Mann von Parsi-Point.

Schon von weitem hatten wir an den Bergen Kulturflecke, d. h. Stellen urbar gemachten Landes, am Ufer endlich wieder einmal Kokospalmen bemerkt, und bald umringten uns die Eingeborenen selbst in zahlreichen, zum Teil mit Segeln versehenen, Kanus (Atlas VIII 6). Es waren nicht sehr dunkle Leute, von weniger negerartigem Typus als z. B. Neu-Britannier oder Salomons-Insulaner, die sich sehr manierlich betrugen, aber schon wegen ihrer geringen Bekleidung (vergl. Atlas XVI 4, 5) keinen guten Eindruck machten. Sie kamen singend und handelten singend, wahrscheinlich um sich Mut zu machen, denn viele zitterten vor Angst. Freilich mochten wohl die wenigsten je einen Weißen gesehen haben, denn keiner verstand nur ein Wort Englisch oder besaß irgend etwas von europäischem Tande. Aber Eisen schienen sie zu kennen, und als ich Hobeleisen zum Vorschein brachte, da erschallte einstimmiges Freudengeschrei, und »Ki, ki« (Eisen) war die Losung. Für die geringste Kleinigkeit verlangte man jetzt nur Eisen. Die braven sogenannten »Wilden« sind in der Regel sehr praktisch und im Handel nicht minder gewandt; auch bei ihnen gilt das Prinzip viel für wenig zu erhalten.

Die Parsen hatten übrigens allerlei hübsche Sächelchen, darunter oben anstehend breite Armbänder von Schildpatt mit zierlich eingravierten, sehr eleganten Mustern, wie ich dieselben schon ([S. 90]) von Astrolabe-Bai erwähnte, hübsche mit Muscheln besetzte Armbänder, Brustschmucke von Flechtwerk, zum Teil reich mit Hundezähnen verziert, und eigentümliche Schildpattohrringe (Atlas XVII. 5, 6). Von besonderer Kunstfertigkeit zeugten auch die in bunten Mustern filetgestrickten Tragbeutel (vergl. Atlas X. 3), wie Holzschnitzerei bei ihnen auf einer hohen Stufe steht. So z. B. die Verzierungen an den stattlichen, seetüchtigen Kanus, deren Seitenborde zuweilen buntbemalt waren (Atlas VII. 9). Die feingeschnitzten »Kopfkissen«, welche freilich wenig mit den unseren zu thun haben, verdienen ebenfalls besondere Beachtung. Sie bestehen nämlich nur aus einem soliden Stück Holz, das beim Schlafen als Stütze dient (vergl. Atlas III, 1), und sich in ähnlicher Weise bei vielen Völkern, z. B. auch in Afrika und China wiederfindet. Wie die zahlreichen, sehr gut gearbeiteten Fischhaken, die übrigens ganz mit solchen von Astrolabe-Bai übereinstimmen, und Netze zeigten, scheinen diese Eingeborenen tüchtige Fischer zu sein. Sie brachten aber auch etwas grünen Blättertabak, Bananen, wenige Kokosnüsse und boten mir als Freundschaftszeichen einen Hund an, den ich aber dankend ablehnte. Ich kannte die nächtlichen Heulkonzerte dieser lieben Tiere eben zur Genüge, um die ohnehin knapp bemessene Nachtruhe nicht noch durch einen solchen Störenfried schmälern zu lassen. Und bei allem Verlangen nach frischem Fleisch konnte mich doch Hundebraten, zu welchem Zweck das Geschenk bestimmt war, nicht reizen. — Merkwürdigerweise führten die Leute keinerlei Waffen mit sich.

Häuptlings-Haar.

Übrigens trugen nur die wenigsten die sonderbaren Parsenmützen aus Tapa (geschlagenem Baumbast), sondern die meisten das Haar unbedeckt, in allen möglichen Stadien der Entwickelung, von ganz kurz geschorenem, bis zu dem gewaltigen Zottellockenkopfe meiner Skizze. Derartiges Haar hatte ich noch nie bei Papuas gesehen! Es hing in 18 Zoll langen, bleistiftdicken, dichtverfilzten Strähnen, wie ungezupftes Roßhaar, bis zur Brustmitte herab, und die wenigen Träger solcher Haarmassen schienen große Leute, Häuptlinge, zu sein, wie ich dies noch öfters in Neu-Guinea bemerkte. Was war erklärlicher als der Wunsch ein paar dieser Locken des hehren Hauptes zu besitzen! Der Eigentümer hatte meine Pantomime richtig begriffen und trennte, noch ehe ich ihm eine Schere reichen konnte, mit eigener Hand einige seiner Staatslocken mit einem Steinbeil ab, das ich sogleich dazu kaufte. Im Museum für Völkerkunde zu Berlin sind diese Schätze jetzt zu sehen, für solche, die sich etwa dafür interessieren sollten.

Wie die Ki-Bucht[46] südlich, so begrenzt die Ungimé-Bucht nördlich die Parsi-Landzunge; aber wir konnten von beiden nur Einblicke gewinnen, denn zu einer Untersuchung fehlte uns die Zeit, und es drängte uns vor allen den Nordrand von Huon-Golf zu erreichen. Und daran war Moresby schuld, welcher diese Gegend, allerdings nur mit wenigen Worten, als gut bevölkert, reich an Palmen und Wasserläufen beschreibt. Wir fanden von all dem so gut wie nichts und unsere Erwartungen gar sehr enttäuscht. Der Charakter der Küste bleibt sich im großen und ganzen gleich: Berge und Gebirge, von der Sohle bis zum Gipfel dichtbewaldet, wie das Vorland, welches durch Zurücktreten der Berge zuweilen sich ansehnlich weit ausbreitet. In diesem Vorlande oder der Thalsohle bemerkt man gewöhnlich auch einen oder mehrere Flußläufe; es fehlt also nicht an Wasser. Allein alle diese Flüsse scheinen reißende Gebirgswässer, und ihre Mündung ist meist durch Barren oder andere Hindernisse versperrt. So wurde eine Meile von der Mündung des von Moresby »Markham« benannten Flusses viereinhalb bis fünf Faden Tiefe gefunden, wogegen an anderen Stellen der Dampfer oft so nahe dem Ufer ging, daß man fast Zweige von den Bäumen pflücken konnte, ohne daß Ankergrund zu finden war. Das Rawlinson-Gebirge[47] am Nordrande des Golfes ist übrigens wenig höher als die »Kuper-Kette« längs dem westlichen Ufer und mag zwischen 3000 bis 4000 Fuß ansteigen. Wir sahen die Kammlinie übrigens, selbst beim hellsten Sonnenschein, nur selten frei, dann aber drei hintereinander liegende Gebirgszüge, alle dichtbewaldet, wie dies fast ausnahmslos bei den Gebirgen der Fall ist. Das eintönige, dunkle Grün ermüdet durch seine Einförmigkeit sehr bald, denn vergebens forscht das Auge nach grotesken und malerischen Felspartien, steilen Schründen und Schluchten und dergleichen Abwechselung.

Wenn das Vorherrschen von Wäldern übrigens Kultivationen in Huon-Golf zu erschweren scheint, so dürfte möglicherweise diese Fülle an Holz zu verwerten sein und, sofern dasselbe Brauchbares liefert, sich vielleicht die vorhandenen Wasserkräfte zur Anlage von Sägemühlen gut verwenden lassen.

Was die Bevölkerung anbelangt, so ist dieselbe, wie wir gesehen haben, eine sehr geringe und Parsi-Landzunge scheint das Hauptcentrum nicht nur für Huon-Golf, sondern bis Mitrafels, innerhalb eines Küstengebietes von ca. 150 Meilen. Möglicherweise ist aber das Inland bevölkert. Abgesehen von einzelnen Hütten, mehrten sich die Anzeichen des Vorhandenseins von Eingeborenen, erst als wir uns im östlichen Ende des Nordrandes von Huon-Golf, False-Island, näherten. Hie und da zeigten sich kleine Gruppen, meist kränklich aussehender, Kokospalmen, zuweilen Häuser unter denselben, an den steilen Berghängen eingezäunte Plantagen. An einer Stelle kamen auch eine Menge Kanus mit Eingeborenen ab, die im Aussehen und allem was sie besaßen, ganz mit den gestern bei Parsi-Landzunge gesehenen übereinstimmten. Wie diese boten sie vorzugsweis gut gearbeitete Fischhaken (ganz mit denen auf Tafel IX des Atlas übereinstimmend) zum Kauf an, sprachen aber eine ganz andere Sprache, in welcher das Wort »Kas« wie in Port Konstantin Tabak bezeichnete. Ein Mann trug drei Ringe kleiner grüner krystallfarbener Glasperlen in der Nase, das Erste was ich auf dieser ganzen Reise an europäischen Erzeugnissen bemerkte.