Kartenskizze
vom
HUON GOLF.

In der Frühe des vierten Tages kam Neu-Guinea, wie immer, beim Annähern von Land, in wechselnden Bildern, zum Vorschein. Zuerst zeigte sich eine mäßig hohe, blaue Bergkette, über eine dichte weiße Wolkenschicht vorragend, welche unmittelbar auf der Wasserfläche zu lagern schien, aus welcher nach und nach Inseln auftauchten. Letztere verflossen allmählich ineinander und erwiesen sich als der eigentliche, flache, dichtbewaldete Küstensaum, vor dem aber später thatsächlich kleine Inseln sichtbar wurden. Welche mochten es wohl sein? war eine Frage, die uns zunächst am lebhaftesten beschäftigte. Daß wir uns in Huon-Golf befanden wußten wir freilich, aber hier erstrecken sich eine ganze Reihe solcher kleinen Inseln längs der Küste und ohne Ortsbestimmung ließ sich die Frage eben nicht ausmachen. Glücklicherweise brachte der Mittag klaren Himmel und nach den Beobachtungen erwiesen sich die vor uns liegenden Inseln als die Luard-Gruppe von Moresby. Ich ging sogleich mit Hinrich Sechstroh, dem ersten Offizier der Samoa, welcher während der Abwesenheit von Kapitän Dallmann den Dampfer führte, im Walboot ab, um eine Untersuchung vorzunehmen. Die acht Inseln sind alle klein, dichtbewaldet und haben zum Teile eine Sohle felsigen Steilufers, welches aus einem ganz anderen Gestein als dem bisher gesehenen besteht. Es ist eine Art Konglomerat oder Breccie, aber die Korallformation ebenfalls vertreten. So lag der Strand der kleinen Insel, auf welcher wir landeten, voll von Koralltrümmern, Rollstücken von Madreporen u. s. w. Ein halb im Sande verwehtes Kanu, sowie eine Kokospalme, mit leider verkrüppelten Nüssen, deuteten an, daß früher Menschen hier verkehrt hatten; sonst bemerkten wir keine Spur von ihnen.

Aber eine andere unerwartete Erscheinung überraschte uns: Hunderte fliegender Hunde erhoben sich aus dem Gelaube der Bäume und unsere Schüsse scheuchten weitere Scharen derselben auf. Mit Ausnahme einer Lokalität auf der Karolineninsel Kuschai hatte ich in der That nie soviele fliegende Hunde beisammen gesehen. Sie schienen hier einen gesicherten Platz für die Tagesruhe gefunden zu haben, von wo aus sie bei Einbruch der Dunkelheit ihre Streifzüge unternehmen, um die Plantagen zu plündern, für die sie eine wahre Plage werden. In manchem Baume hingen mehr als zwanzig dieser Tiere, in der üblichen Weise mit dem Kopfe nach unten und mit den Hinterfüßen an einem Aste festgeklammert, so daß sie bei der Dunkelheit der dichten Belaubung nicht immer leicht zu sehen waren. Die Jagd hat also gewisse Schwierigkeiten, umsomehr als die fliegenden Hunde ein sehr zähes Leben haben und angeschossen meist in den Zweigen hängen bleiben. Zur Freude unserer Schwarzen wurde aber bald eine Anzahl erlegt, denn fliegende Hunde sind bei diesen sehr beliebt und sollen auch, nach der Versicherung englischer Marineoffiziere, in der That sehr gut schmecken. Da sich die Tiere nur von Vegetabilien, am liebsten Brotfrucht und Bananen nähren, ist dies sehr erklärlich. Aber trotzdem konnte ich mich niemals entschließen, das Fleisch zu kosten, weil die Tiere einen so widerwärtigen iltisartigen Geruch haben, der selbst den präparierten Häuten noch anhaftet, durch Einlegen in Essig aber ganz verschwinden soll. Die Art ähnelt übrigens dem »Anganau« Neu-Britanniens (Pteropus melanopogon) am meisten und erreicht eine Flügelspannung von mehr als 4½ Fuß, ist also mit eins der gewaltigsten Flugsäugetiere.

Die Untersuchung der Inseln hatte übrigens keinen Ankerplatz ergeben, und einen solchen, oder besser einen Hafen, zu finden, war unsere erste Aufgabe. Freilich weist Moresbys Karte, dessen treffliche Aufnahmen damals die einzige Quelle für das Gebiet von Huon-Golf und der Nachbarschaft bildeten, nicht einmal einen solchen auf. Aber deswegen brauchte die Suche noch nicht aufgegeben zu werden, denn Moresby konnte in diesem Teile nur oberflächliche, mehr fliegende Aufnahmen machen und mußte manches übersehen.

Es wurde beschlossen, zunächst bis zum Mitrafels längs der Küste von Herkules-Bai zu gehen, die sich sehr gebirgig zeigte. Neue, am vorhergehenden Tage nicht gesehene Gebirge traten hervor, von denen sich nach und nach drei Ketten unterscheiden ließen, deren innerste und höchste an 6000 Fuß erreichen mochte, sich aber bald mit Wolken bedeckte. Schon in einer Entfernung von mehr als zehn Meilen von der Küste hatte uns wiederholt trübgefärbtes, ganz wie Riff aussehendes Wasser, zum Stoppen und Loten veranlaßt, wobei sich indes zeigte, daß dasselbe nur von Süßwasser herrühren konnte. Dafür sprachen auch die häufigen, in der Nacht übrigens nicht ungefährlichen, Treibholzstämme, welche sich mehrten, je mehr wir uns der Küste näherten. Daß also ein Fluß und zwar ein größerer irgendwo in der Nähe münden mußte, daran war kein Zweifel. Wirklich fanden wir ihn bald darauf ca. 5 Meilen Südost von den Luard-Inseln, leider aber durch eine Barre gesperrt, über die es mächtig brandete. Als wir uns bei einer späteren Gelegenheit dieser Flußmündung bis auf eine halbe Seemeile näherten, ließ sich selbst hier noch kein Grund zum Ankern finden, so daß die Barre jedenfalls außerordentlich steil in die Tiefe abfällt. Die Breite des Flusses mochte 100 bis 150 Schritt betragen; seine Ufer waren, wie die Abbildung zeigt, von dichtem Urwald eingerahmt, die Strömung sehr ansehnlich. Innerhalb der Barre schien das Wasser ganz ruhig, aber durch Treibholzstämme unklar, so daß der Fluß wohl nur für Boote praktikabel sein dürfte. Er wurde Herkulesfluß genannt, nach der Bai, welche Kapitän Moresby nicht nach dem mythologischen Helden, sondern nach Sir Herkules Robinson, S. C. M. G., so benannte.

Herkulesfluß.

Am linken Ufer des Herkulesflusses standen ca. ein Dutzend Kokospalmen, die ersten welche wir, seit der einzigen auf der Insel der fliegenden Hunde, an dieser Küste sahen. Das ließ auf Menschen schließen, und wirklich zeigten sich bald Eingeborene, deren Zahl nach und nach Hundert und mehr betragen mochte. Sie liefen anscheinend in großer Aufregung hin und her, und es dauerte lange, ehe zwei Kanus abkamen mit ca. einem Dutzend beherzter Männer. Sie trugen sonderbaren Ausputz von Kasuarfedern, Ovulamuscheln, Arm- und Kniebänder, um den Leib Rotangstreifen, führten aber keinerlei Waffen mit sich. Leider waren sie so furchtsam, daß sie sich nicht bis an den Dampfer heranwagten, sondern plötzlich Reißaus nahmen und selbst die roten an Flaschen gebundenen Zeugstreifen, welche ich ihnen zuwerfen ließ, nicht beachteten. Dies sonderbare Benehmen hatte sicherlich nicht in früheren Besuchen von Arbeiterschiffen seinen Grund, wie dies sonst meist der Fall ist, sondern die Leutchen mochten überhaupt noch kein Schiff und Weiße gesehen haben, da sie allem Anschein nach nicht an der Küste, sondern weiter im Inneren zu Haus gehörten. Dafür sprachen die Form der schlechten Kanus und Paddel, die nur für Flußfahrten tauglich schienen, sowie die Armseligkeit der schuppenartigen Hütten am Ufer, die nur einem vorübergehenden Aufenthalt dienen mochten. Diese Ansicht wurde ziemlich zur Gewißheit, als wir ein paar Tage später den Platz wieder besuchten und zu unserem Erstaunen denselben völlig verlassen fanden; nur unsere Stimmen machten den Urwald widerhallen! So entging mir leider die Bekanntschaft dieser gewiß interessanten Eingeborenen; wiederum ein Beweis, daß ein Reisender jede Gelegenheit benutzen soll. Aber bei unserem ersten Besuche konnten wir uns aus Rücksicht für die Weiterreise nicht lange aufhalten und damals natürlich nicht voraussehen, das Nest später leer zu finden. Jedenfalls wohnen diese Eingeborenen weiter aufwärts am Flusse und kommen nur gelegentlich der Fischerei wegen bis ans Meer. In der That fanden wir die Küste von Herkules-Bai bis zum Mitrafels total unbewohnt, selbst solche Lokalitäten wie Kriegsgesang-Huk (Warsong-Point) und Verräter-Bai (Traitors-Bay), wo der »Basilisk« vor zehn Jahren noch zahlreich bevölkerte Dörfer angetroffen hatte. Die herausfordernde Haltung der Eingeborenen, welche Moresby damals zwang auf dieselben zu schießen, war die Veranlassung des odiösen Namens, zu dem übrigens bemerkt sein mag, daß niemand zu Schaden kam, und daß ein einziger Schuß die Krieger in wilde Flucht jagte. Wie ein zweiter Besuch dieses Gebietes lehrte, ist die von Moresby beschriebene Verräter-Bai, in welcher der Basilisk ein paar Tage verweilte, um Feuerholz zu schlagen, wohl nicht identisch mit der großen, gleichnamigen der Karten, sondern nur eine sanfte Buchtung wenige Meilen westlich vom Clydefluß. Sie verdient einen eigenen Namen und mag als »Basilisk-Bucht« unterschieden werden. Die südöstliche flache Huk ist Ambush-Point von Moresby und 5½ Meilen W. bei N. von Kap Ward-Hunt. Wir lagen hier im April des folgenden Jahres (1885) mit der Samoa zu Anker, an einer Stelle, die ganz mit Moresbys Beschreibung übereinstimmt. Ich machte von hier eine Bootexkursion, die ich gleich an dieser Stelle mit einfügen will. Wie der Clyde östlich von Basilisk-Bucht, so mündet ein ähnlicher durch eine Barre versperrter Fluß westlich von derselben, den ich »Bleichröder« benannte. Beide Flüsse sind übrigens möglicherweise nur Arme eines weit größeren, in der eigentlichen Verräter-Bai mündenden Flusses, den ich »Spree« benannte, denn dieses ganze Mündungsgebiet scheint ein Delta zu sein. Das niedrige Land hat ein sumpfiges Ansehen und ist vegetativ durch vorherrschende Bestände von Kasuarinen ausgezeichnet, welche meist den unmittelbaren Ufersaum bilden. Dieser durch seine schwarzgrüne Belaubung am meisten an Nadelholz, zumal an unsere Lärchen, erinnernde Baum, wird für dieses Gebiet besonders charakteristisch und scheint in sumpfigem Terrain heimisch. Die Bäume selbst standen übrigens keineswegs dicht, waren nicht sehr hoch und hatten ein kränkliches Aussehen, wahrscheinlich infolge der Lianen, welche die meisten Bäume bedeckten und sie nach und nach töten. Je tiefer wir in die Bai hineinkamen, die an fünf Meilen breit sein mag, um so großartiger gestaltete sich das Vegetations- und Landschaftsbild. Eine breite Barre, auf der mächtige Treibholzstämme die Untiefen, gleich Schiffahrtszeichen, markierten, versperrte den größten Teil des Mündungsgebietes und ließ nur einzelne für Boote passierbare Kanäle frei. Wir gingen den östlichsten, hart am rechten Flußufer laufenden hinauf, der für sich selbst einem kleinen Fluß glich und wenigstens im Anfange eine beträchtlich starke Strömung zeigte. Gewaltige Laubbäume, die oft so dicht mit großblättrigen Schlingpflanzen bedeckt waren, daß sie förmliche Waldkulissen darstellten, untermischt mit einer nicht sehr hohen schlankstämmigen Palme, einer Cycasart ähnlich, bildeten den Hauptteil der üppigen Urwaldsvegetation. Selbstverständlich fehlte es nicht an der im Wasser wachsenden Nipapalme, die mit ihren gewaltigen Wedeln und kolossalen Früchten sich oft zu großen, boskettartigen, grotesken Gruppen vereinte, während anscheinend grüne Wiesenufersäume oder Inseln sich bei näherer Untersuchung als eine acht bis zehn Fuß hohe, das Wasser ca. zwei Fuß überragende, Grasart erwiesen. Der zwischen 30 bis 50 Fuß breite Flußarm breitete sich zuweilen zu weiten, teichartigen Wasserbecken aus, in welche verschiedene Kanäle mündeten, und es war bei der allmählichen Strömungsabnahme nicht leicht in der Hauptader zu bleiben. Der Gedanke, in vorher nie betretene Gebiete einzudringen, erzeugt selbst bei Erfahrenen ein seltsames, prickelndes Gefühl, das sich beim Befahren eines neuen Flusses noch bedeutend erhöht.

Bei jeder Biegung hofft man auf etwas Neues, erschaut aber fast ausnahmslos dieselbe Einförmigkeit, denn beinahe alle solche, durch urwaldbedeckte Ebenen, fließenden Wässer zeigen denselben Charakter. Wie sehr schien nicht gerade dieses Flußgebiet zum Aufenthalt von Krokodilen geeignet; aber auch hier blieb mein sehnlichster Jägerwunsch, ein solches Ungetüm zu erlegen, unerfüllt. Lautlos glitt unser Boot über den Wasserspiegel, auf dem sich nicht einmal Reiher, Purpurhühner oder anderes hier zu erwartendes Geflügel zeigte. Wie gewöhnlich blieb es bei Papageien, Tauben, Glanzstaren und Raben, welche den Uferwald, übrigens auch unerreichbar für unsere Gewehre, belebten, mich aber nicht reizten, denn alles waren bekannte Arten. Auf Paradiesvögel darf man im Flachland kaum rechnen, da sie den Bergen angehören. Weiterhin schienen solche das Delta zu begrenzen, und hier wohnen jedenfalls auch die Menschen, von welchen wir am Fluß auch nicht eine Spur bemerkten, denn mit dem Glase sah man an den Bergen deutlich Kokospalmen, und wo diese, sind auch Menschen.

Leider konnten wir nicht bis zu ihnen vordringen und mußten uns mit dieser flüchtigen Rekognoszierung begnügen, zu der in ausgedehnterer Weise eine Dampfbarkasse nötig gewesen wäre. Jedenfalls ist dieser Fluß, von dem wir nur einen unbedeutenden Nebenarm kennen lernten, recht ansehnlich. Eine genauere Erforschung desselben dürfte sich sehr nützlich erweisen und vielleicht für kleine Fahrzeuge eine Wasserstraße ergeben.