Die Fabel des Romans ist bei aller Füllung desselben mit einer Unzahl von Episoden, Ereignissen, Zufälligkeiten u. dergl. klar und einfach genug. Wer Dostojewsky kennt, der weiss, dass er nur wenige Themen hat, ja eigentlich ein einziges Urthema, aus dem er immer wieder das Gerippe eines Problems aufbaut, das er in lebendige Menschen einfleischt, denen er ihre individuelle Seele einhaucht. So fände ein Spurensucher in Dostojewskys Werken reichliches Nachweismaterial für Varianten und Wiederholungen des Grundthemas. Was gäbe es da für Ernten für einen Nachwuchs von Kommentatoren im Sinne der Goethe-Forschung, wenn so etwas in Russland möglich wäre! Was im jungen Russland nachgeforscht und nachgewiesen wird, ist heute noch der Sinn, nicht das i-Tüpfelchen des Mysteriums einer Dichtung. Dieser Nachweis aber ist leicht, denn der Sinn der Wiederholungen ist immer augenfällig.
So wiederholen sich des Dichters Gedanken über die „neuen Ideen“ in den „Tagebüchern“, in „Schuld und Sühne“, in „winterlichen Betrachtungen über Sommereindrücke“ [diese allerdings durch die Londoner Einflüsse modificiert], in den „Besessenen“ usw, nahezu wörtlich, da es sich für ihn in erster Linie um die Wirkung, nicht um die Stilschönheit seiner Worte handelt. Den „Traum eines lächerlichen Menschen“ träumen wir ihm zweimal nach, finden dessen Grundidee in dem kleinen Aufsatz wieder, den er unter dem Titel „Das goldene Zeitalter in der Tasche“ im Januarheft des Tagebuchs von 1876 publiciert, und zuletzt als positiven Hintergrund seiner Hoffnungen für die Zukunft. Auch die Figuren Dostojewskys kehren, unendlich variirt, niemals zum Typus herabsinkend, häufig wieder. Namentlich treten für das Auge des Russen gewisse Merkmale immer wieder auf, deren Gemeinsamkeit dem europäischen Leser oft darum entgeht, weil ihm das Merkmal selbst nichts sagt. So sind Iwan Karamasow und Raskolnikow, der Fürst Walkowsky und Swidrigailow, der „Idiot“ und Aljoscha Karamasow, der Starez Sosima und der Wanderbettler Makar im „Jungen Nachwuchs“, der Fürst Sokolsky ebenda und der alte Fürst in „Onkelchens Traum“ eigentlich Variationen einer Wesenheit, mit künstlerischer Vollendung bis ins Kleinste individualisiert. Nur Dmitri Karamasow steht ohne Gegenspielart da. Er ist auch der Träger des echt Dostojewskyschen Elements des Unbewussten, das eigentlich die Komplikation und den Abschluss des uns bekannten Teiles der Fabel herbeiführt.
Der alte Karamasow ist ein Wollüstling niederster, bis ins Mysteriöse gehender Art. Er erzeugt mit zwei Frauen und einer blödsinnigen Bettlerin, die er vergewaltigt, vier Söhne, welche, jeder in seiner Art durch den Anteil der Mutter modificiert, ihr Teil vom Karamasowschen Erbe in sich tragen. Die erste Gattin war nach einem kurzen Romantismus, der sie veranlasst hatte, ohne alle Not mit ihm durchzugehen, energisch geworden, hatte ihn bald geprügelt und zuletzt mit dem dreijährigen Dmitri und ihrer Mitgift allein gelassen. Die Spuren dieser Ehe prägen sich in Dmitris Zügellosigkeit und der mit einem deklamatorischen Pathos vermengten unordentlichen Ehrlichkeit aus. Iwan, der ältere Sohn der hysterischen „Schreiliesel“, die hinwieder der Gatte prügelte, erbte ausser der Karamasowschtschina (etwa Karamasowerei) die äusserste Reizbarkeit der Nerven seiner Mutter, die ihn zu Hallucinationen führte, während bei Aljoscha, dem Jüngsten, die bösen Mächte sich erschöpft zu haben schienen, wenn sie ihm auch einen Rest jenes Erbübels zuteilten. Der Sohn der Gosse jedoch, Smerdjakow, der nachmalige Vatermörder, ist die Personifikation der Seelenlosigkeit als Produkt bestialischer Triebe, und ihn lässt der Dichter, charakteristisch genug, vom Vater zum Koch ausbilden, gleichsam ein Symbol der verwandten Triebe von Völlerei, Wollust und Grausamkeit.
Dmitri treibt sich unter fremden Menschen herum und verprasst sein mütterliches Erbteil, während Iwan und Aljoscha einer gewissen Bildung in Seminarien und Lyceen teilhaftig werden.
Alle diese Karamasowschen Abkömmlinge lässt der Dichter, jeden in seiner Weise, mit den ererbten Gaben fertig werden. Bei Dmitri treten sie gewaltsam, brutal, doch mit guten Ansätzen und Reue-Anfällen vermengt, zu Tage. In dieser Mischseele ist dem Unbewussten, Rhapsodischen, Thür und Thor geöffnet, was ja auch die Anklage gegen ihn, seine ungeschickte Verteidigung und die Verurteilung des unschuldig Schuldigen wegen Vatermords zur Folge hat.
In Iwan hat sich die grobe Wollust in spintisierende Lebensgier gewandelt, dies führt ihn zu einer leidenschaftlichen Untersuchung des Lebens und seiner Freuden, sowie dazu, es ungerecht eingerichtet und als etwas Misslungenes zu verurteilen, das er „ablehnt“. Wenn ein Gott ist, sagt er zu Aljoscha, mit dem er sich in einem kleinen Wirtshaus am Vorabend seiner Abreise getroffen hat, um „echt russisch, im Traktir vom Dasein Gottes zu sprechen“; wenn ich auch einen Gott annehme — „seine Werke lehne ich ab“. Schon früher hatte er gesagt: „Weisst du, was ich dahier eben erst zu mir gesagt habe? Sollt’ ich auch nicht mehr an das Leben glauben, müsst’ ich den Glauben an ein teures Weib, an die Ordnung der Dinge aufgeben, ja, sollte ich mich im Gegenteil davon überzeugen, dass alles ein unordentliches, verfluchtes und vielleicht teuflisches Chaos ist, sollten mich auch alle Schrecken der menschlichen Enttäuschung treffen — dennoch werde ich leben wollen, und wenn ich diesen Becher angesetzt habe, so will ich nicht eher davon lassen, als bis ich ihn nicht ganz bewältigt habe. — — Ich habe mich oft gefragt: giebt es im Leben eine Verzweiflung, welche in mir diesen wütenden und vielleicht unanständigen Lebensdurst besiegen könnte, und geantwortet: dass es derlei nicht giebt; das heisst bis zu meinem dreissigsten Lebensjahr — dann aber werde ich selbst nicht mehr wollen, so scheint es mir. Diese Lebensgier nennen manche schwindsüchtige Gelbschnäbel-Moralisten, namentlich Poeten, niedrig. Wahr ist’s, es ist zum Teil ein Karamasowscher Zug, diese Lebensgier, die über alles hinweggeht; auch in dir sitzt sie unbedingt, aber warum ist sie denn niedrig?“ usw. „Die klebrigen Frühlingsknospen lieb’ ich, den blauen Himmel lieb’ ich — das ist’s. Hier ist nicht Verstand, nicht Logik, hier liebst du mit den Eingeweiden, als Wurm liebst du hier, deine ersten jungen Kräfte liebst du ... verstehst du etwas davon?“
Darauf Aljoscha: „Nur allzu gut usw.“ ... Hier ist auch des Jüngsten Karamasowschtschina eingeführt; da er sagt, er „verstehe“ — gehört er auch zur Familie. Dennoch lehnt Iwan das Leben als Werk einer Ordnung und Vernunft, als „Euklidische Geometrie“ ab. „Nicht Gott ist’s, den ich ablehne, verstehe das, sondern die von ihm erschaffene Welt, die Gotteswelt lehne ich ab, ich kann mich nicht entschliessen, sie anzunehmen.“ — Nun folgt ein leidenschaftlicher Protest gegen das Leben, den Iwan mit dem Bekenntnis einleitet, dass er nie begriffen habe, wieso man seine Nächsten lieben könne. In der Ferne, meint er, gehe es noch, aber in der Nähe sei jeder Mensch dem anderen widrig und keiner sei imstande, die Leiden des andern zu begreifen. An diese sehr charakteristische Begleiterscheinung seines Karamasowtums schliesst er sofort die Begründung seines Protestes gegen die Weltordnung an und wendet sich dabei an jenen tiefen Zug in Aljoscha, in den dieses Jünglings Karamasowtum schon gemildert einlenkt, um endlich nach des Dichters Absichten ganz geläutert auszuklingen: die Liebe zu den Kindern.
Iwan sagt ungefähr: wenn ich auch glauben will, dass „die Euklidischen Parallelen“ sich in der Ewigkeit berühren, dass alles Leid und alle Missethat der Menschen zuletzt einmal in Harmonie aufgelöst sein wird — wie kann ich eine Welt zugeben, in der auch nur ein kleines Kind seine unschuldigen Thränlein vergiessen muss? Nun erzählt er Episoden aus Kriegszeiten, aus der Zeit der harten Leibeigenschaft, wo Kinder in der grauenvollsten Weise einer Laune, einer Bestialität zum Opfer fielen [der Dichter benutzt für seine Beispiele hier wie überall Dokumente]. „Die Kinder müssen erlöst werden, sonst giebt es keine Harmonie. Womit, womit aber kaufst du sie los? Ist das denn möglich? Etwa damit, das sie gerächt werden? Aber wozu brauch’ ich die Vergeltung, wozu die Hölle für ihre Peiniger; was kann hier die Hölle gutmachen, wenn jene schon zu Tode gequält wurden? Was ist das aber für eine Harmonie, wenn eine Hölle dazu da ist? Ich will vergeben, ich will umarmen, ich will nicht, dass man weiter leide. Und wenn die Leiden der Kinder darauf gegangen sind, um jene Summe von Leiden voll zu machen, die für das Erkaufen der Wahrheit unumgänglich nötig war, so behaupte ich von vornherein, dass die ganze Wahrheit eines solchen Preises nicht wert ist. Ich will endlich nicht, dass die Mutter den Peiniger umarme, der ihr Kind durch Hunde zerfleischen liess! Sie wage es nicht, ihm zu verzeihen! Wenn sie will, so mag sie ihm für sich verzeihen, mag sie dem Peiniger ihr unermessliches mütterliches Leiden vergeben, allein die Leiden ihres zerfleischten Söhnchens ihm zu verzeihen, dazu hat sie kein Recht, sie darf sie ihm nicht vergeben, wenn auch das Kind selbst sie ihm verziehe. Wenn es aber so ist, wenn sie nicht verzeihen dürfen, wo ist dann die Harmonie? Ist auf der ganzen Welt ein Wesen, welches das Recht hätte, zu vergeben? Ich will keine Harmonie, aus Liebe zur Menschheit will ich keine. Ich will lieber bei den unvergoltenen Leiden verharren. Lieber will ich schon bei meinem ungesühnten Leiden, bei meiner ungemilderten Entrüstung bleiben, auch wenn ich nicht recht hätte. Allzu hoch hat man diese Harmonie geschätzt, es geht durchaus über unsere Mittel, da so viel für den Eintritt zu bezahlen. Darum beeile ich mich, meine Eintrittskarte zurückzustellen. Und wenn ich ein ehrlicher Mensch bin, so bin ich verpflichtet, die Karte so schnell als möglich zurückzugeben. Das thue ich auch“ usw. — —
Nun ruft Aljoscha plötzlich mit leuchtenden Augen: „‚Ist in der ganzen Welt ein Geschöpf, das verzeihen könnte‘, sagst du. Aber dieses Wesen ist und es kann ‚alles und allen vergeben‘ — du hast ihn vergessen.“ — — Wir haben hier wieder das Problem des Kellerbewohners in erhöhter, nicht mehr cynisch negativer Form; hier drängt die Frage des Ausgleichs ihrer Lösung zu und es tritt, zum erstenmale in Dostojewskys Werken, der Name Christi und im folgenden Kapitel vom Grossinquisitor die wunderwirkende Gestalt des wiedergekehrten, schweigenden Christus als Person auf.
Dieses Kapitel in dem engen Rahmen einer auf den russischen Volksgeist gerichteten Studie würdig zu besprechen, wäre ein Vermessen. Wir müssen uns auf Andeutungen und Hinweise beschränken. Den Grundgedanken hüllt Iwan, der dem sanften Bruder seinen Atheismus verkünden will, in die Form der Legende. Zur Zeit der Inquisition werden in Sevilla Scheiterhaufen zur alltäglichen Ketzerverbrennung aufgerichtet. Christus erscheint, ein müder Wandersmann, in der Menge und wird von allen sofort erkannt. Man drängt sich um ihn, wirft sich vor ihm nieder, da er Wunder wirkt. Da erscheint der neunzigjährige Grossinquisitor mit seinem Gefolge und lässt den Allverehrten festnehmen und in ein unterirdisches Gefängnis werfen. In der Stille der Nacht öffnet sich die schwere Thür des Gelasses, und der Inquisitor tritt herein. Christus sitzt an einem Tische, eine Leuchte steht vor ihm. Nun beginnt der Greis mit harter, blutleerer Lippe seine Rede.