Als der Junker in überaus reizbarer Stimmung spät abends nach Hause kommt, bringt irgend ein kleines Vergehen seines Privatdieners ihn in heftigsten Zorn; er versetzt jenem zwei so heftige Backenstreiche, dass das Gesicht blutet. Der Bursche steht mit aufgerissenen Augen, die Daumen an der Hosennaht, lautlos, wie beim Rapport, vor ihm. Auch nicht einen Versuch der Gegenwehr hat er gemacht, dass er etwa einen Arm erhöbe und vor das Gesicht hielte. — Der Junker legt sich zu Bette, schläft einige Stunden sehr unruhig und erwacht noch sehr früh am Morgen mit einem dumpfen Unglücksgefühl in der Brust. Was ist es doch? Das Duell? Nein, er hat sich schon früher geschlagen, das ist es nicht. Eifersucht? Auch die nicht, da er jetzt ganz klar darüber ist, dass er das Mädchen eigentlich nie geliebt hat. Nun hat er’s: der Diener, der sich nicht wehrte unter den blutigen Schlägen. Der Offizier bedeckt sein in Scham erglühendes Gesicht mit beiden Händen und wirft sich schluchzend auf sein Lager ....
Zur festgesetzten Stunde erscheint der Sekundant. „Komm, es ist Zeit.“ Sie gehen vor die Thür, zum Wagen hinaus. „Warte, ich vergass meine Börse“, sagt der junge Duellant und eilt zurück, geradaus in das Kämmerchen des Dieners. „Athanas, ich habe Dir gestern zwei Backenstreiche gegeben, verzeihe Du mir.“ Der Diener schauert wie geschreckt zusammen. Da wirft sich der Herr nieder, mit der Stirn schlägt er den Boden. „Verzeihe mir!“ wiederholt er. „Euer Edelgeboren“, sagt der Bursche, „Väterchen, Herr — — ja wie ist das — — ja bin ich das wert?“ und bricht in Thränen aus. — Man fährt zum Zweikampf. Des Leutnants Stimmung ist ganz umgewandelt; freudestrahlend, glücklich legt er den Weg zurück, sodass der Sekundant sich des wackeren Haudegens freut. Man kommt an und misst die Distanz, der Beleidigte giebt den ersten Schuss ab und streift das Ohr des jungen Mannes ein wenig. „Gott sei gepriesen“, schreit dieser, „es ist kein Mensch getötet worden!“ Dann drückt auch er seine Pistole ab — in die Baumkronen des Wäldchens. Er wendet sich zu seinem Gegner. „Geehrter Herr“, sagt er, „verzeihen Sie mir dummem jungen Menschen, dass ich Sie beleidigt und jetzt auch noch dazu genötigt habe, auf mich zu schiessen.“ Jener wird zornig und fragt: „Ja, haben Sie denn nicht vorgehabt, sich mit mir zu schlagen? Wozu mich dann beunruhigen?“ „Gestern“, erwiderte der Fröhliche, „war ich noch dumm, heute bin ich klüger geworden.“ Man schreit, man will ihn nötigen. „Nein“, sagt er, „ich schiesse nicht. Sie aber — thun Sie es, wenn Sie wollen, ob es auch besser wäre, Sie thäten es nicht.“ Die Sekundanten rufen ihm zu, dass er das Regiment entehre, worauf er erwidert: „Meine Herren, ist es denn wirklich so wunderbar, in unserer Zeit jemand zu begegnen, welcher selbst seine Dummheit bereut und sich öffentlich schuldig bekennt?“ Die Folgen dieses Bekenntnisses sind weittragende. Der junge Bekenner erhält den Abschied, er verlässt den Dienst und die Stadt, und so wird dieses Erlebnis — von innen heraus — der erste Anlass seines späteren Eintritts in ein Mönchskloster.
An einer Stelle seiner biographischen Aufzeichnungen über Dostojewsky sagt N. Strachow, man könne auf den Dichter die Worte anwenden, welche er Puschkin nachgerufen habe: „Er hat ein grosses Geheimnis mit ins Grab genommen und uns überlassen, es auszudeuten.“ Wir finden das nicht. Wir finden vielmehr, dass er uns dieses Geheimnis in seinem grössten, monumentalen Werk gekündet hat. Den „Gott, den er beweisen“ wollte, hat er zuerst mit den blendendsten Künsten der Dialektik vernichtet, um ihn durch das einfache Gebot der Liebe in allen und in jedem wieder aufzurichten. Er spricht durch den Mund Sosimas aus, dass es möglich ist, den Bruder nicht zum Bösen zu zwingen, dass jeder diese Möglichkeit unbewusst in sich trage und diese Blindheit es ist, die alle für sich und alle andern an allem schuldig werden lasse. Dies ist der Kernpunkt dessen, was Dostojewsky mit diesem Atridenbuch, das in die Zukunft, in die russische Zukunft weist, hat sagen wollen. Wenn ich liebe, sagt er, so bin ich glücklich; ich zwinge die anderen zum Glück, da ich nicht für mich leben, sondern gleich dem Weizenkorn ersterben will, um Früchte zu tragen. Das Vollgefühl aber dieser Liebe [vom Glauben ist gar nicht mehr die Rede, da er Accessorium ist] ist — Gott. Wer dieses in sich trägt — und nach des Dichters Meinung trägt es jeder als Keim in sich, weiss es nur nicht und erwartet es nur immer wieder vom Nächsten, was ja das „Geheimnis“ ist — der erlöst schon, wie Aljoscha, durch das Strahlen seines Antlitzes den darbenden Bruder. Wer aber davon nichts weiss, und das sind wir alle, der wird täglich „für alle und an allem schuldig“.
Den Schluss des Romans bildet der eingehend lange Prozess gegen Dmitri und seine Verurteilung, da er zu unbewusst ist, um sich aus der Schlinge zu ziehen, und jene, die ihn retten könnten, im letzten Augenblicke es nicht mehr vermögen. Smerdjakow, der wirkliche Mörder, erhängt sich, und Iwan wird im Gerichtssaal wahnsinnig.
Der Epilog zeigt uns Aljoscha beim Leichenbegängnis eines Schulknaben, den er sehr geliebt, umgeben von einer Schar frischer Buben, die aber noch nicht die rechten sind. Er spricht die Grabrede und fordert von den kleinen Jungen, die ihn umgeben, das Versprechen, in der Erinnerung an den ehrenhaften Knaben, dem sie eben Lebewohl sagen, die Ehre hoch zu halten in allen Versuchungen des Lebens.
September 1880 vollendet Dostojewsky die „Karamasow“. Nun wendet er sich mit voller Kraft der Publicistik zu, da er vieles zu sagen hat und seine gewonnene Autorität ihm gestattet, es fest und sicher auszusprechen. Sehr entschieden drückt er sich auch in einem Briefe an Iwan Aksakow aus, der ihm nach der Puschkin-Feier und einigen gewechselten Briefen näher getreten war. Er kritisiert da einen Artikel Aksakows in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Rusj“. „Bei Ihnen (No. 1 der „Rusj“) heisst es: ‚Peter der Grosse habe uns nach Europa hineingezogen und uns europäische Civilisation gegeben‘. Ja, Sie loben ihn fast gerade um dieser europäischen Civilisation willen: diese aber, ihr Scheinbild ist es ja eben, das zwischen der Macht und dem Volke sitzt in Gestalt eines verhängnisvollen Gürtels ‚bester Leute‘ in vierzehn Rangklassen.“
Für den Monat Januar 1881 bereitet nun der Dichter fieberhaft eine grosse Nummer des Tagebuchs für das Jahr 1881 vor, welche eine Reihe von Artikeln über das Verhältnis der „Intelligenz“ zum Volke einleiten sollte. Die Nummer war schon im Druck, Dostojewsky fürchtete jedoch sehr viel von der Zensur, welcher er sich aus Mangel einer Kaution als einer predwaritelnaia Zensura (vorprüfende Zensur) auf Gnade und Ungnade ergeben musste. N. Strachow meint, die Beunruhigung des Dichters habe sich auf die Stelle bezogen, wo es heisst: „Es giebt dafür ein magisches Wort: ‚Vertrauen zeigen‘. Ja, unserem Volke kann man Vertrauen entgegenbringen, denn es ist dessen würdig. Ruft nur die grauen Kittel herbei und fragt sie selbst um ihre Bedürfnisse, um das, was ihnen not thut, und sie werden Euch die Wahrheit sagen, wir aber werden vielleicht zum erstenmale die wirkliche Wahrheit hören.“
Obwohl von kompetenter Seite über das Schicksal der Publikation beruhigt, wich Dostojewskys Aufregung nicht. Am 25. Januar besuchte ihn Orest Miller, um ihn an sein Versprechen eines kleinen Puschkin-Vortrags zu mahnen. Sie konnten sich um das Programm nicht einigen, und Miller verliess den Dichter, zwar ganz begütigt, dennoch in reizbarem Zustande. Seit mehreren Jahren war infolge eines chronischen Bronchialkatarrhs ein Lungenemphysem zu seinen anderen schweren Leiden getreten, und dieses eigentlich secundäre Übel wurde nun die Ursache seines Todes. Eine Lungen-Arterie borst an jenem verhängnisvollen Tage, was sich jedoch anfangs nur durch Nasenbluten ankündigte. Am 26. fühlte er sich ganz wohl; doch trat plötzlich eine Halsblutung ein. Der Hausarzt wurde gerufen und ward Zeuge einer zweiten, stärkeren Blutung, die zur Bewusstlosigkeit führte. Als der Dichter erwachte, verlangte er sofort nach der Beichte und dem Abendmahl. Am 27. fühlte er sich wohler und beschäftigte sich mit der Korrektur der Druckbogen, da er sehr in Sorge war, dass das Blatt am 31. erscheinen sollte. Am 28. ging es bis Mittag ziemlich gut. Doch von da an kam wieder Blut, das nun nicht mehr abliess, langsam aus dem Munde zu fliessen, wie uns eine Freundin des Dichters, Frau Sophie v. H., die ihn besuchte, erzählte. Die Gattin stillte, an seinem Bette sitzend, mit Tüchern das unaufhörlich langsam dem Munde entrieselnde Blut.
Am Nachmittag bat der Dichter Anna Grigorjewna, sein altes Evangelium aufzuschlagen, das seit Sibirien immer bei seinem Kissen lag, und ihm die Stelle vorzulesen, die sie von ungefähr zu Anfang der Seite finden würde. Es war aber das Evangelium Matthäi III, 15: „Aber Johannes wehrete ihm und sprach: Ich bedarf wohl, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt also sein; also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ [Der russische Text weist den 11. Vers auf, sowie die Worte: aber Johannes hielt ihn zurück usw., und Jesus antwortete ihm: halte mich nicht zurück usw.] Als die Gattin diesen Vers gelesen hatte, sagte Dostojewsky: „Du hörst es — halte mich nicht zurück — das heisst, dass ich sterben werde“, und damit schloss er das Buch ... Am Abend um 8 Uhr 38 Minuten desselben Tages (28. Januar 1881) schloss der Dichter für immer seine Augen.
Das Leichenbegräbnis wurde, niemand konnte es erklären wieso, zu einem Ereignis für Russland. Schon bei der Aufbahrung in der engen Stube, die auch sein Arbeitszimmer gewesen war, drängte sich die Menge derart und erfüllte den Raum so vollständig, dass die Kerzen, die den Katafalk umgaben, aus Mangel an Sauerstoff erloschen. 63 Abordnungen mit Kränzen und 15 Gesangvereine gaben offiziell dem Zuge das Geleite, und ganz Petersburg wälzte sich ihm zur Kirche vom „heiligen Geiste“ lautlos nach, ein in Russland noch nie gesehenes Schauspiel. Am selben Tage, dem 31. Januar, erblickte nach des Dichters heissem Wunsche die erste und letzte Nummer des „Tagebuchs eines Schriftstellers für das Jahr 1881“ zensurfrei das Licht.