Nikolaus Strachow erzählt in den „Materialien zu einer Biographie Dostojewskys“ [Petersburg, Suworin 1883] mit grosser Ausführlichkeit den ganzen Verlauf der für die russischen Bestrebungen so bedeutungsvoll gewordenen Puschkin-Feier. Wir folgen ihm in die Einzelheiten dieses „nationalen Ereignisses“ nicht nach. Für uns sind drei springende Punkte wichtig, die mit wenigen Worten hier bezeichnet seien. Erstens die Vorbedingungen, welche dieses Fest zu solcher Bedeutung erhoben, sodann das Konkrete des Verlaufs und endlich das Ergebnis der Feier als Wirkung auf die litterarisch-nationalen Parteien.
Was vorangegangen war, gipfelt in der Spaltung der russischen Schriftsteller und mit ihnen der russischen Gesellschaft in Westler und Slavophile. Dabei ist im Auge zu behalten, dass es sich da nicht um Geschmacks- und Bildungsrichtungen handelte, sondern, wie wir wissen, um die Art des Einflusses auf das Volk. Puschkin allein vereinigte in seiner Dichtergestalt die Anerkennung beider Parteien. Gleichwohl hielten sich zur Zeit die Ultra-Slavophilen der „Moskowskija Wjedomosti“ mit Katkow an der Spitze fern und brachten auch nicht eine Notiz über die Feier. Ihnen war Puschkin und die Gesellschaft der Litteraturfreunde, die ihn feierte, zu „westlich“. Aus alledem lässt sich begreifen, dass man von den angemeldeten Rednern etwas Ausschlaggebendes, Endgiltiges erwartete.
Turgenjew, welcher die erste Rede halten sollte, war am Vortage durch Acclamation zum Ehrenmitglied der Moskauer Universität ernannt worden. Man sah in ihm „den unmittelbaren und würdigen Nachfolger Puschkins“, da auch er, wenn man es nicht zu genau nahm, ähnliche Züge aufwies: als russischer Dichter mit westlicher Kultur. Turgenjew hatte seine Rede in der Einsamkeit seines Landgutes ausgearbeitet und las sie nun, von lebhaften Beifallssalven unterbrochen, in der ersten Festversammlung im Adelskasino am 7. Juni vor. Die Schlussstimmung war jedoch eine geteilte, da Turgenjew die Frage offen liess, ob Puschkin ein nationaler Dichter sei oder nicht, ja auch nicht darauf einging, diese Frage zu beleuchten.
Nach einer Pause sollten Dostojewsky und Aksakow, dieser als Vertreter des reinen Slavophilentums, sprechen. Aber schon als Dostojewsky begann, und mit dem inneren Feuer, das in ihm brannte, den „russischen Menschen“ im Saale mit den Worten anrief, die wir schon einmal anführten: „Demütige Dich, stolzer Mensch, und vor allem, brich Deinen Hochmut, demütige Dich, müssiger Mensch, und vor allem, mühe Dich auf heimatlichem Boden“ — da fühlte dieser „russische Mensch“, der lautlos den Saal füllte, dass das Wort des Tages gesprochen war, und lauschte bewegt bis ans Ende, da die Begeisterung in unerhörten Jubel ausbrach, in einen Versöhnungsjubel, wie ihn Russland noch nie erlebt hatte.
Des Dichters synthetischer Geist hatte hier den Punkt getroffen und ans Licht gebracht, der beide Strömungen versöhnte, nach dem es unbewusst alle verlangte und der eine neue Aera des litterarischen Wirkens anbahnte. Er hatte das Wort gesprochen, dass Puschkins westliche Kultur durchaus national von ihm verwertet worden sei, dass er in sich eben durch seine echt russischen Anschauungen die Verbindung mit dem Geist des Westens in einer Weise herstelle, die mustergiltig für alle Nachkommenden sei, wie man das ja an seinen dichterischen Gestalten sehen könne. Hier führte Dostojewsky seine Gedanken mit Zuhilfenahme einiger Beispiele aus, die — uns ein Zeuge dieser Feste erzählte — durchaus nicht einwandfrei, ja geradezu gewaltsam ausgelegt waren. Derselbe Zeuge, Professor St.... in Moskau, schildert indes selbst die lebendige Wirkung dieser Rede als eine ungeheure, der man sich erst später bei kühler Überlegung aus sehr stichhaltigen Gründen entwand. Für uns ist das gleichgiltig. Das, was Dostojewsky zeigen und erweisen wollte, was er in sich trug, als er jene Argumente heranzog, das war das Wahre und Befruchtende an seiner Rede und das ist es wohl auch heute noch, was, ihm selbst unbewusst, dennoch in der Seele manches modernen Russen nachklingt. Diese Rede war es denn auch, welche die Versöhnung der streitenden Elemente anbahnte.
Wir gelangen nun zum Abschluss von des Dichters Wirken und Leben.
Selten wird einem schaffenden Genius das hohe Glück zu teil, dass sein letztes Wort auch der vollendetste Ausdruck seiner Kunst war; wie oft verwischt ein Allerletztes die Wirkungen eines ganzen Lebens. Dostojewsky ist dieses Glück geworden. Denn wenn es auch durch die Äusserungen seiner Gattin und seiner Freunde beglaubigt ist, dass er eine Fortsetzung der „Brüder Karamasow“ schon fertig in sich trug, wenn wir auch wissen, wie er sich die Lösung dieses Problems im russischen Sinne vorgesetzt hatte, so können wir der Meinung eines seiner nahesten Freunde nur beipflichten, wenn wir annehmen, dass die Ausführung dieses Schlusses so weit hinter dem Plane zurückgeblieben wäre, als überhaupt Erfüllungen hinter Hoffnungen, Ausführungen hinter genialen Entwürfen zurückstehen. In den „Brüdern Karamasow“ aber ist ja schon in der Exposition, d. h. im Kapitel vom Starez Sosima, das Höchste als Ahnung und Ziel für den Helden Aljoscha ausgesprochen; der Leser empfängt ja von diesem „vorläufigen“ Bilde des „russischen Christus“, das der Dichter in Aljoscha erst ausführen wollte — wie er andeutet und alle Freunde bezeugen — vollauf alles, was auf ihn wirken soll: die Ahnung, gleichsam die Verheissung eines reinsten Zustandes. Hier musste jede Ausführung zurückstehen, im besten Falle als Wiederholung wirken. Wohl aber dürfen wir dem Dichter dafür dankbar sein, dass er uns sagte, wo er hinaus wollte; ganz besonders darum, dass es auch für jene, die es nicht schon in dem Vorhandenen herausgelesen haben, keinen Zweifel über die Absichten des Dichters gebe.
Wir setzen bei deutschen Lesern die Bekanntschaft mit dem Buche voraus. Sowohl die Fabel, als auch die Richtung — welche im Kapitel vom Starez angezeigt ist — liegen klar zu Tage. Allein im Grossartigen, im Ungeheuren, das in dem Kapitel vom Grossinquisitor heraustritt und scheinbar allgemein menschlich ist, das in jeder Sprache hätte geschrieben werden können, da vibriert schon die tiefe russische Note mit, die russische Seele, die ihren Gottesdurst in Erdenlust und verneinende Grübelei zerspaltet. Das brennende Begehren nach dem Glauben, das diese „Legende“ geschaffen hat, ein Begehren auch in der Seele eines mit allen Vorzügen westlicher Bildung ausgestatteten Geistes wie Iwan Karamasow, das ist echt russisch. Diese Figur Iwans und diese Episode beleuchten uns auch urplötzlich, was Dostojewsky unter seiner „russischen Allmenschlichkeit“ versteht. Die ewige Frage nach dem Gotte, die dieses Volk durch alle Zeiten hindurch, auf allen Gebieten in sich behält, ist ihm Bürgschaft, dass diese zwei Züge, so untrennbar wie sie es sind, zugleich allgemein menschlich und echt russisch sind.
Echt russisch ist auch das Schuldthema aufgenommen und durchgeführt. Ganz unbewusst und selbstverständlich fliesst dieses „an allem und für alle und alles schuldig sein“ wie ein Element durch die Menschen und Ereignisse des Romans, bis es in den Bekenntnissen Sosimas bewussten Ausdruck erhält. Ja, Rósanow, der geistvolle Kommentator, findet darin einen Fehler, dass nicht auch die Kinder in diese Allschuld einbezogen sind, die Iwan als „unschuldig unter der Disharmonie der Welt Leidende“ hinstellt; dass der Dichter nicht auch ihnen die Erbsünde zugeteilt hat; eine orthodoxe Einseitigkeit, vor welcher ein feineres Gefühl den Künstler glücklich bewahrt hat.
Ganz besonders russisch aber ist der endgiltige Hinweis auf Russlands reinere Zukunft, die Jugend. Dieses Motiv der russischen Jugend, das wir in allen seinen grösseren Werken, gleichsam hinter ihnen her, wie ein Dämmern künftiger Tage fühlten, das er im Epilog des Podrostok geradezu verkündet, hier bricht es plötzlich hervor und wir sehen mit einemmal das ganze Gebiet ringsum beleuchtet, vor uns die Zukunft des Helden jenes Atridenromans der Karamasow, der das Sühnungswerk der Iphigenie in modernem und christlichem Sinne zu vollenden hat. Aljoscha sollte, so war des Dichters Plan, nach des alten Sosima Gebot in die Welt zurückgehen, ihr Leid und ihre Schuld auf sich nehmen. Er heiratet Lisa, verlässt sie dann, um der schönen Sünderin Gruschenka willen, die sein Teil Karamasowschtschina[34] zu Falle bringt, und tritt nach einer bewegten Periode irrenden und verneinenden Lebens, da er kinderlos geblieben ist, geläutert wieder ins Kloster ein; er umgiebt sich da mit einer Schar von Kindern, die er bis an seinen Tod liebt und lehrt und leitet. Wem fiele hier nicht der Zusammenhang mit der Erzählung des Idioten von den Kindern ein, wem nicht der kleine Held, alle die entzückenden Kinderzüge, die nur die Liebe entdeckt. Nun fällt aber auch ein Abglanz dieser Stimmung wie Feuerschein in die unerbittliche Geisselung der Gott-losen Jugend in den „Besessenen“, im „Idiot“, im „Jungen Nachwuchs“, und wir sehen den Dichter förmlich mit seinen zwei Simson-Armen die Säulen jenes Götzentempels umklammern, um sie in Trümmer zusammenzuwerfen. Wir sehen seinen Hass, seine Ungerechtigkeit und Übertreibung als die Zerstörungsarbeit an, auf dem Platze, wo allein ein neuer Aufbau möglich ist. — — Diese Jugend sehen wir, von ihm verdammt, zu Grunde gehen, um jener anderen willen, die er in der Seele trägt und welcher dereinst Russlands Zukunft gehören soll.