Er setzt ihm das Unrecht auseinander, noch einmal gekommen zu sein. „Deine Zeit ist vorüber, sagt er, was hast du aus den Menschen gemacht, denen du die Freiheit schenktest, dir, auf dein Beispiel hin, zu folgen? Sie sind zu schwach für diese Freiheit. Damit hast du nur für die Auserwählten gesorgt, für die Starken, die alle Opfer, alle Demütigung auf sich zu nehmen vermögen, wenn sie dir folgen. Aber die anderen? Bist du denn nur ein Gott der Starken? Siehe, wir, die Kirche, wir lieben die Menschen mehr als du, wir lieben alle, wir nehmen ihre Leiden auf uns, wir vollenden in deinem Namen das Werk, das du nur halb gethan. Und du warst gewarnt. Jener furchtbare und tiefsinnige Geist, der dich angeblich versucht hat, er hat dir drei Mittel an die Hand gegeben, wie du die Menschen für alle Zeiten dir unterthan und wie Kinder glücklich machen konntest. — Du hast sie verschmäht. Nun haben wir sie aufgenommen, diese Mittel, und die Menschen sind beruhigt, beruhigt in deinem Namen. Wozu also bist du gekommen unser Werk zu stören?“

Nun entwickelt der Inquisitor die römische Deutung der drei Darbietungen des „furchtbaren Geistes“, welche die Menschen für alle Zeit im Banne halten: Das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Die gezogene Folgerung ist nun die, dass die unerbittliche und unbedingte Machtforderung der römischen Kirche auf den Atheismus gestützt ist, dass das Wunder kein Wunder, hinter dem Geheimnis — nichts ist, dass aber ihre Autorität durch diese erfundenen und aufrechterhaltenen Mysterien die Gewissen beruhige und den Menschen die Sünde gestatte, die sie ihnen, als schwachen Kindern, nicht entziehen könne, sodass sie ihrer Freiheit, ihnen unbewusst, glücklich wieder ledig würden. „Und morgen lasse ich dich verbrennen. Dixi“, schloss der Greis seine Rede. Christus schweigt noch immer, während der Inquisitor eine Antwort erwartet. Da erhebt sich der Gefangene, tritt auf den Inquisitor zu und drückt einen Kuss auf seine kalten Greiseslippen. Dieser erschauert, öffnet die Thüre und entlässt den Gefangenen in die finstere Nacht.

„Und der Alte?“ fragt Aljoscha. „Der Kuss brennt auf seiner Seele, doch er bleibt bei seiner Idee“, erwidert Iwan. „Und du mit ihm, du mit ihm!“ ruft Aljoscha kummervoll aus. Die Brüder trennen sich. Aljoscha macht sich bittere Vorwürfe, dass er den Bruder Dmitri hatte vergessen können, den er indessen nirgends findet, während Iwan zu Smerdjakow eilt, der für seine pathologische Unmenschlichkeit gern gebildete Beweggründe von Iwan entlehnt. Es bereitet sich in diesen Köpfen und Herzen der Mordgedanke vor, und die Rede und Gegenrede dieser Zwei lässt uns, ohne dass die Sache ausgesprochen würde, das Entsetzliche ahnen, dass irgendwie Dmitri, der mit dem Vater um Geldes willen und aus Eifersucht auf eine leichte Schöne, Gruschenka, im Hader lebt, werde missbraucht oder vorgeschoben werden. Die schreckliche That geschieht zu später Nachtstunde und so, dass aller Verdacht auf Dmitri fällt, der in wilder Ungeduld irgendwo eine Mörserkeule mitgenommen hatte und nach des Vaters Garten geeilt war. Hier hatte er am Fenster gestanden und in rasendem Zorn das Kommen der bestellten Schönen erlauern wollen. Da sieht er den alten Lüstling zum Fenster treten und verbirgt sich. Später will er fliehen, hört Stimmen, sieht sich verfolgt und eilt zum Gartenzaun, über den er sich schwingt. Da wird er vom alten Diener Grigorji am Fuss gepackt, der mit rauschheiserer Stimme schreit: ‚Das ist er, der Vatermörder!‘ Da fällt der Alte aber auch schon wie vom Blitz getroffen zu Boden. Dmitri springt in den Garten zurück, wirft die Keule ins Gras, betastet den Kopf des Alten, der von Blut überströmt ist, und entflieht.

Der Dichter lässt überall, wo Dmitri handelt oder handeln könnte, Dunkelheit walten; es fehlen konkrete Bindeglieder der Erzählung. Dies ist nicht nur einem Kunstgriff im gröberen Sinne zuzuschreiben, der die Spannung und Vermutung des Lesers bis zur Lösung offen halten will, sondern in gleichem Masse dem künstlerisch feineren Hilfsmittel, Dmitris Handeln so darzustellen, wie es, ihm unbewusst, aus der Dunkelheit seiner Seele hervorbricht. Kurz vorher noch hatte er zu Aljoscha gesagt: „Weisst du was? Ich weiss nicht, ich weiss nicht, vielleicht bringe ich ihn nicht um, vielleicht aber bringe ich ihn um. Ich fürchte, dass ich’s thue in derselben Minute, da er mir mit seinem Gesicht verhasst wird. Ich hasse seinen Adamsapfel, seine Nase, seine Augen, sein schamloses Lächeln ... einen physischen Ekel fühle ich. Das ist’s, was ich fürchte, da werde ich mich nicht zurückhalten können.“ — — „Gott hat mich davor bewahrt“, sagt er später. Aljoscha aber weiss von allen diesen Dingen nichts. Er hat den Bruder gesucht, ihn nicht finden können und kehrt nun in das Kloster, wo er als dienender Laienbruder um den Starez Sosima beschäftigt ist, voll Sorge zurück. Er findet dort den Ehrwürdigen, den er schon sterbend wähnte, aufrecht sitzend in seiner Zelle, im Kreise der Mönche und Jünger, die seinen ermahnenden Worten lauschen. Sosima begrüsst den Jüngling liebevoll und fragt ihn nach „dem Bruder“. Er denkt dabei nur an Dmitri, der am Vortage zugleich mit Iwan, dem Vater und anderen das Kloster besucht hatte. Sie waren da vor dem Greise in einen hässlichen Streit geraten, und dieser war aufgestanden, um die Zelle zu verlassen, hatte sich plötzlich vor Dmitri niedergeworfen und den Boden mit der Stirn berührt, „um des Furchtbaren willen, das er in Dmitris Antlitz herankommen gesehen“. Um ihn vor diesem Furchtbaren zu bewahren, hatte er Aljoschas sanftes Antlitz nach ihm ausgesendet.

Nun wendet sich der Greis ganz besonders an Aljoscha und uns wird das „Geheimnis“ offenbar, das der Dichter in das Motto [Ev. Johannis XII, 24] des ganzen Werkes gelegt hat und das in jenem anderen, durch viele seiner Werke gehenden und selten verstandenen Citate seine Gegenseite findet: „Wir alle sind für alle und an allem schuldig.“

Der Starez Sosima sagt: „Ich habe Dich zu ihm gesandt, Alexei, weil ich dachte, dass Dein Bruderantlitz ihm helfen werde. Aber es kommt alles von Gott, alle unsere Geschicke. ‚Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch: Es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte.‘

Erinnere Dich daran. Dich aber, Alexei, habe ich viele Male im Geiste gesegnet um Deines Antlitzes willen, wisse es,“ sagte still lächelnd der Greis. „So denke ich von Dir: Du wirst aus diesen Mauern scheiden und wirst in der Welt verweilen — als Mönch. Du wirst viele Gegner haben, aber Deine Feinde selbst werden Dich lieben. Viele Widerwärtigkeiten wird Dir das Leben bringen, allein durch sie wirst Du auch beglückt sein und das Leben segnen und auch andere es zu segnen zwingen — was das Wichtigste von allem ist.“

Dies ist für uns der springende Punkt der Hauptidee vom „Dasein Gottes“, welche ohne Dialektik endlich Iwans geniale Beweisführungen besiegen wird. Aljoschas liebevoll brüderliches Wesen, dessen Abglanz auf seinem Antlitz schon seine Sendung verkündet, es wird die Feinde ihn zu lieben zwingen. Unsere immerwährende Schuld ist also die, dass wir nicht wie das Weizenkorn für uns ersterben, um in anderen Früchte zu bringen, sondern, dass wir zu wenig lieben und dadurch auch die anderen zur Unliebe veranlassen. Das wird bis zur Unumstösslichkeit deutlich da, wo Sosima den Umstehenden seine Jugendgeschichte erzählt, allerdings, seinem Wesen entsprechend, mit einer Beimischung orthodoxer Kirchlichkeit.

Als er ein Kind von neun Jahren gewesen, erzählt er, da sei sein einziger um zehn Jahre älterer Bruder an galoppierender Lungenschwindsucht gestorben. Dieser sei früher ganz ungläubig gewesen, sei aber kurz vor seinem Tode, da er die Vöglein so fröhlich im Baumschatten singen gehört, plötzlich sehr heiter und liebevoll geworden und habe aus Freude darüber geweint, dass er es nun verstehe, wie alles gemeint sei. Auch war es ihm schwer, sich bedienen zu lassen, und er habe den Dienern immer besonders gesagt: „Warum kann ich nicht auch Euch bedienen.“ „Mütterchen, meine Freude,“ sagte er, „es kann nicht wohl sein, dass es keine Herren und Diener gäbe, aber lass mich doch auch der Diener meiner Diener sein. Ja, und noch das sag’ ich Dir, Mütterchen, dass ein Jeder von uns für alle in allem schuldig ist, ich aber mehr als alle.“ Man lächelte und hielt diese Reden für Fieberphantasieen.

Jahre waren nach dem Tode des Jünglings und der Mutter vergangen; der nun herangewachsene Junge war in einer Kadettenanstalt erzogen worden und ist nun als Offizier in einer Provinzstadt stationiert. In einem angesehenen Hause bewundert er die Tochter und bildet sich ein, von ihr geliebt zu sein, entscheidet sich aber nicht zu einem Heiratsantrag, weil er seine schönen Junggesellenjahre noch austoben will. Als er von einer mehrmonatlichen Abwesenheit zurückkehrt, findet er sie als die Frau eines Mannes, den er auch früher oft im Hause getroffen. Er hält sich für angeführt und verlacht, da er sich nicht zugestehen will, dass er das Opfer der eigenen Eitelkeit ist. Eines Tages führt er absichtlich eine Herausforderung des jungen Gatten herbei. Das Duell soll am folgenden Tage stattfinden.