Krieger von Bilibili.

Nachdem ich mit der Besichtigung und dem Studium des Dorfes, fertig war, machten wir einen Spaziergang durch die Insel, die einem malerischen Park der Tropen zu vergleichen ist. Aus den gewaltigen Baumriesen, darunter viele und sehr große Brotfruchtbäume, tönte der dumpfe brummende Ruf der weißen Fruchttauben (Carpophaga spilorrhoa), von denen uns bald eine Menge zur Beute fielen. Wie überall bei diesen Naturkindern, hatte der erste Schuß immer dieselbe Wirkung: allgemeines Geschrei und wilde Flucht! Aber bald gewöhnte sich die reifere Jugend an den Knall und bewunderte staunend die Wirkung der ihnen unbekannten, unheimlichen Waffe. Bei einem späteren Ausfluge an der Küste bemühten sich die schlauen Bilibiliten bereits unsere Überlegenheit in ihrem Interesse nutzbar zu machen: wir sollten einen ihnen feindlichen Stamm bekämpfen und vernichten! Das oft geäußerte Wort »mate« oder »imate«, soviel wie »tot«, oder »töten«, das wie einige andere Wörter[24] vielen polynesischen und melanesischen Sprachen gemeinschaftlich angehört, ließ diese Absicht nur zu deutlich erkennen. Zahlreiche kampfgerüstete Krieger hatten sich unserem Zuge angeschlossen, und ihnen verdanke ich die Skizzen, welche dem vorhergehenden Bilde als Grundlage dienen.

Wir wurden bei dieser Gelegenheit auch mit den Waffen der hiesigen Eingeborenen bekannt, die im wesentlichen mit denen in Bongu, wie in Neu-Guinea überhaupt gebräuchlichen übereinstimmen. Die Hauptwaffe ist auch hier, wie in ganz Melanesien, der Wurfspeer, eine runde sieben bis zehn Fuß lange, oft ziemlich schwere Stange, meist: aus Palmenholz gefertigt. Das Basisende ist verdünnt, das Spitzenende etwas verdickt und hier zuweilen ein paar Kerbzähne oder eine Furche eingeschnitten. Solche Wurfspeere heißen in Konstantinhafen »Schadga« und sind die gewöhnlichste im Kriege gebrauchte Art Waffen. Eine zweite Art Wurfspeere, Serwaru genannt, besteht ebenfalls aus einem langen Holzstocke, ist aber mit einer breiten lanzettförmigen (ca. 70 cm langen) Spitze aus Bambu versehen, und dadurch eine sehr gefährliche Waffe. Die Bambuspitze ist mit feingespaltenem Rohr festgebunden und die Verbindungsstelle oft sehr kunstvoll mit Federn, Kuskusfell und dergl. verziert. Wirkung und Tragweite dieser Wurfspeere werden meist sehr übertrieben geschildert, denn nach meinen Beobachtungen sind sie wohl selten über 40 bis 50 Schritt hinaus gefährlich. Dasselbe gilt in Betreff von Pfeil und Bogen, die wie überall, eine minder wichtige Rolle als der Wurfspeer spielen. Der Bogen ist aus Palmenholz gefertigt ca. sechs Fuß lang, meist glatt, ohne allen Ausputz und mit einer Sehne aus gespaltenem Rotang versehen. Dagegen zeigen die Pfeile oder vielmehr die Spitze derselben mancherlei Verschiedenheit. Sie sind fast ausnahmslos aus leichtem Rohr gefertigt, mit einem runden Spitzenteile, der ca. ein Drittel oder Viertel der ganzen Länge (1,30 bis 1,40 m) beträgt. Die im Feuer gehärtete Spitze ist öfters mit verschiedenartig geschnitzten Kerb-, Sägezähnen oder Widerhaken verziert, und besteht selten aus einem zugespitzten Flügelknochen eines Vogels. Eine andere sehr bestimmte Art von Pfeilen, zeichnet sich durch eine breite, lanzettförmige Bambuspitze aus und findet sich in dieser Form über ganz Neu-Guinea. Ebenso die sechs bis siebenspitzigen Pfeile, welche zum Schießen von Fischen benutzt werden. Vergiften der Pfeil- oder Speerspitze kennt man, wie überhaupt in ganz Neu-Guinea, nicht. Schleudern, sonst eine so beliebte Waffe der Südseevölker, habe ich nicht wahrgenommen. Aber es giebt, jedoch im ganzen selten, Keulen. Sie sind aus schwerem, meist Palmenholz gefertigte, ein bis ein einhalb Meter lange, flache, schmale, Latten, unten meist etwas verbreitert, am Handgriff etwas verschmälert und zuweilen mit vertieften Mustern ornamentiert. Auch diese Form der Holzkeulen findet sich fast über ganz Neu-Guinea, dagegen sind die mit durchbohrten, oft sehr kunstvollen, Steinknaufen bewehrten Keulen nur gewissen Gebieten der Südostküste eigen und fehlen hier wie an der ganzen Nordostküste durchaus. Es verdient dies ganz besonders erwähnt zu werden, namentlich weil Steinkeulen sonst nur noch im Osten Neu-Britanniens auftreten. — Die mächtigen runden Schilde auf Bilibili »Dimu« genannt, habe ich bereits angeführt. Sie scheinen wohl nur ausnahmsweis den Krieger in den Kampf zu begleiten, da sie dafür schon viel zu schwer sind. Manche haben einen Durchmesser von 90 cm und ein Gewicht von 10 Kilo. Wahrscheinlich dienen sie mehr zur Verteidigung des Dorfes selbst bei feindlichen Überfällen und werden deshalb meist in den Versammlungshäusern aufbewahrt, vermutlich auch weil sie Gemeindeeigentum sind. Ich sah übrigens auch kleine Schilde von nur 40 cm Durchmesser, die in einen Filetbeutel eingestrickt waren, um sie leichter tragen zu können.

Unsere Küstenexkursion verlief durchaus friedlich und machte uns vor allem mit der außerordentlichen Fruchtbarkeit des Bodens bekannt. Das Land gegenüber Bilibili ist meist flach, von niedrigen Hügelreihen eingefaßt und mit Urwald bedeckt. Im Dickicht desselben liegen die ausgedehnten und trefflichen Plantagen der Bilibiliten, in denen jetzt hauptsächlich Jams und Zuckerrohr gedieh. Von letzterem fanden sich oft größere Bestände in ausgezeichneter Entwickelung. Rohr von 2½ Zoll Durchmesser, in Knotenabständen von 4½ Zoll und einer Länge von 12–14 Fuß war nichts Seltenes! Solches Zuckerrohr ist jedenfalls doch erst durch fortgesetzte Kultivation veredelt worden und diese den Eingeborenen und ihrem Fleiß zu danken. Auch die Bananen standen trefflich, wie der sorgfältig aufgehäufelte Jams, zwischen dem buntblättrige Ziersträucher angepflanzt waren; alles zeigte eine musterhafte Ordnung, wie man sie bei uns nicht besser verlangen konnte. Ja, ja! diese »Wilden« verstehen Feldbau ganz ausgezeichnet, und was mehr ist, trotz ihren primitiven Werkzeugen auch mit dem Urwalde fertig zu werden. Wir sahen dies am besten an solchen Stellen, wo mit Urbarmachen erst begonnen worden war. Mächtige Bäume lagen am Boden, um zu verfaulen. Die abgehackten Äste waren verbrannt worden, die Stämme selbst hatte man etwa in Mannshöhe stehen lassen, und diese ganze Riesenarbeit war nur mit Steinäxten geschehen, die in der Hand des Eingeborenen gar nicht so primitiv sind, als man meint. Über den Fleiß der Bewohner wird man daher nicht mehr so absprechend urteilen, als dies meist geschieht, wenn man solche Anlagen mit eigenen Augen sehen und bewundern konnte. Freilich dürfte dieser Fleiß dem einstigen Ansiedler wohl kaum zu statten kommen, denn der Eingeborene wird wohl nur schwer als Arbeiter für andere zu erziehen sein.

Eigentliche Dörfer trafen wir auf unserer Wanderung nicht, sondern nur eine kleine Siedelung von fünf Häusern, die unbewohnt zu sein und den Bilibiliten zu gehören schienen. Sie dienten offenbar zum Aufenthalt und Schutz der Insulaner während der Bearbeitung und Ernte in den Plantagen, in welchen überhaupt fast stets kleine Hütten errichtet sind. Gerade während der Feldarbeit pflegen am ersten Überfälle stattzufinden, weil sich dann in der allgemeinen Verwirrnis am leichtesten ein paar Frauen oder Kinder erschlagen lassen, was jeder Papuakrieger als sehr ruhm- und ehrenvoll betrachtet. Die Männer pflegen daher, wie fast stets, ihre Waffen bei sich zu tragen, um sie auch in den Plantagen immer bereit zu halten. Eine der großen hölzernen Trommeln war auch in dieser kleinen Siedelung vorhanden, um bei einem feindlichen Überfall die Inselbewohner zu alarmieren und herbeizurufen. Kokospalmen fanden sich wie überhaupt nur wenig; aber wir sahen ein paar Melonenbäume (Carica) und Kürbisse; gleich hieß es auch hier »Maclay!« Wir trafen einen hübschen Bach mit klarem fließenden Wasser, an welchem die Sagopalme vorzukommen scheint. Wenigstens stießen wir auf eine Stelle, wo Sago gemacht worden war. Die von Mark entleerten Stämme lagen umher; Rippen des Basisteiles des Blattes hatten als Tröge zum Auswaschen des mehlhaltigen Markes gedient, das Fabrikat selbst hing in ca. zehn Pfund schweren runden, in Bananenblättern eingehüllten Klumpen im Schatten der Bäume zum Trocknen. Dieser Papua-Sago hat aber, um dies noch zu erwähnen, nichts mit dem, wie wir ihn aus unseren Suppen u. dergl. kennen, gemein. Statt rundlicher Körner bildet er eine weißliche, mehlartige, fest zusammengebackene Masse, die beim Gebrauch erst zerklopft werden muß. Die Eingeborenen bereiten den Sago meist in Form von Klößen, die in Wasser gekocht nichts weniger als zart werden. Aber ein Papuamagen kann ungeheure Quantitäten dieser harten Klöße vertragen, und »Bom« gilt in solchen Distrikten, wo er rar ist, als eine besondere Delikatesse.

Als wir nach unserem Boote zurückkehrten atmete der Schwarze den ich dabei, vorsichtigerweise mit ungeladenem Gewehr, zurückgelassen hatte, wieder auf, denn diese Neu-Britannier konnten sich von dem weit besseren Charakter ihrer dunklen Brüder in Neu-Guinea noch immer nicht überzeugen.

Der Strand besteht hier, wie fast überall an der Küste von Astrolabe-Bai, aus feinem Sande, auf welchem es in der Sonne zuweilen wie Gold flimmerte. Leider rührte das Flimmern nicht von Gold, sondern Eisenglimmer her. Sonst fanden sich nur kleine runde Rollsteinchen, Jaspis, Hornstein u. dergl., offenbar durch Regenbäche weiter aus dem Innern angeschwemmt, denn die geologische Beschaffenheit der Küste weist auf korallinische Bildungen hin. Überall kann man, gleich erratischen Blöcken, isolierte Madreporenstücke beobachten, wie dies auch in Konstantinhafen der Fall ist und die wahrscheinlich, wie die ganze Küste, vulkanischen Hebungen des Meeresbodens ihr Dasein verdanken.

Zahlreiche Kanus gaben uns das Geleit, als wir nach dem Dampfer zurückkehrten, der keinen Ankerplatz gefunden hatte und daher an- und ablegen mußte, wobei er beinah auf Riff geraten wäre. Die etwa zwei Meilen breite Meeresstraße zwischen Bilibili und dem Festlande, scheint nicht ganz »rein«, wie der Seemann sagt, d. h. frei von Korallriffen.