Junges Mädchen von Teste.
Junger Mann von Teste.
Was die, stark mit Ichthyosis behafteten, Eingeborenen anbelangt, so sind sie echte Papuas, die sich von denen des Festlandes in nichts unterscheiden, wie das beigegebene Porträt eines jungen Mannes zeigt. Er trägt das Haupthaar in der üblich aufgezausten Wolke, im Nacken lange Zottelstränge, die mit Cypraeamuscheln verziert sind. Ich beobachtete übrigens, wie fast allenthalben, auch vereinzelt schlichthaarige Individuen, nicht selten Kinder mit blondem Haar (ohne Einwirkung von Kalk) und ganz europäische Physiognomien, alles individuelle Abweichungen die, wie besonders erwähnt sein mag, mit Vermischung nichts zu thun haben, denn es giebt auf Teste kein Halbblut. Die Haartracht des weiblichen Geschlechts ist ähnlich wie die des männlichen, und dichtverfilzte Nackensträhne, die Polkalöckchen ähneln, sind auch bei ihm beliebt. Unsere Abbildung veranschaulicht eine junge Schönheit, deren fransenartiger Brustlatz aus fein geflochtenen Strickchen einen Trauerschmuck darstellt, wie er in ähnlicher Weise auch in Finschhafen vorkommt. Eine besondere Art Trauerschmuck heißt Sapisapi, und besteht aus einem dicken Polster von Haaren, mit Spondylusscheibchen verziert, das auf der linken Brustseite getragen wird. Ich offerierte einer Frau hohen Preis, aber vergeblich, da das Haar von ihrer verstorbenen Schwester herrührte, gewiß ein schöner Beweis von Pietät gegen Verstorbene. In derselben Weise wurden früher hier Unterkiefer naher Anverwandten als Armbänder getragen, welche für Unkundige gewöhnlich als Zeichen von Kannibalismus gelten. Diese Armbänder sind durch die Mission abgeschafft worden, aber man muß es der Londoner Gesellschaft nachrühmen, daß sie anderen »heidnischen« Schmuck duldet. So die Tätowierung, die beim weiblichen Geschlecht hier sehr verbreitet ist, in Mustern, welche so ziemlich mit den auf Rogia und Sariba gebräuchlichen übereinstimmen. Ich sah kleine Mädchen noch im Kindesalter, bei denen mit dieser, übrigens wenig schmerzhaften, Körperverzierung bereits begonnen war. Die beigegebene Abbildung zeigt Tätowierung im ersten Stadium des Aufzeichnens, was mit Ruß aus gebrannter Kokosnußschale mittelst eines Hölzchens geschieht. Die schwarze Farbe wird dann mit einem spitzen Instrument (Dorn) in die Haut eingeschlagen und erscheint, nachdem der leichte Schorf abgeheilt ist, viel blässer, (wie dies die Abbild. [S. 278] zeigt). Die Bekleidung der Insulaner ist ganz so wie überall an der Ostspitze Neu-Guineas, aber die jungen Mädchen (darunter sehr niedliche), paradierten in besonders feinen, rot- und schwarzgestreiften Faserschürzchen in Volants mit Schärpe (T. XVI. 8). Schmucksachen (Ohrringe und Halsketten) aus Spondylusscheibchen, die von Murua kommen, waren nicht selten, aber meist unverkäuflich, wie die eleganten, etwas gekrümmten Nasenstifte (Panaiate) aus dem Schloßteil einer Hippopusmuschel, mit denen namentlich junge Mädchen kokettierten (vergl. Abbild. oben).
Aufgezeichnete Tätowierung.
Moresby, der 1872 als der erste Weiße Teste-Insel betrat und sehr freundlich empfangen wurde, sah noch zahlreiche Schädel erschlagener Feinde als Trophäen an den Häusern aufgehangen. Die Insulaner waren damals kriegerisch und wie alle Bewohner des Archipels (und der Louisiade) Kannibalen. Das hat jetzt glücklicherweise aufgehört, die Bewohner brauchen keine Waffen mehr und führen unter der Ägide der Mission ein friedliches Leben, sind aber seitdem an Zahl bedeutend zurückgegangen und auf ca. 300 Köpfe zusammengeschmolzen. Die hiesige Sprache ist, um dies noch zu bemerken, sehr nahe mit der von Rogia und den übrigen Inseln des Moresby-Archipels verwandt. Der farbige Lehrer, Idande, ein dunkler Lifumann, hat großen Einfluß und regiert die, meist der Mission angehörenden, Eingeborenen als der erste Häuptling. Seine Station war sehr gut gehalten, die Kirche aber, wie so häufig, das schlechteste Gebäude. Es mag dabei bemerkt sein, daß die Lehrer die Häuser ohne besondere Entschädigung zu bauen haben. Außer Hühnern, die überall an Missionsstationen gehalten werden, aber selten zu haben sind, besaß Idande auch Gänse und Schweine europäischer Rasse, sowie treffliche Hunde. Letztere sind auch durch Tripangfischer nach der Ostspitze Neu-Guineas gebracht worden und haben hier an manchen Orten die eingeborene Rasse bereits verdrängt. Ich übernachtete bei Idande, der als früherer Matrose auf einem Walfischfahrer mancherlei zu erzählen wußte und sich als geborener Franzose mit lebhaftem Interesse nach dem deutsch-französischen Kriege erkundigte, über den ich ihm zu seiner Freude aus eigener Anschauung berichten konnte. Er gehörte zu den Veteranen der Mission, welche 1871 zuerst von den Rev. Murray und Mac Farlane in Neu-Guinea eingesetzt wurden und die im Anfange gar viel durchzumachen hatten. Mit Dankbarkeit erinnerte er sich Kapitän Moresby's, der ihn, wie so manchen der schlecht versorgten Lehrer, fast vom Hungertode[69] rettete. Wie Missionslehrer gewöhnlich zu thun pflegen, klagte auch Idande, infolge des langen Ausbleibens des Missionsschiffes, über Mangel verschiedener notwendiger Provisionen, wie Salz, Zucker, Streichhölzer, Mehl, Petroleum, Tabak, und ich freute mich, ihm aushelfen zu können. Als Gegengeschenk ließ er zum Abschiede zwei alte Hähne und eine Ananas an Bord bringen, die erste und einzige, welche ich auf unseren bisherigen Fahrten gesehen hatte. Ich bestimmte sie zu einer Bowle, mit der wir Silvester feiern wollten, aber es kam, wie so oft, anders! In Bewunderung der spiegelglatten See und eines herrlichen Zodiakallichtes, das mit Untergang der Sonne 6 Uhr 21 Minuten den westlichen Himmel bis 7, 23 in verschiedenen zarten Tinten färbte, saßen wir gemütlich auf dem kleinen Quarterdeck. Die Bowle stand auf dem Kajütstische und war im Wasserfilter angerichtet. Eben wollte ich den letzteren vorsichtshalber festbinden, da machte das Schiff eine Bewegung — krach! und mit unserer Bowle und Silvesterfeier war es vorbei!
Teste-Insel liegt nur etwa 400 Meilen von Cooktown entfernt, unserem damaligen Reiseziel, wo die Ankunft eines Dampfers unter deutscher Flagge große Aufregung verursachte. Man erging sich in allerlei wunderlichen Vermutungen, hatte aber die Beteiligung der »Samoa« bei der Besitzergreifung Deutschlands in Neu-Guinea bald heraus.
Und daß man, bei den damaligen Ansichten der Kolonisten, darüber nicht eben erbaut war, läßt sich begreifen; betrachtete doch Australien, besonders Queensland und Victoria, die Papuaregion, insonderheit Neu-Guinea als ihr angestammtes Erbe. In der Town-Hall wurde ein »Indignation-Meeting« unter dem Vorsitz des Mayor abgehalten und Englands Politik, die Übergriffe Deutschlands überhaupt zugelassen zu haben, auf das ärgste getadelt. Da man den armen Gladstone nicht bei der Hand hatte, konzentrierte sich der ganze Unmut von Presse und Publikum auf mein Haupt. Während die erstere einmal faktisch drohte, mich mitsamt der »Samoa« in die Luft zu sprengen, hörte ich nicht selten beim Vorübergehen die Worte »that is the fellow who stol us New Guinea«! Wahrhaftig, wer die Kolonien mit ihrem »free and easy« nicht gekannt hätte, konnte sich in Cooktown unbehaglicher als unter Wilden fühlen, die wenigstens keinen Dynamit besitzen.
Aber ich kümmerte mich nicht um die Leute und ließ sie reden, was sie wollten. Wußte ich doch zur Genüge, daß es nicht schlimm werden würde, und daß ich nichts zu fürchten hatte. Dafür bürgte schon der mächtige Schutz der deutschen Flagge und der Respekt vor unserem großen Reichskanzler, der, wie sich die Leute nicht ausreden ließen, den Doktor mit der »Samoa« ausgesandt haben sollte.