Vor der Kirche Aroani.

Ein Besuch auf der Insel Aroani zeigte das Leben und Treiben, wie es an jeder Missionsstation herrscht. Alles eilte herbei, um dem weißen Fremdlinge die Hand zu geben und ihn mit »denani« zu begrüßen; einzelne ließen wohl auch ein »good morning« und den leisen Wunsch nach Tabak einfließen, ohne eigentlich zu betteln. Eine Menge Wörter der hiesigen Sprache zeigte übrigens nahe Verwandtschaft mit dem Motu von Port Moresby. Es war gerade Sonntag, und jeder erschien im besten Staate, aber gerade daran konnte der Erfahrene merken, daß wir uns an einer entfernten Nebenstation befanden. Denn während am Sabbath in Port Moresby Kanakerinnen nicht selten in Kleidern mit Volants paradieren, mußten sie sich hier mit den landesüblichen Volant-Grasröcken begnügen. Nur wenige besaßen außerdem ein Kattunjäckchen oder ein Strohhütchen mit künstlichen Blumen, wie die possierlich ausstaffierten Mädchen in der lebensvollen Gruppe unserer Abbildung. Sie zeigt so recht den Gegensatz zwischen den Anfängen einer mit europäischem Plunder übertünchten Civilisation und der ursprünglichen Eingeborenentracht. Die letztere dürfte dabei als die vorteilhaftere erscheinen, da die rot und gelben Grasröcke, aus Blattfasern der Sagopalme, die braunen Gestalten in der That trefflich kleiden. Tätowierung ist in Milne-Bai nicht Sitte, und die damit verzierten Frauen unseres Separatbildes waren Gäste von Dinner-Insel. Die Vorderseite der Kirche giebt einen weiteren interessanten Vergleich christlicher und heidnischer Kunst, die ebenfalls zum Vorteil der letzteren ausfällt. Denn die skelettartige Karikatur über der Thür ist nur aus schwarz und weißgefärbtem Pandanusblatt verfertigt, hat also wenig Mühe gemacht, während wir in dem Aimaka auf Bilibili ([S. 73]) noch solide Holzbildhauerei kennen lernten. Und wenn ich hier auf die Decenz beider Darstellungen eingehen dürfte, dann hätte ich für beide drastische Bemerkungen zu machen. Die Kirche war im übrigen ein solider Pfahlbau, welchem ein mit Kerben versehener Baumstamm als Treppe diente. Bald läutete der Lehrer zum Gottesdienst, dem einige 40 Eingeborene, meist weiblichen Geschlechts mit Kindern und Säuglingen, beiwohnten. Nach den Regeln der Londoner Mission wurde in der Landessprache geredet und gesungen, denn die Eingeborenen lernen Singen gar schnell. Im übrigen herrscht natürlich am Sonntage die Ruhe der englischen Kirche, welche den Missionszöglingen aber wenigstens das Rauchen gestattet. Die Londoner Gesellschaft ist überhaupt viel toleranter als z. B. die amerikanische in Mikronesien, welche nicht allein das Rauchen verbietet, sondern auch die Tracht der Eingeborenen durch allerlei Satzungen verändert und dadurch bald alle Originalität auslöscht. Was würde sie erst zu dem eigentümlichen Rauchgerät sagen, das ich nach langer Zeit zuerst hier wiedersah, und welchem der Eingeborene wahrhaft frönt! Es ist dies der an der ganzen Südostküste bekannte Baubau, hier Kirä genannt, ein langes Stück Bambu mit einem Loche. Das letztere dient zur Aufnahme einer kleinen mit Tabak gefüllten Blattdüte, einer Art Zigarette. Ist die letztere angezündet, so wird das Rohr voll Rauch gesogen, dann die Zigarette herausgenommen und aus dem kleinen Loch der Rauch eingesogen oder vielmehr verschlungen, wobei der Kirä von Mund zu Mund wandert. Ich darf versichern, daß diese Rauchmethode sehr wirkungsvoll ist, denn sie betäubt förmlich, aber kleine Kinder sind bereits daran gewöhnt, und der »Baubau« ist unzertrennlich mit dem Leben des Papuas der Südostküste Neu-Guineas verknüpft.

Kirärauchen.

Das Haus des Lehrers war ein ähnlicher Bau als die Kirche und, wie diese, von Eingeborenen gemacht worden. Es enthielt im Inneren drei Abteilungen und außer selbstgefertigten Tischen und Bänken den üblichen Wandschmuck, Bilder aus London Illustrated News, Graphic, Modezeitungen u. s. w., sowie einige Kisten und Kasten, denn auch der Hausrat eines Missionslehrers ist meist sehr bescheiden. Aber Diën baute an einem neuen Wohnhause, das sehr gut zu werden versprach. So wurden die Wände außen mit Kalk (aus Korallen gebrannt), verputzt und sollten innen tapeziert werden und zwar — mit Segeltuch, was sich freilich schon der Kosten wegen unausführbar erwies.

Aroani, zum großen Teil von Mangrove-Lagunen eingeschlossen, mit schlechtem korallinischem Boden, ist jedenfalls sehr ungesund. Aber ich erstaunte, trotz des kümmerlichen, korallbesäten Erdreiches so gute Plantagen zu finden. Außer den üblichen Feldfrüchten Yams, Taro, Bananen und Zuckerrohr wurden auch Kürbisse, Wassermelonen und Mais angebaut; alles schien trefflich zu gedeihen, bis auf die wenigen jungen Kokospalmen.

Lieblicher Vogelgesang, eine Seltenheit in den Tropen, den ich schon von Bord aus gehört hatte, und der mir mit seinen nachtigallähnlichen Strophen durchaus neu war, reizte den Urheber zu erlangen. Bald war er in meinen Händen, ein unscheinbares Vögelchen, Ptilotis sonoroides, das bisher nur auf Waigiu und Mysol beobachtet wurde. Sonst erlangte ich nur noch wenige Kleinvögel, denn die großen Fruchttauben waren zu scheu, und so mußte ich mich mit der kleinen Ptilinopus aurantiifrons begnügen, einem jener reizenden, kleinen Täubchen, welche Neu-Guinea in so überraschender Fülle und Farbenpracht eigen sind.

Milne-Bai bildet eine an 20 Meilen lange und ca. 10 breite Einbuchtung im Ostende Neu-Guineas, deren Nordrande wir bis über die Hälfte folgten, um dabei ein Kopragebiet von seltenem Reichtum kennen zu lernen. Das Vorland an dieser Seite der Ostkap-Halbinsel ist viel ausgedehnter als an der nördlichen und zeigt stellenweis förmliche Wälder von Kokospalmen. Nach der Aussage der Lehrer würde sich dieses Kopragebiet in noch größerer Ausdehnung bis in die Tiefe und längs dem West- und Südwestrande der Bai erstrecken, so daß dasselbe reiche Ausbeute verspricht, deren Verwertung inzwischen schon in Angriff genommen sein dürfte. Trotz dieses Überflusses schien die Bevölkerung unbedeutend. Nur selten zeigte sich ein einzelnes Haus am Strande, und an den grünen Vorbergen wurden Kultivationen seltener. Das allmählich höher ansteigende Stirlings-Gebirge ist, wie sich schon an der dichten Bewaldung erkennen ließ, unbewohnt.

In Mita, ca. fünf Meilen von Aroani, der zweiten Missionsstation, ließ ich mich an Land setzen und wurde von Dick, dem Lehrer, einem dunklen Maré-Mann, begrüßt. Hilfreiche Hände zogen das Boot durch die Brandung und reichten geöffnete Kokosnüsse als Willkommen, noch ehe wir das Land betreten hatten. Die Station ist viel kleiner als die auf Aroani und besteht nur aus zwei Häusern, von denen eins als Kirche dient; auch war der Anhang von Eingeborenen viel geringer. Unter den letzteren zeichnete sich ein mit Hemd, Hose und Filzhut bekleideter ältlicher Mann aus, der König, denn er sagte wiederholt »me king«, alles, was er an englischen Worten wußte, und empfing natürlich den üblichen Tribut in einigen Stücken Tabak. In Begleitung des »Königs« und Dicks Sohn Joana, einem fixen Knaben, der ziemlich englisch sprach, ging ich nach dem nächsten Dorfe, um wenigstens etwas von Land und Leuten kennen zu lernen. Der Weg führte teils durch Urwälder, in denen außer anderen Vogelstimmen sich auch die von Paradiesvögeln (Paradisea Raggiana) vernehmen ließen, teils durch Plantagen, welche den Reichtum und die Fruchtbarkeit des Bodens bekundeten. Joana erzählte, daß ein anderer »King« seinem Vater nach dem Leben trachte, aber gleich ausreißen würde, wenn er mich mit dem Gewehre sähe. Bald kamen wir an eine hübsche Bucht, welche zur Anlage einer Station wie geschaffen scheint, besonders da sie auch für Segelschiffe sichere Ankerung bietet. Längs dem Sandstrande dieser Bucht gelangten wir zuerst zu dem kleinen Dorfe Higiba, (Higäbei), das nur aus drei Häusern besteht, weiterhin, einen seichten Fluß durchwatend, nach dem etwas größeren Baragom, das sich durch einen großen Kanuschuppen auszeichnete. Er stimmte ganz mit dem auf Goulvain ([S. 224]) überein, und wie wir solche in Hihiaura und an der Ostkap-Landzunge kennen lernten. Diese Kanuschuppen scheinen, in Ermangelung anderer Baulichkeiten, zugleich als Versammlungshaus der Männer zu dienen, in welches man Fremde nicht gern eintreten läßt. Außer dem Kanu, das Eigentum des Häuptlings oder der Gemeinde ist, enthielt der Schuppen nur eine Anzahl großer hölzerner Kampfschilde, die ganz mit denen in Bentley-Bai übereinstimmten. Von diesen Schilden giebt es zwei Formen, länglich-ovale und rechteckige (ca. 1 m hoch und 40 cm breit), die zum Teil mit erhabener Schnitzerei und bunter Bemalung verziert sind und mit zu den besten Erzeugnissen des Kunstfleißes zählen.

Die Häuser unterschieden sich von denen in Bentley-Bai ([S. 237]) hauptsächlich dadurch, daß sie auf sehr hohen Pfählen wohl zehn Fuß über der Erde stehen und aus Sagopalmblatt gebaut sind, deren lohfarbene Färbung sie schon von weitem auszeichnet. Ich sah übrigens auch Häuser auf niedrigen Pfählen und solche von ovaler Form, denen gewisse Häuser auf Aroani wohl als Muster gedient hatten. Besonders überraschte mich ein Baumhaus, das noch im Bau begriffen war, wie dies die Abbildung ([S. 272]) zeigt. Solche Baumhäuser, die ich aus dem Inneren von Port Moresby kannte, gehören zu den kunstvollsten Bauwerken der Steinzeit. Denn es ist nicht so leicht in den Ästen und im Wipfel eines Baumes, oft in einer Höhe von 50 bis 60 Fuß, ein Haus zu bauen, das den Winden widersteht. Diese Häuser dienen als Festen und Warten, in welche sich die Dorfbewohner bei einem feindlichen Überfall zurückziehen. Die primitive Leiter aus Lianen, welche zu dem luftigen Bau führt, wird hinaufgezogen und die Festung ist zur Verteidigung fertig. Sie enthält außer Wasservorräten Unmassen von Wurfgeschossen in Gestalt von Speeren und Steinen, womit gar mancher Sturm abgeschlagen werden kann, wenn auch das Dorf in Flammen aufgehen sollte.