Mann im Kanu, Venushuk.

Die Leute schienen ganz unbewaffnet, waren aber doch für alle Fälle vorgesehen und brachten nach und nach Unmassen Speere und Wurfpfeile zum Tausch, die sie sorgfältig in den Kanus versteckt hatten. Diese Wurfspeere, 1,60 bis 2,40 Meter lang, waren aus Rohr, mit langen Holzspitzen, zum Teil in sehr verschiedenartige und kunstvolle Kerbzähne und Widerhaken ausgeschnitzt. Für den Handwurf zu leicht, für den Bogen zu schwer, wußte ich anfangs nicht recht, wie ich diese Speere deuten sollte, bis die Frage durch ein besonderes Gerät gelöst wurde. Dasselbe bestand in einem ca. 70 cm langen Stück Bambu mit feingeschnitzter hölzerner Handhabe und erwies sich als Wurfstock (T. XI. 3), zum Werfen jener Pfeile (XI. 2), eine Methode, die bisher nicht in Neu-Guinea beobachtet wurde und ethnologisch ganz besonderes Interesse verdient. Bogen fehlten; aber ich beobachtete schöne Dolche aus Kasuarknochen. In Schnitzarbeiten schienen die Leute sehr geschickt, wie dies namentlich ihre Kanus zeigten, deren Schnäbel und Borde zuweilen in kunstvoller Weise damit verziert waren. Krokodilfiguren kamen dabei nicht selten und zwar in recht naturgetreuer Darstellung vor. So sehen wir auf der Abbildung ([S. 292]) an einem solchen Kanuschnabel ein Krokodil, dessen Schwanz in den Kopf eines Nashornvogels (Buceros) übergeht und im Atlas (VII. 5) einen Krokodilkopf in Verbindung mit einem Menschengesicht, dem Augen aus Perlmutter eingesetzt waren. Die Kanus bestanden übrigens nur in 20 bis 30 Fuß langen ausgehöhlten Baumstämmen und ähnelten in der Bauart denen von Astrolabe-Bai. Einzelne trugen 18 Mann.

Die eigentümlichen Haarzöpfe gaben diesen Eingeborenen ein mikronesisches Ansehen, aber sie waren echte Papuas, etwas heller als Neu-Britannier gefärbt, wie die meisten Papuas Neu-Guineas. Sie erschienen im ganzen kräftiger als die an der Ostspitze, und es gab wenig Hautkrankheiten unter ihnen, aber ich beobachtete bei einzelnen Pockennarben. Obwohl sehr lärmend und untereinander häufig streitend, ließ sich doch gut mit den Leuten handeln. Sie besaßen nichts an europäischen Sachen[73], interessierten sich weder für rotes Zeug, Glasperlen noch Tabak, gaben nichts um Messer, erhoben aber ein Freudengeschrei, als ich Bandeisen (kiram) zeigte. Sie brachten sehr schöne große Kokosnüsse, etwas Taro, Bananen und Unmassen aufgereihter zweischaliger Flußmuscheln (Batissa violacea und Finschii), die gegessen werden. Außer Betel und Tabak, der in derselben Weise wie in Astrolabe ([S. 59]) geraucht wird, beobachtete ich hier zuerst eßbare Erde und — einen Kolben Mais. Er war sehr klein und wurde von einem Manne als Zierat im Haar getragen. Es wäre sehr interessant gewesen, heraus zu bekommen, ob dieser Mais angebaut wird, denn bisher kannte man diese Nutzpflanze nicht aus Neu-Guinea. Aber Maclay brachte sie nach Astrolabe-Bai.

Wie auf ein gegebenes Zeichen verließen uns die Eingeborenen vor Sonnenuntergang, wahrscheinlich um noch vor Einbruch der Dunkelheit durch die Brandung zu kommen. Sie schieden als Freunde, denn unser Bündnis war durch eine besondere Ceremonie besiegelt worden. Ein Häuptling nahm ein Kokosblatt, an dem die Fiedern bis auf einen kurzen Basisteil abgeschnitten waren und spaltete dasselbe in zwei Längshälften, wovon die eine am Mast seines Kanus befestigt, die andere mir als Friedenszeichen übergeben wurde. Auch ich ließ dasselbe am Maste anbinden, was den Leuten sichtliche Freude machte.

Es war ruhig geworden, aber wir konnten diese Ruhe und den wunderbar schönen Sonnenuntergang mit darauffolgendem herrlichen Zodiakallicht nur wenig genießen, da andere wichtigere Betrachtungen uns zu lebhaft beschäftigten. Sie betrafen die Weiterreise, wegen der Schiffsrat gehalten wurde. Wir waren in jener Region, wo trübgefärbtes Wasser unsere Vorgänger veranlaßt hatte, der Küste auszuweichen, und Kapitän Dallmann neigte anfangs sehr dazu d'Urville's Beispiel zu folgen. Als Schiffsführer verantwortlich, durfte es ihm gewagt erscheinen, die Fahrt in Gewässern fortzusetzen, deren unsichtbaren Gefahren (toten Riffen u. s. w.) nur wenig Sicherheitsmaßregeln gegenüber gestellt werden konnten. Denn Lotungen genügten nicht, um ein Aufrennen zu verhindern und das einzige wirksame Hilfsmittel, eine Dampfbarkasse, fehlte leider. Aus naturwissenschaftlichen Gründen konnte ich wohl mit ziemlicher Gewißheit den Mangel von Korallriffen infolge des geringen Salzgehaltes des Meerwassers begründen, aber nicht zugleich auch das Fehlen von Felsen und anderen Schiffahrtshindernissen garantieren. Freilich fuhren wir nicht zum erstenmale in trübgefärbtem Wasser und lagen auch hier bereits in solchem gemütlich vor Anker, aber wer konnte voraussagen, ob die Verhältnisse immer so günstig bleiben würden. Zu einer unfreiwilligen Robinsoniade verspürte ich selbst, wie alle, zwar auch keine Lust, aber eine Fortsetzung der Reise weitab von der Küste hatte überhaupt keinen Zweck und schließlich mußte doch überhaupt einmal der Anfang gemacht werden, dieselbe auch in der Nähe kennen zu lernen. Der Gedanke, kurz vor jenen Flüssen wieder umzukehren, über deren Vorhandensein hier herum schon Schouten und le Maire berichteten, war zu niederdrückend und ihr leuchtendes Vorbild konnte mit als Argument dienen. Sie waren die Ersten, welche am 6. Juli 1616 die brennende Insel »Vulkanus« entdeckten und durch Mangel an Lebensmitteln und Wasser gezwungen mit ihrem Segelschiff »de Eendracht« (Eintracht) in das trübgefärbte Wasser hinein bis an die Küste zu gehen, wo man am 9. und 10. Juli in einer Bucht ankerte. Sie erhielt später den Namen Cornelis Kniers-Bai, läßt sich aber nicht mehr mit Sicherheit ausmachen. Nach meinem Dafürhalten muß sie ca. 50 Meilen West von Kap de la Torre (Vlaken Hoek) liegen, denn damit stimmt noch am besten das Wenige überein, was Schouten über die Eingeborenen sagt. Sie waren (wie wir es auch fanden) freundlich, hatten aber nur wenig Kokosnüsse, und gaben »für einen Faden Leinwand nur vier Stück«. Ja, ja! das waren noch Entdeckungsreisen! und niemand konnte die Thaten der alten Seefahrer besser beurteilen und würdigen als wir an dieser Stelle. Gegen Sonnenuntergang kam die Spitze des Berges frei von Wolken und erschien wie die ganze Insel in wunderbar scharfer Beleuchtung. Rosiger Schein umfloß den Kraterrand, dessen im Westen eingestürzter Trichter deutlich eine feurige Stelle, wie einen brennenden Spalt zeigte, die nach Einbruch der Dunkelheit weit intensiver hervortrat, bis nach und nach Wolken den Berg verhüllten. Aber er hatte zu uns gesprochen im Geiste le Maire's und Schouten's, die vor mehr als 250 Jahren vielleicht auch hier herum über die Weiterreise nachdachten. Und wir, mit einem Dampfer, hätten umkehren sollen? nimmermehr! Die Erinnerung an die kühnen Niederländer gab den Ausschlag, und die Reise wurde am anderen Morgen längs der Küste fortgesetzt. Sie erscheint flach, dicht bewaldet, mit niedrigen Hügelreihen, weiter inland einer höheren Bergkette und dürfte brauchbares Kulturland aufweisen. Berg Jullien der Karten ließ sich nicht sicher ausmachen.

Wir hatten jetzt Broken-Water-Bay vor uns, von Powell so benannt, der aber im übrigen nichts über dieselbe berichtet, (l. c. S. 512). Zahlreiche Treibholzstämme und die von Grün in ein trübes Lehmbraun übergehende Farbe des Meeres zeigten immer deutlicher, daß Flußmündungen nicht fern sein konnten. Wirklich passierten wir bald darauf eine solche[74] und etwa fünf bis sechs Meilen weiter westlich einen anderen ansehnlichen Fluß, den ich Prinz Wilhelmfluß zu nennen mir erlaubte. Da sich vor demselben Brandung zeigte, so hielten wir nach Kap de la Torre zu, einem nicht sehr auffallenden Küstenvorsprung mit einer Gruppe höherer Bäume. Aber noch ehe wir das Kap erreichten, färbte sich das Wasser wieder trüb braun, und bald darauf zeigte sich die Mündung eines bedeutenden Flusses, vor der die »Samoa« ca. zwei Meilen in fünf Faden bereits in Süßwasser ankerte. Mit dem ersten Offizier Sechstroh machte ich sogleich im Walboot eine Rekognoszierung, aber die Strömung nahm bald so zu, daß sich mit Rudern nicht gegen dieselbe ankämpfen ließ. Glücklicherweise erlaubte eine aufspringende Brise Segel zu setzen und so war es möglich, bis in die eigentliche Mündung vorzudringen, deren Breite wir auf ca. eine halbe Meile schätzten. Die Ufer zeigten, wie die der ca. vier Meilen breiten Mündungsbucht dichten Baumwuchs, darunter viel Nipapalmen, die auf sumpfige Beschaffenheit schließen lassen. Am linken Ufer bemerkten wir zuerst ein paar schlechte Hütten, dann zwei größere Häuser, deren Bewohner aber in ihren großen Kanus eiligst flüchteten. Später sammelten sich circa fünfzig bewaffnete Eingeborene auf der mit viel Treibholz besetzten Sandbank des rechten Ufers, aber da hier gerade der stärkste Strom läuft, so war es nicht möglich, mit ihnen zu verkehren oder ihnen nur Geschenke zuzuwerfen. Überhaupt hatten wir auch Wichtigeres zu thun, nämlich zu loten, und kamen dabei zu dem wichtigen Resultat, daß der Fluß vollkommen frei und für Schiffe wie die »Samoa« (mit ca. drei Meter Tiefgang) voraussichtlich befahrbar sein dürfte. Wie weit? blieb freilich späteren Untersuchungen vorbehalten, da wir selbst natürlich an eine solche nicht denken konnten. Aber der seit mehr als 250 Jahren hier herum vermutete Fluß war endlich gefunden, und wahrscheinlich zugleich der größte, nicht nur in Kaiser Wilhelmsland, sondern an der ganzen Ostküste Neu-Guineas überhaupt. Mit der Entdeckung eines solchen Flusses durften Hoffnungen auf eine praktikable Wasserstraße, fruchtbare Uferstrecken u. s. w. verknüpft werden, die sich seitdem zum Teil erfüllten. Der »Kaiserin Augustafluß«, wie ich ihn benannte, ist wiederholt und ohne Schwierigkeiten mit Dampfern, zuletzt 380 Meilen weit, befahren, und seine Wasserstraße größer als die des Rheines geschätzt worden. Er bietet einen Weg zur Erschließung des Binnenlandes bis nahe zur Grenze des holländischen Gebietes von eminentester Wichtigkeit. Ja, wer in Australien einen solchen Fluß entdecken könnte, dem wäre geholfen!

Am anderen Morgen (10. Mai) dampfte die »Samoa« in W.-N.-W.-Kurs längs jener bisher nur punktiert auf den Karten eingetragenen, 65 Meilen langen Küste weiter, die ich, nach dem eigentlichen Urheber der Samoafahrten und der deutschen Kolonisation in Neu-Guinea, Hansemann-Küste benannte. Sie verläuft ohne tiefere Buchten gleich- und einförmig waldgesäumt, dürfte aber für Kulturzwecke einmal hohe Bedeutung erlangen, denn nirgends hatte ich bisher so ausgedehntes Flachland angetroffen als an dieser Küste, die nur weiter inland niedrige Hügelreihen zeigt. Sie scheint wenig bewohnt, denn nur an der Mündung zweier Flüsse (Hammacher- und Eckardtstein-Fluß), die das Meer weithin trüb färbten, beobachtete ich Kokospalmen und zählte fünf Siedelungen. Die Landungsverhältnisse der Hansemannküste scheinen übrigens nicht günstig, da wir längs derselben Brandung beobachteten. In der Nähe des Hammacher-Flusses circa zehn Meilen West von Kap de la Torre kamen sechs Segelkanus (T. VIII, 5, 7) mit Eingeborenen ab und längsseit; doch getrauten sich die letzteren nicht an Bord. Sie glichen den zuerst gesehenen von Venushuk und trugen wie diese das Haar in einem Körbchen oder wie der Mann auf der Abbildung einen dicken Zopf, der mit Binden aus Hundezähnen und Blättern verziert ist. Der weitere Ausputz besteht in einem Brustschmuck aus einer konkaven Scheibe von Cymbiummuschel, mit Kettchen aus schwarzen Samenkernen und Kauris, der mit das Wertvollste zu sein scheint. Am Backenbart sind Stückchen Perlschale, Hundezähne oder Muschelringe befestigt, im durchbohrten Ohrrande wie in den Nasenflügeln stecken grüne Blattstückchen. Andere Männer trugen eigentümliche, reichverzierte, lange Kämme (T. XVII, 2) mit Kettchen und Federn im Haar und besonderen Nasenschmuck aus Perlmutter (XX, 5).

Bewohner der Hansemannküste.