Als er heim kam, ging er gleich zu dem Zimmer, in dem die Gräfin eingeschlossen war. Der Raum war wie ein Versteck ins Haus hineingeborgen. Licht kam nur aus einem runden Fenster, zu dem sich die Decke in reichen Formen emporwölbte.
Die Frau erhob sich, als er kam. Sie war weiß wie das Leinentuch ihres Bettes. Sie ging ihm entgegen und sagte: „Es ist in der Nacht etwas mit mir geschehen, das außerhalb meines Bewußtseins liegt. Was haben Sie mit mir gemacht?“
„Was Sie mit sich machen ließen!“
Da erzitterte die Frau so stark, daß sie niederglitt, und am Boden liegend, hob sie ihren Blick, verletzt, wie von einem angeschossenen Tier zu ihm und rief entsetzt: „Teufel! Teufel!“
„Dieser Name gefällt mir,“ sagte Mabuse. „Er schmeichelt mir. Er ist, ohne daß Sie es ahnen, eine Liebkosung. Das nächstemal werden Sie mich Luzifer nennen. Denn ich werde Ihnen das Licht bringen!“
Die Gräfin, zusammengebrochen am Boden liegend, verfiel einem leidenschaftlichen Schluchzen. Eine haltlose, verzerrende Angst brach in ihr auf. Sie rief, bebend, im Weinkrampf: „Wo ist mein Mann?“
Aber da sah sie, daß Mabuse eine so nichtige, kleine und wegschiebende Bewegung machte, daß der Frau geschah, als ränne ihre schmerzhafte, peinigende Frage wie ein Taukügelchen aus der Hand und spurlos verschwindend in den Staub, und es sei überflüssig, nach ihr auch nur einmal hinabzuschauen. Und so über ihr zerfetztes Herz gebeugt, fragte sie sich: Ist dieser Mann denn so gewaltig, daß vor ihm und seinem Willen alles zergeht, was ich war, und was andere Menschen vorher mir waren?
Wieder mußte sie sich dem zwiefachen Strom ergeben, der sie zu tragen begann. Heimlichstes, selber nie Gesehenes trieb aus der Flut in ihr Hirn. Gemartert ließ sie ihre Vorstellungen gewähren. Mußte es nicht wahr sein, was so aus ihrem Blut entstand? Sie konnte sich von dem Neuen nicht mehr trennen. Sie konnte sich dagegen wehren; sie konnte dagegen antoben. Aber sie konnte es nicht mehr von sich ablösen.
Der Mann stand schweigsam über ihr. Die Stummheit bedrohte sie. Sie dachte, mit einem eigenen Laut könne sie dies Drohende zerschlagen wie eine Seifenblase. Aber sie fand nicht die Kraft zu einem anderen Wort und wiederholte, gefesselt an ihren Zustand, die Frage: „Wo ist mein Mann?“
Da ging Mabuse wortlos und schroff hinaus.