... Hundert Millionen Gramm sind 100000 Kilo. Ein Schmuggler trägt jedesmal, je nach der Gegend, 10 bis 15 Kilo. Wieviel Menschen lasse ich leben auf diesem einzigen Geschäft? In einem Monat muß die Summe aus Italien in Südtirol und von dort in der Schweiz sein. Über Österreich ist die Grenze leichter, wenn ich auch zweimal Personal haben muß. Das Risiko hat Spoerri, nach den Polizeiberichten, mit nur 3 Prozent berechnet, gegen 10 Prozent über den Bodensee oder auch über die Tessiner Grenze, wo die Grenzwächter ja schon im Frieden alle glaubten, sie müßten Füchse sein.

Mabuses Vorstellungen drohten wieder auseinanderzuwachsen. Soll ich nicht versuchen, doch zu schlafen? „Wo?“ rief er ins Sprachrohr.

„Buchloe!“

... Buchloe bis Röthenbach sind 18 Kilometer. Zwei Stunden. Das täte wohl. Um zwei Uhr müssen wir in Schachen sein. Dazwischen Spoerri in Opfenbach und Pesch in der Lindauer Steige. Dann sind wir gleich in Schachen. Dann gibt es keinen Schlaf mehr.

Aber er fand doch keine Macht über sich. Er stand unter dem Druck von Wenks Verfolgungsversuchen. Im Palasthotel war er ihm nur um zehn Minuten voraus.

Er wollte es sich nicht eingestehen. Er rechnete aus, daß der Schmuggel von fünf Millionen Fünf-Lire-Stücken von Italien und Südtirol über Vorarlberg nach der Schweiz zweihundertfünfzig Menschen am Tage beschäftigte an jeder Grenze. Das waren fünfhundert Menschen für den Schmuggel allein. Rechnete er die Aufkäufer dazu und die Sammler in Bozen, so kam er auf siebenhundert Menschen. Mit ihren Familien rund viertausend Menschen, die er erhielt. Das war eine kleine Stadt. Eine kleine Stadt stand in seiner Faust, gebannt im Bösen, und schlich durch lichtlose Nächte, ausgetrocknete Bergbäche hin und durch verwachsene und vereiste Winterwälder unter dem Hammer seines Willens und an den Gewehröffnungen der Grenzwächter vorbei. Und hatten keine Gedanken in sich als ihn, den Besitzer des Silbers, den Ernährer, den Befehlshaber, den Herrn der Macht.

Ihr Leben wagten sie für ihn. Er hatte nie einen von ihnen gesehen. Wie wäre es erst, wenn sie ihn sähen, wenn er mit ihnen spräche, auf einmal auf ihrem Schmuggelweg aus der fremden Nacht auf sie stoßend, und sie glaubten, sie seien abgefaßt, und es sei dann gerade er, der sie im Dienst hatte, ihr Herr!

Viertausend Menschen, eine ganze Gegend. Aber in Eitopomar wird es noch anders sein! Wenn er über den gestürzten Urwald ritte und die Waldmenschen, die Botokuden, und wie sie alle heißen, unter seine Peitsche nähme und das aasige kleine Europa hinter ihm versunken läge! Da wäre weitum nichts anderes als sein Wort. In Eitopomar, wo der Traum sich erfüllen wird, der ihn seit seiner Knabenzeit beschlich ... und der sich einst zu erfüllen begonnen hatte drüben auf der einsamen großen Insel, die in die Freiheit der Meere gespannt lag wie in eine wollüstige Schaukel, deren Seile aus Wellenbändern bestanden. Da hatte er Menschen besessen, da war die Natur sein gewesen, da siegte er mit seinen Segeln über das Meer, mit seinen Muskeln und seinem Blut über die Menschen, mit seinem Willen über die Natur, die Palmen seiner Pflanzungen überwuchsen ihn mit einem Reichtum, wachsendes Gold, er konnte es verachten, weil er es nicht nötig hatte, da er so, so frei war, König und Gott ...

Aber der Krieg stöberte ihn aus seinem Paradies und trieb ihn in das verhaßte kleine Europa zurück. Er konnte nicht leben in diesen Ländern. Er fühlte sich, wie in eine Weide eingespannt, Gras fressen wie die dummen Kühe! Das vorgeschriebene, eingehagte Gras! Nein! so vermochte er nicht zu leben. Deshalb hatte er unterhalb der Organisation des Staates einen Staat für sich gegründet mit Gesetzen, die er allein ausgab, mit Macht über Leben und Tod von Menschen. Mit seiner Hilfe wollte er Geld erraffen, um sein Kaiserreich in den Urwäldern Brasiliens zu gründen, das Reich Eitopomar.

Er war sich selber genug. Was waren ihm die Menschen? Sein Wille zerspritzte sie. Aber drüben in der Zukunft, in Eitopomar, gab es niemanden, der seinem Willen vorgesetzt war.