Fingerspitze.

Merkwürdige Felsen, die zwei übereinander stehenden Mauern ähneln, begrenzen die etwa drei Meilen breite Chads-Bai nach Westen, können aber übersehen werden, da eine sonderbar geformte Bergspitze, die ihresgleichen sucht, das Auge fast ausschließend gefangen hält. Unter den massigen, mit grünem Gras bekleideten Kuppen erhebt sich ein isolierter, schlanker, fast senkrechter, an 3000 Fuß hoher grüner Pik, die »Fingerspitze« Moresby's, ein gewaltiger und imposanter Bergobelisk, von dem diese Abbildung nur eine schwache Vorstellung zu geben vermag. Mit dieser charakteristischen Partie entwickeln sich weiter westlich bis in die Tiefe von Goodenough-Bai, auf eine Länge von fast 50 Meilen, immer neue und großartigere Gebirgsbilder, ein wunderbares Küstenpanorama, das wir einen ganzen Tag mit Entzücken betrachten konnten. Ohne Zweifel ist dieser Teil landschaftlich der schönste, den ich in Neu-Guinea kennen lernte, und wahrscheinlich für die ganze Insel überhaupt. Es würde ein unnützes Bemühen sein, eine Beschreibung zu geben, und ich muß mich auf einige kurze Bemerkungen beschränken, um wenigstens die charakteristischen Züge dieses Küstengebirges zu skizzieren. Dasselbe ist zunächst als eine noch unbenannte Fortsetzung der Stirlingskette zu betrachten, die nach Westen zu allmählich höher wird und sich von 3000 bis an 5000 Fuß erheben mag. Dieses Gebirge fällt fast allenthalben schroff und steil bis zur Küste ab, die nur hie und da beschränktes, meist mit Wald bedecktes Vorland aufzuweisen hat. Das Gebirge zeigt in seiner Kammlinie viele malerische Kuppen und Spitzen, zeichnet sich aber ganz besonders durch steile Schluchten und Schlünde aus, die auf ihrem Rücken schroffe Grate bilden. Trotz dieser markigen Gliederung fehlt das Wildromantische der eigentlichen Alpenlandschaft, weil nur selten größere Felspartien hervortreten, dagegen fast überall saftig grünes Gras die Seiten der Berge bekleidet, die nur in den Schluchten und im obersten Viertel oder Fünftel der Kammhöhe mit Wald bedeckt sind. Dieser Kontrast zwischen dem hellen Grasgrün und dem dunklen, fast schwarzen Waldesgrün gehört zu den Eigentümlichkeiten dieses Gebirges, das sich außerdem durch zahlreiche Wasserfälle auszeichnet. Sie treten besonders gegen Kap Frere in oft überraschender Fülle hervor, einem gewaltigen an 3000 bis 4000 Fuß hohen, massigen Gebirgsrücken mit fast horizontaler Kammlinie, dessen spaltenklaffende Seiten beinahe senkrecht ins Meer fallen. Zuweilen erblickte das Auge acht solcher Wasserfälle auf einmal, die freilich nur dünnen Silberfäden glichen, denn wir hatten noch trockene Jahreszeit (Dezember), aber gerade deshalb besonders merkwürdig erschienen. In der That ist es schwierig, für diese Menge von Wasserläufen von den Bergen herab eine genügende Erklärung zu finden, umsomehr als wir an der ganzen Küste kaum ein halbes Dutzend, jetzt meist vertrockneter Flußmündungen antrafen. Da noch niemand den Scheitel dieser Küstengebirge betrat, so ist es nicht unmöglich, daß sich von hier aus südlich bis zu den nur sechs bis acht Meilen entfernten höheren Gebirgsketten des Owen-Stanley-Systems (Mt. Thompson u. a., über 6000 Fuß) Hochebenen hinziehen, auf welchen diese nördlichen Wasserläufe entspringen. Auch die besonderen Verhältnisse, unter denen sich das Vorkommen des Menschen hier zeigt, scheinen dafür zu sprechen. Mit Chads-Bai fingen Palmwälder und Siedelungen an spärlicher zu werden, nur selten zeigten sich einzelne Hütten mit einer kleinen eingezäunten Plantage im Ufervorlande. Desto häufiger konnte man dieselben an den Hängen hoch in den Bergen mit dem Glase erkennen und erstaunte über die Häufigkeit der kultivierten Flächen in jenen Regionen. Wie immer waren mit Vorliebe besonders steile Stellen ausgesucht worden, und über die schroffsten Grate konnte man die halsbrechenden Pfade der Eingeborenen verfolgen, die in diesem interessanten Gebiete so recht eigentliche Gebirgsbewohner, wie die Koiäri im Innern von Port Moresby, zu sein scheinen. Mit dem Fernrohr ließen sich deutlich alte und neu angelegte Plantagen unterscheiden, aber nirgends war ein Mensch sichtbar, höchst selten ein Haus, dagegen zuweilen Rauch oft unmittelbar unter der Waldregion, in Höhen von über 2000 Fuß. Kap Frere ist jedenfalls der großartigste Teil dieses Küstengebirges und bietet namentlich von der Westseite, Bartle-Bai, höchst romantische Partien, wie die beigegebene Skizze des »Drachenfels« ([S. 244]), wenigstens andeutet. Die mit grünem Grase bekleidete, senkrechte Wand, an der ein Wasserfall herabstürzt, ist auf ihrer Spitze mit Felsmauern und Buschwerk gekrönt, wie mit einer märchenhaften Burgruine. Sehr reich an pittoresken Schönheiten ist Goodenough-Bai, der wir kaum eine Meile von der Küste entfernt, auf nahezu 25 Meilen in W.-N.-W.-Kurse folgten. Das herrliche Gebirge, welches ich zu Ehren des »Basilisk« benenne, wird höher und zeigt imposante Kuppen, Spitzen und Hörner, von denen wenigstens zwei Namen verdienen. Sie begrenzen die Einsattelung, welche ca. 20 Meilen west von Kap Frere das Gebirge durchschneidet. Die Ostseite der tiefen Schlucht bildet, eine regelmäßige Pyramide, die Flowerspitze, während die Westseite von einem auffallenden, schiefabstehenden Felsenhorn, der Sclaterspitze, begrenzt wird, beide benenne ich nach zwei hervorragenden englischen Naturforschern. Vor dieser charakteristischen Gebirgseinsattelung dehnt sich ein breiteres Vorland mit sonderbar geformten Vorbergen aus, die, wie schon Moresby[61] erwähnt, auffallend der Tafel eines Atlanten ähneln, welche die Gebirge der Welt darstellt, ein wahres Chaos von kleineren und größeren Pyramiden, die sich zuweilen giebelartig aneinander reihen. Diese mehrere hundert Fuß hohen Pyramidenhügel sind alle kahl und zeigten jetzt eine bräunliche Färbung, die nur durch spärliche Baumvegetation in den Schluchten unterbrochen wurde. Wenn übrigens Moresby dieses Land, wie den ganzen Strich, für ausgezeichnet für Kulturen wie Viehzucht erklärt, so kann ich damit nicht übereinstimmen. Und zwar aus dem einfachen Grunde, weil das Land fast nur aus Gebirgen, dabei sehr steilen Gebirgen, besteht und zu wenig Ufervorland bietet. Daß das letztere selbst von den Eingeborenen fast gemieden wird, ist freilich höchst sonderbar und auffallend, denn immerhin könnten Tausende hier leben. Von den zahlreichen Dörfern, welche Moresby erwähnt, sahen wir, abgesehen von einzelnen Häusern, nur vier, davon das erste (acht Häuser) ca. acht Meilen west von Chads-Bai, und dann erst wieder zwei noch kleinere in Bartle-Bai. Diese Häuser waren nicht »oval«, wie sie Moresby beschreibt, sondern von gewöhnlicher Form und standen zum Teil auf niedrigen Pfählen. Noch seltener als Siedelungen und Häuser (die ja auch ganz versteckt liegen können) trafen wir Eingeborene und kamen nur einmal mit ihnen in Berührung, oder vielmehr sie sehr unfreiwillig mit uns. Es war ca. 12 Meilen west von Chads-Bai, als plötzlich ein gewöhnliches Baumstamm-Kanu vor uns auftauchte, dessen fünf Insassen, offenbar in großer Angst, so ungeschickt vor dem Buge des Dampfers manövrierten, daß eine Kollision nicht zu vermeiden war. Die Leute retteten sich aber im letzten Moment durch Herausspringen, schöpften ihr Fahrzeug, das glücklicherweise keinen Schaden gelitten hatte, wieder aus und paddelten dem Ufer zu, ohne sich nur nach uns und den ins Wasser geworfenen Geschenken, roten Zeugstreifen an leere Flaschen gebunden, umzusehen. Ganz ebenso machte es eine Anzahl Weiber, die wir an einer fast ausgetrockneten Flußmündung überraschten, ein Mann in einem Kanu in Bartle-Bai und vier Kanus mit je drei Insassen in Goodenough-Bai, alles, was wir an Menschen überhaupt trafen und zu sehen bekamen. Bei den Häusern und Siedelungen beobachteten wir sonderbarerweise nie ein menschliches Wesen. Und doch zählte Moresby an einer Stelle in Bartle-Bai über 100 Eingeborene, die zwar scheu, aber freundlich waren und unter anderem einen Opferhund sowie ein Schwein überreichten. Es hat sich also offenbar seitdem vieles verändert und zwar nicht infolge des üblen Einflusses von Werbeschiffen (Labourtrade), die dieser Küste wohl fern blieben. Sie eignet sich nämlich wegen großer Meerestiefen[62] und Mangel von Häfen nicht sonderlich für Schiffsverkehr und wird schon aus diesem Grunde Ansiedelungen wenig begünstigen. Es ist zu bedauern, daß Moresby die Plantagen der Eingeborenen im Gebirge unerwähnt läßt. Wir sahen sie in Goodenough-Bai allenthalben, ja hier in noch bedeutenderen Höhen als vorher, nicht selten in 4000 Fuß, unmittelbar unter der Waldregion, welche die Kammhöhe bedeckt, und selbst auf den höchsten Kuppen ließen sich mit dem Glase Kultivationen, Fußpfade, grüne Wiesen und einzelne Häuser, wie Sennhütten, erkennen. Wer zu ihnen vordringen und über dieses sonderbare Gebirgsland und seine Bewohner Auskunft geben könnte! Hat doch bis jetzt kaum ein Forscher jene Küste, geschweige denn die einsamen Gebirgspfade des braunen Mannes betreten. Aber hoffentlich wird auch für dieses Gebiet bald die Zeit herankommen, wo diese Lücken ausgefüllt werden.

Drachenfels in Bartle-Bai.

Pyramidenhügel in Goodenough-Bai.

Gegen Abend näherten wir uns dem Nordrande von Goodenough-Bai, der ähnlich wie Huon-Golf von West nach O.-N.-O. verläuft, aber nur 25 Meilen lang ist und mit niedrigeren, meist bewaldeten Höhenzügen bedeckt ist, hinter denen die majestätischen Gebirge von Goodenough-Insel hervorragten. Am anderen Morgen befanden wir uns in Ward-Hunt-Straße, welche die letztere Insel vom Festlande trennt und näherten uns Kap Vogel ([S. 248]), das Moresby nach dem früheren Premierminister von Neu-Seeland Sir Julius Vogel benannte. Es wird von einem ca. 400 Fuß hohen, steilen Hügel gebildet, der gleich einer grünen Wand die Nordostspitze der Kap Vogel-Halbinsel säumt, welche aus schönem Kulturland zu bestehen scheint. Am Strande zeigten sich dichte Bestände Kokospalmen, aber wir bemerkten nur ein Dorf, dessen Bewohner keine Kanus zu besitzen schienen und von uns gar nicht Notiz nahmen. Grüne Flächen und Hügel treten jetzt an Stelle der Hochgebirge und die ganze Küste nimmt einen anderen Charakter an. Seit Catharine-Insel sahen wir zuerst wieder kleine Inseln vorgelagert, die meist niedrig, dicht mit Mangrove bestanden und häufig durch Riff mit dem Festlande verbunden sind. Während es in Goodenough-Bai nicht ein Riff giebt, wurden solche von jetzt an häufiger und mahnten den Schiffer zur Vorsicht. Diese ist umsomehr geboten, als wir fast an dieser ganzen Küste bis Mitrafels hinauf noch in einer Entfernung von vier Meilen trübgefärbtes Wasser beobachteten, das selbst den sorgfältigen Ausguck illusorisch machte. Nicht selten wühlte die Schraube in klarem Wasser, während die Oberfläche des Meeres weit und breit schmutzig-grün erschien, was auf zahlreiche Süßwasserzuflüsse schließen läßt. Die Möglichkeit auf totes Riff zu rennen liegt daher nahe, und auch der Samoa drohte diese Gefahr ein paarmal, glücklicherweise kamen wir aber mit dem Schrecken davon. Das schmutzige Wasser veranlaßte auch Kapitän Dallmann der riffreichen Collingwood-Bai auszuweichen, deren Küsten wir schließlich ganz aus Sicht verloren. Was wir im östlichen Teile derselben sahen, war niedriges Hügelland, anscheinend mit viel grünen und braunen Kulturflecken, die wohl aber nur kahles Land sind, längs dem Ufer ein dichter Gürtel Mangrove.

Kap Vogel.

Nach wenigen Stunden kam wieder Land in Sicht und entwickelte sich bald zu einem sehr malerischen Gebirgspanorama, dem Nelson-Gebirge mit seinen beiden hervorragendsten, an 4000 Fuß hohen Spitzen, Victory und Trafalgar. Sie sind wie das übrige Gebirge dicht bewaldet, laufen aber in grasige schiefe Flächen aus, die von dichtbewaldeten Schluchten durchzogen sind, und wahrscheinlich Flußläufe aufzuweisen haben. So zeigt der Berg Trafalgar an seiner Nordostseite einen hübschen Wasserfall und wird durch eine tiefe Schlucht in zwei Hälften geteilt, wie dies meine Skizze veranschaulicht. Die Küste schneidet in mehrere mangrovebestandene Buchten ein, die nicht frei von Felsen sind, wie es auch an Riffen nicht mangelt. So malerisch dieses Land aussieht und so sehr es für Kulturen geeignet scheint, Anzeichen des Vorhandenseins von Eingeborenen fanden wir nicht und verbrachten daher eine ruhige Nacht in Porlok-Bai, etwas westlich von dem schwer auszumachenden Kap Nelson. In dieser Gegend hatte auch der Basilisk eine Nacht geankert, und Moresby gedenkt zahlreicher Eingeborener und deren besonders konstruierten, sehr großen Kanus, von denen manche 30 bis 40 Mann trugen. Wir hatten das letzte in der Nähe von Kap Vogel gesehen und trafen überhaupt erst wieder an der Ostspitze von Dyke-Acland-Bai, vor dem sogenannten Kap Sud-Est (von d'Entrecasteaux) mit Menschen zusammen, wie sich schon von weitem an einem Kokoshain erwarten ließ. Es entwickelten sich hier nach und nach vier größere Dörfer, von je einem Dutzend Pfahlhäusern, aber Eingeborene zeigten sich nur wenig, und diese wenigen kamen nicht, obwohl sie Kanus besaßen. Weiter nordwestlich begegneten wir keinen Siedelungen mehr, was, wenn auch vereinzelte übersehen worden sein können, immerhin zu dem Schlusse berechtigt, daß diese ganze, von Chads-Bai an nach ihrem Verlauf gemessene, an 270 Meilen lange Küste nur äußerst spärlich bevölkert ist. Und wie es auf deutschem Gebiete in Huon-Golf und längs der Maclay-Küste damit bestellt ist, haben wir aus Kap. 5 und 4 ersehen. In der That sind alle bisherigen Angaben über die Einwohnerzahl Neu-Guineas durchaus illusorisch und entbehren jedes sicheren Anhaltes. Aber bei der Genauigkeit unserer geographischen Lehrbücher müssen ja auch solche Zahlen ausgefüllt werden, selbst wenn sie auch nicht entfernt zuverlässig sein können. Was die Beschaffenheit der Küste selbst anbelangt, so ähnelt dieselbe im ganzen der von Herkules-Bai. Von der Kap Nelson-Halbinsel bis Kap Killerton ziehen sich inland ununterbrochen Gebirgsketten von 2000 bis 4000 Fuß Höhe, die von da an zu niedrigeren Höhenzügen herabsinken, während das Ufer westlich von Dyke-Acland-Bai meist mit dichten Kasuarinenbeständen gesäumt ist. Solche finden sich in den verschiedenen Buchten längs der sogenannten Holnicote-Bai, die übrigens kaum den Namen »Bai« verdient.