[Siebentes Kapitel.]
Kaiser Wilhelmsland.
I. Längs der unbekannten Nordküste.
Unsere Vorgänger. — Vulkan-Insel. — Weithin schmutzig gefärbtes Meer. — Bei Venushuk. — Eingeborene. — Ethnologisches und Anthropologisches. — Bedenken gegen die Weiterreise. — Schouten und le Maire. — Längs unbekannter Küste. — Wir entdecken den Kaiserin Augustafluß. — Hansemann-Küste. — Zusammentreffen mit Eingeborenen. — Krauel-Bucht. — Eingeborene am Caprivifluß. — Albino. — Kap Dallmann. — Neue Buchten. — Prinz Alexander-Gebirge. — Dallmannhafen. — Eingeborene. — Landexkursion. — Dorf Rabun. — Hausbau. — Frauen. — Tabuhaus. — Gastfreundschaft. — Ein Papuadinner. — Papuanische Auffassung europäischer Utensilien. — Spielzeug. — Elektrisiermaschine. — Ich soll Häuptling werden. — Muschu. — Insel Guap. — Eingeborene derselben. — Brustbeutel. — Äußerer Ausputz derselben. — Inhalt. — Waffen. — Kanus. — Wiedersehen. — Pâris oder Aarsau. — Finschküste. — Neue Flüsse. — Kaskadefluß. — Malgari und seine beiden Söhne. — Macht der Musik. — Wieder neue Flüsse. — Tagai. — Auf Palmblättern. — Pfeil und Bogen. — Paradiesvögel. — Kolossales Haar. — Torricelli-Gebirge. — Kein Passier-Point. — Sainson-Inseln. — Berlinhafen. — Sanssouci. — Kopradistrikt. — Neue Flüsse. — Große Lagune. — Schacher mit Eingeborenen. — Ethnologisches Sammeln. — Kein Karan-Riff. — Massilia. — Eingeborene. — Berg Bougainville. - Angriffshafen. — Eingeborene — im Kriegsschmuck. — Neues ethnologisches Gebiet. — Enorme Nasenkeile. — Anthropologisches. — Pfiffigkeit. — Aussicht auf Humboldt-Bai. — Germaniahuk. — Zu Anker am Sechstrohfluß. — Eingeborene. — Vorsicht nötig. — Schwieriger Handel. — Ethnologisches. — Eßbare Erde.
Von allen Küsten Neu-Guineas war wohl keine weniger bekannt als die nordöstliche zwischen Astrolabe- und Humboldt-Bai, eine Strecke, die, in der Luftlinie gemessen, sechs Grade oder nahezu 360 Meilen deckt. Was die Karten hier verzeichneten, ist den Entdeckungsreisen der französischen Kriegsschiffe »Coquille« unter Duperrey (1823) und »Astrolabe« unter Dumont d'Urville (1827) zu verdanken, wie schon aus der französischen Namengebung hervorgeht. Sie bezieht sich, außer richtig festgelegten Inseln, auf 16 vorspringende Punkte der Küste, Kaps oder Huks, mit erheblichen Lücken dazwischen. Für große Strecken hatten die Schiffe nämlich so weit vom Lande abzuhalten, daß sie die Küste nur sichteten, an wenigen Stellen kamen sie ihr näher, nirgends betraten sie dieselbe. Nur einmal war dies überhaupt geschehen, aber lange, lange vorher und zwar bei der denkwürdigen Weltreise von Jacob le Maire und Willem Schouten (sprich: Schauten), die im Juli 1616 an einem nicht mehr genau auszumachenden Punkt, auf den wir noch zurückkommen, als die Ersten und Letzten wirklich landeten. Das Schicksal hatte uns vergönnt in die Fußstapfen der glorreichen niederländischen Seehelden zu treten, denn unsere bisherigen Reisen ließen in Kaiser Wilhelmsland nur jene oben erwähnte Küste übrig, die unbekannteste überhaupt. So bezeichnete sie Robidé van der Aa, der beste Kenner der Litteratur über Neu-Guinea, noch Ende 1883. Das beigegebene Kärtchen ([S. 290])[70] wird, im Verein mit der Übersichtskarte, wenigstens soweit zur Orientierung dienen, um unserer Reise einigermaßen folgen zu können.
Beinahe hätte ich diese Reise überhaupt nicht mitmachen können und unfreiwillig eine andere machen müssen, die jedem früher oder später einmal bevorsteht. Wie ein Dieb in der Nacht kam nämlich ganz plötzlich ein Choleraanfall über mich, und hätte den Namen meines kleinen Hauses in Mioko »onverwacht« (unerwartet) bald in einer Richtung wahr gemacht, die mir bei der Verleihung am allerwenigsten vorschwebte.
Mit aller Macht wurde zu der bevorstehenden großen Reise gerüstet. Wie fast immer in Mioko ging dies aber, schon des Kohlenladens wegen, nicht so rasch und erst am 5. Mai (1885) verließ die »Samoa« seeklar, den Hafen. Sie führte, »all hands« gerechnet, 18 Mann an Bord, eine Macht, die es auch ohne Kanonen mit den Eingeborenen aufnehmen konnte, wegen denen wir uns überhaupt keine Sorge machten. Aber was wir in unserer diesmaligen Ausrüstung mit Bedauern vermißten, waren Hunde, da die von Sydney und Cooktown mitgebrachten leider, meist an Hitzschlag, eingegangen waren. Hunde sind namentlich für kleinere Schiffe nützlicher als Kanonen, und nichts hilft wirkungsvoller das Deck von Eingeborenen klären, als ein kläffender Köter.
Für Abergläubige bot gleich der Anfang unserer Reise ungünstige Vorzeichen. Denn kaum waren wir außerhalb der Passage, so stand die Maschine still, bald darauf ein zweites Mal! Glücklicherweise gelang es aber Meister Nielsen beidemale, sie wieder in stand zu setzen, so daß wir wenigstens nicht umzukehren brauchten. In der Frühe des vierten Tages zeigte sich hohes Land, die in Wolken eingehüllte Insel Vulkan, bald darauf Lesson und erst später, gleich einem schmalen blauen Streif am Horizont, die Festlandsküste. Wir dampften ihr zu und sahen die bisher isolierten Hügel bereits zu Ketten vereint, als plötzlich das Kommando »stopp« die Fahrt unterbrach. Eine besondere Erscheinung veranlaßte dasselbe, denn soweit das Auge reichte, war auf einmal grüngefärbtes Wasser voraus, das von dem dunkelblauen, wie mit einem Messer, durch einen weißen Streif abgeschnitten erschien. Der ganze Eindruck war der eines ungeheuern Riffs und mahnte zur Vorsicht wie zum Loten. Aber »sechzehn Faden und kein Grund«, ließ sich der Mann mit der Leine unabänderlich vernehmen, und so dampften wir durch die Kabbelung des weißen Gischtstreifes in das trübe grüne Wasser hinein. Es schmeckte wenig salzig und ließ keinen Zweifel, daß wir es mit Auswässerung von Flüssen zu thun hatten, wie dies Unmassen von Treibholz, darunter ganze Baumstämme mit Ästen und Blättern, vollends bewiesen. Nach der Küste zu steuernd, die wie ein ununterbrochener Waldstreif erschien, später reiche Palmenbestände zeigte, gingen wir gegen Abend kaum mehr als zwei Meilen vom Ufer in fünf Faden Mudd zu Anker. Eine Gruppe besonders hoher Kasuarinen ca. sechs Meilen zu West war Venus-Point der Karten, eine andere ganz ähnliche, noch weiter westlich Cap de la Torre[71]. Vor uns am Ufer lagen, versteckt unter Kokospalmen, drei Dörfer, deren Bewohner mächtige Feuer anzündeten und bald in Kanus abkamen. Schon die letzteren zeichneten sich durch merkwürdigen Putz der Mastspitze aus. An der einen war die Nachbildung eines Fregattvogels aus Federn (Atlas VIII. 4), an einer anderen sonderbarer Faserschmuck mit einem Kreuz an der äußersten Spitze (VIII. 3) befestigt. Noch mehr interessierten uns aber die Insassen selbst, deren sonderbare Haartracht am meisten auffiel. Sie vereinigt das Haar am Hinterkopf zu einem abstehenden, dichtverfilzten Zopf, der häufig in einem zierlich geflochtenen konischen Körbchen (XVIII. 1) steckte, das oft noch besonders geschmückt war. Neben diesem Haarputz imponierten gewaltige Zwickelbärte, wie ihn der Mann auf der Abbildung zeigt, der zugleich mit einem jener reichverzierten Schamschurze aus Tapa bekleidet ist, die ich nur hier beobachtete. Für gewöhnlich sind sie, zwar sorgfältiger und decenter als sonst, viel einfacher (wie T. XVI. 2). Der übrige Körperausputz war sehr mannigfach. Schnüre aufgereihter kleiner Muscheln (Nassa) und Hundezähnen, um Stirn, Hals oder Hüfte geschlungen, spielten eine hervorragende Rolle. Kopfputz aus Wülsten von geschorenen Kasuarfedern, ganz wie solcher an der Südostküste vorkommt, war auch hier vorhanden. Selbstredend fehlten Armbänder nicht und zwar waren gewöhnliche, aus Pflanzenfaser geflochten, am häufigsten; es gab aber auch solche aus gebogenem Schildpatt, mit kunstvoller Gravierung, wie wir sie in Astrolabe (XIX. 2) kennen lernten. Ohr- und Nasenschmuck war kaum vertreten und statt des Ohrläppchens der Ohrrand durchbohrt. Kunstvolle Rosetten aus Hundezähnen (XXI. 4) als Brustschmuck erschienen mir neu, ebenso Leibschnüre (XXIV. 4) aus eigentümlich auf Baststreifen geflochtenen Muscheln (Nassa), die wahrscheinlich auch als Geld dienen. Ich sah auch sehr hübsche Frauenfaserschurze, in der bekannten Weise rot, gelb und schwarz gefärbt, aber sehr elegant mit Muscheln und Ringen aus Conus verziert. Die meisten Männer trugen hübsche, zuweilen reich mit Scherben von Cymbiummuschel verzierte, gestrickte Brustbeutel und führten noch eine besondere Art Tragkörbe[72] mit sich. Sie waren aus Pandanus- oder Kokosblatt geflochten und in eigentümlicher Weise mit buntgefärbter, kurzgeschorener Pflanzenfaser, plüschartig besetzt, außerdem mit kleinen Muscheln verziert.