Er hatte nicht seine Laufbahn, aber dies Einzige einzusetzen, was Menschen gemeinsam haben, gemeinsam im Kampf gegeneinander, gemeinsam in der Hilfe des einen zum andern: dies rote schäumende Meer, das an den Küsten des Menschseins in einer Dunkelheit, über die niemand Herr war, zu Gut oder Böse verbrannte. Ein Verbrecher hörte auf für den Staatsanwalt von Wenk in dieser Nacht ein Mensch niederer Ordnung zu sein. Er wurde ein Wesen mit gesteigerten Impulsen, mit von der Kraft der Hölle gespeisten Sinnen, deren gelüstige, dämongesättigte, sich selber übertrumpfende Taten in der Hand des Staatsanwalts ins Nichts zurückgebrochen wurden, so wie Jesus die Sünden der Menschheit in seinem Wesen ertrinken ließ. Der Kämpfer wuchs am Gegner.

Mit der Phantasie hatte Wenk den Blondbärtigen nun ins Genick gebissen. Wenk hatte in ihm einen großen Gegner. Das ahnte er noch mehr, als er es bereits wußte. Konnte er ihn von der Menschheit abtrennen, so hatte er ein Werk geleistet, an dem er sich zu Weiterem nährte.

Das Lied, das so zwei Stunden lang durch Wenks Herz sang, schien ihm auf einmal vertraut. Und staunend erkannte er, daß der Zustand, in den er geraten war, aus seiner Jugend hervorlief, vor Universität, Korps und Examina, als nichts von Menscheneinrichtungen noch sein Blut gemischt hatte. Da war er betroffen, und durch sein Leben, das er unbeweibt geführt hatte, stieg, wie ein Saft, eine starke, wehmütige Sehnsucht nach seinem Vater, der nicht mehr lebte.

*

Von Hull erbat sich Wenk am nächsten Tage eine Liste aller heimlichen Spielhäuser, deren Adressen mit Hilfe der in diesen Dingen bewanderten Carozza zu erfahren waren. Er bekam von Hull aber das Versprechen, dem Mädchen gegenüber dabei nicht genannt zu werden.

Wenk besuchte die Häuser Abend für Abend. Er ging dabei in der Verkleidung eines reichen älteren Herrn aus der Provinz. Diese Verkleidung hatte er als die erste gewählt, weil er für sie in einem Onkel ein Modell hatte, das er sich bloß zu kopieren bemühte. Der ältere Herr gab sich den ungezwungenen Anschein, die Großstadt aus vollen Zügen zu genießen.

Wenk hatte einige Helfershelfer aus Karstens Bekanntschaft. Er bat sie, unter der Hand zu verbreiten, daß er, der Provinzonkel, von einem unglaubhaften Reichtum sei, von dem er, einmal in den Sattel gehoben, in der rechten Weise Gebrauch mache. Er dachte sich, der Spieler von Schramms und andere, die auf Raub ausgingen, könnten so, wie eine Nachtmotte von der Lampe, angelockt werden. Ab und zu spielte er nun eine halbe Stunde lang unsinnig und der Laune des Spiels angemessen, gewann er dann feste Summen, die er das nächstemal wieder dem Spiel ins Maul warf. Dabei verlor er aber niemals mehr den Überblick über sich und die Mitglieder, und sein Hirn arbeitete über Karten und Spiel hinweg mit einer Schärfe, die ihm Genugtuung verschaffte.

Als er an einem Abend der zweiten Woche, in der er dies Leben führte, in ein Spielhaus der inneren Stadt kam, das ihm durch die Zusammensetzung der Besucher, die hier noch unvermittelter war als anderswo, etwas zu versprechen schien, sah er am Spieltisch einen alten Herrn sitzen, der ihm durch seine Hornbrille auffiel. Diese Hornbrille hatte ein ganz ungewöhnliches Ausmaß. Der alte Herr wurde mit Professor angeredet. Als der alte Herr seine Karten in die Hand nahm, setzte er die Hornbrille ab und tauschte sie gegen einen Kneifer von ungewöhnlicher Form.

Da bemerkte Wenk, daß die Brille, die nun auf dem Tisch lag, keine der üblichen modernen Hornbrillen, sondern aus Schildpatt sehr kunstvoll geschnitzt war. Der alte Herr versenkte sie dann in eine geräumige Dose, die mit grüngepunkteter Haifischhaut überzogen war. Er machte alle Bewegungen mit einer eindringlichen Langsamkeit, so daß Wenk viel Zeit zum Beobachten blieb. Das ist ja eine chinesische Brille, sagte er sich auf einmal, sich an China erinnernd, wohin er vor dem Krieg einmal eine Reise gemacht hatte. Die plötzlich auftauchende Erinnerung war so heftig, daß er laut aussprach, was er sich eigentlich nur hatte für sich selber sagen wollen.

Der Professor saß ihm gegenüber, nickte ihm ernst zu und sagte mit einer Stimme, die hart war und die er nicht aus so greisenhaftem Mund erwartet hatte: „Sie ist aus Tsi nan fu!“