Trafalgar-Berg.

Von Mitrafels kehren wir zu einer späteren Zeit wieder nach Bentley-Bai zurück, deren Bewohner uns diesmal als Freunde begrüßten und am liebsten ganz behalten hätten. Bei nochmaliger genauer Prüfung erwies sich aber dieser Platz, aus verschiedenen Gründen, zur Anlage einer Station, um die es sich diesmal handelte, nicht geeignet. Wir mußten also unser Heil anderwärts probieren und untersuchten die Küste bis Ostkap wiederholt. Sie wird von mehreren kleinen, palmumrahmten Buchten gebildet, von denen sich aber nur die von Hihiaura brauchbar erwies, weil hier wenigstens kleine Schiffe ankern können. Diese Bucht, ca. eine Meile ost von Bentley-Bai und neun Meilen west von Ostkap, ist von malerischen Bergen umgeben, unter denen der über 1300 Fuß hohe Killerton der höchste ist. Trotz der Steilheit sieht man überall im Waldesdickicht noch hoch hinauf urbar gemachte Stellen, Plantagen der Eingeborenen, die im Verein mit den luftigen Kokoshainen des Strandes ein gar liebliches Bild geben. Bald wurde es lebendig; zahlreiche Catamarans paddelten heran, und eine große Menge Eingeborener hatte sich am Ufer versammelt, als wir landeten. Offenbar war schon von Bentley-Bai Kunde über uns hierher gelangt, denn die Leute zeigten sich, obwohl immerhin mißtrauisch, doch längst nicht so scheu als zuerst dort. Die Siedelung Hihiaura ist, wie alle an dieser Küste, sehr klein und zählte nur acht Häuser, darunter aber ein ungewöhnlich großes. Es war 40 Fuß lang, 18 breit und bis unter die Giebelspitze 25 Fuß hoch, dabei äußerst akkurat gebaut, und ich freue mich, auch dieses bemerkenswerte Bauwerk der Steinzeit hier in der Abbildung geben zu können. Nicht lange und man wird vergeblich nach einem derartigen Denkmal der Baukunst des sogenannten Naturmenschen suchen. Auch die hiesigen hatten die Steinaxt beiseite gelegt und dachten nicht daran, die beginnenden Schäden des Hauses auszubessern, wie der Eingeborene überall nachlässiger wird, sobald er erst eiserne Werkzeuge besitzt. Das bewußte Gebäude war übrigens ein Familienhaus, in welchem vier Familien, der größere Teil der Bevölkerung Hihiauras, wohnten. Für uns, die wir im Begriff standen selbst zu bauen, hatte dieses Haus, bei dem keine Säge, kein Bohrer, kein Nagel, ja überhaupt kein Eisen benutzt oder verwandt worden war, natürlich ganz besonderes Interesse, und selbst unsere Zimmerleute gaben ihrer Bewunderung als Sachverständige Ausdruck. Bald kam die Reihe des Erstaunens an die Eingeborenen, als sie sahen, was drei Weiße mit ihren Werkzeugen und vier Schwarzen zu schaffen vermögen. Während letztere den gekauften Platz klärten und mit wuchtigen Axthieben Bäume, z. B. die größte Kokospalme in zehn Minuten, zu Boden streckten, suchten die Zimmerleute im Walde nach passenden Bäumen zu Pfählen, denn auch unser Haus sollte ein Pfahlbau werden, wobei es hauptsächlich auf die Träger ankommt, auf denen der Fußboden ruht. Sie müssen von Hartholz (Mangrove und dergleichen) sein, das Fäulnis und weißen Ameisen widersteht und durch eine Blechkappe und Teeranstrich weiteren Schutz erhält. An Baumaterial hatten wir nur Pfosten und Latten für Gestell und Dachstuhl, Bretter zur Diele und Fensterladen mitgebracht, alles übrige mußte von einheimischem Material beschafft werden. Die Eingeborenen holten dasselbe herbei und erwiesen sich, soweit Kanaker überhaupt fleißig sein können, als recht fleißig. Freilich giebt es da immer mehr Zuschauer als Arbeiter, aber freundliches Zureden und ein freundliches Gesicht vermag auch die Trägen aufzumuntern, ja zuweilen fährt eine wahre Arbeitswut unter die Leute. Ein Teil schleppt Büschelgras für das Dach herbei, andere flechten Matten aus gespaltenen Blättern der Kokospalme zu den Seitenwänden, Kinder säubern den Platz von Steinen und holen Lianen zum Binden, aber alle wollen schließlich bezahlt sein und zwar gleichmäßig. Darin sind Kanaker reine Sozialdemokraten; denn wer immer nur etwas mitgeholfen hat, verlangt dasselbe als der, welcher wirklich arbeitete und der Knabe soviel als der Häuptling. Nun, ich will gleich hier bemerken, daß die Arbeitslöhne keine großen Summen repräsentieren, handelt es sich doch um Tabak, und einige Stangen mehr oder minder fällt nicht ins Gewicht. Ja, ein paar Stück mehr thun oft Wunder, erhalten die Leute in Stimmung, und nicht selten beginnen etliche freiwillig zu helfen, die bisher nur gafften. So schnell der Eifer des Kanakers plötzlich für eine Sache auflodert, so schnell verfliegt er auch, aber glücklicherweise wird so ein Haus ja ziemlich rasch fertig, wie die Entwickelung des unsrigen zeigt. Erster Tag: Bäumefällen und Klären eines Platzes von 120 Fuß Breite und 170 Fuß Tiefe; Graben von 24 Löchern und Einrammen so vieler Pfähle; zweiter Tag: Diele legen, Pfosten und Dachstuhl aufsetzen; dritter Tag: Fenster und Thüren einsetzen, Dach decken; vierter Tag: Dach vollendet, Innenwände gemacht; fünfter Tag: Seitenwände gemacht — und fertig war das Haus! Nicht wahr, das geht schnell? »Wird auch danach gewesen sein?« höre ich Zweifler einwerfen. Ja, ein Palast war es freilich nicht, aber, wie die Abbildung ([S. 256]) zeigt, immerhin ein Haus (40 Fuß lang, 14 breit und 16 hoch), das für die hiesigen Verhältnisse einen ausgezeichneten Bau repräsentierte, der die meisten Traderstationen, wie sie im Bismarck-Archipel üblich sind, bei weitem überragte. Ach ja, solche Stationen entsprechen in den meisten Fällen gar wenig dem, was man sich gewöhnlich darunter vorstellt und unterscheiden sich oft kaum von Hütten der Eingeborenen. Sogenannte »Native-Häuser«, d. h. aus Material des Landes, sind übrigens gar nicht zu verachten, und wenn gut gebaut, solchen aus Brettern und Wellblechdach, schon der größeren Kühle wegen, vorzuziehen. Dabei stellen sie sich bedeutend billiger, denn Bretter sind in Australien teuer, besonders Hartholz, das allein den weißen Ameisen widersteht, die mit gewöhnlichem Fichten- und Tannenholz gar bald fertig werden. »Billig und schlecht« rächt sich in den Tropen daher am meisten, aber gewöhnlich wird erst viel Lehrgeld gezahlt, ehe man dies einsieht.

Mit den Eingeborenen hatten wir uns bald auf das freundlichste gestellt. Sie waren mit unserem Plane ganz einverstanden und brachten gleich das erste Schwein als Opfer der Freundschaft, welches bei allen Eingeborenen bedeutungsvoll ist. Große Freude machte es ihnen auch, daß ich nach alter Praxis jedes Wort aufschrieb, welches ich hörte. Und als ich erst »goanajai« (= wie heißt das?) fragen konnte, da ging es mit der Verständigung schneller. Aber diese ersten Worte machen eben die meiste Mühe. Namentlich ist es schwer, die Namen der Leute zu erfahren, weniger wer die Hauptpersonen sind. Denn das hatte ich in Hihiaura bei meiner Findigkeit schon am ersten Tage heraus. Und auch dies ist nicht immer so leicht, da sich ein »Gomira«, wie Häuptling hier heißt, äußerlich kaum von der übrigen Gesellschaft unterscheidet. Aber da der schwatzhafte Alte, mit den verschmitzten Augen, den ich wegen seines Zwickelbartes den Schneider nannte, der hat etwas zu bedeuten. Er entpuppte sich später als Gomira Taga! Und dann der behäbige Herr, mit dem gutmütigen, freundlichen Gesicht, der gehört auch zu den Honoratioren, obwohl er wenig spricht, stets Ernst und Würde bewahrt und nie lacht, denn so verschieden sind auch die Charaktere bei den Papuas. Ich hatte das Richtige getroffen: es war Gomira Tohodo oder Tohde, der größte und beste Häuptling Hihiauras, der sich uns stets hilfreich und freundlich erwies. Er war ein Mann von Besonnenheit und Nachdenken, und deshalb schienen ihm unsere Kühe und Schafe, die jetzt gelandet werden sollten, viel Sorgen zu bereiten. Solche Ungeheuer hatten die guten Leute noch nie gesehen, und namentlich flößte ihnen der Widder mit seinen gewaltigen Hörnern Angst und Schrecken ein. Und von was mochten sich diese Monstra nähren? vielleicht spießten sie Menschen auf, um sie später gemächlich zu verschlingen? Das waren offenbar alles Fragen, die durch Tohdes Kopf gingen, als ich mit ihm einen Ausflug machte, um einen passenden Platz für das Vieh ausfindig zu machen. Bald fanden wir mit Gras bestandene Berghänge, die sich für unsere Zwecke trefflich eigneten. Ich hielt, so gut ich konnte, einen Vortrag über Rindvieh und Schafe, den mein brauner Freund vollkommen zu begreifen und der ihn zu beruhigen schien. Sorgsam raffte er ein Grasbündel zusammen, dessen Zweck ich anfänglich nicht begriff. Aber da im Dorfe, vor dem versammelten Volke, da demonstrierte er mit dem Grase in der Hand die fremden Tiere, die nun unter Jubel gelandet wurden. Hei! wie das auseinanderstob, wenn der Widder einen Seitensprung machte, und gar erst als eine Kuh nach ihrem Kalbe brüllte; da war es mit der Courage wieder vorbei. Aber die Leute wußten nun, daß die Tiere Gras fressen und bezeugten ihre Genugthuung darüber durch einstimmiges »dewadewa« (sehr gut). Auch ich schloß mich im stillen diesem »dewadewa« an; war es mir doch vorbehalten gewesen, die ersten Nutztiere nach diesem Teile Neu-Guineas zu bringen, und daß sich wenigstens das Rindvieh trefflich halten würde, darüber war mir kein Zweifel. Freilich mußte das erst versucht werden, wie die ganze Anlage ein Versuch war, auch in diesem Gebiete freundliche Beziehungen mit den Eingeborenen anzuknüpfen und dasselbe für Handel und Civilisation zu eröffnen. Dabei kam der Umstand zu statten, daß die Eingeborenen bereits Bedürfnisse besaßen, z. B. nach Tabak und Pfeifen verlangten, deren Benutzung an anderen Orten erst nach und nach eingeführt werden muß. So kannten z. B. die Neu-Irländer vor wenigen Jahren Tabak noch gar nicht; heute ist er dort, wie überall, das gangbarste Tauschmittel. Wie die Eingeborenen bereits etwas verlangten, so hatten sie auch etwas abzugeben, ihren Reichtum an Kokosnüssen, mit dem es an der ganzen Ostküste von Neu-Guinea sonst gar ärmlich aussieht. Denn wo die Eingeborenen gar nichts abzugeben haben, da kann auch kein Tauschhandel aufkommen, wie dies leider meist der Fall ist. Hier boten sich günstigere Verhältnisse und ein weites Arbeitsfeld, das sich bei geeigneten Hilfsmitteln bis auf die nahen d'Entrecasteaux-Inseln ausdehnen ließ. Blumenthal, wie ich die Station ([S. 256]) nach dem Heimatsorte von Kapitän Dallmann benannte, sollte dafür die Grundlage bilden und wurde einem erprobten Manne, Karl Hunstein (vergl. [S. 196]), den ich glücklicherweise in Cooktown getroffen und engagiert hatte, übergeben. Er war mit mir im Inneren von Port Moresby gewesen, und ich wußte aus Erfahrung, daß keiner besser verstand mit Eingeborenen umzugehen als er. Einem solchen Pioniere, der bereits sieben Jahre unter den Eingeborenen Neu-Guineas lebte und niemals in Konflikt mit ihnen kam, brauchte man keine Instruktionen zu geben, der wußte selbst am besten, was er zu thun und zu lassen hatte.

Die Eingeborenen waren übrigens ganz so, wie wir sie in Bentley-Bai kennen lernten, und ich habe dem dort Gesagten ([S. 235]) wenig hinzuzufügen. Neu war mir ein eigentümlicher Trauerschmuck, ein Reif dicht mit Ovulamuscheln besetzt, den Frauen über die Brust auf der Achsel trugen, zugleich ein Hoheitszeichen, das nur Häuptlingsfrauen zukommt. Eine andere Auszeichnung bemerkte ich an einem Manne, der die eine Brustseite tätowiert hatte, eine Körperverzierung, die sonst an dieser ganzen Küste nicht üblich ist. Aber an der Südostküste hatte ich ganz gleiche Tätowierung bei Männern gesehen, die dort als Zeichen dient, daß der Betreffende einen Feind im Kampfe schlug, was vermutlich auch für hier gültig sein wird. Im ganzen schienen die Bewohner von Hihiaura aber sehr friedliche Leute, bei denen man selten eine Waffe (Speer) sah und die ihre Kampfschilde verkommen ließen, wahrscheinlich weil dieselben nicht mehr gebraucht werden. Statt Speerwerfen vergnügte sich jung und alt mit Schaukeln, die ganz wie die unseren aus zwei Stricken bestanden und an Bäumen angebracht waren. Ackerbau und Fischfang bildeten wie überall auch hier die Hauptbeschäftigungen. Letzterer wurde von Catamarans aus mit Netzen betrieben und galt hauptsächlich einer kleinen, sprottenähnlichen Fischart, die sehr häufig war. Wenn sich der Kreis des engmaschigen Garnes enger zog, versuchten die Fischchen gewöhnlich mit großer Behendigkeit durch Überspringen zu entrinnen, so daß die Fischer meist vollauf zu thun hatten, dies zu verhindern. Ihr Gewerbe wird noch durch gefräßige Schmarotzer-Milane (Milvus melanotis) erschwert, die, ohne sich um den Mann auf dem Catamaran zu kümmern, von diesem bereits erbeutete Fische im Fluge wegzustehlen wissen, was oft gar ergötzliche Scenen giebt. Es mag noch bemerkt sein, daß die Eingeborenen diese kleinen Sprotten ganz gut zu räuchern verstehen und an Stöckchen aufgereiht zum Verkauf bringen. Die Ware hält sich aber nicht lange, da man kein Salz kennt und alle Speisen ohne solches zubereitet, wie dies für die ganze Südsee[63] gilt.

Station Blumenthal.

Ich habe bereits erwähnt, daß alle Papuas nur gekochte Nahrung genießen, aber noch einiges über das Kochen nachzuholen. Dabei mag der Stellung der Frau gedacht sein, die so häufig durchaus falsch beurteilt wird. Da hört man nichts als von einem Sklaventum der Frauen, die nur die Lasttiere zu spielen haben, schlechter behandelt werden als das liebe Vieh, mit einem Wort, die bedauernswertesten Geschöpfe unter der Sonne sein sollen. Aber so schlimm ist es bei weitem nicht; denn auch die Papuafrau erfreut sich eines menschenwürdigen Daseins und spielt in ihrer Weise, unter Berücksichtigung des allgemeinen Bildungsgrades, eine so wichtige Rolle als bei uns. Giebt es doch in Neu-Guinea auch Königinnen! Im ganzen haben es Papuafrauen besser als das weibliche Geschlecht der ärmeren Volksklassen bei uns, auf dem nicht allein Hauswesen und Kindererziehung lasten, sondern das auch meist noch tüchtig arbeiten muß. Das weiß freilich nicht jeder bei uns, wer aber kennen lernte, wie sehr sich das arme weibliche Geschlecht in Europa plagen muß, der wird ihre dunklen Schwestern in Melanesien nicht beklagen. Betrachten wir das Tagewerk einer Papuafrau! In einer Zone, wo der Tag ungefähr zwölf Stunden dauert, darf man es nicht als Frühaufstehen bezeichnen, wenn die Menschen mit der Sonne munter werden. Gewöhnlich lassen Eingeborene dieselbe erst ordentlich aufgehen, ehe sie auf der Bildfläche erscheinen, denn Morgenfrische und Tau sind der empfindlichen nackten Haut sehr unangenehm. Es ist also meist sechs Uhr vorüber, bis sich die ersten Eingeborenen vor den Hütten zeigen, um sich zunächst von den Sonnenstrahlen durchwärmen zu lassen. Die Frauen zünden dann Feuer an, um Reste vom vorhergehenden Abend aufzuwärmen oder frisches Essen zu kochen, holen Wasser in Kokosnußschalen und beginnen dann mit Kehren, ganz wie dies bei uns geschieht. Dabei wird nicht nur die Hausdiele, sondern auch der freie Platz um die Häuser, zuweilen der Strand gefegt; es herrscht daher eine Reinlichkeit, die vielerorts bei uns zum Muster dienen könnte. Gegen acht Uhr trollen die Frauen mit den Kindern, Schoßschweinchen und Hunden in die Plantagen ab. Dort wird vielleicht etwas Erde aufgewühlt, Yams ausgegraben, gepflanzt und dergleichen, aber nicht das verrichtet, was bei unserer ländlichen Bevölkerung Arbeit heißt, die oft nach des Tages Last und Mühe noch den Abend benutzen muß, um ein Stückchen Land zu bestellen. Gegen drei oder vier Uhr sehen wir die Frauen aus den Plantagen heimkehren, mit Früchten und Feuerholz beladen, schier niedergedrückt von der Last. Aber was ist dieselbe gegenüber derjenigen, welche Frauen bei uns zu schleppen haben, die Kiepen, wie wir sie in Thüringen finden, oder Körbe und Eimer, wie sie im Bremischen noch dazu auf dem Kopfe getragen werden. Jetzt beginnt das Holzzerkleinern in sehr einfacher Weise, indem man die dürren Aststücke auf einem Stein zerschlägt, und das Kochen kann seinen Anfang nehmen. In Ermangelung von Lappen wird der Topf mit einem Bananenblatt ausgewischt und ist nun zur Aufnahme von Lebensmitteln fertig. Mittelst Muschelschalen schälen die Frauen Bananen und Brotfrucht, schneiden solche in Würfel und füllen den Topf damit, eine Arbeit, bei der sich die zahmen Schweinchen sehr zudringlich und lästig erweisen, da sie von allem ihr Teil abhaben wollen. Jetzt wird mit dem gezähnelten Rande einer Muschel Kokosnuß gerieben und die ölreiche, breiige Masse, welche das Fett ersetzt, über den Inhalt des Topfes ausgeschüttet, der nun mit Süßwasser gefüllt und Bananenblättern zugedeckt, auf das Feuer gesetzt wird. Drei Steine stützen den unterseits runden Topf, unter dem bald ein lustiges Feuer lodert. Ist das Essen gar, so bekommt jeder sein Teil auf einem Bananenblatte serviert und häufig essen die Frauen mit den Männern zusammen. Letztere schämen sich übrigens keineswegs vor Küchenarbeit, und jeder Mann versteht ebensogut zu kochen als die Frau. Nach dieser Hauptmahlzeit, die nach englischer Sitte zwischen fünf bis sechs Uhr abends stattfindet, und bei der nur Wasser als Getränk dient, begiebt man sich meist zur Ruhe. Denn inzwischen ist gewöhnlich der Abend hereingebrochen und das Tagewerk des Papuas vollendet, des glücklichen Menschen, der nichts von vierzehnstündiger Arbeitszeit und Nachtarbeit weiß, ohne welche Millionen bei uns kaum ihr bißchen Leben zu fristen im stande sind. Aber mondhelle Nächte sehen auch den Papua, der das Dunkel der Nacht fürchtet, thätig, ja unermüdlich; es gilt aber dann nur fröhlichem Spiel und Tanz. Damit kann der Papua oft halbe Nächte zubringen und darf sich dies erlauben. Ist er doch ein freier Mann, dem Niemand am frühen Morgen zuruft: »Stehe auf und arbeite«! Ja, das wird noch lange dauern, ehe sich der Papua unserer Civilisation der Arbeit anbequemt hat, und ich fürchte, die Mehrzahl ist vorher darüber zu Grunde gegangen. Wie schwer es schon hält den civilisierten Papua, der bereits im Bunde der Christenheit steht, auf die Beine zu bringen, nur um der kurzen Andacht beizuwohnen, das habe ich in Port Moresby oft genug erlebt. Da nützte die Glocke, mit welcher ein Knabe durchs Dorf bimmelte, oft sehr wenig, und erst wenn der energische Rua, ein eingeborener Lehrer, in Person die Hütten visitierte und die Lässigen, wohl nicht immer mit bloßen Worten, aufmunterte, schlenderten sie nach dem Gotteshause. Freilich, wenn gerade ein Kriegsschiff da ist, dann kommen sie alle, die Bekehrten und solche, die es werden wollen, in zum Teil geborgten Feierkleidern, denn sie wissen ja, daß bei solchen Gelegenheiten meist etwas abfällt. Und solche läßt sich der Papua als praktischer Mann nicht entgehen, denn Eigennutz bildet einen hervorragenden Zug seines Charakters, während der Erwerbssinn, zumal wenn mit einiger Mühe verknüpft, fast gar nicht vorhanden ist.

Trotz der Liebenswürdigkeit der Bewohner Hihiauras wußte ich schon im voraus, daß das nicht so bleiben würde, sobald erst der Dampfer weg war. Aber Hunstein gegenüber brauchte ich unbesorgt zu sein, und wir werden später erfahren, wie sehr er sich unter schwierigen Verhältnissen als der richtige Mann bewährte. Und deren giebt es gar wenige. Vor allem erfordert es einen nüchternen Mann, der sich mit der eingeborenen Damenwelt nicht einläßt, was in der Regel die Ursache von Feindseligkeiten ist, ferner einen Mann, der die Eingeborenen zu behandeln versteht, sich nicht fürchtet, aber auch bei etwaiger drohender Haltung nicht gleich dazwischen feuert, wie dies so häufig geschieht. Ruhe und Nüchternheit sind daher Hauptbedingungen; außerdem aber noch eine Menge praktischer Fertigkeiten erforderlich, die sich nur im Buschleben erlernen lassen. Leute, welche solchen Anforderungen entsprechen, giebt es aber gar wenige, und man darf sich nicht wundern, wenn die noch so junge Geschichte der Handelsniederlassungen im westlichen Pacific bereits so viele blutige Dramen zu verzeichnen hat, während die Mission, mit ein paar Ausnahmen, überall friedlich durchkam. Das hat eben an den betreffenden Vertretern gelegen. Die Art und Weise im Betragen und Auftreten des ersten Weißen ist daher von großer, folgeschwerer Bedeutung für das weitere Einvernehmen mit den Eingeborenen. Über das Tradertum der Südsee ließe sich allein ein Buch schreiben, denn es setzt sich aus Elementen zusammen, deren Vergangenheit häufig eine sehr dunkele war, und unter denen Abenteurer der verschiedensten Art vorkommen. Man muß diese »Whistling Jacks«, »Kings of the Macaskills«, und wie sie sich sonst mit Vorliebe nennen lassen, kennen und wird zugeben müssen, daß sie den Eingeborenen selten als Vorbilder dienten. Ich erinnere mich dabei u. a. eines Traders auf Pleasant-Island, eines weggelaufenen Matrosen, dessen Halbblutsohn »Agua-Ardente« gar nicht erst englisch lernte, weil dies der Vater für einen »Kanaker« überflüssig hielt. Und solche weiße Kanaker, »Pákeha Maoris«, wie sie auf Neu-Seeland heißen, rekrutieren sich nicht immer, wie in dem letzteren Falle, aus ungebildeten Berufsklassen. Nein! gar manche haben etwas gelernt und waren Leute in guter Lebensstellung. Aber der Gin, der Gin! Da liegt meist das Übel! er spielt im Leben des Südsee-Traders eine gar große, böse Rolle, und wie wenige giebt es, die sich mit mäßigem Schnapsgenusse begnügen. Wenn die Eingeborenen Melanesiens in dieser Richtung nicht dem Beispiele des Weißen folgten, so liegt es daran, weil sie Spirituosen nicht mögen, die in anderen Südseegebieten z. B. den Gilberts bereits eine erschreckende Verbreitung gefunden haben. Aber auch in anderen Beziehungen waren Weiße nicht immer Vorbilder für die moralische Erziehung der Eingeborenen, die nicht nur in rohen Matrosen, sondern auch in Leuten der gebildeten Klasse zuweilen üble Lehrmeister erhielten. Was muß der Kanaker denken, wenn ihn ein Weißer beauftragt, gegen Bezahlung einen anderen Weißen umzubringen, wie dies in Neu-Britannien vorkam. Der Anstifter dieser grausigen That, ein Kapitän L...[64], war damals einer der hervorragendsten Weißen und ließ jenen Trader nur erschlagen, um dessen sogenannte Frau, eine Samoanerin, zu erlangen, wie einst David Bathseba. Solchen Beispielen gegenüber ist es leicht begreiflich, daß die Mission mit ihren braunen Lehrern (teachers), beschränkten, aber nüchternen und ordentlichen Menschen, weit mehr für Civilisation leistete als der Handel, dessen Träger nur in seltenen Fällen etwas dafür thaten. Hätte der Handel aber von Anfang an über ähnliche gute Hilfsarbeiter verfügen können, dann würde auch er für die Eingeborenen und deren Hebung dasselbe erreicht haben als die Mission, denn er ist ebenso gut dazu berufen segensreich zu wirken als die letztere. Ja, in gewisser Beziehung noch mehr, denn der Handel kann die Eingeborenen zugleich zu einer für beide Teile ersprießlichen Thätigkeit anspornen und ermuntern, hat aber in dieser Richtung bisher wenig geleistet. Und jetzt ist es an vielen Orten bereits zu spät. Die Eingeborenen zum Teil schlecht behandelt und durch das oft gewaltsame Wegführen von Arbeitern erbittert, haben das Vertrauen zum weißen Manne verloren, und dieses wird sich nur sehr schwer wieder erringen lassen.

Ich wußte Blumenthal in guten Händen, besonders da Hunstein einen tüchtigen Gefährten in einem schottischen Zimmermann erhalten hatte, und so dampften wir befriedigt Ostkap zu.