Nein, das hätte keinen Zweck. Jetzt Lärm machen! Der Chauffeur hatte im Auftrag des Blondbärtigen gearbeitet. Das war zweifellos! Hatte jener ihn in seiner Verkleidung erkannt und das Werk so geschickt und kühn voraussehend in den Weg geleitet? Oder war es System, daß einer, der irgendwie verdächtig erscheint, von vornherein einmal auf diese Weise auf die Nieren geprüft wurde? Oder konnte es doch vielleicht nur Raub sein, bei dem das Buch mitgegangen war? Dadurch, daß er sich ins Polster setzte, öffnete er wohl die Gasleitung; denn es war kein Gas im Wagen, als er einstieg. Das war so vorgesehen. Nein, so war es nicht. Es war viel einfacher und sicherer. Der Führer konnte den Gashahn öffnen von seinem Sitz aus. Natürlich war es so!

Währenddessen ging Wenk schon auf der Landstraße, und zwar erst im halben Bewußtsein seines Entschlusses, zu Fuß in der Richtung auf München zurück. Er ging, so schnell er konnte. Manchmal mußte er stehen bleiben, um ein Gefühl des Taumels abzuwarten und abzuwehren, das sich seiner bemächtigen und ihn auf der Straße niederpressen wollte.

Das war wohl eine Nachwirkung des Gases. Was war das für ein Gas, das so rasch wirkte und so unschädlich war? Man hätte ihn ebensogut in ein tödliches Gas setzen können. Dann wäre man ihn sicher los gewesen! Weshalb nur in ein betäubendes Gas?

Sollte es eine Warnung sein?

Jetzt hatte man sein Notizbuch! Vielleicht wollte man nichts anderes von ihm als sein Notizbuch! Ein Anschlag auf sein kleines Notizbuch! Was stand noch drin? Welche Namen hatte er noch drin? Karstens ... Und alle Erlebnisse in den Spielhäusern mit dem Blondbärtigen und dem alten Professor und im Palasthotel. Und alle Häuser, in denen gespielt wurde! Es war klar. Nur sein Buch wollte man haben. Das war geglückt. Das war davon. Es war ihm ein liebes kleines und bewegtes Buch gewesen.

Er ging schneller und schneller. Die Häuser schliefen in der Landschaft. Die Ortschaften schliefen. Die Vorstadtstraßen schliefen. Sie kamen ihm wie blasse Lindwürmer durch die Nacht entgegengekrochen, schliefen auf den flachen Äckern, in denen Reste von Schnee eingenistet lagen und in der Finsternis zur Straße heraufleuchteten, als seien sie in einem geisterhaften Halbleben an den Weg geworfen worden, um zu beobachten, wer darüber ginge. Es schauderte Wenk.

Als aber dann ein Trambahnwagen kam, beruhigte er sich. Bald kannte er sich aus und eilte in die Stadt hinein und seiner Wohnung zu. Er kam vollkommen erschöpft in seinem Zimmer an, legte sich in den Kleidern aufs Bett und verfiel einer zweiten Bewußtlosigkeit, aus der heraus er unvermittelt in stärkenden Schlaf glitt. Erst am Abend wachte er auf.

Der erste Einfall, der ihm kam, war der, daß sein Leben von jetzt an auf dem Spiel stand. Er nahm ihn ruhig hin. Das war selbstverständlich. Er kämpfte mit dem Bösen. Dessen Schlachtplatz lag immer da, wo die Grenze zwischen Sein und Zerstören war. Er fragte sich, ob der Gegenstand des Einsatzes wert sei, und antwortete sich selbst im nächsten Augenblick:

Darüber gibt es kein Nachdenken. Die Menschen sind losgelassen aus der Menagerie. Es war sein Amt, seine Pflicht, seine Daseinsberechtigung, mitzuhelfen, sie gefahrlos zu machen. Keine Menschenfurcht! Keine des Leibes, wie er keine der Seele hatte, seitdem es seinem Geist geglückt war, sich in die krisenhafte Zeit des neuen Deutschlands hineinzufühlen ... sich mitverantwortlich zu sehen an dem Entstehen dieser Zeit, aber auch an ihrer Überwindung.

Aber eins: War er dem andern gewachsen? Sollte er sich nicht dahinter verschanzen müssen, daß er sein Leben und seine Kraft von vornherein in ein vergebliches Wagnis setzte? Der Gegner schien ihm überlegen. Der Gegner arbeitete im Finstern.