Die Stimme ging fort, wie ein Geist. Wenk spürte, wie sich das Flugzeug grade richtete. Als es eine kurze Weile so geflogen war, kam eine Hand an seinen Kopf. Sie riß hastig und mit heftigen Stößen die Binde fort.
Da sah Wenk, wie sich weit über seinen Kopf das Gesicht Mabuses vorbeugte. Er blieb stumm. Aber die Züge waren wie auseinandergerissen von einer Lust, die Entsetzen verbreitete. Die grauen Augen hatten keine Form und keine Iris mehr. Sie waren wie alte verwitterte Steine. Sie waren hart und voll von einem Tod, der sich Wenk gleich einem spaltenden Hieb durch den Körper schlug.
Dann sagte der verdehnte Mund und öffnete sich wie der Spalt einer Klamm, die ins Rutschen kam: „Sie haben gewagt, meinem Weg entgegenzutreten. Sie stehen vor Ihrem letzten Augenblick. Ich habe Ihnen den Knebel vom Munde gerissen, daß ich mich an dem Schrei ergötze, mit dem Sie die viertausend Meter zurück zu Ihrer Welt fallen!“
Wenk hörte die Stimme wie einen über einen Blitz einkrachenden Donner. Er spürte, wie die Hände Mabuses die Stricke an den Beinen lösten. Er zerrte und riß daran. Auf einmal waren seine Beine frei. Sie fielen hinab, einen Augenblick nur, dann hielt der Strick, der den Leib umschlang, sie wieder an. Die Hände rasten um diesen. In kurzen Sekunden war er gelöst.
Wenks Leib im weiteren Fall richtete sich aufrecht, nur noch gehalten von den Stricken, die seine Brust an die Wand anschnürten. Er fühlte plötzlich, daß seine Hände frei waren, und mit diesem Gefühl schlug eine jähe Hoffnung durch sein Blut.
Aus dem Verhüllten seiner Phantasie stieg, wie ein Märchen, prangend, mit Wollust und Sehnsucht beladen, mit Glück durchstrahlt, die Erinnerung, daß er die Schönheit und Menschlichkeit der seinem Ende jetzt so nahen Gräfin Told einmal angebetet und nicht vergessen hatte. Eine wundersame Macht ging von diesem Gefühl aus, das sich im nächsten Blutschlag schon, in der Kraft des letzten Augenblicks vor dem Tod, zu einer unlösbaren Blutsbrüderschaft gesteigert hatte und wie ein Gewölbe voll Stolz und Mut über den wilden Schädel des Mörders hinweg auf der anderen Seite auf das menschliche Herz dieser Frau einen Fuß absetzte.
Er sah, wie auf einmal die Augen der Gräfin irr, wie Vögel, die aus dem Äther abgeschossen werden, über Mabuses weit und gierig vorgebeugten Kopf sich errichteten ... Er sah, wie die Hände aus den Pelzhandschuhen zuckten und weiß funkelten, so nackt, als böte sich ihm ihr ganzer Leib in keuschem, heißem Opfer dar, sich an Mabuses Schulter krallten und ihn zurückreißen wollten.
Aber Mabuse schüttelte die Frau mit einem Ruck seines Körpers zurück. Er hob die Hände mit einer tobenden Wut an den letzten Strick. Sie rissen die ersten Knoten auf ... der Körper Wenks rutschte etwas tiefer ... schlugen Wenks Hände, die nach dem Rand der Gondel irrten, mit geschlossenen Fäusten zurück ...
Da erhob sich ein letzter Widerstand aus einem flutenden Schein von Lebenswillen heraus, und Wenks Stimme brüllte in die Luft hinauf, die das Flugzeug brausend umschwankte: „Der ist der Mörder des Grafen Told. Der ließ ihn falsch spielen! Der gab ihm das Rasiermesser in die Hand, um sich die Kehle zu durchschneiden!“
Eine Faust schlug ihn in den Mund. Er spürte Blut hinter der Zunge fließen, und es schmeckte in diesen vorletzten Augenblicken, in denen er noch sein Leben besaß, voll von einer seinen Geist vulkanisch durchbrausenden Süßigkeit.