Wenk blieb allein. Er war innerlich ganz kühl. Er hatte vermocht, alles, was das Verbrechen an Schrecken und Grauen erregender menschlicher Anteilnahme in ihm aufgewühlt, ruhig zu unterdrücken.
Den Beweggrund des Mordes kannte er. Es war nicht Rache, sondern etwas viel Gefährlicheres und viel Böseres. Es war Terror! Das verriet ihm der Brief an die Zeitung, der den Mord über die Polizei hinweg bekanntmachen sollte. Es war Terror gegen die alle, die sich als Opfer des Spielglücks jenes blondbärtigen Mannes fühlten.
Wieviel durfte dieser Spieler wagen, daß er selber sein Verbrechen der Zeitung mitteilte, damit es so wirkte, wie er es haben wollte? Wieviel Menschen hatte er im Sold, um ein Verbrechen auf diese weit vorbereitete große Art ausführen zu können? Was waren das für Menschen? Was für Beispiele gab er den Phantasien jener Menschen, die noch unentschieden zwischen Gut und Böse sich hielten? Was für Zuläufer mochte das Bekanntwerden der Tat ihm wieder sichern?
Hull war tot, weil er ihm, dem Staatsanwalt, das Erlebnis mit dem Wechsel erzählt hatte und weil der falsche Herr Balling ein Beispiel aufstellen wollte, wie es denen erginge, die sich gegen ihn richteten. Vielleicht, ja wahrscheinlich war der Anschlag auch mit auf ihn geplant gewesen, und er war nur gerettet worden, weil sein Unwille ihn aus jenem Hause davongetrieben hatte.
Nun war es vielleicht unmöglich, aus taktischen Gründen unmöglich, das Haus „Fort“ schließen zu lassen ... Es mußte, wie so viele seinesgleichen, als Falle geduldet werden.
Und die Carozza? Werde ich sie zum Verraten bringen können, wem sie als Treiberin gedient hat? Was? ... Wen verraten? ... Und habe ich ihn dann, wenn ich schon einen Namen und vielleicht eine Hausnummer weiß? Kenne ich seine Geheimnisse? Seine Vorsichtsmaßregeln gegen mich?
Ich werde noch nicht zur Carozza gehen. Ich werde sie in Haft setzen lassen, sie warten lassen ... Dann sieht sie, daß sie sich keines Guten zu versehen hat. Sie ist lasterhaft, verweichlicht ... Vielleicht macht sie das von selber mürb?
Aber zuletzt entschloß sich Wenk doch anders. Nein! sagte er, ganz das Gegenteil werde ich machen. Ich werde sie durch Anteilnahme einschläfern. Sie ist schlau, aber sie gehört zum Theater. Je mehr es mir gelingt, die genauen Ränder der Ereignisse, die zu ihrer Verhaftung führten, in vor Teilnahme triefenden Reden verschwimmen zu machen, um so unbedachter geht sie mir zu.
Da fuhr er gleich zur Wache. Sie saß auf einem Stuhl in einer Nebenkammer.
Wenk stürzte auf sie zu: „Aber Fräulein ... Fräulein, was hat man mit Ihnen gemacht? Erst jetzt telephoniert man mir, was geschehen ist. Es ist gut, daß Sie an mich gedacht haben!“