Finschhafen.
Ich hatte denselben in meinem Tagebuch »Deutschland-Hafen« genannt, aber die Herren Kommandanten unserer Kriegsschiffe erwiesen mir die Ehre, ihn nach mir »Finschhafen« zu taufen, so daß auch mein Name[49] mit einem Punkte in Deutsch Neu-Guinea verknüpft ist.
Die beigegebene Kartenskizze nach den Aufnahmen S. M. Kanonenboot »Hyäne« (Kommandant Kapt.-Lt. Langemack) überhebt mich einer weiteren Beschreibung. Es genügt zu sagen, daß der Hafen ringsum von einem Mangrove-Waldgürtel eingefaßt wird, die Umgebung aber aus sanft ansteigenden Hügeln und Bergen bis vielleicht 1200 Fuß Höhe mit parkartigem Charakter und gutem Boden besteht, wie die Plantagen der Eingeborenen am besten zeigten. Auch an Süßwasser und zwar murmelnden Gebirgsbächen mit trefflichem Trinkwasser fehlt es nicht, so daß sich hier eine Menge günstiger Verhältnisse zur Niederlassung von Europäern in seltener Weise vereinen. Dazu gehörten auch vor allen Dingen die klimatischen Vorzüge dieses Platzes, die mir selbst bei dem kurzen Aufenthalte anderen Plätzen gegenüber sehr günstig erschienen und sich in der That seither trefflich bewährt haben. Ja, wo würde sich am besten anfangen lassen? »Die kleine Insel Madang ist jedenfalls der am meisten gesicherte und am leichtesten gegen die Angriffe der »Wilden« zu verteidigende Punkt« denkt der Neuling. »Ach was! Wilde!« antwortet der Praktiker, »mit denen wollen wir schon fertig werden! botter the natives! Oben am Berge ist es jedenfalls besser und gesunder! Und wenn die Eingeborenen auch sonst nicht viel taugen, einen Weg werden sie schon noch mit anlegen helfen, dazu ist ihnen Bandeisen noch zu verlockend. Und später wird man doch gleich Pferde herbringen müssen.« — »Pferde? Und die sollen das harte mannshohe Gras fressen?« frägt wieder der Neuling. »Natürlich! und gern dazu!« antwortet der Praktiker, welcher das treffliche Gedeihen dieser Tiere unter schlechteren Verhältnissen bei Port Moresby kennen lernte. »Freilich, das »Regierungsgebäude« wird am besten auf der Halbinsel liegen, die Arbeiterwohnungen auf der Insel — und« — so und in ähnlicher Weise gingen mir die Gedanken durch den Kopf. Hatte ich doch zunächst über Brauchbarkeit des Platzes nicht nur als Hafen, sondern überhaupt zu berichten. Und je mehr ich denselben kennen lernte, um so mehr wurde es bei mir zur Gewißheit: »hier laßt uns Hütten — und Häuser bauen«! Aber aus recht gutem Holz, damit sie nicht gleich von den weißen Ameisen gefressen werden. Denn »billig und schlecht« rächt sich in den Tropen am meisten und in jeder Weise. Freilich am Hafen als solchen fand Kapitän Dallmann später einiges auszusetzen, namentlich, daß er gegen den Nordwest völlig offen sei, aber da konnten ja gewisse Verbesserungen geschehen, und dann bot ja, schon nach unseren ersten Auslotungen, das hintere Hafenbassin für kleinere Fahrzeuge mit ca. 9 Fuß Tiefgang vollkommene Sicherheit. Dasselbe zeigte bei näherer Untersuchung südlich noch ein drittes sackartiges, kleineres Endbassin, welches, wie andere seichte Stellen des Hafens, durch ein Fischwehr der Eingeborenen abgesperrt war. Hier zeigte, bei geringer Tiefe von ein bis zwei Faden, der Meeresgrund ein reiches Tierleben: weiße, bräunliche und rötliche Korallen, zwischen deren Verästelungen herrlich saphirblaue und schwarz und weiß gestreifte Fischchen spielten, häßliche, schmutzig grüne, gelbgestreifte Seewalzen (Holothurien) ihren plumpen Körper ausstreckten und große stachlige Seeigel neben schön buntgefärbten kleinen Seesternen ein friedliches Dasein führten. In der That ein natürliches Aquarium, wie man es sich schöner nicht denken konnte, obwohl es immer noch weit hinter jenen Schilderungen überschwenglicher Beschreiber zurückblieb, die wahrscheinlich selbst lebende Korallriffe wohl nicht gesehen haben.
Den meist aus Mangrove bestehenden Uferwaldsaum fanden wir glücklicherweise überall nur schmal. Gleich hinter ihm dehnt sich schönes Land mit fettem schwarzen Boden aus. Hier liegen die Plantagen, in welchen hauptsächlich Taro, Bananen und Zuckerrohr, auch etwas Tabak gezogen wurde, und die auch hier die musterhafte Ordnung und den Fleiß der Eingeborenen bekundeten. Die Ostseite des Hafens wird, wie ich später vom Berge aus sehen konnte, von einer schmalen Halbinsel, Salankaua, gebildet, hinter der sich südlich noch eine zweite Bucht zeigte. Das flache Uferland hat übrigens nirgends bedeutende Ausdehnung, sondern steigt bald zu Hügeln an, welche aus gehobenem Korallfels oder Kalkstein überhaupt bestehen und deutlich terrassenförmige Bildung erkennen lassen. Wie im eigentlichen Terrassenlande sind auch diese Erhebungen mit schwarzer Erde und Büschelgras bedeckt, das je höher nach oben, um so feiner wird. »Ja, hier müßten Pferde, noch besser Esel oder Maultiere, trefflich leben und sich mit solchen überall leicht hinkommen lassen können! Und wie wäre es mit Zebus, den leichtfüßigen, leicht zu ernährenden Zwerg-Zebus, die ich von Ceylon her kannte? Ja, die wären noch besser und billiger; hier!« — »Hier wird nicht in Zukunftsmusik gemacht, sondern aufs Meer geschaut«, unterbrach der mich begleitende Eingeborene meine Reflexionen, nicht mit Worten, sondern Pantomimen, indem er mit der Hand aufs Meer hinauswies. Und richtig: ein kleines schwarzes Pünktchen mit Rauch; kein Zweifel, unsere Kriegsschiffe! Hurra!
Selbstredend eilten wir so schnell als möglich den Berg hinab an Bord, und bald dampfte die Samoa mit 150 Schraubendrehungen in der Minute in See, als gälte es die Konkurrenz von Bugsierdampfern zu schlagen. Die »Hyäne« kam übrigens allein, denn eine Menge Fieberfälle hatten es Kommandant Schering rätlich erscheinen lassen, Friedrich-Wilhelms-Hafen wie Neu-Guinea überhaupt möglichst rasch wieder zu verlassen und nach Mioko zurückzukehren. Von hier setzte die Elisabeth, an deren Bord sich allein etliche vierzig Kadetten befanden, die Reise nach Japan fort.
Kapt.-Lt. Langemack, der uns Kapitän Dallmann wieder mitbrachte, war natürlich über den funkelnagelneuen Hafen sehr erfreut, denn er brauchte gerade einen solchen, um Feuerholz zu schlagen, da seine Kohlen sehr auf die Neige gingen. Nun, Holz gab es ja, Gott sei Dank, in Hülle und Fülle und umsonst! Gleich auf der Halbinsel gegenüber dem Ankerplatz der »Hyäne« lagen bereits einige alte Waldriesen am Boden, die nur zersägt und zerhauen zu werden brauchten. Aber mit etlichen Kappbeilen läßt sich nicht viel schaffen, und anderes hatte S. M. Kanonenboot nicht an Bord. Glücklicherweise konnte die Samoa mit schweren amerikanischen Äxten und großen Sägen aushelfen, und bald ging es an ein fröhliches Baumfällen und Holzspalten, wobei sich »all hands«, auch die Herren Offiziere beteiligten, daß es eine Lust und Freude war.
Da hatten die biederen Eingeborenen, nachdem sie sich über den ersten Schreck des großen neuen Schiffes und die vielen weißen Menschen beruhigt, wieder etwas zu sehen und wohl noch nie eine so bewegte Zeit als diese erlebt; fast wußten sie nicht, wo zuerst anfangen. Und nun gar, als eine stattliche Abteilung Matrosen in Waffen auf der Flaggenhalbinsel, dem sonst so stillen Moru, landete und die Feierlichkeit des Aufhissens der deutschen Reichsflagge stattfand (27. November), wozu ich schon die vorgehenden Tage eingeladen hatte. »Nur ruhig, Kinder! es geschieht euch ja nichts! recht so! immer ran und hiergeblieben!« Und sie blieben, bis das Kommando zum Aufpflanzen der Seitengewehre gegeben wurde. Das konnten sie nicht vertragen und es kostete mir viele Mühe wenigstens die Beherzteren wieder zusammenzubringen, da setzte der Hornist sein Instrument an den Mund, ein »teterädä«! und weg waren meine Helden wie weggeblasen. Ja freilich, ich habe Eingeborene auch vor dem ausgespreizten Stativ mit der Camera obscura ausreißen sehen! Und die Furcht der hiesigen Eingeborenen war um so erklärlicher, da sie wohl kaum vor uns einen Weißen bei sich gesehen hatten. Wenigstens fand ich nie nur eine Glasperle bei ihnen, wie außerdem nur in dem einen erwähnten Falle in Huon-Golf. Diese Glasperlen waren jedenfalls nicht durch Labourtrader hierher gelangt, welche jene ungangbaren Sorten wohl nie führen. Denn auch in dieser Richtung herrscht bei den Eingeborenen ein sehr verschiedener Geschmack, und oftmals finden solche Sorten, welche wir für die besten und teuersten halten, bei den guten Naturkindern gar keinen Beifall.
Ja, Naturkinder! und zwar solche der besten Sorte, die noch unbeleckt von der Civilisation, ja ungewohnt des weißen Mannes, dennoch in kürzester Zeit gelernt haben, mit ihm umzugehen, zu feilschen, zu schachern, aber nicht für ihn zu arbeiten, als solche zeigten sich die Bewohner von Finschhafen damals voll und ganz. Der Verkehr mit ihnen war also nicht schwer, denn sie begriffen leicht, wo sie begreifen wollten, und wurden bald so zutraulich, daß sie uns in ihren Dörfern nach und nach das schöne Geschlecht zeigten, weil dabei doch stets einige Glasperlen (Gemgem) und andere Kleinigkeiten abfielen. Denn »Nehmen ist seliger als Geben« scheint auch dem Kanaker in der Schule des Naturmenschen die eigentliche Lebensweisheit; ein Spruch, der sich ja wie ein roter Faden durch das ganze Kanakertum der Menschheit zieht, wie das Nehmen überhaupt. »Fehlt Ihnen vielleicht eine Ölkanne?« fragte ich den Maschinisten, als ich eine solche auf dem breiten Schnabel eines längsseit liegenden Kanus stehen sah. »Nee! — ja doch! der Kerl hat sie gestohlen!« lautete die Antwort. »Gott bewahre! nur mitgenommen, vermutlich als Andenken, denn wäre dieser Sohn der Natur ein bewußter Dieb, er würde das Corpus delicti doch nicht so offen hinstellen«. Natürlich langte der freundliche Mann die Ölkanne gleich wieder herauf mit einer Miene, als wenn er sagen wollte: »Entschuldigen Sie gütigst! Ich wußte nicht, was das Ding war und erlaubte mir nur, es etwas näher ansehen«! Noch ein anderer Fall. Ich vermißte eines schönen Morgens mein Etui mit Bleistiften. Natürlich konnte es ja nur gestohlen worden sein und zwar am Abend zuvor in dem Dorfe Ssuam, wo ich unter der andächtigen Zusicht der Bewohner skizziert hatte. Als nun all die Kanus der Ssuamiten mit Anbruch des Tages versammelt waren, da sprach ich zu dem Volke: — »Ja, konnten Sie denn in den paar Tagen schon mit ihnen sprechen«? Natürlich! ich hatte bereits an 150 Wörter aufgeschrieben, und das bedeutet für eine Kanakersprache, in welcher man mit 350 bis 400 Wörtern schon einen Roman schreiben kann, immerhin etwas, und dann wo bliebe das Volapük, die Zeichensprache? Also das macht man so: man zeigt einen Bleistift und einen Finger; dann fünf Bleistifte und fünf Finger; öffnet und schließt im Geiste ein Kästchen, ganz wie es die Leute gestern gesehen hatten. Dann deutet man an, daß dieses Kästchen mit den fünf Bleistiften verschwunden sei, und sieht dabei einen recht scharf an, der wieder zurückblickt, als wollte er sagen: »Ich? nein, ich habe es nicht!« Das geht nun so die Reihe herum; Keiner hat es. Also das Kästchen muß im Dorf sein. »Er wird es irgendwo haben stehen lassen«, denken die Leute und zischeln miteinander; »sie werden sich untereinander verraten«, denke ich; und schon gehen ein paar Kanus nach dem Dorfe ab. Aber sie kommen mit leeren Händen zurück, deuten an, daß ein fremder Besucher das Ding mitgenommen haben müsse, denn bei ihnen sei es nicht, und alle scheinen sehr bestürzt über den Fall. »Heuchelei!« denke ich wieder, unter Meditationen über die Erbsünde, — da finde ich das Kästchen zufällig unter ein paar Büchern in der Kajüte, wohin es verlegt worden war. Ja, ja! Jedenfalls wissen diese Menschen recht gut, daß Stehlen immerhin unrecht ist, aber sie besitzen darin noch längst nicht das Raffinement des Weißen und lernten dasselbe erst. Denn Menschen bleiben Menschen und sind sich überall im großen und ganzen gleich. Jedenfalls haben diese Naturkinder so gut ihre Licht- und Schattenseiten, wie wir, doch merkt man von beidem weniger. Aber was diese Menschen vor allem so vorteilhaft auszeichnet ist ihre große Moral, wie ich dies bei allen noch unberührten Völkern gefunden habe. So kennen sie z. B. nichts von Trunkenheit und jenen bösen Krankheiten, welche unter anderem Cook als erstes, leider bleibendes Geschenk der Civilisation den guten Hawaiiern mitbrachte. Leidenschaftsloser als wir, sind sie auch glücklicher, das ist gar kein Zweifel, und ich muß immer über das Bedauern der civilisierten Welt lächeln, welche alle Menschen durch unsere Civilisation glücklich zu machen meint. Das geht eben nicht überall; am wenigsten können diese Naturmenschen mit einem Satze in die Civilisation, und dankbar für die Wohlthaten derselben, hineinspringen, wie man dies so häufig erwartet. Freilich den Tand des weißen Mannes nehmen sie gern, besonders das ihnen neue und so nützliche Eisen, aber das ist auch alles. Daß der weiße Mann, sofern er die Eingeborenen gut behandelt, gern gesehen ist, daß man ihm willig einen Platz zur Ansiedelung verkauft, um ihn festzuhalten, ist ja sehr erklärlich. Deshalb sind einzelne Missionäre und Händler die willkommensten und begehrtesten Fremden und werden in weit aus den meisten Fällen gut behandelt. Sie inkommodieren die Eingeborenen nicht, bringen stets etwas ein, und deshalb ist der »Schrei nach dem Evangelium« ein oft so lebhafter. Das bißchen Kirchegehen lernt sich bald, da braucht man nichts zu thun; und dazu ist der Kanaker stets bereit, denn so sehr pressiert ist er ja nie in seiner Zeit. Ganz anders verhält sich aber die Sache, wenn es sich um Arbeit handelt. Freilich, im Anfang da hilft der Eingeborene stets gern, freiwillig, fast ohne Entgelt. Es macht ihm Spaß mit neuen Werkzeugen zu hantieren, und alles arbeitet plötzlich mit einem Eifer, der leider nur zu schnell verfliegt. Bald verlangt der Eingeborene Bezahlung, wobei er auch gern auf Akkordarbeit eingeht, aber auch diese Periode geht rasch vorüber. Und warum? Hat nicht der Kanaker inzwischen an der Arbeit und dem daraus erzielten Gewinn Vergnügen gefunden, ist es ihm nicht zum Bedürfnis geworden? I Gott bewahre! Er hat eben bereits leere Bierflaschen, Glasperlen, Messer, Beile und dergleichen genug, und weiß sie selbst in dem engen Kreis seines Verkehrs nicht mehr unterzubringen, wozu sollte er mehr zusammenscharren? Fehlt es ihm doch eben an Bedürfnissen, und ehe sich nicht solche herausbilden, ist an ein Handinhandarbeiten des schwarzen und weißen Mannes in jenen Gegenden nicht zu denken. Auch das Gefühl der größeren Sicherheit unter den Fittichen des Weißen, mit seinen Schießgewehren und anderen energischen Waffen wird wohl nur in seltenen Ausnahmefällen ein Argument von Bedeutung für den Kanaker sein. Denn jede kleine Gemeinschaft derselben ist sich selbst genug, um ihr Besitztum wie die Vorfahren zu verteidigen — oder sie verändert eben den Wohnplatz. Und dann scheint ihnen so ein bißchen Kriegführen auch Spaß zu machen, ja, wie bei uns mangelt es auch ohne Zeitungen nicht an alarmierenden Nachrichten, und wie bei uns, kann es täglich losgehen. Freilich handelt es sich nicht um große Kriege, wobei Tausende ihr Leben einbüßen, wie bei uns, sondern nur um kleine Fehden, am liebsten Überfälle, wobei auf leichte Weise ein paar Menschen, ganz gleich ob Frauen oder Kinder, erschlagen werden. Denn das macht den Papua zum Mann, zum Krieger, und dieser regiert die Welt. Warum sollte es nicht auch im Kanakertum so ein bißchen Chauvinismus geben? sind die Leute doch so gut Menschen als wir, wenn es auch bei ihnen im großen und ganzen bei weitem friedlicher hergeht als bei uns. Denn auch Kanaker können nur im Frieden gedeihen oder sich wenigstens dann in einer gewissen Stärke erhalten und sind daher mehr friedliebend als kriegerisch. So leben sie, der Mehrzahl nach, ein stilles, ruhiges Völkchen, nach der Weise ihrer Väter, fleißig im Feld wie Handel, soweit es ihre Verhältnisse erheischen. Und diese bedingen wohl stets eine mäßige, unter Umständen vielleicht sogar angestrengte Thätigkeit, aber niemals das, was wir unter Arbeit verstehen. Der Kanaker, welcher noch nie einen Menschen vom frühen Morgen bis zur späten Abendstunde fast unausgesetzt arbeiten sah, wird einen solchen als Sklaven höchstens bemitleiden, — bewundern und ihm nacheifern nie! Wozu auch? Dazu ist er von seiner frühesten Jugend an viel zu sehr diejenige persönliche Freiheit gewöhnt, die ihn schon zeitig selbständig machte und auf eigenen Füßen stehen lehrte, und die für den Naturmenschen ein Gut ist, dessen Wert wir ebensowenig kennen, als er unseren rastlosen, nie ermüdenden Fleiß zu schätzen und würdigen versteht. »So wird sich also aus dem jetzigen Eingeborenen nie ein brauchbarer Mensch in unserem Sinne erziehen lassen?« Ja, wer das beantworten könnte? Erziehen vielleicht wohl, aber nur in der Jugend, und welche Zeit wird darüber hingehen! Denn selbst die redlichen und aufopfernden Arbeiten der Mission haben in jenen Gebieten nicht entfernt den Wandel geschafft, den man mit Recht gerade von diesem segensreichen Institut erwarten durfte. Darüber kann, trotz aller gegenteiligen Behauptungen, kein Zweifel[50] herrschen, am allerwenigsten bei denen, welche die Verhältnisse eingehender kennen zu lernen Gelegenheit hatten. Wirkliche Arbeiterschulen werden statt des nutzlosen sogenannten Schulunterrichtes jedenfalls besser wirken, aber auch hier stellen sich eine Menge Hindernisse entgegen, deren Erörterung mich hier zu weit führen würde.
Ja, so sehr sich auch die Eingeborenen über uns freuten und zum Bleiben aufforderten, mit ihrer alten Gemütlichkeit ging es zu Ende, sobald erst unser Nachschub dauernd hier Fuß gefaßt hatte, das war mir schon damals klar; aber das ist einmal so der Welt Lauf. Überall muß der sogenannte Naturmensch sich der Civilisation unterordnen oder derselben weichen, wenn ihm das erstere, wie dies fast ausnahmslos der Fall ist, nicht möglich ist. Deswegen braucht es noch nicht zu blutigen Kämpfen und einem Vernichtungskriege zu kommen, wenn auch kleine Reibereien stattfinden mögen, denn in diesem Lande ist noch gar viel Raum für Menschen. Wenn daher den eigentlichen Besitzern die neuen Eindringlinge unbequem zu werden anfangen, da giebt es ein einfaches Mittel, welches die Papuas Neu-Guineas gar wohl kennen und anwenden: auszuwandern! Sie gehen mit Sack und Pack, Kind und Kegel weiter inland oder in ihren Kanus nach einem anderen passenden Platze der Küste und die Sache ist zu beiderseitiger Befriedigung erledigt. Um große Völkerwanderungen handelt es sich ja dabei nicht, denn was bedeutet die ganze Bewohnerschaft eines Gebietes wie das von Finschhafen, obwohl es mit zu den besser bevölkerten in Neu-Guinea gehört.