[Sechstes Kapitel.]
Englisches Gebiet.

Geringe Kenntnis Neu-Guineas. — Schwierigkeiten ins Innere vorzudringen — sind nicht unüberwindlich. — Armut an Naturprodukten — bis jetzt kein Eldorado. — Schiffsverkehr in Mioko. — Arbeiterwerben. — S. M. Kreuzerkorvette »Marie«. — Unfall derselben. — Auf der Suche nach Steinkohlen. — Kriegszustand mit Neu-Irland. — Port Breton. — Trauriges Ende der französischen Kolonie. — Reminiscenzen an dieselbe. — Port Praslin. — Schwierigkeiten zu strafen. — Englisches Gebiet. — Erst durch Moresby erschlossen.

Während der »schwarze Kontinent«, Afrika, in den letzten Jahrzehnten nach allen Richtungen erfolgreich durchkreuzt wurde, blieb das Innere seiner östlichen Schwester, der mächtigen schwarzen Insel Neu-Guinea, so gut als unbetreten, und nur zu Wasser wurden bisher ansehnliche Distanzen zurückgelegt. So 1876 durch den kühnen Italiener d'Albertis, welcher den Flyfluß an 450 engl. Meilen weit mit einer Dampfbarkasse befuhr, und neuerdings auf dem Kaiserin-Augusta-Fluß, über dessen Entdeckung durch die Samoa ich noch zu berichten habe. Zu Land sind gegenüber anderen Erdteilen und Inseln nur unbedeutende Vorstöße zu verzeichnen. In dem am meisten explorierten Gebiete von Port Moresby an der Südostküste, gelangten unternehmende, meist vom Golddurst getriebene Pioniere, darunter auch unser Landsmann Karl Hunstein, nur bis in die Region des Owen-Stanley-Gebirges, in der Luftlinie gemessen, kaum weiter als 40 engl. Meilen von der Küste. Auf der äußersten Südostspitze überquerte der Reverend Chalmers die kurze Strecke von Südkap (Stacey-Island) bis Milne-Bai, während Dr. A. B. Meyer als der Erste den Isthmus zwischen der Geelvink-Bai und dem Golf von Mac Cluer kreuzte, jener schmälsten Stelle der ganzen Insel, deren Breite hier kaum mehr als 5 Seemeilen beträgt. Wir kennen also noch heut ungefähr nur die Küsten Neu-Guineas, und auch mit der Erforschung dieser hat es lange genug gedauert, wenn man bedenkt, daß über 360 Jahre seit der Entdeckung Neu-Guineas durch den Portugiesen de Meneses (1526) verflossen. Man war stets geneigt diese geringen Erfolge den besonderen Schwierigkeiten, welche gerade Neu-Guinea wegen seines mörderischen Klimas und seiner wilden blutdürstigen Bevölkerung bieten sollte, zuzuschreiben, indes sehr mit Unrecht. Das Klima hat sich im ganzen nicht schlechter als anderwärts in den Tropen erwiesen, und die gefürchteten Eingeborenen sind auch bei weitem besser als ihr Ruf, sie haben sich fast überall da, wo sie von dem verderblichen Verkehr mit Weißen unberührt blieben, als harmlose Menschen gezeigt. Die Hauptschwierigkeiten eines tieferen Eindringens zu Land liegen weder im Klima noch den Eingeborenen, sondern ganz wo anders: einfach in dem Mangel an landeskundigen Führern und ganz besonders Trägern, und sind noch genau dieselben geblieben als vor 300 Jahren. Die Schuld daran trägt hauptsächlich die Isoliertheit der Bevölkerung! Die Bewohner der Küsten, ohne andere Stammeszusammengehörigkeit als der kleinerer Dorfgemeinden, schon in Entfernung von oft nur wenigen Meilen in ganz verschiedene Sprachen zersplittert, fast in steter Fehde lebend, wagen sich über das engbegrenzte Gebiet der ihnen befreundeten Dörfer nicht hinaus und kennen mit Ausnahme gewisser durch Kanufahrten in Verkehr stehender Küstenpunkte ihr Heimatsland am wenigsten. Mit dem Inneren besteht kaum Verbindung, ja es fehlen sehr häufig selbst Pfade, und da Neu-Guinea vorherrschend dichtbewaldetes Gebirgsland ist, so ergeben sich schon daraus gewaltige Hindernisse. Wer wie ich selbst an der Südostküste Neu-Guineas, in bekannten Gegenden, mit großen Schwierigkeiten kaum 15 M. weit ins Innere gelangen konnte, wird diese Verhältnisse am besten zu würdigen wissen und sich damit trösten können, daß selbst besonders begünstigte Reisende, wie z. B. Chalmers, kaum mehr als noch einmal soweit vordrangen. N. von Miklucho-Maclay kam während eines fünfzehnmonatlichen Aufenthaltes in Astrolabe-Bai nicht über das Litoral hinaus. Und warum? Überall die nämliche alte Geschichte: die Eingeborenen fürchten sich, weiter als bis zu den nächsten Dörfern, selten mehr als eine Tagereise mitzugehen und sind als Träger, weil ungewohnt mit dieser Beschäftigung oder zu faul, wenig wert. Größere Reisen in das Innere werden sich daher nur mittelst importierten, geschulten Trägerpersonals ausführen lassen und mit einer Ausrüstung, wie sie bisher keine der vielen Expeditionen aufzuweisen hatte. Wer über Mittel verfügen könnte, wie seiner Zeit Stanley in Afrika, dem würde es auch in Neu-Guinea an Erfolg nicht fehlen, und die Zeit ist hoffentlich nicht fern, wo diese Erfolge thatsächlich erzielt werden. Ein »Neu-Guinea-Stanley« wird sich schon finden, wenn erst der »Neu-Guinea-Bennett« da ist, welcher das Geld dazu hergiebt. Denn das bleibt schließlich die Hauptsache, wenn auch längst nicht soviel Mittel erforderlich sein würden als bei jener ewig denkwürdigen Riesentour durch den schwarzen Kontinent. Wie weit selbst ein Einzelner in Neu-Guinea ungefährdet vorzudringen vermag, das hat Karl Hunstein am besten bewiesen, der nur von einem Südseefarbigen begleitet in die Rhododendron-Region des Owen-Stanley[56] gelangte und hier mehrere Wochen mit Sammeln von Vogelbälgen, darunter herrlichen neuen Paradiesvogelarten, zubrachte. Freilich gehört dazu ein mit Land und Leuten so gut bekannter Mann als Hunstein, der unter den ersten Goldsuchern am weitesten eindrang und mit zu den besten Pionieren Neu-Guineas zählt. Freilich, die Gebirge, die Gebirge! Sie werden stets gewaltige Hindernisse bieten, würden aber bereits überwunden worden sein, wären Schätze zu holen gewesen. Wenn kühne Männer zuerst in die Wildnis der Felsgebirge und anderer unwirtlichen Gegenden eindrangen, so fanden sie ihre Anstrengungen durch die Ausbeute an wertvollen Pelztieren, später Erzen reichlich belohnt, aber Neu-Guinea bietet ja in der Tierwelt nichts als Paradiesvögel, die trotz ihrer Federpracht doch nur wissenschaftlichen Wert haben. Der Mangel an lukrativen Naturprodukten ist es eben, welcher Neu-Guinea so lange verschlossen hielt, und wir würden ganz anderen Verhältnissen dort begegnen, wenn der Goldreichtum wirklich gefunden worden wäre, von welchem heut noch so viele träumen. Namentlich in Queensland wird Neu-Guinea als das wahre Eldorado betrachtet, und nicht bloß auf das »we know it« des Reverend Mac Farlane hin, sondern von professionellen Goldgräbern, die ja im Geiste immer die größten Erwartungen hegen. Nun, die Zeit wird ja lehren, ob diese bis jetzt nur schwach begründeten Hoffnungen[57] sich verwirklichen!

Ich hatte selten in einem Südseehafen eine so große Anzahl von Schiffen gesehen als bei unserer Rückkehr nach Mioko. Vier Fahrzeuge lagen zu Anker, aber in einer Weise, die selbst dem Laien ungewöhnlich erschien. Da mußte etwas Besonderes vorgehen, und so verhielt es sich auch. Man war nämlich beschäftigt ein Schiff zu heben, einen kleinen Kutter von 50 Tons, der infolge von Altersschwäche nicht mehr schwimmen, sondern absolut sinken wollte. Das geschah denn auch und zwar glücklicherweise unmittelbar vor der Station, in wenig tiefem Wasser. Es gelang daher den Trotzkopf zu bändigen und heraufzuholen, der jetzt wahrscheinlich wieder lustig auf den Wellen tanzt; hatte er doch erst 34 Jahre! mitgemacht. Eine solche Flotte von Handelsschiffen unter deutscher Flagge, die damals selbst in Sydney zu den Ausnahmen gehörte, konnte dem Unkundigen wohl imponieren und ihm Respekt vor dem deutschen Handel in jenem entlegenen Südseewinkel einflößen. Aber es war nur ein größeres Schiff aus Deutschland darunter, welches noch viel Kopra hätte laden können, wenn sie eben vorhanden gewesen wäre; die anderen Fahrzeuge waren nur kleine Kutter und Schuner von 50–60 Tons. Sie dienen dazu Kopra von den Küstenplätzen zusammenzuschleppen, was oft bedeutende Schwierigkeiten hat, zeitweis gar nicht möglich ist, oder sind im Werbegeschäft thätig, da Mioko das Centraldepot für Samoa ist. Von hier aus wurden 1883–84 allein aus Neu-Britannien und Neu-Irland 700 angeworbene Arbeiter nach dort verschifft. Der Schuner Ninafou[58] gehörte zu diesen Werbeschiffen und war eben von einer Reise aus dem Nordwesten zurückgekehrt, hatte aber im Rekrutieren wenig Glück gehabt. Zwanzig Eingeborene waren das ganze Resultat einer elfwöchentlichen Kreuzfahrt, und der Kapitän, welcher für jeden angeworbenen Arbeiter fünf Dollar Prämie erhält, schien wenig zufrieden damit. Aber die Verhältnisse haben sich eben überall verschlechtert. Das Rekrutieren ist immer schwieriger geworden, da die Eingeborenen nicht mehr weg, und weder nach Queensland noch nach Samoa, gehen wollen, was man ihnen ja auch im Grunde genommen nicht verdenken kann. Auch die neuen Ankömmlinge mit der Ninafou, Eingeborene von den Admiralitäts-Inseln, Hermites und Gott weiß woher, schienen die Bedeutung ein Kreuzchen auf ein Stück Papier gekritzelt zu haben, welches sie drei Jahre von ihrer Heimat reißt und zur Arbeit zwingt, erst jetzt einzusehen, denn von den zwanzig liefen gleich sieben weg. Nun, Mioko ist eine kleine Insel, da können sie nicht weit kommen und schließlich giebt es ja auch Handschellen. Das ist freilich ein durchaus neues Gerät für Eingeborene, welche die ersten Weißen wie das Mädchen aus der Fremde betrachten, das jedem eine Gabe in Gestalt von Glasperlen, Kaliko und Tabak mitteilt. Ja, das anscheinend so uneigennützige Schenken und Hätscheln der Eingeborenen hört gar bald auf, wenn sie erst das verhängnisvolle Kreuzchen, ihre erste und einzige Schreibprobe, gemacht, oder wie es in der Werbersprache heißt, »gezeichnet« haben. Die weiß-schwarze Fraternité hat plötzlich einen Riß bekommen, und statt des freundlichen »come on, my good fellow« heißt es plötzlich: »work! you nigger!« Freilich Leute, welche die Südsee nie gesehen haben, die nur »die Knute der amerikanischen Baumwollenbarone« nach Tante Stowe kennen, die wissen über solche Verhältnisse am besten zu schreiben und zu sprechen; die denken nicht an Handschellen und was sonst Häßliches mit der »Labourtrade« zusammenhängt. Wer aber selbst, irgendwo in der Südsee, Eingeborene, die rechte Hand an die linke, in Handschellen paarweis, wie siamesische Zwillinge, aneinander gekettet umhergehen sah, nicht für einen Tag sondern wochenlang, der wird so recht an Onkel Toms Hütte erinnert worden sein. Handelte es sich doch nicht um Verbrecher, sondern nur um Ausreißer oder nach unseren modernen Begriffen um Leute, die sich ihrem Dienstverhältnis zu entziehen versuchten, was bei uns ja wohl nur eine Ordnungsstrafe nach sich ziehen würde.

Die vielen Schiffe, zu denen bald darauf noch S. M. Kreuzerkorvette Marie, Kommandant Kapitän z. S. Crokisius, einlief, nutzten uns übrigens in Bezug auf die so nötige Briefbeförderung nichts, und so blieb nichts anderes übrig, als selbst nach Cooktown, dem nächsten, ca. 1000 Meilen entfernten, australischen Hafen mit Post- und Telegraphenverbindung abzudampfen. Die Samoa wurde also so rasch als möglich seeklar gemacht, und wir begaben uns wieder auf die Reise, diesmal in hoher Gesellschaft, denn wir liefen mit der Marie zugleich aus. Im freien Fahrwasser des Georgs-Kanal nahmen wir Abschied, Hüte und Tücher wurden geschwenkt, die Flaggen senkten sich dreimal zum Gruß und die »Marie« dampfte Matupi zu, während wir unseren Kiel nach Süden wendeten. Ein gar herrlicher Anblick so ein stattliches Kriegsschiff von mehr als 2000 Tons und einer Besatzung von mehr als zweihundert Mann an Bord! Wie klein und unbedeutend erschien die »Samoa« neben diesem Riesen! Aber auch einem so stolzen Fahrzeuge drohen die heimtückischen Bauten der Korallentierchen mit Verderben, wie die Marie leider zu bald erfahren sollte: kaum eine Woche später saß sie auf dem Riff bei Nusa an der Nordwestspitze von Neu-Irland. Eine plötzlich aufspringende schwere Böe hatte das stolze Schiff[59] gerade beim Passieren der engen Nissel-Durchfahrt, in dem ohnehin gefährlichen Fahrwasser, auf das Riff getrieben, und nur unter den größten Anstrengungen gelang es, dasselbe abzubringen und vom Untergange zu retten. Freilich war es arg beschädigt, der Hintersteven und das Ruder geknickt und verbogen. Aber alle die Schäden wurden nach harter zweimonatlicher Arbeit soweit repariert, daß das Schiff die Reise nach Sydney fortsetzen konnte, eine Leistung unserer Marine, auf die wir stolz sein dürfen und welche seitens der englischen die vollste Anerkennung fand.

Ich hatte Nachricht über das Vorkommen eines reichen Kohlenschiefers in Port Breton an der Südspitze von Neu-Irland erhalten und beschloß hier vorzusprechen, um mich von der Wahrheit zu überzeugen, an der ich allerdings starke Zweifel hegte. Aber mir lag die Analyse dieses Kohlenschiefers von einem Professor in Sydney vor, und jedenfalls war die Sache umsomehr der Untersuchung wert, als es sich nur um einen kleinen Abstecher handelte. Wir sollten also den Schauplatz der Thaten des Marquis de Rays oder vielmehr seiner schwindelhaften Kolonisationsversuche kennen lernen, da er selbst ja nie dieses Land der Verheißung betrat. Der Herr Reichskommissar hatte freilich ernste Bedenken gegen einen Besuch jenes Platzes, wo die Hyäne erst vor kurzem zu strafen versuchte, denn er fürchtete, wir könnten infolge dieses Vorfalles von den Eingeborenen überfallen werden. Aber ich kannte die letzteren doch besser und wußte, daß der Rauch der Samoa genügen würde, sie schleunigst in die Berge zu jagen. Da war auch wenig Aussicht den gefürchteten Häuptling »Wallace« zu erwischen, dessen Inhaftnahme für das deutsche Reich wichtig sein sollte! Denn wir lebten ja mit Neu-Irland in Krieg, was die wenigsten gewußt haben werden; hörte ich doch selbst zu erstenmale von dieser bedenklichen politischen Lage. Aber die Samoa konnte es auch ohne Kanonen mit ganz Neu-Irland aufnehmen, deswegen brauchte ich mir keine Sorge zu machen; so dampften wir denn dem Feinde ruhig in den Rachen. Dieser Teil der Küste Neu-Irlands ist womöglich noch weniger versprechend als die nordwestliche, welche wir bisher kennen lernten. Nichts als steile, ziemlich hohe Gebirgsrücken, vom Fuße bis zum Scheitel dicht bewaldet, zuweilen etwas unterwaschenes Felsufer, selten schmaler Sandstrand, nirgends Kokospalmen oder andere Anzeichen menschlicher Siedelungen, das ist der Charakter dieser Küste. Port Breton ist um kein Haar besser und schlechter als Likelike (Lavinia-Bai), wo ich 1880 die letzten Reste der ersten französischen Expedition antraf. Zwei unbedeutende Einbuchtungen, von Carteret schon 1767 entdeckt und Irish- resp. English-Cove benannt, von den Erfindern des »Nouvelle France« aber in »Baie Française« und »Port St. Joseph« umgetauft, bilden den sogenannten Hafen Breton. Wir gingen nicht ohne Mühe vor Anker, da der Grund sehr unklar ist und ein Schiff kaum Raum zu schwingen hat, so daß es am besten gleich an den Uferbäumen festlegt. Durch die im Süden vorgelagerte Wallis-Insel (Lombom) wird der Ankerplatz übrigens vollständig geschützt.

Auch diese Insel ist hoch, dichtbewaldet und besteht wie die Küsten des Festlandes aus Korallfels, gehobenem Meeresboden, denn ich bemerkte an den Felswänden, weit höher als der Meeresspiegel, tote Austernbänke. Das sah wenig nach Kohlen aus! Von Maragano, »au Roi de Lam-Boum«, kaufte Kapitän Rabardy im Jahre 1882 ganz Neu-Irland, obwohl der Marquis schon drei Jahre früher 600000 Hektaren dieses Landes in Europa verkauft hatte und dasselbe später noch einmal in Manilla zu versilbern versuchte. Der Preis einer Hektare Landes oder vielmehr Steingerölls war von 5 Francs inzwischen auf 50 und höher gestiegen. Wir befanden uns also in dem berüchtigten Port Breton, der einstigen Hauptstadt Neu-Frankreichs, wo so viele Vermögen, Gesundheit, ja das Leben eingebüßt hatten. Die Emigranten, welche mit der vierten Expedition 1881 von Barcelona aus hinausgingen, gehörten zu einer ganz anderen Klasse von Leuten als die der vorhergehenden, die, zum großen Teil Abenteurer, sich längst in alle Winde verstreut hatten. Jetzt kamen gut situierte Leute heraus mit der festen Absicht, unter dem Banner des souveränen Marquis, für sich und ihre Familien eine neue Heimat zu gründen. Da finden wir unter anderen Herrn Tilmont mit Frau, vier erwachsenen Töchtern und zwei Knaben, der sein Vermögen von 25000 Francs flüssig gemacht hatte, wie in gleicher Weise die Familie Pitoy und soviele andere, die alle hier ein ungestörtes und behagliches Dasein zu finden hofften. Vater Pitoy studierte auf der Karte stillvergnügt sein neues Besitztum von 700 Hektaren. Es sollte nach seiner Heimatsstadt »Nancy« genannt werden, das kleine kühle Wässerchen »Moselle«! Ach, welche Enttäuschung für diese armen Leute, als sie nun endlich im gelobten Lande anlangten und ringsumher nichts als steile dichtbewaldete Berge erblickten! Da mag manchem das Herz gesunken sein, schon im Gedanken an Frau und Kinder, und für viele sollten sich diese Befürchtungen nur zu rasch erfüllen. Vater Pitoy fand unter seinen siebenhundert Hektaren Land nicht einen Daumen breit kulturfähiges, und den übrigen ging es nicht besser. Sie waren eben alle in der schändlichsten Weise betrogen worden, und Kummer und Elend, unterstützt von Fieber, raffte gar viele dahin, denen es daheim an nichts fehlte. Der brave Pitoy und seine Frau starben; ihre drei hilflosen Waisen blieben zurück, anderen erging es noch schlimmer, und die Feder sträubt sich niederzuschreiben, wie weit sich durch den Tod ihrer Angehörigen verlassene und alleinstehende Frauenspersonen erniedrigen mußten, nur um das bißchen Leben zu fristen. Und der Mann, welcher alle diese Leichtgläubigen verführt und ins Unglück gestürzt hatte, was wurde ihm dafür? Als die französischen Gerichte den Schwindler endlich erwischten, verurteilten sie ihn, nicht zum Galgen oder auf die Galeere, sondern er kam mit sieben Jahren Gefängnis davon, das war alles!

Ich ging wohlbewaffnet mit Kapitän Dallmann an Land, um nach dem Kohlenflötz zu forschen, das hier an einen mir näher bezeichneten Platz zu Tage treten sollte, aber unser Forschen war vergeblich. Die Kohlen, welche jener Analyse zu Grund lagen, mochten allerdings von hier, aber aus von den Franzosen zurückgelassenen Vorräten stammen. Das Flötz selbst existiert ebensowenig als die famose »Mine de cuivre« der Karte von Port Breton, welche im Journal »La Nouvelle France« publiziert wurde, jenem schwindelhaften Organ des Marquis, welches durch seine pomphaften Ankündigungen so viele Opfer auf den Leim lockte. Da ist neben zahlreichen Baulichkeiten und kultiviertem Terrain eine »Route carrossable«, ein »Parc à bestiaux« verzeichnet, aber alles existierte eben nur auf dem Papiere. Die fahrbare Straße erwies sich als ein schmaler Eingeborenenpfad; der Tierpark als ein kleines an der Bachmündung angeschwemmtes Inselchen, auf dem keine Ziege leben konnte und für ein »Plateau à défricher« ist überhaupt nirgends Platz vorhanden. Denn unmittelbar hinter dem kaum ein paar Tausend Schritt breiten Ufersaum steigen gleich die steilen Berge empor. Auch das kleine Flüßchen, welches man jetzt überall durchwaten konnte, windet sich bald durch Berge, und nirgends ist eine Spur jenes herrlichen Thales vorhanden, von welchen mir der Kapitän Rabardy, »Gouverneur provisoire« 1881 in Matupi erzählt hatte. Hier waren die Kaffeeplantagen projektiert, zu deren Anlage der »Genil« einige kümmerliche Pflänzchen mitbrachte, während die Wasserkraft des Bächleins, welche der sanguine Franzose auf 700 Pferdekraft schätzte, allerlei gewerbliche Anlagen treiben sollte. Wie schnell die gewaltige Fruchtbarkeit der Tropen, selbst in dem schlechten, mit Koralltrümmergestein besäten Boden von Port Breton, die Spuren des Menschen verwischt! Kaum mehr als zwei und ein halbes Jahr waren verflossen, und nur mit Mühe ließen sich einzelne Rudera der früheren Herrlichkeit entdecken. Niemand würde geglaubt haben, daß hier einmal eine Ansiedelung von ein paar Hundert Weißen bestand. Von der »Débarcadère« waren noch einige Pfähle vorhanden, sonst fanden wir nichts als etliche Bretter, Scherben, eine eiserne Trommel und die Sohle nebst Absatz eines einst eleganten Damenschuhs, den ich zum Andenken mitnahm. Welcher reizenden Französin mochte er angehört haben? Und welche Leidensgeschichte würde er erzählen können? Vielleicht ruhte die Trägerin auf dem Kirchhofe, von dem sich keine Spuren mehr erkennen ließen, da auch hier die üppige Vegetation der Tropen alles überwuchert hatte. Keine Tafel, kein Stein mit einem Kreuz bezeichnet mehr die Stelle, wo so viele brave Leute, fern von der Heimat, in Trübsal, Hunger und Elend ein frühes Grab fanden, verdorben und vergessen wie Port Breton, dessen traurige Geschichte für viele neu und nicht uninteressant gewesen sein dürfte.

Wir hatten bei unserer Landtour nur Fußspuren der Eingeborenen und eine kleine Taroplantage gesehen; als wir aber durch die Straße von Lombom dampften, ruderte ein Kanu eilig von der Insel nach dem Festlande, wo sich bald eine Anzahl Bewaffneter versammelten. Da wurden gewiß alle Vorkehrungen zu einem warmen Empfange getroffen und das Deck gefechtsklar gemacht? Ja, natürlich! Ich bewaffnete mich mit einem langen Fetzen roten Zeuges und rief so kräftig, als es meine Lungen erlaubten, nach Marango, dem Könige von Lombom, und dem gefürchteten Häuptling Wallace. Sie hüteten sich wohl der freundlichen Einladung zu folgen und beschränkten sich darauf, außer Schußweite mit ihren Speeren und Keulen zu fuchteln. Eine Kugel aus einem Winchester würde die Gesellschaft schnell auseinandergebracht haben. Aber vor mir waren sie sicher, ich habe niemals auf Eingeborene geschossen. Ja, ich würde auch den braven Wallace gut behandelt, ihm vielleicht ein Stück Tabak und dergleichen gegeben und gesagt haben: »Wallace dear! you no kill white men! bye and bye me make you all same« d. h. töte keinen Weißen, sonst machen wir es so: Pantomime des Aufhängens! Von dem durch die »Hyäne« zerstörten Dorfe sahen wir übrigens kaum eine Spur mehr, dagegen fanden wir die Übelthäter der Mioko lustig in dem nahen Port Praslin angesiedelt, sie gaben aber gleich Fersengeld. In solchen Lokalitäten vermag freilich kein Kriegsschiff etwas auszurichten, ja es kann selbst für Bewaffnete gefährlich werden, den Eingeborenen in das Dickicht dieser Berge zu folgen, in denen sich nur der Sohn der Wildnis behend zu bewegen weiß. Mit Strafexpeditionen hat es daher seine Schwierigkeiten; sie verlaufen meist wie vor 300 Jahren, als Don Pedro Sarmiento, der General von Mendana, die Eingeborenen der Salomons züchtigen wollte. Schon damals flüchteten sie unerreichbar in das Dickicht, und der General mußte sich, wie dies noch heute geschieht, mit Abbrennen und Vernichten der Siedelungen begnügen.

Von Kap St. George, der Südspitze Neu-Irlands, suchten wir einen südlichen Kurs zunächst nach der Gruppe Kirvirai oder dem Trobriand der Karten, da ich den östlichen Teil des Englischen Gebietes kennen lernen wollte, über welches wir nur durch Kapitän Moresby unterrichtet waren. Ihm ist (1873–74) die Aufnahme der Küste von Heath-Insel bis Huon-Golf, in der Luftlinie auf eine Strecke von 340 Meilen, zu verdanken, die bis dahin nur an ein paar Punkten von d'Entrecasteaux (1793) und Simpson (1872) gesichtet wurde. Durch Moresby erfuhren wir zuerst, daß nicht Südkap das äußerste Ende Neu-Guineas ist, sondern daß die Ostspitze eine ganz andere Konfiguration hat, wie sich am besten aus einer Vergleichung seiner Karte mit den früheren ergiebt. In der That, wohl keine Expedition hat soviel zur besseren Kenntnis von Neu-Guinea beigetragen, als die des »Basilisk« unter Kapitän (jetzt Admiral) Moresby und seiner trefflichen Offiziere.