Dann nach einer Weile, in der er um Fassung kämpfte: „Wir haben neben ihm gesessen. Sie, ich! Wir hätten ihn am Arm fassen können, ein jeder an einem Arm! Sie ... ich! Begreifen Sie?“

„Ich bin verfolgt!“ flüsterte Hull, der für nichts anderes als für seine eigene Bedrängnis Gefühl hatte.

„Begreifen Sie! Wissen Sie, wer Balling ist? Ihr Balling? Ihr alter vornehmer Herr? ... Der mit dem blonden Bart ist es, von Schramms der. Das ist auch Ihr Balling! Himmel ... Himmel ... Wir hätten ihm die Hand auf die Schulter legen können!“

Hull öffnete nur den Mund. Jetzt wußte er, weshalb ihm der Blondbärtige bekannt vorgekommen war: die großen grauen, brutalen Augen! „Ja,“ sagte er nur, „es ist derselbe!“

„Er ist entwischt!“ rief Wenk. „Jetzt kommt er nicht mehr zu Schramms. Und Sie, Herr Hull, müssen wir weiter unter unsere Obhut nehmen. Aber kommen Sie uns entgegen und seien Sie nie unvorsichtig.“

IV

Hull ging, und Wenk, allein gelassen mit dem Eindruck des Erlebnisses dieses Abends, fragte sich: Weshalb hat die schöne Frau auf die geheimnisvolle Weise fortgehen müssen? Habe ich wiederum versagt vielleicht? Habe ich mit der Hilfe zur Flucht selber vielleicht die Hand gegeben gegen mich und mein Werk? Er geriet in eine steigende Bewegung. Er schob den zweifelnden Gedanken an die Frau fort. Nein, er fühlte, ihrer konnte er sicher sein. Und nun setzte das Erkennen der Zusammenhänge, die sich zwischen Hull und dem Spieler und anderen Erscheinungen und diesem aufgedeckt, sein ganzes Hirn in eine beschwingte Fruchtbarkeit. Er hörte über seinem Leben den Flügelschlag eines neuen, starken und vergrößerten Daseins. Er bestand Kämpfe des Leibes, der Phantasie, der Nerven, des Spürsinns, der Energie und Ausdauer, der Menschenkenntnisse und des Menschenbeherrschens.

Aus seinem Mund lösten sich die Rauchwölkchen der Zigarre, die er eine nach der anderen verbrannte, und schwebten über ihm. Es lenzte, stürmte, Sonne schien, Sturm prallte ihm durchs Blut. Seine Muskeln tanzten in eingebildeten, heldenhaft überstandenen Kämpfen mit dunklen großen Riesen, die Mitmenschen erwürgen wollten. Er hatte jemanden bei einem falschen, rotblonden, Männlichkeit vortäuschenden Bart gefaßt.

Aus der nachtbesessenen Stadt stürzte die Zeit herauf in das Zimmer, die mit Gefahren, Forderungen, neuen Spannungen wie eine Hochstromleitung geladene Zeit. Verlangte Menschen. Verlangte von allen Menschen allen Ehrgeiz, alle Selbstzucht, Intelligenz, Selbstverleugnung ... Selbstverleugnung ... Ihn sollte sie nur nehmen! Da war er, entkleidet allen Dünkels wie aller Bequemlichkeit! Er wußte nicht, sagte er sich in seinen ekstatischen Selbstgesprächen, war das eine neue, erlösunggebende Demokratie? War das jenes Ziel, zu dem das Dunkel dieser Zeit die Menschen erzog? Hob er sich auf die sturmrollenden Wogen?

Nicht mehr in dem blassen Idealismus, dem Vaterland zu dienen, floß er nun. Nein, er stand auf eigenen Beinen: Kampf! Kampf! Nicht dienen! Selbstlos und bis zum letzten Tropfen Bluts das zu sein, was er gelernt hatte, und bis zum letzten roten Tropfen das herzugeben, was er herzugeben hatte.