Im Verlauf des Tages stieg das Gerücht des Mordes durch die Stadt. Es wand sich aus der trüben Ecke, wo Hull sein wertloses kleines Leben gelassen hatte. Es war ein dunkler Fleck geblieben. Das Pflaster war finster vom verwaschenen Blut gefärbt. Tauwetter hatte die Bodenrinne zwischen den Pflastersteinen weich und erdig gemacht. Die Erdkrumen hatten das Blut gierig zurückgesogen. Sie hatten sich daran berauscht. Und aus dem Rausch des handgroßen Erdflecks stieg das Scheusal auf, wand sich aus dem engen Winkel davon und errichtete sich durch die ganze Stadt.

Es kamen Menschen, seine Geburtsstelle zu sehen, und tranken an der Quelle von den Schauern der Tat. Sie sahen das Ungeheuer aufstreben. Ihre Herzen sträubten sich vor dem Unwesen. Es trampfte zwischen ihnen durch, durch sie hindurch wie durch einen Nebel, körperlos ... eiskalter, flüssiger Geist. Es ward ein Lindwurm und ringelte durch die Gassen in die breite Ludwigstraße, rannte über die Plätze ins Herz der Stadt hinein, begann zu fließen nach allen Richtungen, durch die Straßen in die Häuser.

Es rann wie eine dunkle Kloake. Es rann tagelang. Sein dumpfer, feuchtheißer Geruch von Auflösung ließ Angst in die Menschenporen dämpfen oder riß eine Kraft, die keinen guten Weg finden konnte, nach dem Bösen.

In einer Vorstadtstraße wurde in der dritten Nacht später eine Dirne ermordet. Man fing den Mörder am nächsten Tag. Es war ein Arbeitsloser, eine aus dem Krieg übriggebliebene Phantasie, die in die Barbarei zurückgeirrt war. Er sagte, er habe nicht gewußt, was er tat, als er dem Mädchen die Hände an die Gurgel drückte. Es sei aus der finstern Straße etwas über ihn geflossen, es sei um die Ecke gekommen aus der Jägerstraße ... und das hätte ihn gezwungen.

Ein Föhn durchfraß vom Gebirge her die Stadt. Er war weich und leidenschaftlich wie ein Menschenherz. Er brüllte den Frühling hinter sich her. Alle Lichter waren grell. Alle Schatten waren von einer wilden, jähzornigen Schwärze. Alle Herzen in zwei Farben gespalten.

IX

Um vier Uhr kam von Frankfurt ein telephonisches Gespräch: „Georg Strümpfli, Artist, geboren 1885 in Basel, hat an der mitgeteilten Adresse gewohnt vom 1. Januar bis 10. Dezember des vergangenen Jahres. Verzogen nach dem Ausland. Aufenthaltsort unbekannt. Eingetragen als verheiratet. Nationalität Schweizer.“

Vom Einwohneramt wurde Wenk berichtet, die Carozza sei unter folgenden Angaben angemeldet: „Maria Strümpfli, geb. Essert, genannt Cara Carozza, Tänzerin, geboren in Brünn am 1. Mai 1892. Nach München verzogen von Kopenhagen.“

Wenk sann nach, woher die Aussprache Georch für Georg kommen könne. Beide waren süddeutscher Sprache. Georch sagte man in Norddeutschland.

Wenk suchte die Carozza nochmals auf. Sie war jetzt im Gefängnis. „Ich will nichts von Ihnen wissen,“ sagte sie schroff zu Wenk. „Sie wollen mir helfen und bringen mich ins Gefängnis.“