Zu meiner Freude erhielt ich auch einen jener kostbaren zirkelrunden Eberhauer ([S. 91]), welche die Eingeborenen bei Venushuk um keinen Preis hergeben wollten. Dieser Zahn war noch außerdem in der Mitte zierlich mit rotem Strohgeflecht umwickelt, das dazu diente — die Fälschung zu verdecken, denn er bestand aus zwei Stücken. Ja! nicht alle können echte Brillanten tragen, und auch bei den Papuas muß sich mancher mit Simile behelfen. — Alle waren mit Schamschurzen aus Tapa bekleidet. Ein eigentümliches Musikinstrument interessierte mich besonders deshalb, weil ich es in ganz gleicher Weise auch an der Südostküste (Port Moresby) erhalten hatte. Es besteht aus einem Stück Bambu mit einem zungenartigen Einschnitt und dient zum Taktschlagen bei Begleitung der Gesänge. An Waffen sah ich dieselben als vorher ([S. 293]) beschriebenen, aber auch schwerere Wurfspeere mit kunstvoll geschnitzter, reich verzierter Spitze (T. XI. 1) und sehr eigentümliche, mit Halswirbeln vom Kasuar verzierte. Die guten Leute fürchteten sich anfangs sehr, was man ihnen gewiß nicht verdenken konnte, denn offenbar hatten sie vorher keinen Weißen gesehen. Zu meiner Verwunderung kannten sie nämlich kein Eisen, und erst als ich praktisch den Nutzen eines Beiles zeigte, schien es bei ihnen aufzudämmern und jeder verlangte nun »maiang«! Um andere Dinge wie Glasperlen, Spiegel, Streichhölzer gaben sie nichts, jedenfalls weil sie den Zweck noch nicht recht begriffen, eine Erfahrung, die ich häufig gemacht habe. Das Erstaunen des sogenannten Wilden beim ersten Anblick von Weißen ist überhaupt in der Regel viel minder lebhaft, als gewöhnlich angenommen wird, sein Interesse, obwohl in erster Linie praktisch, unberechenbar und individuell sehr verschieden. Dem einen gefällt dies, dem anderen jenes, gerade wie dies bei uns und allenthalben der Fall ist.
Von Kap de la Torre verläuft die Hansemannküste ca. 30 Meilen in westlicher Richtung und wendet sich dann W.-N.-W. bis zu Kap Dallmann, welches die weite Krauel-Bucht, oder besser Bai nach Westen begrenzt. Das bergige Kap erschien von weitem wie eine Insel, bei der wir gute Ankerung zu finden hofften, hierin aber getäuscht wurden. Ein heftig aufspringender Ost nötigte überdies zurückzugehen und an der Küste einen passenden Platz zu suchen, den wir auch vor der Mündung eines Flusses, des Caprivi, kurz vor Sonnenuntergang fanden. An seinem linken Ufer waren zwei kleine Siedelungen, deren Bewohner die ganze Nacht Feuer unterhielten, und schon vor Anbruch des Tages (11. Mai) in ihren Kanus herbeieilten. Ganz ungeniert und ohne Zeichen von Furcht kamen sie sogleich an Bord, obwohl auch sie offenbar noch keine Weißen gesehen hatten und Eisen anfänglich verächtlich zurückwiesen. Man sieht, wie verschieden das Betragen Eingeborener beim ersten Zusammentreffen mit Fremdlingen sein kann, zuweilen furchtsam und zurückhaltend, zuweilen furchtlos und offen bis dreist und unverschämt. Das letztere ließ sich nun von diesen Eingeborenen nicht sagen, denn nirgends hatte ich vorher so liebenswürdige und manierliche »Wilde« kennen gelernt als hier. Da gab es kein wüstes Schreien, wie dies sonst meist der Fall ist, sondern die Leute verhielten sich ruhig, ja sprachen mit leiser Stimme, und zwar nicht etwa infolge von Angst. Auch hielten sie uns nicht für Götter, wie sich Weiße dies meist einbilden, kümmerten sich um die Blässe unserer Haut nicht im mindesten, gaben aber ihrem Erstaunen durch ein eigentümliches Schnalzen mit der Zunge Ausdruck, wobei sie die Backen aufbliesen. Da den Leutchen natürlicherweise alles und jedes an Bord neu war, so wollte das Schnalzen gar kein Ende nehmen. Meine bisherigen Erfahrungen, daß dem Kanaker »schenken« unbekannt ist, wurde übrigens hier zum erstenmale glänzend widerlegt, denn zu meinem Erstaunen kamen die Capriviten nicht mit leeren Händen. Sie brachten einen Korb mit etwas Yams, Kokosnüsse (die auch hier Niu heißen), gekochten Sago in Blätter gehüllt, spanischen Pfeffer, gekochtes und geräuchertes Schweinefleisch, in Stücke geschnitten und in eigentümlicher Weise zwischen Stöckchen gepreßt, sowie frische Holothurien ([S. 275]) und boten dieses alles als wirkliche Geschenke an, d. h. ohne Gegengabe dafür zu verlangen. Eine solche Freigebigkeit mußte natürlich belohnt werden, aber ich fürchte, daß die ersten Wohlthaten der Civilisation den Samen der Zwietracht in die Herzen dieser noch unberührten Naturkinder säten, denn da nicht alle gleichmäßig bedacht werden konnten, so werden Neid und Mißgunst wohl nicht ausgeblieben sein. Bei einem so kurzen Aufenthalte als dem unseren merkte man davon freilich nichts, sondern es herrschte eine Harmonie, wie sie schöner nicht gedacht werden kann. Aber ich weiß aus Erfahrung, daß eine solche Idylle gewöhnlich nicht von langer Dauer ist, selbst wenn in formeller Weise Friedenszeichen ausgetauscht wurden. Das der hiesigen Eingeborenen bestand in einem ca. 45 cm langen, schmalen Streif Kokosblatt, in welches ein alter Mann acht Knoten knüpfte und mir denselben überreichte. Ob dabei die Zahl acht irgend eine symbolische Bedeutung hatte, vermochte ich natürlich nicht zu erörtern, denn für solche Fragen läßt die Zeichensprache im Stiche. Die Biedermänner vom Caprivi waren übrigens im allgemeinen schwächlich aussehende Leute, aber echte Papuas, meist so dunkel gefärbt als Neu-Britannier (zwischen Nr. 28 und 29 der Broca'schen Farbentafel), zuweilen heller, ja ich hatte wieder einmal die Freude, einen Albino kennen zu lernen. Mit Ausnahme der von der Sonne stark geröteten Stellen (Brust und Schultern) war seine Färbung so hell, als bei einem Europäer (Nr. 23 bis 25 von Broca), sein Haar blond; aber die lichtscheuen Augen konnten die Sonne nicht vertragen, wie dies meist bei Albinos der Fall ist.
Häuptling vom Caprivifluß.
Im Ausputz unterschieden sich die hiesigen Eingeborenen wenig von den vorher gesehenen ([S. 293]). Haarkörbchen waren aber seltener und schienen mehr eine Auszeichnung der Häuptlinge zu sein, während die Mehrzahl das Kopfhaar geschoren oder in der gewöhnlichen verfilzten und verzottelten Weise der Papua wachsen ließ. Die Abbildung zeigt einen solchen Häuptling, dessen Haarkörbchen in origineller Weise mit Streifen des weiß und rostgelb gefleckten Felles eines Beuteltieres (Phalangista orientalis) verziert ist, wie solche auch mit Vorliebe als Anhängsel der Armbänder benutzt werden. Der Zwickelbart des Mannes ist mit zwei der Länge nach gespaltenen und dünn geschliffenen Eberhauern geschmückt, die an dieser ganzen Küste sehr beliebt sind. Ein Sack und kleinerer Brustbeutel (mit Placunamuscheln als Zierat) vollenden die Ausstaffierung. Unter sonstigen Kostbarkeiten der hiesigen Eingeborenen bemerkte ich schön gravierte Armbänder aus Schildpatt (Taf. XIX. 3) und Imitationen gebogener Eberhauer aus Tridacna geschliffen (T. XXI. 3).
Von dieser größten aller jetzt lebenden Meeresmuscheln liefert bekanntlich der breite Schloßteil ein weit über die Südsee verbreitetes und allgemein hochgeschätztes Material, nicht nur für Schmuckgegenstände (Brust- und Armringe, Nasenkeile), sondern namentlich auch für Axtklingen, die häufig solchen von Stein vorgezogen werden. Da der Schloßteil einer 66 cm langen Tridacnamuschel kaum 6 cm breit ist, so kann man sich danach eine Vorstellung von der ungeheuren Größe solcher Exemplare machen, aus denen sich ein Ring von 13 cm Diameter herstellen ließ, wie ich sie hier sah. Da ein solcher Ring, bei ca. 1 cm Dicke, 10 cm im Lichten vollkommen kreisrund gearbeitet ist, so verdient, unter Berücksichtigung der bedeutenden Härte des Materials, der Fleiß und die Geschicklichkeit dieser Künstler der Steinzeit volle Bewunderung. Auf der Insel Ponapé in den Karolinen erhielt ich früher sauber gearbeitete Axtklingen aus Tridacna von 50 cm Länge, 11 cm Breite und neun Pfund Schwere. Sie stammten noch aus der guten alten Zeit und gehören wohl mit zu den kolossalsten Stücken, welche aus diesem Material hergestellt wurden.
Die langen, sehr schmalen Kanus der Capriviten zeigten, neben gewissen Eigentümlichkeiten in der Bauart, auch hübsche Verzierungen in Schnitzarbeiten (ähnlich T. VII. 4). Einzelne Kanus führten Mast und Segel; die größten trugen zwölf Mann.
Mit dem Caprivifluß endet das Flachland, und Berge säumen nun die Küste, ein Charakter, den sie bis Humboldt-Bai beibehält. Wir dampften längs den niedrigen Hügeln, welche an der Westseite von Krauel-Bai ziemlich steil bis zum Meere abfallen und deren dichte Bewaldung stellenweis durch grüne Flächen unterbrochen wird, welche der Landschaft ein liebliches Aussehen verleihen. Hie und da waren auch an steilen Abhängen Plantagen sichtbar, sowie einzelne Häuser. Aber Siedelungen, und zwar sehr kleine, die sich schon von weitem durch gelbe Bäume kenntlich machten, trafen wir erst in den Buchten vor Kap Dallmann. Es sind deren drei: Ritter-, Buchner- und Nachtigal-Bucht, die dicht hintereinander folgen und von denen namentlich die letztere einer genaueren Untersuchung wert scheint. Mit Kap Dallmann, einem ca. 400 Fuß hohen, steil abfallenden, dicht bewaldeten Hügel, bekamen wir d'Urville-Insel in Sicht und sahen eine weite Bai vor uns. Wie sich später zeigte, zerfällt sie in drei Buchten: Dove, Jannasch und Gauß, und wird im Westen durch Bessels-Huk begrenzt. Dieser ganze Küstenstrich, dicht mit Laubwald bedeckte Hügel und Vorland, hie und da mit sanft ansteigenden Grasflächen, scheint sehr versprechend, aber wenig bewohnt, wie sich schon aus dem Mangel von Kokospalmen schließen läßt. In der That bemerkten wir nur bei Kap Dallmann ein Dorf von ca. zehn Häusern und bei Sahl-Huk etliche Kokospalmen und Eingeborene. Doch werden jedenfalls mehr Ansiedelungen vorhanden sein, die ja häufig unter Bäumen versteckt unbemerkt bleiben. Die landschaftlichen Schönheiten dieser Küste erhalten durch ein weiter inland liegendes Gebirge, das Prinz Alexandergebirge[75], erhöhten Reiz, dessen malerische Kuppen sich über 3000 Fuß erheben mögen. D'Urville-Insel, ein langgestreckter, dichtbewaldeter Bergrücken, mit einem grünen Vorland, das sich als Gressien-Insel erwies, trat immer näher heran, und als wir die kleine Meta-Insel, etwas nördlich von Bessels-Huk passierten, öffnete sich der Blick auf eine breite Meeresstraße, die Dallmannstraße, mit zwei Inseln an ihrem westlichen Eingange. Gegenüber Gressien bemerkten wir eine hübsche Bucht, die im Osten durch das von Meta-Insel sich ausdehnende Riff einen schönen Hafen bildet, den Dallmannhafen. Wir ankerten hier sehr zur Freude von Eingeborenen, die uns in drei Kanus schon seit einer Stunde unverdrossen folgten. Auch am Ufer wurde es lebendig: Knaben winkten mit grünen Zweigen, und eine Menge Eingeborener harrte sehnlichst auf unsere Ankunft. Bald wurde ihr Wunsch erfüllt, und sie sahen, wohl zum erstenmal, europäische Bleichgesichter unter sich. Denn auch diese Eingeborenen kannten kein Eisen, und der Gebrauch von Beilen und Messern mußte ihnen erst gezeigt werden. Ja, wie sollten solche unverfälschte Naturkinder der Steinzeit auch wissen, was ein Beil ist? Uns würde es in Bezug auf die Benutzung gewisser Geräte der Eingeborenen ebenso gehen, und unsere Museen besitzen gar manche Belegstücke dafür, deren Bezeichnung »Zweck unbekannt« häufig für immer unerklärbar bleibt. Das ungenierte Wesen, mit dem wir von diesen Eingeborenen ohne Scheu und Mißtrauen empfangen und behandelt wurden, war erstaunlich, und wer möglichst unverdorbene Menschen studieren will, dem ist Dallmannhafen zu empfehlen. Freilich würde der gute Rousseau manche seiner Vorstellungen über die Glückseligkeit des Naturmenschen zu verbessern gehabt haben, da sich eine solche überhaupt nirgends findet. Aber soweit sie überhaupt möglich ist, erfreuten sich diese guten Eingeborenen derselben, ein Völkchen, das, weiß Gott seit welchen Zeiten, ohne Civilisation ein sorgenfreies, behagliches Dasein führt. Für mich war es wiederum eine Freude, dieses fröhliche Leben und Treiben zu beobachten, denn es wird ja mit jedem Tage schwieriger, auf diesem Erdenrunde noch ein Fleckchen zu finden, wo man solche Beobachtungen machen kann. Wenn diese Eingeborenen als Typen möglichst unverdorbener Naturmenschen gelten dürfen, so ist Freigebigkeit eine angeborene Tugend des Menschengeschlechts und Bettelei erst später entstanden. Denn diese Leute schenkten mir freiwillig einige ihnen gewiß wertvolle Dinge, so einen schönen Knochendolch, einen Brustbeutel u. a., ohne gleich die Hand nach einer Gegengabe auszustrecken, wie dies sonst unabänderlich Kanakerbrauch ist. Meine bisherigen Erfahrungen hatten mich gelehrt, mit der Annahme von Geschenken Eingeborener vorsichtig zu sein, denn was sie heute schenken, erwarten sie morgen vielfältig zurückerstattet. Hier schien alles ohne die sonst übliche Berechnung, mit der man die Wurst nach der Speckseite wirft, und es herrschte vom ersten Begegnen an ein Ton, als wären wir lang erwartete liebe Freunde und schon seit Jahren in traulichem Verkehr.
Kopfbedeckung in Dallmannhafen.