Jedenfalls ist die Insel bisher von Werbeschiffen verschont geblieben, denn die Eingeborenen kamen ohne Scheu an Bord, wenn auch mit Widerstreben in die Kajüte. Aber man mußte vor ihren Fingern auf der Hut sein, wie ich erst bemerkte, als ich denselben Wasserschöpfer zum zweitenmale kaufte. Ja, Diebsgelüste scheint einmal in der ganzen Menschheit zu stecken. Die Leute waren zwar recht laut und lärmend, wozu ein eigentümliches Bellen als Zeichen der Verwunderung nicht wenig beitrug, aber durchaus harmlos. In der Begrüßung zeigten sie sich zu meiner Überraschung als »Nasenreiber«, was wiederum für Polynesien spricht, ethnologisch zwar sehr interessant, aber in der Praxis nicht gerade ganz angenehm ist. Ich spielte daher lieber den Dummen, denn ich wußte aus Erfahrung, daß die Sache kein Ende nimmt, wenn man erst mit einem auf diese Weise Brüderschaft gemacht hat.
Zu den ethnologischen Eigentümlichkeiten gehörte übrigens auch die besondere Bauart der Kanus, sowie die Form der Ruder, im übrigen stimmten die meisten Gegenstände, auch die Bekleidung mit denen überein, wie wir sie in den d'Entrecasteaux und an der Ostspitze Neu-Guineas kennen lernten. Jedenfalls wird Trobriand von Normanby, Welle und Woodlark-Insel aus besucht, da die Trobriander wohl selbst keine Handelsreisen unternehmen. Schon ihre Kanus ohne Segelgeschirr sind für größere Seefahrten ungeeignet. Einige derselben waren an den Schnäbeln mit Schnitzerei verziert, wovon der Atlas (T. VII 6) eine Probe giebt. Das Wort »Kirvirai«, wie bei den Eingeborenen die Insel heißen soll, kannte übrigens keiner, und ich habe den Namen derselben überhaupt nicht erfahren können, denn Kebole oder Kaibol bezeichnete offenbar nur das Heimatsdorf der Leute in den Kanus.
Wir gingen um Kap Denis an der Ostseite von Trobriand herab, die aus Steilufer besteht und für Schiffe unzugänglich scheint, wie Lagrandiere, das nur durch eine schmale Straße von der ersteren Insel getrennt wie eine Fortsetzung derselben erscheint und genau denselben Charakter zeigt. Wir wollten von hier einen westlichen Kurs nach der Küste von Neu-Guinea steuern, fanden aber unseren Weg durch ein Riff vorgeschrieben, dem wir über 30 Meilen bis fast zu den Amphlett-Inseln in südlicher Richtung folgten, und welches unsere Navigateure Otto-Riff tauften. Es bildet die Südostgrenze der Lusancay-Lagune, nach Findlay der größten der Welt, die sich über drei Längen- und ein und ein viertel Breitengrad erstreckt. Dieses Riff ist bis heute noch ebenso unbekannt geblieben als die nördliche Grenze der Lagune, das Lusancay-Riff, welches die Karten nur nach den flüchtigen Aufnahmen von d'Entrecasteaux (1793) wiedergeben.
II. d'Entrecasteaux-Inseln.
Ungenügende Kenntnis. — Welle-Insel. — Nordküste von Normanby. — Weihnachtsbucht. — Unsere Weihnachtsfeier. — Scheu der Eingeborenen. — Verfall der Steinzeit. — Eigentümliche ethnologische Provinz. — Ausgezeichnete Fahrzeuge. — Bekleidungsmatten. — Spondylus-Muschelplättchen. — Liebenswürdigkeit der Eingeborenen. — Urgestein. — Hausbau. — Auf totem Riff. — Ostküste von Normanby. — Kolossale Kokosnüsse. — Gutheil-Bucht. — Friedliche Eingeborene. — Kap Ventenat. — Göschen-Straße. — Westküste von Normanby. — Dawson-Straße. — Exkursion. — Goulvain oder Ulebubu. — Eingeborene — sind Kannibalen. — Ostspitze von Fergusson. — Besuch eines Dorfes. — Musterplantage. — Manucodia Comrii. — Südküste von Fergusson. — Herrliches Kulturland — Kap Mourilyan. — Blick auf Goodenough.
Wir hatten den an 6000 Fuß hohen Berg Kilkerran auf Fergusson-Insel schon von Trobriand aus gesehen, und jetzt entfalteten sich die malerischen Gebirge der d'Entrecasteaux-Inseln immer deutlicher vor unseren Augen.
Die nach ihrem Entdecker benannte Gruppe wurde von diesem (1793) nur gesichtet und erst 80 Jahre später durch Moresby genauer aufgenommen. Durch ihn erhielten wir zuerst Nachweis über die richtige Lage der drei Hauptinseln: Normanby, Fergusson und Goodenough, die alle von vulkanischer Formation und vorherrschend gebirgig sind. Moresby hat uns übrigens nur mit der Westküste bekannt gemacht, und die östliche ist bis heute nur sehr unvollkommen aufgenommen. Der Naturaliensammler Andrew Goldie besuchte 1882 von Port Moresby in seinem kleinen Schuner Alice Mead die Westseite von Normanby und Fergusson, hat aber über diese interessante Fahrt, wie seine vielen Reisen in Neu-Guinea überhaupt, wenig publiziert. Und was Moresby mitteilt ist auch nur sehr gering, so daß die nachfolgenden Blätter umsomehr von Interesse sein dürften, als sie einige bisher nicht besuchte Lokalitäten besprechen.
Wir dampften längs der Ostseite von Welle, einer langen, dichtbewaldeten, niedrigen Insel, mit wenigen grünen Hügeln, und sahen die tiefe Bai vor uns, welche von der knieförmigen Einbuchtung der Nordseite von Normanby gebildet wird, wo wir einen Ankerplatz zu finden hofften. Und wir fanden ihn. In einer hübschen, malerisch von Bergen umschlossenen Bucht, mit dicht von Kokospalmen bestandenem Ufer, unter denen freundliche Häuser hervorguckten, ging die Samoa zu Anker, gerade am Weihnachtstage, dem zu Ehren wir dieselbe Weihnachtsbucht benannten. War es doch der Tag, an welchem daheim sich Millionen anschickten, das liebe Christfest zu feiern. Uns war kein Weihnachtsbaum beschieden, keine Feier bereitet. Und dennoch als die Sonne hinter den Bergen verschwand, als die eigentümlichen grünlichen, bläulichen und rötlichen Tinten des Zodiakallichtes allmählich in das tiefe Schwarz der Nacht verflossen, da begann auch unsere heilige Nacht. Das Firmament hatte seine Millionen Lichterchen angezündet, Sterne und Sternchen flimmerten; vor allem bemerkbar der Orion und der liebe Gefährte der südlichen Nacht, das südliche Kreuz. Kein feierlicher Glockenton rief zur Mette; nur das Zirpen der Cikaden, das rauhe Gequiek fliegender Hunde und andere Tierstimmen tönten vom Ufer herüber, bekannte Laute, die unsere Gedanken nicht abzulenken vermochten. Wo dieselben weilten? Das ist wohl unschwer zu erraten. Weit, weit weg vom südlichen Kreuz, von den Kokospalmen, vom Gekreisch der fliegenden Hunde, da, wo man an diesem Abende in trautem Kreise am warmen Ofen sitzt und sich des lieben Christfestes freut, während draußen die Schneeflocken herabwirbeln. Dort weilte jeder mit seinen Gedanken still für sich, — und als die letzte Pfeife verglommen, suchte jeder das Lager und versuchte auszuruhen von den Mühen und der Hitze des Tages. Das war unser Christfest in den Tropen! Für uns gab es keine Feier, kein Feiern! — Aber die Mannschaft durfte sich etwas anthun, und wohl zum erstenmale hörten die alten Kokospalmen und die scheuen Eingeborenen aus kräftigen deutschen Kehlen die »Wacht am Rhein« und »Stille Nacht! Heilige Nacht«! Eine gar wundersame heilige Nacht, eine Tropennacht!
Die Eingeborenen zeigten sich anfangs sehr scheu, kein Kanu kam längsseit, wie dies sonst gewöhnlich zu geschehen pflegt, und als ich zum erstenmale an Land ging, fand ich die Häuser verlassen. Die Leute waren geflüchtet, da sie uns wahrscheinlich für Werber hielten, die offenbar hier gehaust hatten. Das ließ sich an den vielen europäischen Erzeugnissen erkennen, welche die Eingeborenen besaßen, als sie nach und nach in Verkehr mit uns traten. Obwohl sie kein Wort Englisch verstanden, fand doch Tabak, und was merkwürdiger war, auch Thonpfeifen und Spiegel Nachfrage. Eisen war weniger begehrt, denn jeder Mann, ja selbst der Knabe besaß eine Axt; auch zwölfzöllige Messer kannte man bereits. Mit der guten alten Steinzeit war es daher vorbei und diese Eingeborenen bereits in dem Civilisationsstadium von Bandeisen. Mit solchen statt der früheren Steinklingen waren diese Äxte (Ira) bewehrt und zwar in einer eigentümlichen Weise, die für ganz Ost-Neu-Guinea charakteristisch wird. Die Schärfe der Klinge steht nämlich nicht quer zu dem Stiele, wie sonst (vergl. [S. 63]), sondern in gleicher Flucht mit dem letzteren. Die Abbildung des Atlas (T. I, 8) zeigt eine solche Axt. Der hölzerne mit Schnitzerei verzierte Stiel stammt noch aus der Steinzeit, die hier vielleicht noch wenige Jahre vorher regierte. Aber man sah, daß solche Arbeiten schon rar wurden, denn sobald Eingeborene erst Eisen haben, ist es mit ihrer Kunstfertigkeit zu Ende, statt geschickter und fleißiger werden sie ungeschickt und faul, das ist eine Thatsache, die sich überall wiederholt, und die mich weiter nicht verwunderte. Von guten Sachen konnte ich nur noch Reste sammeln, welche von der bewundernswerten Kunstfertigkeit der Eingeborenen Zeugnis ablegten. Hervorragend sind die schwungvollen Muster der eingravierten Verzierungen an Holzgeräten, die meist aus eleganten Schnörkeln bestehen und für ganz Südost-Neu-Guinea charakteristisch werden. In der That bilden die d'Entrecasteaux, mit Trobriand, der Ostspitze Neu-Guineas und dem vorgelagerten Archipel bis Teste-Insel hin, wahrscheinlich auch die Louisiade mit einbegriffen, eine eigene ethnologische Provinz, die sich durch manche Eigentümlichkeiten auszeichnet. Dahin gehört die besondere Ornamentik, von der die Abbildungen des Atlas (III, 4, XI, 4, 5) Proben geben, welche sich selbst bei kleinen Gegenständen (wie z. B. T. V. 2, 3) wiederholt, die Befestigung der Steinbeilklingen, das Verwenden von roten Muschelplättchen (Spondylus) zu Schmuck, die hohe Entwickelung in der Baukunst von Fahrzeugen und — vorgreifend, die weniger angenehme Sitte — der Kannibalismus!