Hier seien noch einige Stellen aus Briefen an Freunde und einige diktierte Notizen wiedergegeben, die sein Verhalten während der Zeitströmung von 1870-1880 kennzeichnen, sowie seine Anschauungen über Dinge, welche seinem direkten Lebenswerk ferner liegen. Dazu gehörten z. B. des Dichters Ansichten über das Frauenstudium in Russland. So sehr ihm die Studentinnen gefallen [wie wir oben sahen], so wenig will er etwas davon wissen, dass sie „um Nutzen zu bringen“ — wie das Losungswort der russischen Jugend lautet —, Feldscherinnen und Hebammen werden. Er weist dabei auf die grosse Unbildung aller Spezialisten in Russland („ganz anders in Europa“) hin und verlangt von den jungen Mädchen und Frauen Vertiefung der allgemeinen Bildung: „die Mehrheit der Studenten aber und der Studentinnen, das ist alles ohne jegliche Erziehung. Was ist das für ein Nutzen für die Menschheit?“
In einem Briefe vom Juli 1879 an eine Freundin betont Dostojewsky ihr grosses Glück, Kinder zu besitzen. „Wie gut ist es, dass Sie Kinder haben, wie sehr vermenschlichen diese unsere Existenz in einem höheren Sinne. Kinder sind eine Beschwerde, aber eine unentbehrliche, und ohne sie giebt es kein Lebensziel. Und die europäischen Sozialisten verkünden gemeinsame Erziehungshäuser! Ich kenne vortreffliche verheiratete Menschen, die aber kinderlos sind — nun denn: bei so viel Geist, bei solcher Seele fehlt ihnen doch etwas, und wahrlich, in den höheren Aufgaben des Lebens hinken sie irgendwie.“ Wer Dostojewskys Werke aufmerksam gelesen hat, wird mit dieser Anschauungsart längst vertraut sein. Vom „kleinen Held“ angefangen bis zum Schluss der „Brüder Karamasow“, dem niedergeschriebenen wie dem ersonnenen, den er den Freunden mitteilte, schlingt sich, wie eine Blumenkette, eine unzählbare Reihe von Kindergesichtern; Russlands Kinder, die der Dichter so innig ans Herz drückt, von denen er für Russlands Zukunft so viel hofft.
Eine grosse Anzahl von Schriftstellern und Schriftstellerinnen hat nach des Dichters Tode unzählige Vorträge gehalten und Artikel über ihn und seine Thätigkeit geschrieben. Der Katalog der im Zusammentragen von Urkunden und Materialien unermüdlichen Witwe weist bis zum Jahre 1897 allein 190 grössere und kleinere Schriften und Werke auf, die sie im dazu gegründeten „Museum Dostojewsky“ in Moskau samt ungedruckten (von der Zensur noch nicht zum Druck freigegebenen) Fragmenten, z. B. gewisse Kapitel aus den „Besessenen“, bewahrt. Unter diesen Schriften finden wir nicht wenige über das Thema: „Dostojewskys Kindertypen“. Wir haben nur in einigen davon geblättert, sind indes überzeugt, dass sie alle das nicht auszudrücken vermögen, was z. B. in seinen Briefen über das „winzige Wesen“ Sonja wie ein lebendiger Liebesquell hervorbricht. In der aufregendsten Arbeit begriffen, konnte er, wie seine Gattin erzählt, immer wieder auf Verlangen seines dreijährigen, jüngsten Söhnchens Aljoscha die Repetiruhr schlagen lassen, die er bei sich trug. Man denke nur, was alles in seinen Werken über sein Verhältnis zu Kindern ausgestreut liegt: an die Kinderfreundschaft in „Njetotschka Njeswanowa“, das Kinderkapitel im „Idiot“, an alle kleinen Erzählungen und Skizzen bis zum erschütternden Kapitel über die Kinder in den „Karamasow“, und man wird erkennen, dass sie nicht zufällig da sind, dass sie einen integrirenden Teil seiner Dichtung und seines Lebens ausmachen. — Die Anfrage eines seiner Korrespondenten, was dieser sein noch sehr junges Töchterchen lesen lassen solle, beantwortet Dostojewsky ungefähr mit: das Beste. Walter Scott, Schiller, Goethe, den Don Quixote, Gil Blas, Prescott und die russischen Historiker, sowie Puschkin und Tolstoj unbedingt, Turgenjew und Gontscharow, „wenn er wolle“, ihn aber, Dostojewsky, nur mit Auswahl.
In einem Briefe an eine Dame dankt er ihr, dass sie ihn in seinen Werken verstehe, was bei der gesamten litterarischen Kritik nicht der Fall sei, und hegt nur den einen Wunsch, sich einmal ganz aussprechen zu können, wobei er W. S. Solowiow, einen jungen Philosophen [den jetzt hochangesehenen Gelehrten und Dichter] zitiert, der bei seiner Doktor-Disputation das hübsche Wort gesagt habe: „Nach meiner tiefsten Überzeugung weiss die Menschheit unendlich viel mehr, als sie bis heute in ihrer Kunst und Wissenschaft auszusprechen vermocht hat.“
Die kritischen Ausfälle, welche um diese Zeit in Broschüren und Zeitschriften auftauchen, locken Dostojewskys Zorn heraus, dem er aber meist nur in seinem Notizbuch aphoristisch Ausdruck giebt. So ist jene für die russische Ethik bezeichnende Stelle an den Rechtshistoriker K. D. Kawélin gerichtet, wo es heisst: „Sie sagen, das heisse sittlich sein, wenn man nur nach seinen Überzeugungen handelt. Woher haben Sie das genommen? Ich sage Ihnen geradeaus, dass ich Ihnen nicht glaube, und sage im Gegenteil, dass es unsittlich ist, nach seiner Überzeugung zu handeln ..... Blutvergiessen halten Sie nicht für sittlich, aber aus Überzeugung Blut vergiessen, das halten Sie für sittlich. Das Sittliche deckt sich nicht mit dem Begriff der Überzeugung, der man Folge gegeben, weil es manchmal sittlicher ist, seinen Überzeugungen nicht Folge zu leisten, und der Überzeugte, trotzdem er vollkommen bei seiner Überzeugung verharrt, durch ein gewisses Gefühl davon abgehalten wird, die Handlung auszuführen. Er tadelt und verachtet sich mit dem Verstande, allein mit dem Gefühl, das heisst mit dem Gewissen kann er sie nicht ausführen (und weiss es endlich, dass ihn nicht Feigheit zurückhielt). Vera Sassúlitsch hat einen Augenblick lang geschwankt; es ist schwer, die Hand zum Blutvergiessen zu erheben, sagte sie sich. Dieses Schwanken war sittlicher, als das Blutvergiessen selbst.“
An einer anderen Stelle wettert er gegen die Progressisten und Anhänger des Westens, welche jedoch die bureaukratischen Formen und Formeln ablehnen: „Zerstört nur die administrativen Formeln!“ heisst es da, „das ist aber eine Treulosigkeit gegen den Europäismus, es ist ein Verleugnen dessen, dass wir Europäer sind, es ist eine Untreue an Peter dem Grossen. O, auf eine Umgestaltung wird unsere Administration schon eingehen, aber nur in einer untergeordneten Form, praktische Fragen betreffend usw. Allein, dass sie ihren Geist vollkommen umwandeln sollte — nein, nicht um alles in der Welt! Unsere Liberalen, welche im Gegensatz zum Beamtentum auf dem Semstwo bestehen, wahrlich sie widersprechen sich selbst! Das Semstwo, das gesetzmässige Semstwo, das ist ja die Rückkehr zum Volk, zu den Volksgrundlagen (ein von ihnen so sehr verlachtes Wörtchen). Wird also der Europäismus in seiner jetzigen Gestalt bestehen bleiben, wenn sich das gesetzmässige Semstwo einwurzelt? Das ist die Frage. Doch ist das Wahrscheinlichste, dass er sich nicht erhält.
Der Beamte, der jetzige Beamte indessen — das ist der Europäismus, das ist Europa selbst und sein Emblem, das ist gerade das Ideal der Gradowskys, der Kawelins u. a. Folglich müssten unsere Liberalen und Europajunge, wenn sie folgerichtig sein wollten, für den Beamten und seine jetzige Art eintreten, mit kleinen Abänderungen, welche dem Fortschritt der Zeit und ihrer praktischen Forderungen entsprächen. Übrigens, was sage ich? Im wesentlichen treten sie ja auch dafür ein. Gebt ihnen eine Konstitution, so werden sie auch die Konstitution dem administrativen Schutze Russlands anvertrauen“ ....
Und weiter heisst es als Glosse zum Wort Konstitution: „Ja, Ihr werdet die Interessen Eurer Gesellschaft vertreten, aber ganz und gar nicht die des Volkes; Ihr werdet es auf’s neue leibeigen machen, Kanonen werdet Ihr Euch ausbitten, um auf es zu feuern. Die Presse aber! Die Presse werdet Ihr nach Sibirien schicken, so wie sie Euch nur nicht ganz zusagt! Nicht nur Euch widersprechen wird“ usw.
Aus dieser Polemik ist durch alle Verschränkung der Begriffe und Wirrnis der Werde-Elemente in Russland hindurch eines klar: dass das Beamtentum eine furchtbare Krankheit ist, wo immer es sich einfilzt, eines jener historischen Missverständnisse und Missverhältnisse, wonach Diener des Staates allmählich zu Herren des Volkes werden und aus jedem Gemeinwesen eine seelenlose Maschine zu machen vermögen, die alles zermalmt, was in ihre Nähe gelangt und gegen welche auch der beste Wille eines Alleinherrschers machtlos wird. Dostojewsky berührt dieses Thema später noch einmal in einem Briefe an Iwan Sergejewitsch Aksakow, mit welchem er erst nach der denkwürdigen Puschkin-Feier im Sommer 1880 in nähere Beziehungen trat.
Mit dem Jahre 1880 gelangt das Leben und Wirken des Dichters zu seinem äusseren und inneren Gipfelpunkt. In diesem Jahre stellt er durch seine grosse Puschkin-Rede gleichsam für alle Zeiten das Credo des russischen Geistes und Schrifttums fest und im selben Jahre vollendet er sein „letztes Werk“, die Krone von seines Lebens Sinnen und Schaffen, Wünschen und Wirken, die „Brüder Karamasow“.