Baumhaus in Milne-Bai.
Die Eingeborenen, welche inzwischen zahlreich herbeigeeilt waren, unterschieden sich in nichts von denen in Bentley-Bai und Hihiaura, sprechen auch fast dieselbe Sprache. Sie brachten außer Büscheln buntblättriger Crotons kaum etwas zum Tausch, und ich erlangte mit Mühe wenige Schilde und Steinklingen, da auch hier die Steinzeit ihrem Ende entgegengeht. Die Eingeborenen von Milne-Bai, erwiesenermaßen Kannibalen, stehen in keinem guten Ruf. Aber auch sie sind weit besser als der letztere, wie ich von Hunstein weiß, der länger unter ihnen lebte und sehr gut mit ihnen auskam. Moresby, der zuerst hier war, fand überall freundliche Aufnahme. Aber die Gewaltthätigkeiten der Werbeschiffe, welche hier rekrutierten, und das zuweilen brutale Auftreten von Tripangfischern haben seitdem auch hier dem Weißen keinen guten Ruf verschafft; man darf sich daher über etwaige Massacres als Repressalie nicht wundern.
Die Samoa war inzwischen herangekommen und wir setzten unseren westlichen Kurs noch etwas weiter fort, bis wir die Tiefe der Bai sehen konnten, die aus Flachland zu bestehen scheint. Hier liegen die Dörfer Maivara und Gihara, die wie Wagawaga (Discovery-Bay), am Südwestrande, stark bevölkert sein sollen. Wir wandten dann unseren Bug ostwärts und dampften, im Angesicht der 1500 bis über 3000 Fuß hohen Gebirge am Südrande der Bai, Chinastraße zu, Moresby gab ihr diesen Namen, weil sie einen kürzeren Seeweg zwischen Australien und China eröffnet, der sich in der Praxis aber nicht bewährte. Wir hatten North-Foreland, die Nordspitze der südlichen Halbinsel von Milne-Bai passiert, die aus steilen, an 1800 Fuß hohen Gebirgen besteht, ohne Siedelungen und Kokospalmen, und sahen die malerischen Inseln des Moresby-Archipel vor uns. Sie sind alle bergig, mit zahlreichen Kultivationen der Eingeborenen bedeckt, am Strande dicht mit Kokospalmen gesäumt, und mögen danach zu urteilen ziemlich gut bevölkert sein. Bald hatten wir die kleinen Inseln Meckinley (Maivara) und Paples an Backbordseite und sahen in die Tiefe von Jenkins-Bai, die fast hufeisenförmig von der gebirgigen Basilisk-Insel (Urapotta), nebst Hayter (Sáriwa oder Sariba) umschlossen wird. Am Nordwestrande der letzteren Insel passierten wir Possession-Bay, wo Moresby am 24. April 1873 zum erstenmale die Flagge hißte und im Namen Englands von den Inseln Besitz ergriff. Die Straße erreicht nun ihre schmalste, kaum eine Meile breite Stelle und schien am südwestlichen Ende durch Heath-Insel (Rogia, Logia) geschlossen, aber bald öffnete sich der Blick nach Südost und wir hatten die kleine Dinner-Insel (Samárai) vor uns. Sie ist kaum eine Meile lang, ca. 200 Fuß hoch, und war, ehe die Londoner Missionsgesellschaft (1876 oder 77) eine Station errichtete, unbewohnt. Jetzt siedeln hier an 30 bis 40 Eingeborene der Nachbarinseln, meist von Rogia, die unter der Obhut von Ipunessa, eines Lifumannes, eine kleine Gemeinde bilden.
»Dimdim stop mission« (ein Weißer lebt im Missionshause) sagte ein Zögling, der gleich mit dem ersten Kanu längsseit und an Bord gekommen war; es stand uns also eine Überraschung bevor, als wir an Land ruderten. Und in der That, unter der uns erwartenden Menge war ein Dimdim, ein wirklicher Weißer. Er stellte sich in englischer Sprache als »Harry Smith« vor und erkundigte sich zunächst nach der Nationalität unserer Flagge. Als er hörte, daß es die deutsche sei, da entpuppte er sich plötzlich als ein Landsmann von der Ostsee, der den englischen Namen, Gott weiß aus welchem Grunde, nur angenommen hatte. Ja, ja, so werden Deutsche über die ganze Welt umhergeschleudert, und man wundert sich an irgend einem Orte keinen Deutschen zu finden. Von Nordkap und Nord-Sibirien an bis auf den entlegensten Inselchen im Indischen und Stillen Ozean, wie z. B. Diego Garcia, in den Gilberts u. s. w., allenthalben habe ich Landsleute angetroffen, nicht immer mit besonderer Freude. Daß Harry als früherer deutscher Matrose die deutsche Flagge nicht kennen sollte oder wollte, durfte befremden und der Umstand, daß er zur Besatzung des berüchtigten Werbeschiffes »Hopeful« gehört hatte, war ebenfalls als keine Empfehlung zu betrachten. Die gegen Eingeborene verübten Unthaten dieses Sklavenschiffes kamen zufälligerweise einmal heraus, ein seltener Fall in der Geschichte der Labourtrade. Die Missionslehrer hatten Anzeige gemacht, und die Urheber wurden diesmal wirklich vor Gericht gestellt. Der in Brisbane verhandelte Fall, bei welchem die Lehrer die Haupt-Belastungszeugen bildeten, machte damals großes Aufsehen in Australien. Das Urteil sprach nämlich den Kapitän, Steuermann und Arbeiteragent oder »Agent of immigration«, wie er euphonistisch heißt, des Todes schuldig. Drei Weiße wegen einer Handvoll Niggers!! Ein solcher Fall war noch nie dagewesen und erschien so ungeheuerlich, daß die Zeitungen ein furchtbares Geschrei erhoben. Schließlich sind denn auch die Übelthäter dem Galgen entronnen und zu lebenslänglichem Kerker (davon drei Jahre in Ketten!) begnadigt worden.
Harry führte übrigens hier im Hause des Missionars ein beschauliches Leben als Händler (Trader), kaufte Kokosnüsse, um Kopra zu machen, und war dabei, eine Tripangstation zu errichten. Tripang oder Bêche de mer —?? — ja das wollte ich ja eben sagen —, heißen jene zur Ordnung der Stachelhäuter (Echinodermata) gehörenden Meerestiere der Gattung Seewalzen oder Seegurken (Holothuria), wenn sie gehörig zubereitet und getrocknet sind. Diese Tiere bilden im Leben einen langgestreckten, runden, walzenförmigen Körper von einhalb bis drei Fuß Länge und erinnern an runzlige, plumpe, kolossale Würste, die träge auf dem seichten Grunde des Korallriffs liegen (daher englisch »Sea slug«) und wenig animalisches Leben verraten. Beim Anfassen entleeren sie eine Menge Wasser und in langen, schleimigen, klebrigen Fäden ihre Eingeweide, wodurch das Unappetitliche ihrer Erscheinung nur noch erhöht wird. Die Bereitung von Tripang ist im ganzen nicht schwierig. Die Tiere werden in großen, flachen, eisernen Pfannen in Seewasser gekocht, am andern Tage der Länge nach aufgeschnitten, vollends gereinigt, etwas an der Sonne getrocknet und dann geräuchert. Man errichtet zu diesem Zwecke ein höchst primitives Räucherhaus, in welchem der »Fish«, wie die Tripangfischer auch Holothurien nennen, auf übereinanderliegenden Horden getrocknet wird. Es erfordert dies große Aufmerksamkeit, da es hauptsächlich auf ein allmähliches, recht langsames Trocknen ankommt. In diesem Zustande hält sich die Ware jahrelang. Sie geht hauptsächlich nach Hongkong und zwar meist von Cooktown oder Thursday-Insel aus. In China bildet Tripang, für uns nur ein trockenes, lederartiges, unangenehm riechendes Produkt, eine große Delikatesse der Tafel, auf der sie in verschiedener Zubereitung erscheint.
Man unterscheidet in der Südsee drei bis vier Arten Tripang, die im Preise von 40 bis 110 Lstl. (800 bis 2200 Mark) per Tonne (2200 Pfund engl.) variieren. Tripang ist also ein wertvoller Artikel, an dem die Fischer reich werden müssen, sollte man denken! Aber das letztere kommt wohl kaum vor, denn es giebt keine größeren Abenteurer als diese Tripangfischer. In kleinen, schlechten Fahrzeugen, nicht selten einem offenem Boote, gehen sie mit wenigen Leuten, meist von Cooktown, nach der Küste Neu-Guineas bis zur Louisiade, um nach Fischereigründen zu suchen und ihre ambulante Station aufzuschlagen. Mit einigen Tafeln Wellblech läßt sich da schon viel thun, und eine solche sogenannte Station ist das primitiveste, was man sich denken kann. Aber ohne die Hilfe der Eingeborenen läßt sich nichts machen. Sie sind es, welche die Holothurien bei Ebbe auf dem Riff oder tauchend sammeln, welche Feuerholz zum Räuchern herbeischleppen, wozu große Quantitäten erforderlich sind, und sonst allerlei Dienste leisten. Glasperlen und andere Kleinigkeiten erhalten den Eifer der Eingeborenen bis zum Abschluß der einige Monate dauernden Campagne rege, mit der die eigentliche Bezahlung stattfinden soll. Aber gar häufig verschwindet der biedere Weiße ohne dieselbe, vielleicht noch unter Mitnahme einiger Eingeborenen, die anderswo gratis zu arbeiten haben, manchmal ihre Heimat überhaupt nicht wiedersehen. Das merken sich die Eingeborenen natürlich, und gar mancher Tripangfischer hat für die Missethaten seiner Fachgenossen, wenn nicht für eigene, büßen müssen. Am Dubu in Maupa an der Südostküste sah ich selbst die Schädel neun chinesischer Tripangfischer, die durch brutales Betragen ihr Schicksal verschuldet hatten, ein Fall, der von einem englischen Schiffe untersucht, aber zu Gunsten der Eingeborenen entschieden wurde.
Das Missionshaus auf Dinner-Insel, ganz aus Wellblech, auf hohen Pfählen erbaut, mit wirklichen Glasfenstern, erschien gegenüber der schuppenartigen Kirche gleich einem Palast. Die Bekehrten und die Missionszöglinge waren in zwei großen Grashäusern untergebracht, und die ganze Station machte einen sehr freundlichen Eindruck. Von der Insel selbst läßt sich dies nicht sagen. Sie besteht an der Westseite meist aus Sand und nur die Hügel der Nordostseite besitzen kulturfähigen Boden, während das flache Innere zur Regenzeit in eine Lagune verwandelt wird, die jedenfalls einen gesundheitsschädlichen Einfluß ausübt. Infolge des steilen Bodens giebt es mehr Gestrüpp als Bäume auf der Insel, wie auch die Kokospalme nur kümmerlich gedeiht. Umso reicher an letzteren sind die Nachbarinseln Rogia und Sariba, wo die Mission auch Filialen und Plantagen besitzt.
Von diesen Inseln ruderten bald Eingeborene heran, in Kanus, die zum Teil nur in einem ausgehöhlten Baumstamm, ohne Ausleger, bestanden. Sie brachten nur wenig zum Tausch, darunter kleine Schilde (Jessi) aus weichem Holz, die jetzt eigens für den Handel gemacht werden, aber auch noch einiges aus der guten alten Zeit. Darunter Gaiagaia, Armbänder aus einem menschlichen Unterkiefer, die von nahen Anverwandten herstammen und als teure Andenken getragen werden. Dagegen schienen einige Schädel (Romaroma) Trophäen erschlagener Feinde zu sein, wie noch vor wenigen Jahren Kannibalismus auf diesen Inseln herrschte und vielleicht im Kriege mit den Festlandsbewohnern noch heute im stillen betrieben wird. Am meisten überraschte es mich, hier Tätowierung zu finden, die ich auf allen unseren bisherigen Reisen nicht beobachtet hatte, und die selbst auf den nahen d'Entrecasteaux und in Milne-Bai fehlt. Es zeigt dies wiederum, daß manche Sitten und Gebräuche außerordentlich lokalisiert verbreitet sind. Die Tätowierung der Frauen und Mädchen, denn nur solche wenden diesen Körperschmuck als Verschönerungsmittel an, ist eine sehr eigentümliche und reiche, die zuweilen in Grecmuster Gesicht, Arme und die Vorder- und Rückseite des Körpers bedeckt. Die beigegebene Abbildung einer Frau von Rogia zeigt diese charakteristische Tätowierung und zugleich kostbare Armringe (Massuoro) aus dem Querschnitt einer großen Kegelschnecke (Conus millepunctatus), wie wir dieselben schon auf Normanby ([S. 215]) kennen lernten.