Häuptling von Finschhafen.

Die Bewohner von Finschhafen scheinen sehr betriebsam, namentlich auch in der Fischerei, wie die Unmasse gutgearbeiteter Fischhaken (Ing) beweisen, wovon Tafel IX des Ethnol. Atlas eine ganze Reihe darstellt. Auch die schönen großen Netze (Uh) und namentlich ihre Kanus (Uang) sprechen dafür. Letztere sind oft von bedeutender Größe (60 bis 70 Fuß lang), haben zuweilen drei Seitenbretter und zwei Plattformen übereinander, zwei Maste mit großem viereckigen Mattensegel und sind an den Schnäbeln reich mit Schnitzerei, an den Seiten mit bunter Malerei verziert. Sie nähern sich in der Bauart schon mehr den großen Kanus, wie ich sie später in den d'Entrecasteaux kennen lernte, und die total von der in Polynesien gebräuchlichen abweicht. Es kann daher gar keine Rede davon sein, daß die Polynesier die Lehrmeister der Melanesier in der Schiffsbaukunst waren, wie manchmal von Gelehrten behauptet wird. Wie so oft bedauerte ich ganz besonders hier, daß es nicht möglich war, ein solches Kanu nach Berlin schicken zu können, wie mir dies seiner Zeit mit einem großen seetüchtigen Kanu der Marshall-Inseln gelang. Es würde am besten zeigen was die unscheinbare Steinaxt in der Hand des Eingeborenen zu leisten vermag, denn jedermann würde über die technisch ausgezeichnete Bauart und die Eleganz und stilvolle Ausschmückung staunen. Wie lange wird es dauern und kein solches mit Steinwerkzeugen gearbeitetes Kunstwerk wird mehr zu haben sein! Für die Erhaltung der Werkzeuge selbst ist durch meine Sammlungen gesorgt worden. Die Steinäxte der hiesigen Eingeborenen (vergl. Atlas I, 4), meist mit einer Klinge aus einem dioritischen Gestein (Ki) oder Tridacnamuschel (Gadi) versehen, ähneln am meisten den »Lachela« von Hood-Bai an der Südostküste, welche sich durch die Drehbarkeit der Klinge auszeichnen. Die Leute thaten übrigens ziemlich rar mit Steinäxten, um so begehrlicher aber gegenüber unseren Hobeleisen, die sie ebenfalls »Ki« nannten und welche, wie überall, bald der gesuchteste Artikel waren. Ich versprach einem jungen Burschen, unter der Bedingung ihn zurückzubringen, wenn er mitgehen wolle, ein ganzes Dutzend Äxte (claw hatchets), konnte ihn trotz dieser enormen Versuchung aber doch nicht verlocken.

In Besitz so ausgezeichneter Fahrzeuge unternehmen die Finschhafener auch Handelsreisen und stehen mit Tami oder den Cretininseln, einem anscheinenden Atoll, in Verbindung, wie wahrscheinlich mit Rook, das bei unbedecktem Himmel von unserem Ankerplatz aus sichtbar war. Wir sahen später große Segelkanus, die von Rook-Insel nach Finschhafen zu standen und wurden dort von den Tamiten selbst besucht. Ja, ja! auch in so abgelegenen Gegenden wird die Ankunft von Fremden viel schneller bekannt, als man glauben sollte. Übrigens sind die Entfernungen keine großen, da Rook nur ca. 40, die Tami-Inseln 15 Meilen von Finschhafen liegen. Ob in dem Verkehr vielleicht Töpfe als Tauschartikel eine Rolle spielen, vermochte ich nicht auszumachen. Aber Töpfe sind in Finschhafen in Gebrauch. Sie zeichnen sich durch die oben weite, mehr halbkugelige Form (T. IV. 5) aus, ähnlich wie ich sie später in Teste-Island traf, und sind am Rande mit erhabenen Knötchen verziert.

Wir waren in Ssuam stets gern gesehene Gäste, schon weil wir die Bewohner von einer Plage befreien halfen, der der Kakadus. Diese Vögel (Cacatua Triton) thaten den Pflanzungen der Eingeborenen viel Schaden und verschonten selbst Kokosnüsse nicht. Kokospalmen (Niep) sind übrigens keineswegs in großer Anzahl vorhanden, wenn auch zwischen Mitrafels und Astrolabe-Bai das Gebiet von Finschhafen immerhin noch am reichsten daran ist. Schon bei meinem ersten Besuche war mir die große Menge verfaulend am Erdboden liegender Kokosnüsse aufgefallen, durch deren Schalen ein wie mit einem Meißel geschlagenes Loch ging. Im Dorfe selbst sah ich an den Fruchttrauben der Palmen Stricke angebracht, deren Zweck ich mir nicht zu erklären vermochte. Bald sollte ich denselben kennen lernen, denn laut kreischend flogen Kakadus herbei, die sich an die Nüsse hingen und sich durch das Schütteln mit dem Bindfaden wenig beirren ließen. Unsere Schüsse öffneten ihnen die Augen, oder vielmehr verschlossen ihnen dieselben auf immer, sehr zum Jubel der Eingeborenen, die mit Steinwürfen und Flitzbogen wenig ausrichten können. Aber Kakadus sind bei den Papuas sehr beliebt und zwar ihrer gelben Haubenfedern wegen, welche den beliebtesten Haarschmuck des Mannes bilden. Ich dachte aber, daß diese reizenden Federn einem eleganten Damenhütchen, mit einem niedlichen Gesicht darunter, auch nicht übel kleiden müßten, und rettete so verschiedene aus den Krallen der Papuajungen. Übrigens ist ein Kakadu zum Essen auch nicht zu verachten, für solche die seit Wochen nur Büchsenfleisch gegessen haben. Ich rate dann aber die Vögel nur als Suppe verkochen zu lassen. Delikat! d. h. die Suppe; das Fleisch kann man ruhig einem Kanaker geben, dessen Zähne besser damit fertig werden.

Das Jagen in diesen Urwäldern ist übrigens nicht so leicht, schon wegen der bedeutenden Höhe der Bäume, für welche unsere gewöhnlichen Flinten häufig nicht ausreichen und die deshalb weittragende »chok-bore« Läufe erfordern. Und selbst für solche sind die Waldriesen oftmals zu hoch und dicht belaubt. So schoß Kapitän Dallmann bei einer Gelegenheit dreimal nach demselben Kakadu, traf ihn jedesmal, und doch flog der Vogel noch weg, um unauffindbar zu verenden. Und das passiert gar häufig, denn gerade das Auffinden der Beute macht die größte Mühe und bleibt oft resultatlos. Gut dressierte Hunde nützen, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, wenig und werden in den Tropen bald unbrauchbar. Unendlich viel besser sind eingeborene Jungen als Jagdhunde zu gebrauchen und stets bereit den Jäger zu begleiten, wenn sie die erste Furcht vor dem Knall überwunden haben. Zum Aufspüren sind sie fast unentbehrlich, denn nur das scharfe, geübte Auge des Eingeborenen vermag in dem Dickicht die Beute zu erspähen, eine Gabe, die der Europäer nicht so leicht erlernt. Wie oft hört man nicht das Gurren einer Taube und bemüht sich vergeblich, ihrer ansichtig zu werden. Da weiß ein schwarzer Junge stets auszuhelfen. Übrigens gab es nicht viel zu jagen, auch wenn man dazu Zeit gehabt hätte, denn Finschhafen ist ein sehr tierarmes Gebiet. Die Vogelwelt machte sich auch hier besonders in den Arten bemerkbar, welche wir schon in Friedrich-Wilhelms-Hafen ([S. 95]) kennen lernten und wie dort war mir, im Vergleich mit der Südostküste Neu-Guineas, die Spärlichkeit von Kleinvögeln auffallend. Doch hörte ich den wohlbekannten Ruf des »Rifle-bird«, einer zu den Paradiesvögeln gehörenden, farbenprächtigen Ptilorisart, des raketschwänzigen Eisvogels (Tanysiptera), und das sonderbare Getriller eines anderen Eisvogels (Syma torotoro). Auch ein alter, lieber Bekannter aus der Heimat ließ sich zuweilen blicken: der trillernde Wasserläufer (Actitis hypoleucos), der nach Beendigung seines Brutgeschäftes im hohen Norden hier gemütliche Winterruhe hält und von mir nicht gestört wurde. Doch was flattert dort schwankenden Fluges durch das Gelaube? schon greift man an das Gewehr, läßt es aber gleich wieder sinken, denn es ist nur ein Schmetterling, aber ein wahrer »mocking bird«, der selbst das geübte Auge momentan zu täuschen vermag. Freilich übertrifft er in der Flügelbreite, welche an sechs Zoll beträgt, gar manches Vögelchen, aber er ist auch der größte Tagfalter, die weit über die Papuaregion verbreitete Ornithoptera aruensis. Das Männchen gehört dabei mit zu den schönsten Faltern, während das ansehnlich größere Weibchen unscheinbar schwarz und weiß gefärbt ist. — Nach der häufigen Verwendung von Kasuarfedern bei den Eingeborenen zu urteilen, muß dieser gewaltige Vogel nicht selten sein, allein er liebt das Dickicht der Wälder, ist sehr scheu und deshalb nur sehr ausnahmsweise zu sehen. Doch beobachtete ich nicht einmal die leicht kenntliche Fährte von Kasuaren, häufiger dagegen die von Wildschweinen. Das war aber auch alles was ich von Säugetieren zu sehen bekam, denn niemals erblickte ich ein Känguru, die an der Südostküste doch zu den gewöhnlichen Erscheinungen gehören. Alle übrigen Säugetiere Neu-Guineas sind ja, mit Ausnahme einiger Flugtiere und Nager, durchgehends Beuteltiere mit nächtlicher Lebensweise und schon deshalb nur durch Zufall sichtbar.

»Aber Schlangen, die giebt es wohl in Menge und die sind wohl recht gefährlich«? Nun! auch diese inkommodieren und erschrecken so wenig als bei uns, denn man begegnet ihnen nur sehr selten. Abenteuer mit Riesenschlangen, und reißenden Tieren überhaupt, sind also nicht zu bestehen, und die Herren Offiziere waren froh, wenn sie mit ein paar Kakadus, grünen Papageien oder Tauben von der so erwartungsvollen Tropenjagd zurückkehrten.

Aber einmal erlegten die Herren vom Kriegsschiff sogar ein Krokodil, das natürlich verloren ging, da diese Saurier regelmäßig im Wasser untersinken und nur zu erhalten sind, wenn sie am Lande gleich auf der Stelle tödlich getroffen werden.

Also es gab Krokodile! Das freute mich sehr, als ich mit Steuermann Sechstroh eine Bootfahrt nach dem Bumi unternahm. So heißt ein hübscher Gebirgsfluß, der etwas oberhalb Ssuam in eine flache Bucht mündet. Die Eingeborenen hatten hier sorglicher Weise ein Fischwehr angebracht, öffneten dasselbe aber in ihrer bekannten freundlichen Manier, und ein paar der hervorragendsten Abumtaus gaben uns das Geleit. Der Fluß war anfangs sehr versprechend, mit üppiger Vegetation, darunter Sagopalmen (Labi), am linken Ufer senkrechte Wände eines bläulichen Mergels mit zahlreichen recenten Muschelresten. Bald kamen aber Untiefen, Stromschnellen, über welche wir das Boot in tieferes Wasser schleppten, bis die fröhliche Gondelei, bei der wir fast mehr das Boot zu tragen hatten, als das letztere uns, überhaupt das Ende erreichte. Der Fluß wurde hier, von beiden Seiten durch steile Felswände mit üppigem Baumwuchs eingeengt, zum völligen Gebirgswasser, in welchem wir noch ein gutes Stück watend vorwärts kamen. Kreischende Weiberstimmen unterbrachen das angenehme Murmeln bei der sonst so wohlthuenden Stille. Wir hatten um eine Ecke biegend eine Schar arglos fischender Mädchen aufgescheucht, die nun wie die Gemsen an den Felswänden emporkletterten und ihre Fischhamen eiligst im Stiche ließen. Leider enthielten sie keine Tafelfische, sondern nur wissenschaftliche Ausbeute, ein paar kaum fingerlange Gobius-artige Fischchen mit Kehlsaugapparat, ähnlich wie ich sie in den Gebirgswässern Mauis erhalten hatte. Ja, der paar Fischelchen wegen brauchte sich kein Krokodil hier herauf zu bemühen, und so verzichtete ich abermals auf die Beute, wie der Fuchs auf die Trauben. Da war es in Konstantinhafen noch besser gewesen! Da lag ich einmal mit dem Boot gerade über einem solchen Ungetüm, wohl zehn Fuß lang, dessen Umrisse ich deutlich unterscheiden konnte. Ins Wasser kann man wohl schießen, aber mit dem Treffen ist es dann so eine eigene Sache. So hieß es denn abwarten; das brave Tier schien den Fall in demselben Lichte zu betrachten und zu denken: »ich hab' Zeit! Dor! Dor ligt de Donnerslag!« sagte der Matrose, welcher mein Boot ruderte! »Ja! Man stille, stille! ich sehe ihm ja!« Und wir warten wieder — das Krokodil unten behaglich im Wasser, wir in der glühenden Sonnenhitze! Da, plötzlich: »Dor geit he hen«, eine mächtige Wolke Schlamm trübte das Wasser, und Roß und Reiter sah man niemals wieder! Das ist eine Krokodiljagd in Wirklichkeit, nicht wie sie gewöhnlich beschrieben wird. In Neu-Guinea und Neu-Britannien giebt es, wenigstens nach meinen Erfahrungen, herzlich wenig Krokodile, das darf ich jeden versichern, und das ist ja im ganzen kein Fehler. Freilich Herr Powell beschreibt Flüsse in Neu-Britannien, in welchen es von Krokodilen förmlich wimmelt[52], große, mittlere, kleine; man brauchte sie sich nur auszusuchen. Wahrscheinlich hielten die Tiere gerade Volkszählung und alle Krokodile von Blanche-Bai bis Kap Glocester waren hier zur Kontrollversammlung. Aber Herr Powell sah auch »fischende« Kasuare, und »fliegenschnappende« Krokodile!?

Die Zeit unseres Abschiedes nahte, sehr zum Bedauern der Eingeborenen, deren Häupter natürlich Andenken erhielten, darunter mein alter braver Freund Makiri ein äußerst ungewöhnliches, wie ich es noch nie einem Freunde gab, noch geben konnte. In einer Ecke der Kajüte besaßen wir ein Seltzogen, d. h. einen jener bekannten Apparate, in welchen man künstliche kohlensaure Wasser bereitet. — »Und den bekam der Wilde?« wird vielleicht mancher Leser denken. Natürlich nicht, sondern nur einen Teil desselben. Die Sache war nämlich so gekommen. Wir hatten an Bord einen schwarzen Burschen, einen schneidigen Jungen, der den weißen Mann und seine Finessen aus dem Grunde kannte. Er verstand einen Riemen zu ziehen, Gewehre und Tischgerät zu putzen, aß bereits Schiffsbrot, noch lieber eingemachte Früchte oder Sardinen in Öl, woran sich alle Kanaker so schnell gewöhnen, mit einem Wort, er war ein sehr gebildeter junger Mann. Sogar einen Selterswasser-Apparat wußte er kunstgerecht zu füllen. »Oh! me sabi! that fellow white paura likelike, that other fellow mangero!« (O, ich weiß, von diesem weißen Pulver wenig, von dem andern viel). Richtig, er hatte die Sache los, nicht wahr, was nicht so ein Kanaker alles lernt! Das Kohlensaure, in den Tropen eine wahre Erquickung, war also bald fertig und sollte eben probiert werden. Da, auf einmal ein Krach, als ginge eine kleine Kanone los! Ich dachte natürlich zunächst an den Kessel, aber glücklicherweise so schlimm war es nicht, sondern nur das Seltzogen explodierte. Da lag die Bescherung! das daumendicke Glas zersprengt und Hunderte feiner Splitterchen überall ins Holzwerk geflogen. Das mußte ein wahres Sprühfeuer von Glassplittern gewesen sein, denn die Kajüte war ja nicht groß (8 Fuß bei 5) und wirklich ein Glück, daß sich gerade niemand in derselben aufhielt. »Boy! you look« Knabe, betrachte dies!? — »Aipua! me make that fellow mangero mangero good! that fellow bottle not all same strong paura« (O weh! ich habe es zu gut gemacht; die Flasche war nicht so stark als das Pulver). Da hatte er ebenfalls recht, und wir waren beide um eine Erfahrung reicher; er, daß es auch weißes »Paura« (= Powder, Schießpulver) giebt, welches im Wasser »bum« macht; ich, daß man niemals einem Schwarzen einen Selterswasser-Apparat ansetzen lassen soll.