IV. Milne-Bai bis Teste-Insel.
Killerton-Inseln. — Missionsstation auf Aroani. — Die Londoner Mission in Neu-Guinea. — Farbige Lehrer (teacher) — die wahren Pioniere. — Betragen der Eingeborenen. — Stellung der Lehrer. — Günstiger Einfluß der Mission. — Ein Sonntag in der Mission. — Christliche und heidnische Kunst. — Kirärauchen. — Beschaffenheit der Insel. — Ein schöner Sänger. — Milne-Bai. — Mita. — Higiba. — Schilde. — Häuser. — Baumhaus. — Eingeborene. — Chinastraße. — Moresby-Archipel. — Dinner-Insel. — Ein »Dimdim«. — Bestrafte Arbeiterwerber. — Tripang und Tripangfischer. — Missionsstation. — Eingeborene. — Tätowierung. — Basiraki. — Glockenfels. — Chas oder Teste-Insel. — Häuser. — Verschiedener Baustil. — Prähistorische Töpferei. — Reger Handelsverkehr. — Ethnologie. — Eingeborene. — Haartrachten. — Tätowieren. — Bekleidung und Schmuck. — Einfluß der Mission. — Idande der Lehrer. — Die verunglückte Sylvesterbowle. — Nach Cooktown. — Aufregung.
Die Südseite der Ostkap-Landzunge zeigt eine ähnliche Beschaffenheit als die nördliche. Aber die Hügel und Berge fallen zum Teil steiler ab und haben ausgedehnteres Kulturland, längs dem Strande dichtere Kokospalmbestände aufzuweisen; trotzdem bemerkt man wenig Siedelungen und Menschen. Bald sahen wir die Killerton-Inseln vor uns. So heißt eine Gruppe von drei kleinen und acht bis zehn sehr kleinen Korallen-Inselchen, die zum Teil untereinander und mit der Küste durch Riff verbunden, den nördlichen Eingang von Milne-Bai säumen. Mit Ausnahme der östlichsten Insel, Aroani oder Merari, sind sie unbewohnt, und auch diese ist erst durch die Londoner Mission besiedelt worden, welche hier ihre östlichste Station in Neu-Guinea besitzt. Chalmers nennt sie »a perfect model farm, splendidly laid out«; was man sich dabei für Vorstellungen zu machen hat, wird meine Abbildung zeigen. Die beiden Hauptgebäude sind links die Kirche, rechts das Lehrerhaus; die übrigen Häuser und Hütten (an 15 und mehr) dienen ca. 60 Missionszöglingen zur Unterkunft. Diën, der Lehrer (teacher), der uns schon in Hihiaura besuchte, kam uns in seinem Boote entgegen, um den besten Ankerplatz gegenüber der Station anzuweisen, der übrigens auch nicht frei von Korallriffen ist. Bald folgte in Kanus und Catamarans die Gemeinde, Eingeborene von der Küste, die mit der Mission leben, teilweise als Bekehrte oder weil es ihnen überhaupt bequemer ist. Sie waren meist heller gefärbte Menschen als ihr Lehrer, der von der Insel Lifu (Loyalitätsgruppe) stammte und den dunklen melanesischen Typus repräsentierte. Dennoch hatte er schlichtes Haar, was auf Lifu sehr häufig ist und mich weniger verwunderte, als rothaarige Individuen unter den Eingeborenen, weil natürlich-rotes Haar bei Papuas zu den höchst seltenen Ausnahmen gehört.
(S. 262.)
Missionsstation Aroani.
Das Bekehrungswerk in Neu-Guinea ist bekanntlich in Händen der Londoner Gesellschaft, der größten und reichsten der Welt, die hier im Jahre 1871 die ersten Missionslehrer einsetzte. Jetzt verfügt sie über etliche dreißig, die in gewissen Gebieten der Südostküste, von Saibai bis Milne-Bai, in etwa 25 Stationen verteilt sind. Die Centralstation mit dem »Institute« zur Erziehung eingeborener Lehrer ist auf Erub (Darnley-Isl.), in der östlichen Torresstraße, unter der Leitung von ein bis zwei englischen Geistlichen, zwei andere residieren in Port Moresby, dem Centrum für Neu-Guinea selbst. Alle übrigen Stationen sind mit sogenannten Lehrern (teachers) besetzt, Südsee-Insulanern, die entweder von der Loyalitäts-Gruppe (Lifu und Maré) oder aus Ost-Polynesien (Savage-Island, Rarotonga u. s. w.) herstammen. Das Missionswerk hat diesen dunklen Sendboten unendlich viel zu verdanken und ihre Verdienste sind bei uns viel zu wenig bekannt. Sie waren und sind die eigentlichen Pioniere nicht nur der Mission, sondern der Civilisation überhaupt, die es wagten, sich als Erste unter sogenannten »Wilden« niederzulassen, die noch niemand kannte, mit denen niemand zu sprechen verstand, und von denen kein Mensch voraussehen konnte, welche Aufnahme den Fremdlingen zu teil werden würde. Wie dem Händler (Trader) ein notdürftiges Haus gebaut wird, in welchem man ihn mit einigen Vorräten und Lebensmitteln seinem Schicksale überläßt, bis das Schiff wiederkehrt, so machte es auch die Mission[65]. Während aber dem Händler schon die weiße Hautfarbe stets ein Übergewicht verleiht, fällt dieser Rassenvorteil beim farbigen Missionslehrer weg, denn der Eingeborene hat vor seinesgleichen, wenn auch in europäischer Kleidung, natürlich nicht den Respekt als vor dem weißen Manne. Die Geschichte der Missionsgründung in Neu-Guinea liefert den besten Beweis, daß es mit der so arg verschrieenen Wildheit der Papuas nicht so schlimm bestellt ist. Auch sie haben sich meist als Menschen gezeigt, indem sie die Fremdlinge, welche man auf unbestimmte Zeit ihrer Obhut anvertraute, nicht nur unbehelligt ließen, sondern dieselben hie und da noch unterstützten. Auch das Missionsschiff blieb zuweilen länger aus als erwartet, und die Lehrer waren mitunter lediglich auf die Eingeborenen angewiesen. Wenn es auch nicht an Bedrohungen fehlte, die selbst das zeitweilige Verlassen einer Station nötig machte, so verdient doch hervorgehoben zu werden, daß bei der Gründung der Mission nur auf Bampton-Insel, nahe der Mündung des Flyflusses zwei Lehrer zu Märtyrern[66] wurden, während die Tücke des Klimas eine Menge Opfer forderte. Diese Thatsache lautet gewiß sehr zu Gunsten der Eingeborenen und sollte in goldenen Lettern allgemein Anerkennung finden; aber wer spricht von den »Wilden« um sie zu loben? Wer das Wesen des Eingeborenen kennt, wird freilich wissen, daß dies gute Betragen nicht aus purer Humanität entsprang, sondern daß, wie so häufig im menschlichen Leben, Eigennutz die Triebfeder zu dieser Handlungsweise war. Schon der weiße Mann, welcher die fremden, braunen Gäste installierte, verlieh den letzteren in den Augen des Eingeborenen einen gewissen Nimbus. Aber man wußte auch, daß das Schiff zurückkommen würde und fürchtete Bestrafung für etwaige Missethaten. Mehr als diese Furcht wirkte jedoch das Auftreten der Sendlinge selbst zur Anknüpfung guter Beziehungen. Sie waren ruhige Leute, welche die Eingeborenen nicht inkommodierten, und die letzteren fanden sich schon aus Neugierde beim Gottesdienst ein, der ihnen ja etwas durchaus Neues war. Bald erkannte der Eingeborene auch den praktischen Nutzen der Mission, die ihm zuerst eiserne Geräte, allerlei Tand, und ganz besonders Tabak zuführte und dem betreffenden Dorfe dadurch ein Übergewicht verschaffte. Der nüchterne, berechnende Kanaker-Vorstand fand schnell heraus, daß eine solche Zufuhrsquelle erhalten werden müsse, und man hütete sich daher wohl, die Gans mit den goldenen Eiern umzubringen. Die geringen Vorräte einer Missionsstation vermögen die Habsucht der Eingeborenen auch nicht in dem Maße zu reizen, wie dies gegenüber den viel reicheren Handelsstationen eintreten kann, um durch einen Handstreich auf einmal in den Besitz von Schätzen zu gelangen. Bald hatte die Mission hie und da durch den Einfluß eines Häuptlings unterstützt, die in Neu-Guinea meist wenig bedeuten, Freunde unter den Eingeborenen und gewann dadurch immer festeren Boden. Selbst entferntere Dörfer verlangten nach einem Missionär, um gleiche Vorteile zu genießen und darauf ist so häufig der »Schrei nach dem Evangelium« zurückzuführen. Diese Erfolge sind zum großen Teil den farbigen Lehrern zu verdanken, da die weißen Missionsleiter ja nur in längeren Zwischenräumen die über neun Längengrade ausgebreiteten Stationen besuchen können. Während die Mission bisher glücklicherweise keinen Europäer verlor, hat der Tod unter den eingeborenen Lehrern um so reichere Ernte gehalten, denn gar viele erlagen dem Klimafieber. Fern von der Heimat und ohnehin fatalistisch veranlagt, ist der energielose Kanaker viel weniger widerstandsfähig als der Europäer, ja mancher stirbt, weil er sterben will. Das klingt freilich paradox, ist aber wahr, und gilt auch für die braunen Sendboten des Evangeliums, die trotz ihres civilisatorischen Anstriches doch Kanaker blieben. Wenn so ein Mensch plötzlich erkrankt und die Medizin, welche man ihm zurückließ, nicht bald hilft, dann hält er sich häufig für verloren, giebt sich selbst auf und unterliegt nicht selten einer Krankheit, die ein Europäer bei einiger Behandlung überwinden würde. Der Missionslehrer stirbt in vollem Gottvertrauen und in der Beruhigung eines gottergebenen Lebens, der Tod hat also keine Schrecken für ihn. In der That verdient die Selbstverleugnung dieser Leute die größte Anerkennung, denn sind sie auch meist von geringer Herkunft, so standen sie sich doch meist in ihrer Heimat besser. Mancher hatte hier ansehnlichen Besitz, andere lernten die Welt als Matrosen kennen, und für die wenigsten sind daher die zwanzig Pfund Sterling (400 Mark), welche ein Missionslehrer an Jahresgehalt empfängt, gleichwertig seiner früheren Lebensstellung. Aber das neue Amt verschafft ihm ein ganz anderes Ansehen. Früher gewohnt zu gehorchen, kann er jetzt kommandieren und sich zum Herrn und Gebieter einer Gemeinde aufschwingen, wie dies den meisten Lehrern sehr bald gelingt und wiederum für die gute Art der Eingeborenen spricht. Sie sind es, welche gegen geringes Entgelt in Tauschwaren das Feld mitbestellen helfen, das die Lehrerfamilie ernährt, die ja an Eingeborenenkost gewöhnt, nur wenig Bedürfnisse hat. Im Verein mit gelegentlichen kleinen Nebeneinnahmen sind sogar noch Ersparnisse möglich. Die farbigen Lehrer der Londoner Missionsgesellschaft stehen sich daher weit besser, als die der Wesleyaner im Bismarck-Archipel, die außer Kleidung (d. h. Lavalava oder Lendentücher) nur mit etwas Tabak und vier Pfund Glasperlen jährlich ihren Unterhalt zu bestreiten haben. Wenn gegenüber dem Aufwande an Mühe und Kosten, den Verlusten an Menschenleben und Gesundheit, die Bekehrungserfolge[67] auch keine großen sind, so läßt sich das segensreiche Wirken der Mission doch nicht verkennen und verdient volle Anerkennung. Eine Missionsstation ist stets ein Hort des Friedens, namentlich in solchen Gebieten, wo der Verkehr mit den Eingeborenen durch Weiße gestört wurde, deren Betragen nicht selten auch die Mission in bedrohliche Lage brachte.
(S. 266.)