Die Ostspitze von Huon-Golf bildet das von d'Entrecasteaux benannte »Kap Cretin«, ein schwierig auszumachender Punkt, indem gerade hier einige kleine, dichtbewaldete Inseln hart an der Küste liegen, von denen wahrscheinlich die südlichste das bewußte Kap ist. Aber die Bestimmungen der älteren Seefahrer sind meist sehr oberflächlich und unzuverlässig.

Mit Kap Cretin erhält die Landschaft übrigens wie mit einem Schlage ein anderes Ansehen. Statt der höheren, dichtbewaldeten Gebirge in Huon-Golf begrenzen hier niedrige, nur etliche hundert Fuß hohe Hügelreihen das Ufer, auf denen hellgrüne Hänge und Matten mit größeren und kleineren, dunkelgrünen Wäldern, Hainen und Baumpartien in der mannigfachsten Weise abwechseln. In der That eine gar liebliche und versprechende Gegend, wie wir sie bisher in Neu-Guinea nicht erschauten. Sie macht ganz den Eindruck eines verwilderten Parkes, und es fehlen nur Villen, geebnete Wege und Viehherden, um sich an die Ufer eines heimischen Sees versetzt zu fühlen, denn der Charakter der Vegetation hat gar nichts Tropisches. Nur hie und da sieht man eine kleine Gruppe Kokospalmen am Ufer, aber keine Niederlassungen dabei. Dagegen zeigen die zahlreichen und oft ausgedehnten Pflanzungen in den Bergen, daß die Gegend ziemlich gut bevölkert sein muß, wenn sich auch nur selten ein Haus erkennen läßt. Interessant war es mir, auch hier Baumhäuser, in der Art der Kohoros an der Südostküste, wahrzunehmen. Die Dörfer mögen eben versteckt in den Schluchten und Buchtungen liegen und sind von See aus nicht sichtbar. Dagegen erkennt man deutlich schon die Anfänge jener Terrassenbildung, welche westlich von Festungshuk so prägnant hervortritt, und die ich bereits eingehend beschrieb. Auch das zum Teil steile Felsufer zeigt unverkennbar die korallinische Bildung, welche ich in Huon-Golf nirgends beobachtete, wo überhaupt ganz andere geologische Verhältnisse zu herrschen scheinen.

Finschhafen aus Süd.

Gleichwie in einem Zaubermärchen eine neckische Fee die verheißene Prinzessin erst nach vielen Prüfungen erringen läßt, so erging es uns an dieser Küste bezüglich eines Hafens oder Ankerplatzes überhaupt. Denn wir alle sehnten uns nach wenigstens einer ruhigen Nacht, die wir nach anstrengender Tagesarbeit wohl bedurften. So an dreizehn Stunden, oft länger, auf Deck zu stehen, unausgesetzt durchs Fernrohr zu sehen, Notizen zu machen, und diese dann noch ins Reine zu schreiben, ist eben kein Kinderspiel. Und das Sprichwort »nach gethaner Arbeit ist gut ruhen« war der kleinen »Samoa« durchaus unbekannt, die ohnehin aufgeregt und nervös, sich von der leisesten Dünung zum wildesten Tanze verleiten ließ. Sie rollte und schlingerte eben ganz fürchterlich, zumal wenn abends Dampf abgeblasen und die Schraube außer Thätigkeit gesetzt worden war. Kein Wunder, daß selbst dem Seemann diese kontinuierliche Nachtschunkelei zuviel wurde, denn die »Samoa« machte es wirklich oft zu arg. Und dann wollten wir doch auch gern den Kriegsschiffen einen guten Hafen anbieten, da Adolphshafen zu weit ablag und uns überhaupt nicht genügend erschien. Wir hatten daher unsere ganze Hoffnung gerade auf diese Küste gesetzt, die allerdings sehr wenig aussichtsvoll schien. Hinter False-Island geht zwar eine Bucht hinein, aber sie ist zu klein und die Untersuchung der weit versprechenderen Inseln von Kap Cretin[48] konnte nicht ausgeführt werden, denn entweder fiel gerade eine Bö ein oder wir vermochten dieselben überhaupt nicht zu erreichen. Und daran war der Nordweststrom schuld, welcher sich gerade an dieser Küste, namentlich bei Festungshuk, in einer Stärke von zwei bis drei Meilen die Stunde so sehr bemerkbar macht. Er versetzte uns in der einen Nacht bis hinter Festungshuk, in der folgenden gar bis in die Nähe der Low-Islands bei Rook, 30 Meilen zu Nord von dem Punkte, an welchem wir bei Anbruch des Tages zu sein hofften. Da hatten wir freilich ein unvergleichlich prächtiges Panorama der Küste mit dem Terrassenlande vor uns, aber es dauerte immer lange, ehe dieselbe wieder erreicht wurde. So gelangten wir erst am vierten Tage an eine bestimmte Stelle, etwas Nord von Kap Cretin, wo sich eine Öffnung, oder wie der Seemann sagt, ein »Loch«, in der Küste zeigte, welche der Untersuchung wert schien. Ich hatte es schon bemerkt und skizziert, als wir diese Küste zum erstenmale passierten, aber nicht gedacht, daß es die Einfahrt zu einem später bekannten Hafen (vergl. Abbild. [S. 161]) sein würde.

(S. 162.)

Moru in Finschhafen.

Infolge der Enttäuschungen der letzten Tage war mein Zutrauen freilich gering, als ich mit Obersteuermann Sechstroh ins Boot stieg, aber kaum waren wir etwas tiefer in die weite sackartige Bucht gekommen, da tönte es häufiger hin und wieder: »Sieh! nicht übel! — tein Fam! — ganz famos! nich? — twalf Fam! — wer hätte das gedacht? — sestein Fam!« u. s. w. Vor uns lag eine Landzunge mit einem Hause ganz wie dies meine Skizze zeigt, wie wir später erfuhren Moru genannt, wo wir zunächst landeten. Aber die Eingeborenen, mit denen ich noch kurz zuvor in See gehandelt hatte, waren uns in ihren Kanus vorausgeeilt, nicht uns festlich zu empfangen, sondern um schleunigst auszureißen. Das mußte in gar großer Eile geschehen sein, denn hier stand noch ein Topf mit Essen auf dem Feuer, dort quiekte ein Ferkelchen oder knurrte ein junger Hund, da selbst diese erkorenen Lieblinge der Damen in der Eile vergessen worden waren. Wir fanden noch ein paar Häuser im Dickicht der Halbinsel, aber alles Rufen und Schreien nach ihren Insassen blieb erfolglos. Sie hatten sich rückwärts konzentriert, und zwar zu Wasser; denn hinter der Halbinsel setzte sich das äußere Hafenbassin in ein zweites schmäleres fort. So begnügte ich mich damit hie und da bei den Häusern kleine Geschenke niederzulegen, nicht wie es sonst so häufig von sammelnden Forschern geschieht, als Entgelt für mitgenommene Ethnologica, sondern nur, um den Leutchen unsere guten Absichten zu zeigen. Und dafür mußten auch die roten Bändchen sprechen, mit denen ich verschiedene der kleinen Borstentiere geschmückt hatte, was die gute Wirkung nicht verfehlte. »Wer unsere Schweinchen liebt, liebt uns« mochten die Papuas denken; und so war gleich von Anfang an das beste Einvernehmen hergestellt. Für jetzt hatten wir keine Zeit uns mit den neuen Freunden abzugeben, denn wir mußten wieder hinaus, um die »Samoa« zu holen, die noch an demselben Abend (Sonntag den 23. November 1884) in den neuen Hafen in 11½ Faden Mudd zu Anker ging.