Mit dem Kohlensauren war es nun aus, und nur das hohe birnförmige Drahtgeflecht übrig, das mit rotem Zeug umwunden in der That eine aparte Kopfbedeckung bildete, welche meinen Freund Makiri mit Stolz und Freude erfüllte. Gut, daß wir übrigens bald darauf weggingen, denn jeder Abumtau wollte jetzt eine solche Mitra haben. Dieser Vorfall erinnert mich übrigens an eine andere ähnliche Geschichte aus meinem Südseeleben, die noch komischer ist und deshalb hier mitgeteilt werden mag. Aber ich schweife da wieder ab —! »Schadet nichts, nur zu!« »Nun Sie wollen es! also gut!« Als ich im Jahre 1880 auf Jaluit in der Marshallgruppe weilte, war für Lebon Kabua, den damaligen »Oberhäuptling und Herrn von Radak und Ralik« ein Herrscherornat von Hamburg eingetroffen, Theatergarderobe, unter welcher sogar die Krone nicht fehlte. Der vergoldete, reich mit Glassteinen besetzte, zackige Reif imponierte dem guten Kabua freilich nicht wenig. Aber er sollte ihn, wie die ganze königliche Gewandung bezahlen, und da hieß es natürlich gleich: »i bane! edschilok dala ao!« (ich kann nicht! kein Geld mein). Krone, Scepter und Purpur lagen nun daher, bis sich ein passender »King« finden würde, an welchen ja in diesen Regionen kein Mangel ist. Und er kam. Eines schönen Tages brachte ein deutscher Dampfer gar wunderliche fremde Gesellen, dunkel, mit Krausköpfen, ja, die mußten ja weit her sein aus dem Morgenlande. Nein, aus dem Abendlande, denn sie kamen mehr aus West, da wo von Jaluit aus die Sonne untergeht, aus Neu-Irland. Darunter war nun auch ein König, ein wirklicher Mohrenkönig, den ersten, welchen ich sah. Freilich brachte er weder Gold, Weihrauch noch Myrrhen, sondern nur seine eigene Haut, die wie bei dem Mohrenkönige jenes Märchens, mit dem unsichtbaren, aus nichts gewebten Stoffe umhüllt war, wodurch sich dem blöden Auge des gewöhnlichen Sterblichen also jedes vom Ringwurm abgenagte Fleckchen deutlich zeigte. In der That gerade keine sonderlich königliche Auszeichnung, welcher seine beiden Begleiter sich auch erfreuten, denn Ringwurm und Schuppenkrankheit sind ja Nationaleigentum der ganzen braunen und schwarzen Südseegesellschaft. Um nun Majestät von den Ministern einigermaßen auszuzeichnen, damit sie nicht immer verwechselt wurden, bekam nun der König die Krone, natürlich als Geschenk, vielleicht nur leihweis, denn womit hätte er bezahlen wollen? König und Krone waren unzertrennlich wie beim Kartenkönig, und es sah urkomisch aus, die lange hagere Gestalt in vollständiger Nacktheit mit dem funkelnden Kopfschmuck umherwandeln zu sehen. Selten ist wohl eine Krone soviel gebraucht, fast möchte ich sagen strapaziert worden als diese, denn die schwarze Majestät behielt sie auch auf, wenn sie sich schlafen legte. Freilich wäre ihm der Purpurmantel weit praktischer, jedenfalls viel lieber gewesen, aber er mochte denken: Na! eine geschenkte Krone ist auch nicht ohne!

Wir verließen Finschhafen an demselben Morgen wie die »Hyäne«, welche südlich ging, um die Bucht hinter Finschhafen zu untersuchen, die ich schon vom Berge aus gesehen hatte. Sie erwies sich später als praktikabel und erhielt den Namen »Langemack-Bucht«. Wir gingen bis Kap Cretin, sechs durch Riff verbundene Inseln, die immer der Untersuchung wert erschienen, aber nur vorgemerkt werden konnten. Dann dampften wir nordwärts bis Long-Insel, an deren Ostseite wir entlang gingen. Sie zeigt einen ähnlichen Charakter, wie Dampier, ist durchaus vulkanisch mit mehreren erloschenen Vulkanen, von deren drei hervorragendsten Kegeln zunächst Coriz-Pik vor uns lag. Er mag an 4000 Fuß hoch sein und ist wie die übrigen Berge dichtbewaldet. Gegenüber Coriz-Pik an der Nordostseite liegt der etwas niedrigere Berg Réaumur, aber Findlay (Pacific Directory S. 931) irrt, wenn er sagt, beide Berge seien durch ein tiefes Thal getrennt. Die ganze Insel ist vorzugsweise bergig, mit sehr wenig flachem Land und nur mäßigen Schluchten oder Thälern durchzogen. Die Küste erschien sowenig versprechend als das Land selbst, das sich übrigens leichter zur Kultivation eignen dürfte wie Dampier-Insel, da es nicht so dichten Urwald, sondern mehr mit Gestrüpp bedeckte Striche zeigt. Das Ufer war meist ein nicht sehr hohes felsiges Steilufer, zuweilen etwas abfallend und sanfte Buchtungen bildend, die wohl aber kaum als Hafen brauchbar sein dürften, wenigstens nicht an der Ostküste, die wir befuhren. Nirgends waren Plantagen bemerkbar, aber in der zweiten Buchtung bemerkte ich einen gelben Baum und etliche Kokospalmen, die einzigen, welche wir auf der ganzen Insel sahen. Und — »da sind sie ja die schwarzen Kunden!« sagte der Steuermann. Wirklich ein Segelkanu mit acht Insassen kam langsam aus der Bucht heraus, aber noch längst nicht nahe heran. Da hatten die Lungen unserer Mioko-Schwarzen wieder Arbeit. »Good ship that fellow! plenty kaikai! (Essen), plenty tobacco! plenty papine! (Mädchen) plenty lavalava (Lendentücher)! Kjap (Kapitän) very good! uti! alut! alut! aijap! (kommt! schnell, schnell)!«, wie sie es an Bord von Arbeiterwerbeschiffen, welche sie begleitet hatten, gewohnt waren. Nur daß diesmal das »me kulia men« (wir kaufen Leute) wegfiel, denn damit hatte sich die Samoa glücklicherweise nicht zu befassen. Das machte freilich auf die Long-Insulaner keinen Eindruck, denn sie verstanden von dieser Sprache soviel wie wir von der ihren: nichts. Und damit kamen wir, als sich das Kanu endlich längsseit gewagt hatte, auch ganz trefflich aus. Die Leute, übrigens echte Papuas und ganz wie die Bewohner des Festlandes von Neu-Guinea, waren bescheiden, und es ließ sich gut mit ihnen schachern. Aber sie hatten nicht viel, übrigens alles Gegenstände, wie sie in Astrolabe-Bai vorkommen, so geflochtene Armbänder (XVIII 4), Brustschmuck, (XXII 1, 2) auch die gleiche Art Bogen und Speere. Als so ziemlich ausverkauft war, gaben sie den Ausputz ihres Kanus her und schnitten selbst die bemalten Seitenborde ab. Darunter waren gar merkwürdige Sächelchen: so auf der Mastspitze ein Triangel mit roh geschnitzten Vögeln, ein sonderbares Gestell auf dem Ausleger (vergl. Atlas VI 6 und VIII 1, 2) u. s. w., alles Gegenstände, die jetzt im Museum für Völkerkunde in Berlin zu sehen sind, das wohl vorher kein Stück von Long-Island besaß. An Lebensmitteln wurden nur einige alte Kokosnüsse und etwas Blättertabak gebracht. Stangentabak schienen die Leute nicht zu kennen, dagegen Glasperlen und Eisen, das hier mit dem Ausruf »Gari« begrüßt wurde. Im Eifer des Handelns fiel einem der Männer das eben erstandene Messer ins Meer. Da konnte man ein betrübtes schwarzes Gesicht sehen, denn für ein solches Naturkind ist das gar nicht zum Lachen. Nun, ich sehe gern zufriedene Menschen, da schenkte ich dem Manne ein anderes Messer, und nun konnte man sich wieder an einem fröhlichen schwarzen Gesichte freuen. Vermutlich stehe ich noch heute bei den Long-Insulanern in gutem Andenken; denn wie des Bösen erinnert sich der Schwarze auch etwas des Guten, und wahrscheinlich erzählt man noch von dem fremden Schiffe ohne Segel und dem weißen Manne mit dem roten Barte. Muß der reich gewesen sein! Ja, an Messern hat es mir von meinen Knabenjahren an nie gemangelt, am allerwenigsten auf der Samoa, die unzählige Gros an Bord führte.

Von Long-Island standen wir in Sicht der Inseln Lottin, Rook, Tupinier und Vulcano, nach der Nordküste Neu-Britanniens hinüber, deren an 6000–7000 Fuß hoher Pik bei Kap Glocester nur eine Fortsetzung dieser vulkanischen Inseln zu sein schien. Denn hier sind eben alle Berge Vulkane, die wir freilich sämtlich erloschen[53] fanden. In der Nähe von Lottin hatten wir die seltene Gelegenheit eine Wasserhose zu beobachten. Sie zeigte sich nicht in der gewöhnlichen Gestalt eines Geiser, wie sie gewöhnlich abgebildet wird, sondern anfangs wie eine nicht hoch über dem Wasser schwebende Rauchwolke, aus der plötzlich ein hoher, schiefer, dunkler Strahl hervorschoß. Dieser Strahl verdünnte sich nach und nach an der Basis und nahm die Form einer etwas gebogenen Feder an, bis sich nach und nach das Ganze auflöste. Die Erscheinung mochte 10 bis 12 Minuten dauern und zeigte sich in einem dicht mit Regenwolken bedeckten Horizont, hinter dem die Insel eben auftauchte.

Zwischen Kap Gauffre und Kap Raoul liefen wir längs der Küste Neu-Britanniens nach Osten bis Weberhafen. Sie stimmt in der Konfiguration wenig mit der Karte überein, die allerdings einen großen Teil der Küstenlinie nur punktiert zeigt. Ost von Kap Raoul fanden wir auf eine Strecke von ca. sechs Meilen schönes, offenes Land, das sich trefflich zu Kulturen eignen dürfte, und das beste scheint, welches wir in Neu-Britannien überhaupt sahen. Da wir, schon in Rücksicht auf unsere Kohlen, die Küste nur rekognoszieren konnten, so mußten wir dies schöne Land diesmal ununtersucht lassen und bis zu einer anderen Gelegenheit aufsparen. An diesem Teile der Küste sind mehrere kleine Inseln vorgelagert, die durch Riff verbunden scheinen, doch kamen die Eingeborenen in ihren Kanus durch die Brandung heraus, das einzigemal, daß wir mit solchen an dieser Küste in Verkehr traten. Weiter ostwärts fanden wir das Land weniger versprechend, meist bergig, dichtbewaldet, wenig oder gar keine Anzeichen von Bevölkerung und dazu zahlreiche Riffe. Von Willaumez-Insel bis Kap Lambert kamen wir in das zuerst durch Wilfred Powell zum Teil eingehender beschriebene Gebiet, welches er im Jahre 1879 oder 1880 mit der Ketch »Star of the East« (15 Tons) explorierte und (mit nur zwei Eingeborenen) kartographierte. Schon die Beschreibung seines Kap Campbell, der Ostspitze von Willaumez, stimmte wenig mit der Wirklichkeit, und vor allem mußte es befremden, auf seiner Karte »High-Island« verzeichnet zu finden, da dies doch nur der hohe Pik im Südwesten der Insel Willaumez[54] ist. Andere Punkte ließen sich überhaupt nicht ausmachen oder waren nicht aufzufinden[55].

Von Weberhafen sprachen wir noch an der Nordwestspitze Neu-Irlands vor, wo sich Friedrich Schulle seit Mitte des Jahres auf der Insel Nusa wieder gefestigt hatte und Koprahandel betrieb. Und wer war dazu besser geeignet als er; hatte er doch früher als Geschäftsführer von Hernsheim & Co. fast all die Stationen in jenem damals durchaus neuen und ergiebigen Gebiet errichtet. Als Schulle im Jahre 1881 wegging bestanden noch ein Dutzend solcher Kopra-Stationen, jetzt gab es nur noch zwei. Und was war die Ursache dieses Rückganges? Die Labourtrade, welche hier vorzugsweis von Queensländer Schiffen in rücksichtsloser Weise betrieben, soviel Unheil angerichtet hatte. Kein Wunder, wenn die Eingeborenen, wirklich wild geworden, nach Rache dürsteten. Ganz besonders galt dieselbe einem weißen Händler, einem Deutschen, der noch mit dem Chandernagor des Marquis des Rays herausgekommen war, und es sehr profitabel fand Arbeiter an die Werbeschiffe zu besorgen, wobei es nicht immer sauber hergegangen sein mag. Als der Erwähnte vollends einen Häuptling erschoß, da war es den Eingeborenen endlich doch zu viel: sie griffen an, brannten die Station nieder, und er rettete nur das Leben. Dafür wurden die Eingeborenen später von einem Kriegsschiffe gestraft, aber der Anstifter — nun der ging leer aus. So geht es in der Südsee, und da ließe sich noch gar manches erzählen. Aber diese gefürchteten Wilden müssen doch wohl nicht so schlimm als ihr Ruf sein! Friedrich Schulle lieferte den besten Beweis dafür, denn er lebte ganz allein, nur mit drei Farbigen, unter ihnen und zwar so gemütlich, als man damals in Neu-Irland überhaupt leben konnte. Und dabei faßte er die Eingeborenen nicht mit Glacéhandschuhen an, sondern es kam ihm, wenn notwendig, nicht darauf an Krieg zu erklären und denselben ganz allein durchzuführen. Freilich mögen sich die Verhältnisse inzwischen wieder geändert haben, da seitdem durch unsere Kriegsschiffe noch weitere Strafexpeditionen in jenen Gebieten unternommen wurden.

Wir dampften längs der Westküste von Neu-Irland, die ausnahmslos aus zum Teil sehr steilen, dichtbewaldeten Hügeln und Bergen besteht, die wenig versprechend aussehen, da es hier nur äußerst wenig Kokospalmen giebt, und trafen am 9. Dezember wieder in Mioko ein.


Drei Jahre sind bereits verflossen seitdem ich mit der Samoa Finschhafen entdeckte. Die Idylle, wie sie meine Abbildung ([S. 162]) zeigt, ist verschwunden, denn der weiße Mann hat seinen Einzug gehalten, um sich dauernd hier niederzulassen. Etwa elf Monate (18. Oktober 1885) nach uns, lief das erste deutsche Segelschiff die Brigg »Lübken« aus Hamburg mit Vorräten und Kohlen im Finschhafen ein, fand aber zu ihrem Erstaunen nur die Eingeborenen, denn erst Anfang November (5.) langten die beiden Dampfer der Neu-Guinea-Kompanie »Samoa« und »Papua« an, mit einer Anzahl Beamten, malayischen von Java importierten Arbeitern, und damit konnte erst die eigentliche Gründung der Niederlassung beginnen. Seitdem sind noch mehr Segelschiffe nach dem auf allen Seekarten verzeichneten Finschhafen gekommen. Die Dampfer der Kompanie unterhalten einen regelmäßigen Dienst mit der nächsten Post- und Telegraphenstation Cooktown in Queensland; Briefe nach Finschhafen sind dem Weltpostverkehr übergeben. Weitere Beamte und eine größere Anzahl malayischer Arbeiter haben eine größere Anzahl Häuser nötig gemacht, darunter das mit allem Komfort ausgestattete des Landeshauptmanns. Denn Finschhafen ist Sitz der Landesverwaltung, die Hauptstadt von Kaiser-Wilhelms-Land und dem Bismarck-Archipel geworden. Es giebt hier ein Gericht, Seemannsamt, Standesamt, Postamt, kurzum alle Institute eines geordneten Staatswesens. Selbstverständlich fehlen auch Gastwirtschaften, die sich streng an die von der Kompanie vorgeschriebenen Tarife zu halten haben, nicht. Auf Kap Bredow ist eine Bake errichtet, die flache Stelle im Hafen durch Bojen markiert worden. Mit Kulturen und Versuchsplantagen hat man auch in der benachbarten Langemack-Bucht angefangen, wie Pferde, Rindvieh, Ziegen und Schafe eingeführt; alles gedeiht trefflich, und was die Hauptsache ist, auch die klimatischen Verhältnisse sind sehr befriedigend. Der Boden wird wie der Hafen allgemein gerühmt, kurzum alle Hoffnungen und Erwartungen, welche ich an diesen Platz knüpfte, sind so ziemlich erfüllt, zum Teil übertroffen worden, in der That eine Genugthuung, die mir der schönste Lohn ist für viele ernste und schwere Sorgen und anstrengende Thätigkeit. Auch die Mission hat ihr Werk begonnen. Am 12. Juli 1886 traf der lutherische Missionär Johann Flierl ein und gründete später die Station Simbang in der Langemack-Bucht, dem seitdem drei Kollegen deutscher Missionsgesellschaften (von Barmen und Neuendettelsau) folgten.

Und so wollen wir Finschhafen recht von Herzen eine allseitig glückliche Weiterentwickelung wünschen! »Was ist aber aus den Eingeborenen geworden? Die helfen wohl tüchtig mit arbeiten?« höre ich fragen. Nein, die sind der Mehrzahl nach ausgewandert, so z. B. die Bewohner der Dörfer Ssuam und Kedam in corpore. Hoffentlich werden bald nützlichere und brauchbarere Menschen ihre Plätze einnehmen: Ansiedler. Bis jetzt fehlt dieses wichtigste Element der Kolonisation noch ganz; aber bereits können Leute mit genügenden Mitteln Land pachten, auf fünf Jahre. Nun da wird hoffentlich bald der Anfang gemacht und damit erst die eigentliche Kolonie begründet werden. Möge diese Zeit bald anbrechen!