Er wußte: Keines Schuld an den bestehenden Verhältnissen war stärker als die dieser Menschen, weil sie zu einer Zeit, wo Widerstand nötig gewesen wäre, feig sich versteckt hatten. Aber er wußte auch, daß in ihnen eine neue Entschlußkraft emporwollte, daß sie gut zu machen sich sehnten, was sie gesündigt hatten.
Das waren vor allem die reichen jungen Männer ohne Beruf. In der Formlosigkeit, in die die Entwertung und Verschiebung des Geldes das Land gestürzt hatte, war es ihnen verwehrt, ihr bisheriges Leben fortzuführen. Ihre Gesellschaft hatte sich mit neuen Reichen durchsetzt, die sie gebrauchten, weil sie sich von ihnen gebrauchen ließen.
Der Staatsanwalt von Wenk hatte sich an ehemalige Korpsbrüder gewandt, von denen das unterschiedliche Leben seines Amts ihn seit langem getrennt hatte; und den er zuerst wiedergefunden und auch gewonnen hatte, war Karstens gewesen. Von ihm hatte er Hulls sonderbares und verdächtiges Spielabenteuer mit allen Einzelheiten erfahren.
Er verglich die Geschichte Hulls mit dem Material, das sich rasch bei ihm gesammelt hatte. Es kamen immer neue Klagen über räuberische Spieler, die so ausgezeichnet arbeiteten, daß ihnen ein Makel nicht nachgewiesen werden konnte, so andauernd aber gewannen, daß nichts anders denkbar war, als daß sie dem Glück nachhalfen.
Wenk war geneigt, aus einigen, wenn auch sehr weitläufigen Ähnlichkeiten alle diese Fälle auf eine zusammenarbeitende Bande zurückzuführen. Ja, er hatte den Eindruck, als sei hier ein einzelner Mann am Werk. Aber dieser Eindruck war nur gefühlsmäßig. Hulls Erlebnis war nun in dieser Reihe das sonderbarste, rätselhafteste und gefährlichste. Aber Wenk witterte, daß in ihm dafür auch der Schlüssel zu den andern läge.
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Als Wenk gegangen war, stritt Hull lange Zeit mit sich. Die unnachsichtige Form, in der Wenk bei aller Höflichkeit bei ihm auftrat, hatte auf ihn gewirkt. Er ahnte, was der Staatsanwalt wollte. Denn er selber mußte sich oft unzufrieden erklären mit seinem Leben, wenn auch meist die Bequemlichkeit derartige Gedanken von ihm fern hielt.
Er hätte in gewöhnlichen Zeitläuften hemmungslos und ohne Bedenken sein genießerisches Leben so lange geführt, bis seine Gesundheit ihm das übliche Ende gesetzt hätte, oder bis es in eine der herkömmlichen oder unvorhergesehenen Ehen ausgegangen wäre.
Hull stimmte nicht überein mit dem Verlauf, den die Dinge in Deutschland nach Versailles genommen hatten. Zugleich fragte er sich: Wo warst du 1918, als die Wendung kam? Und früher, als sie sich vorbereitete? Bist du nicht mit schuld, du, Hull und ihr alle? ... Das meinte der Staatsanwalt.
Aber Hull sah in sich nicht das geringste jener Persönlichkeit, die zur Rettung fehlte, und er schüttelte das Bedenken von sich ab, fuhr zu Cara Carozza und erzählte ihr vom Besuche Wenks. „Um Gottes willen, bringe uns nicht in die Tinte mit deinem Staatsanwalt, lieber Gardi,“ sagte die.