freien Augenblick dem Besuch der Gerichtsverhandlungen, dem praktischen Studium der Rechtspflege; denn so wenig er etwas über die Theorie der Psychiatrie gewusst hatte, da er so treffsicher unzählige Krankheitstypen hinzeichnete — an denen die Wissenschaft lernen könne, wie Dr. Tschiž sagt —, ebensowenig hatte er sich ja um den Buchstaben des Gesetzes, um die Rechtswissenschaft bekümmern können, wenn man auch den Umstand nicht übersehen darf, dass jeder Russe, sei er nun in Sibirien gewesen oder nicht, im ersten Teile seines Lebens reichlich Gelegenheit und Nötigung findet, sich mit dem Wortlaut der Gesetze und dessen praktischen Konsequenzen vertraut zu machen.

Bei Dostojewsky jedoch floss diese praktische, rein verstandesmässige Gesetzeskenntnis mit den tieferen Quellen seines Wesens zusammen. Sein Empfinden der menschlichen Allschuld erweckte von vornherein Neugierde und Teilnahme an aller menschlichen Schuld. Finden wir doch in den grossen Aufsätzen, die er um diese Zeit den Schwurgerichten, den Strafprozessen und ihrem Ausgang widmet, das eifrige Bemühen, den lebendigen Strom subjektiver Wahrheit in das dürre Gebiet der „objektiven“ Pragmatik einzuleiten. Er kämpft da gegen die Verurteilung der Mörderin Kairowa nahezu mit denselben Worten, die er im Epilog des „Hahnreis“ ausspricht: „Niemand, niemand, sie selbst am allerwenigsten konnte wissen, ob sie weiter schneiden werde“ usw.

Seine Anteilnahme an den Dingen der irdischen Gerechtigkeit geht soweit, dass er nach Verurteilung der Arbeiterfrau Kornilowa, welche ihr sechsjähriges Stieftöchterchen vom Fenster ihrer Wohnung im vierten Stockwerke in den Hofraum hinunterstiess, auf Wiederaufnahme des Prozesses drängt und das Gutachten der Ärzte herbeiführt, die nach eingehender Prüfung des Sachverhaltes eine Geistesstörung während der ersten Monate der Schwangerschaft feststellen. Die Frau hatte sich im Untersuchungsgefängnis nach dieser Zeit und der Geburt ihres Kindes weich, reuig, tadellos benommen; sie wurde freigesprochen und Dostojewsky übernahm es, die Versöhnung der Gatten einzuleiten und durch persönliche Teilnahme an ihrem weiteren Zusammenleben zu festigen. — Diese Beschäftigung mit den „laufenden Dingen der Gegenwart“ reift eben die Doppelfrucht seiner Thätigkeit im „Tagebuch eines Schriftstellers“. Sie ist zugleich Vorbereitung für den Roman und Verkündung „seiner Wahrheit“ in diesem eigenartig redigierten Organ.

Auch „die Gesellschaft“ hatte sich in dieser Zeit dem Dichter genähert. Er wird vielfach geladen, gefeiert, nimmt Teil an wohlthätigen Veranstaltungen, Kinder- und Adolescentenbällen; ja, drei Tage vor seinem Tode sollte er bei der ersten Probe einer Kindervorstellung die Rolle des Mönchs, die er übernommen hatte, durchführen, wurde aber durch das Unwohlsein verhindert, das einen so raschen Verlauf zum tötlichen Ausgang nahm. —