Wir steuerten Bilibili zu, einer kleinen ca. eine halbe Seemeile langen Insel, etwa vier Meilen nördlich von Gorima-Huk, die gleichsam den Anfang des »Archipels der zufriedenen Menschen« bildet, wie derselbe von dem Entdecker Maclay benannt wurde. Hervorragend hohe, mächtige Bäume, deren dichte Belaubung fast die ganze Insel wie mit einem Dache überdeckt, kennzeichnet dieselbe schon von weitem. Sie besteht, wie fast die ganze Küste von Astrolabe-Bai aus gehobenem Korallfels, der an der Ost- und Nordseite z. T. Steilufer bildet, an welchem das Meer mächtig bricht. Aber an der Westseite dehnt sich ein flacher weißer Sandstrand aus, auf dem nicht weniger als 13 stattliche Kanus, bunt bewimpelt und mit allerlei Ausputz verziert, lagen. Das gab im Verein mit den idyllisch unter dem Gelaube mächtiger Bäume versteckten und von Kokospalmen beschatteten Häusern des Dorfes ein gar liebliches Bild. Dazu das Gewimmel fröhlicher brauner Menschen, die mit grünen Zweigen winkten und bald in Kanus abkamen und uns an Land einluden.

Wir eilten ihnen zu folgen und waren überrascht von der Fülle neuer und interessanter Eindrücke. Alles zeugte hier von Wohlhabenheit und Reichtum. Die Häuser waren größer und stattlicher als die bisher gesehenen, wie die mit reichem Ausputz versehenen Eingeborenen selbst. Sie zeigten sich anfangs ziemlich scheu und zurückhaltend. Namentlich kostete es Mühe, die schlanken, braunen Mädchen heranzulocken, die in ihren bunten Grasschürzchen und reich mit Schmuck aus Muscheln und Hundezähnen behangen, das Haar mit brennendroten Hibiscusblumen geschmückt, gar niedlich aussahen. Einige kleine Geschenke machten sie bald zutraulicher und eine um die andere kam zögernd heran, um ihre Gabe an Glasperlen oder rotem Zeugstreifen in Empfang zu nehmen und dem weißen Fremdlinge schüchtern die Hand zu geben. Unter diesen Mädchen gab es übrigens viele recht hübsche Gestalten von tadellosem Körperbau und mit recht artigen Gesichtchen.

Aimaka.

Unsere Aufmerksamkeit wurde aber bald von allem andern abgelenkt, als wir das große Versammlungshaus erblickten, von welchem das beigegebene, nach meiner Skizze gezeichnete Separatbild ([S. 74]) eine gute Vorstellung giebt. Ähnlich dem Buambrambra von Bongu besteht auch dieses Haus, Dschelum genannt, im wesentlichen aus einem bis zum Boden herabreichenden Dache, dessen offene Vorderseite von einer an 25 Fuß hohen, durchaus in durchbrochenem Schnitzwerk ausgearbeiteten Mittelsäule[23] getragen wird. Diese Schnitzerei, Aimaka genannt, repräsentiert vier männliche und zwei weibliche übereinanderstehende nackte Papuafiguren, die auf weißem Grunde rot und schwarz bemalt sind, und von denen die beigegebene Abbildung die auf einem Kopfe stehende unterste zeigt. Sie wurde wie die übrigen männlichen Figuren »Mini« d. h. Mann genannt (A); die angegebenen Buchstaben bezeichnen nur die verschiedenen Körperteile (a, Tingilan, Ohr, b Mal, Auge, c Uina, Nase, d Bule, Mund, e Balan Zunge, f Niän, Bein). An den Querbalken des Giebels hingen aus Holz geschnitzte Tiergestalten, die in kenntlicher Weise Fische, Vögel, Eidechsen und Schildkröten, ebenfalls bunt, darunter auch mit Grün bemalt, darstellten. Die an 30 Fuß langen Balken, welche jederseits das Dach trugen, waren jedenfalls der kunstvollste Teil des merkwürdigen Gebäudes. Jeden dieser beiden Balken zierte die an vier Fuß hohe Figur eines Papua, die in staunenswerter Weise aus dem Balken selbst gezimmert war und an diesem gleich dem Gliede einer Kette hing. In der That ein wahres Kunstwerk für Steinäxte und Muschelwerkzeuge, wie ich es in dieser Weise weder vor noch nachher in Neu-Guinea wieder zu sehen bekam, und das nur derjenige zu würdigen wissen wird, der sich in vollem Verständnis der Steinzeit ganz in dieselbe hineinzudenken versteht. Ob unsere prähistorischen Vorfahren wohl auch auf einer so hohen Stufe standen? Die Überreste der Pfahlbauten geben darüber keine Auskunft! Aber es wäre im Interesse der Wissenschaft von ungeheurer Bedeutung, wenn wenigstens eins dieser nur noch so spärlich vorhandenen Denkmäler der Baukunst der Steinperiode gerettet würde. Ich konnte es leider nicht und mußte mich mit der Skizze begnügen, deren Aufzeichnung die Eingeborenen mit Staunen zusahen. Wie sie mir, so spendete ich ihnen Lob, das sie sehr wohl verstanden, denn jeder deutete mit Stolz an, daß er am Bau mitgeholfen habe.

[(S. 74.)]

Dschelum, Tabuhaus auf Bilibili.

Der untere Teil der Giebelseite war etwa in Mannshöhe durch eine Mattenwand geschlossen, durch welche nur eine kleine Öffnung als Thür diente. Man gestattete uns den Eintritt gern; aber wie üblich zeigte das Innere nur wenige Gegenstände. So die großen und kleinen Trommeln, die wir schon von Bongu her kennen. Bemerkenswert waren große runde, mit Schnitzerei und Malerei verzierte Schilde (Atlas XII. 1.) und sehr roh aus Baumästen gefertigte niedrige Bänkchen, die beim Schlafen dem Kopfe als Unterlage dienen, aber mit »Kopfkissen« in unserem Sinne nichts zu thun haben. Zahlreiche Unterkiefer von Schweinen waren auch hier wie allenthalben in Melanesien als Erinnerungszeichen großer Feste aufgehangen. Den Hauptteil des Inneren bildete eine an acht Fuß hohe Plattform aus gespaltenem Bambu, welche als Schlafstätte für die unverheirateten jungen Männer, wie für fremde Gäste dient. Auch Maclay hatte hier geschlafen, so wurde mir angedeutet. Denn diese großen Häuser sind nicht nur Junggesellenhäuser, sondern überhaupt die Klubhäuser der Männer. Aus diesem Grunde ist dem weiblichen Geschlecht der Zutritt verwehrt, ein Verbot, das durch besondere Tabuform erhöhte Bedeutung erhält und so leicht zu mythischen und religiösen Deutungen verleitet. Aber ein Tempel war dieses Gebäude ebensowenig als die Holzschnitzereien Götzen, wie jeder Missionär sogleich interpretiert haben würde. Wenn die Deutung eines Telum, d. h. einer einzelnen menschlichen Figur als Repräsentant eines Ahnen richtig ist, so stellte dieser »Aimaka« vermutlich eine ganze Ahnenreihe dar, wie sich dies bei den Maoris Neu-Seelands und anderen Naturvölkern in ähnlicher Weise wiederfindet. Beachtenswert ist die völlige Nacktheit aller dieser menschlichen Darstellungen, der Telum und wie sie sonst heißen, gegenüber der sorgfältigen Lendenbekleidung ihrer Verfertiger.

Wir wenden uns zu dem Dorfe zurück, das aus 20 bis 25 Häusern besteht, die viel größer als die in Port Konstantin, auch eine etwas abweichende Bauart zeigten und mich am meisten an die in dem Dorfe Keräpuno in Hoodbai erinnerten. Wie diese sind sie auf starken Pfählen etwas über dem Erdboden errichtet, besitzen ein Vestibüle mit Plattform an der Vorderfront, zu der ein angelehnter Baumstamm als Aufgang dient und sind überhaupt sehr solide gebaut. Im Inneren, das offenbar mehreren Familien Unterkunft giebt, ist ein Bodenraum, zu dem eine rohe Leiter führt. An den Häusern selbst findet sich keinerlei Schnitzwerk, und nur vor der Thür eines Hauses sah ich eine an vier Fuß hohe, buntbemalte menschliche Figur, ähnlich den Telums in Konstantinhafen. Die Häuser des Dorfes waren, wie immer, in kleinen Gruppen verstreut und bei einer derselben entdeckten wir ein zweites Versammlungshaus der Männer mit ganz ähnlichen Schnitzereien, aber kleiner.