Er wiederholte betonend und skandierend: „Tsi ... nan ... fu ...“ Als sei der Name ein Lied und Erinnerung dahinter, die hart auf ihn einströme und die er im Klang des fremden Wortes genösse. Er schaute dazu Wenk an, als werfe er ihm einen Schlag zu aus seinen hinter den Gläsern vergrößerten Augen.
Wenk war sofort in einem besonderen Verhältnis zu dem alten Professor.
„Tsi nan fu!“ sagte die harte Stimme nochmals, wie mit einer besonderen Bedeutung; ja so, als wolle er mit den drei Silben nach etwas werfen, nach immer demselben unsichtbaren Ziel hinter Wenk. Dreimal denselben unsichtbaren Punkt in der Dunkelheit treffen, die sich jenseits des Lichtkreises der Lampen über seiner Stirn errichtete wie eine Öffnung in der Wand.
Wenk griff unwillkürlich mit der Hand an seinen Hinterkopf und schaute sich einmal um. Schaute er nach dem Ziel der drei Silben? Hatten die drei Silben, fremd und aus fremdem Mund wie rote Bälle kommend, das Ziel getroffen?
Wie Wenk sich so umschaute, sah er, daß hinter seinem Spielnachbar die Frau saß, der er bei Schramms zu der sonderbaren Flucht verholfen hatte. Es schien ihm, als blicke sie ihn spöttisch an. Er wußte nicht, wie er sich zu ihr benehmen sollte. Da fühlte er an seinen Fingern die Spielkarten, die ihm inzwischen hingelegt worden waren. Aber als er sich daraufhin dem Tisch wieder zukehrte, um die Karten aufzunehmen, ward er schläfrig. Dunkel spürte er, daß die starren Augen des Professors schuld an dieser Schläfrigkeit waren. Er vergaß die schöne Frau.
Wenk verscheuchte diese Schläfrigkeit. Er setzte sich steif auf und schaute auf die grüne Haifischhaut der chinesischen Brillenschachtel. Es war ihm, als lägen die durch das Glas so sehr vergrößerten Augen des alten Gelehrten auf ihm, verschwimmend, und eine dämmerige Erinnerung an einen Reisetag entstieg ihnen und verflog in Wenks Bewußtsein. Eines Morgens auf seiner Reise nach China schaut er durch das Ochsenauge seiner Kabine und sieht ein dünnes Ufer wie ein Staubband zwischen dem Meer und dem Himmel. Das ist die Mündung des Jangtsekiang. Ja, des Jangtsekiang ...
Wenk nannte eine Summe, der Erinnerung folgend. Er gewann und ließ das Geld stehen. Eine wohlige Erschlaffung begann sich in seinem Körper einzunisten. Wenk streckte sich aus und genoß sie.
Dann wurde er wieder wach, spielte und beobachtete. Das Bankhalten ging reihum. Es war Wenk, als erwarte er nur den Augenblick, daß der alte Herr die Bank übernehme. Er fragte sich: Weshalb erwarte ich das? Das ist sonderbar, daß ich das erwarte! Es gibt Regungen, die man nicht bis zu ihren letzten Wurzelfasern verfolgen kann.
Wenk entschied sich, daß er das erwarte, weil ihm der Professor durch die chinesische Brille, durch seine ganze hier so fremde Erscheinung interessanter sei als alle andern, und daß dies Erwarten einem Gefühl der Anteilnahme und Sympathie entspränge.
Je weiter der Abend voranschritt, um so inniger und vorherrschender wurde die geheime Bindung, in die er zu dem Unbekannten geriet. Es ist kindisch, sagte er sich noch, es ist sentimental. Es ist jugendlich! Wohin wird das geraten?