Als wir mit Einbruch der Dunkelheit an Bord zurückkehrten, bereiteten uns abermals fliegende Hunde, aber einer anderen Art als der auf der Insel gesehenen angehörend, ein seltenes Schauspiel, das namentlich für den Zoologen interessant und neu war. In großer Anzahl umschwärmten sie das Schiff und schossen zuweilen aus der Luft bis zur Wasserfläche herab, wie Seeschwalben die nach Fischen stoßen. Fliegende Hunde (Pteropen), welche fischen? Davon ist wohl noch nie berichtet worden, und ich will die Gewähr dafür auch nicht übernehmen. Denn jedenfalls hatte das auffallende Gebaren der Tiere nichts mit Fischen zu thun. Es gelang uns leider nicht ein Exemplar zu erbeuten, um durch Untersuchung des Magens die Sache aufzuklären. Vermutlich nippten die Tiere nur Seewasser, um zu trinken.
Doch kehren wir wieder zu unserer Reise auf die Samoa zurück, welche sich dem südöstlichen Endziele, dem Mitrafels nähert. Er ähnelt von weitem einem Pfeiler und besteht aus einem isoliert aus dem Meere aufsteigenden, etwa 40–50 Fuß hohen, kegelförmigen Felsen, der auf dem Scheitel mit grünem Buschwerk bewachsen ist. Riff verbindet ihn mit der etwa eine Meile entfernten Küste, dem Kap Ward-Hunt[43] Moresbys. Es wird von einem etliche hundert Fuß hohen Bergrücken gebildet, der steil bis zum Meere abfällt, und dessen dichte Bewaldung sich durch den Mangel von Kasuarinen auszeichnet. Sehr nahe der Küste steht ein zweiter, weit niedriger Felsenpfeiler, gleichsam als Wächter des großen. Es giebt wohl kaum einen so charakteristischen, leicht zu erkennenden Punkt als Mitrafels, der wie eine natürliche Bake weithin sichtbar ist. Die Kommission, welche später die deutsch-englischen Grenzen feststellte, hätte keinen besseren Markstein wählen können, dessen Wichtigkeit als solcher mir schon bei diesem ersten Besuche klar war. Mitrafels bezeichnet übrigens mit ziemlicher Genauigkeit den 8. Grad südlicher Breite, ist also auch deswegen interessant. Was wir westlich vom Grenzfelsen sahen erschien nicht sehr verlockend, soweit das Auge reicht steil abfallende, bewaldete Bergketten, und wie wir später sehen werden, hat Deutschland jedenfalls den besseren Teil erwählt. Das Deltagebiet zwischen Clyde und Spree scheint gutes Land, aber ziemlich sumpfig zu sein, obwohl sich darüber nach einem flüchtigen Besuche nicht entfernt entscheiden läßt.
Mitrafels aus Nordwest.
Ich landete diesmal in der Nähe von Alligator-Point Moresbys, an einer Stelle, wo anscheinend verlassene Hütten die Neugier besonders rege machten; vielleicht konnten wir dennoch Eingeborene hier antreffen! Heftige Dünung erschwerte das Landen und nötigte das Boot wieder vom Ufer abzuhalten, welches wir nur zu zweien, von einem schwarzen Jungen begleitet, durchstreiften. Ängstlich prüfte das scharfe Auge des letzteren den schwarzen Ufersand nach Menschenspuren, aber nirgend zeigte sich ein Fußtritt, und nur Eidechsen und Krabben hatten ihre bekannten Schlängelspuren zurückgelassen. Die etwa neun Hütten ähnelten in der Form ganz den am Herkulesflusse gesehenen und waren nichts als rohe, mit Blättern der Nipapalme bedeckte Stangengerüste, 10 bis 30 Fuß lang und etwa mannshoch. Niedrige Bänke aus gespaltenen Stangen deuteten an, daß diese Hütten als Schlafstätten benutzt worden waren; sonst fand sich nichts bei denselben als ein paar verkohlte Holzstücke und Fetzen alter Kokosnußfaser. Da diese Palme selbst an dieser ganzen Küste nicht vorkommt, so sprachen diese Reste nur zu deutlich von gelegentlichen Besuchen der Inlandsbewohner, wie ich dies schon im Vorhergehenden erwähnte. Aber wo mochten die Menschen, welche Moresby vor 10 Jahren noch so zahlreich hier antraf, hingekommen sein, und von deren Dörfern wir selbst keine Spur mehr entdeckten? Schon das Fehlen von Kokospalmen schien diese Frage zu beantworten, noch mehr der Charakter des uns vorliegenden Landes, das eben nicht sehr versprechend aussah. Das was uns von weitem als Gras erschien, erwies sich als dichtes, auf dem Sande hinkriechendes Windengeranke, der Uferwaldsaum als sehr schmal, und hinter ihm dehnte sich sumpfiges, reichlich mit Nipapalmen und anderen Bäumen bestandenes Land aus, das zu betreten durchaus nutzlos gewesen wäre.
Wiederum hatten wir auf unserer Reise nordwestwärts imposante Gebirgsbilder, mit grellen Tinten in Schwarz, Violettschwarz, Dunkelblau und zartem Grün vor uns, ja eine frühe Morgenstunde zeigte uns einmal in der Gegend von Traitors-Bay, fern, fern in Südwest ein Hochgebirge, das wohl kein anderes als die Owen-Stanleykette sein konnte. Trotz der Entfernung von etlichen 60 Meilen in der Luftlinie scheint bei der bedeutenden Höhe von über 13000 Fuß eine solche Annahme wohl möglich. Ich kannte zwar den Owen-Stanley von der Südostküste her sehr gut, aber wer vermöchte aus so großer Entfernung ein Gebirge wiederzuerkennen?
Adolphshafen mit Ottilienberg.
Wir hatten die Luard-Inseln wieder erreicht und versuchten es nochmals wenigstens einen Ankerplatz zu finden, und wurden diesmal durch die Entdeckung eines hübschen Hafens belohnt, (18. November 1884). Er bildet ein geräumiges, länglich rundes Becken mit gutem Ankergrund von 10 bis 20 Faden Tiefe, das rings von steilen bewaldeten Bergen umschlossen wird. Unter diesen zeichnet sich, wie die Skizze unten zeigt, besonders eine ca. 1000 bis 1200 Fuß hohe, pyramidenförmige Kuppe aus, welche W. S. W. die Einfahrt giebt. Ich benannte sie »Ottilienberg« nach Frau von, den Hafen selbst »Adolphshafen«, nach Herrn von Hansemann in Berlin, der bekanntlich die Samoa-Expedition ins Leben rief. Nach den Ortsbestimmungen Sechstrohs liegt Adolphshafen unter 7° 44′ Süd und 147° 44′ Ost. Wie sich schon die Einfahrt durch schmutzig gefärbtes Süßwasser auszeichnet, so der Hafen selbst, eine Eigentümlichkeit, die zur Reinigung eiserner Schiffe wichtig werden kann. Im übrigen ist die Umgebung des Hafens für Ansiedelung wenig versprechend. Das Vorland des westlichen Ufers erwies sich als sumpfiges, mit Pandanus, Kasuarinen, Ried und Binsen bestandenes Terrain, die zum Teil stagnierende Mündung eines Flusses, dessen Hauptarm nördlich von einer Landzunge herauszukommen schien. Auf der letzteren zeigten sich plötzlich etliche Eingeborene, von denen wir im Hafen selbst keine andere Spur als ein paar verfallene Gerüste gefunden hatten. Es waren sieben, anscheinend total nackte Männer, die gewaltige Schilde und Speere mit sich führten, uns aber durch Winken mit grünen Zweigen ans Land einluden. Das ging nun leider nicht, da um die Spitze der Landzunge eine gewaltige Strömung schoß und der einbrechende Abend uns zur Rückkehr an Bord nötigte, wo wir noch eben vor Eintritt der Dunkelheit eintrafen. Auf diese Weise profitierten leider die Entdecker des neuen Hafens selbst nicht einmal die Nachtruhe in demselben, sondern mußten wie gewöhnlich von der Küste abhalten, um sich recht gründlich durchschütteln und durchrütteln zu lassen, Eigenschaften, welche die kleine Samoa in schadenfroher Weise gerade diese Nacht mehr als je zum Ausdruck brachte.
Mit den Luard-Inseln beginnt jene tiefeinschneidende westliche Einbuchtung der Küste, welche 1793 von d'Entrecasteaux, nach seinem berühmten Landsmann Huon Kermadec, »Huon-Golf« benannt wurde, in welcher aber erst Moresby einige Punkte bestimmte und benannte. Er hielt sich hauptsächlich drei Tage lang in einer von ihm »Death-Adder-Bay«[44] benannten Bucht (7° 29′ S., 147° 25′ O.) auf, um Feuerholz zu schlagen, und schloß damit seine unvergleichlich wichtigen, für Neu-Guinea epochemachenden Küstenaufnahmen. Wir konnten denselben kaum etwas hinzufügen, denn böiges Wetter und trübgrün gefärbtes Wasser ließ es Steuermann Sechstroh rätlich erscheinen, außerhalb jener Reihe von Inselgruppen zu halten, welche sich von den Luard-Inseln bis Solitary-Island, in einem Abstande von drei bis sechs Meilen, über 40 Meilen parallel mit der Küste hinziehen. Sie sind alle klein, hügelig, dichtbewaldet, manche nur mit Buschwerk begrünte Felsen, und scheinen alle unbewohnt. Nur bei Saddel-Island (»Longuerue« von d'Entrecasteaux), der größten dieser Inseln, zwei ein halb Meilen lang und ca. 700 Fuß hoch, versuchten uns vergeblich ein paar Segelkanus einzuholen, und auf Solitary-Island bemerkte ich Kokospalmen, so daß vermutlich hier Menschen wohnen. Soweit wir die Küste zu sehen bekamen, besteht dieselbe aus steilabfallenden, dichtbewaldeten Bergen mit wenig Vorland, hie und da scheinen Buchten[45] einzuschneiden. Wie gern hätte ich dieselben untersucht! Aber Steuermann Sechstroh, auf dem die Verantwortung der Schiffsführung doppelt lastete, wollte von dem Insellabyrinth um so weniger etwas wissen, als sich nicht selten Brandung zeigte. Und unter unseren Verhältnissen war Vorsicht jedenfalls besonders geboten. Mit Solitary-Island hatten wir uns der Küste wieder genähert und bald Rawlins-Point von Moresby vor uns, wo eine schöne Bucht einschneidet, die ich Ki-Bucht benannte. Dieselbe wird nördlich von einer langgestreckten, bergigen, bewaldeten Insel begrenzt, die, wie wir später bemerkten, aber durch einen schmalen, dichtbewaldeten Streifen niedrigen Landes mit der Küste zusammenhängt und somit eine Landzunge bildet. Es ist Parsi-Point, von Moresby nach der eigentümlichen Kopfbedeckung der hiesigen Eingeborenen benannt, welche an die hohen Mützen der Parsis oder Feueranbeter erinnert, und welche die Abbildung veranschaulicht.