In ihrem Äußeren stimmten diese Eingeborenen ganz mit denen vom Caprivi überein, ebenso hinsichtlich ihres Ausputzes. Cuscusfell (von einer Phalangista-Art) war häufig als Schmuck, für Glatzköpfe zuweilen auch als Kopfbedeckung verwendet. Außer den bekannten Haarkörbchen, die übrigens nur einzeln vorkamen, gab es noch eine andere besonders auffallende Kopfbedeckung, durch welche sich ein Mann auszeichnete. Er trug, wie die Abbildung zeigt, eine ca. 40 cm lange Röhre aus Pandanusblatt und ich freute mich, die Urform des Cylinders bei den Papuas entdeckt zu haben. In der That fehlt nur Deckel und Krämpe und die Angströhre ist fertig. Die Befestigung derselben geschieht mittelst Nadeln aus Vogelknochen, die in dem dichten Haarpelz sehr gut haften. Besondere Sorgfalt war auch auf Bartschmuck in Form von allerlei Breloques (wie [S. 299]) verwendet, und einzelne hätten sich damit bei uns für Geld sehen lassen können. So mein Freund Wulim, ein biederer Oberhäuptling, dessen sorgfältig mit kleinen Muscheln umwickelter, an der Spitze in Rohr eingeflochtener Zwickelbart eine Röhre von 35 cm Länge bildete. Der gute Alte schien meine Gedanken erraten zu haben, denn er erlaubte mir, die nicht wiederzuersetzende Körperzier abzuschneiden. So konnte ich, auch ohne Oberons Zauberhorn, einen Bart mit nach Hause nehmen, wie ihn der Kalif von Bagdad schwerlich besessen haben dürfte, und gleich mit Zähnen daran, freilich nicht die des Trägers, sondern Eberhauer, die auch hier als Schmuck sehr beliebt sind.

Unter Führung der Eingeborenen marschierten wir über schönes, fruchtbares Grasland nach ihren Niederlassungen, die an der Westseite von Gauß-Bucht liegen, da Dallmannhafen, mit Ausnahme von ein paar Häusern, unbewohnt ist. Unweit dieser Siedelungen in Gauß-Bucht mündet ein hübscher, leider unzugänglicher Fluß, der Herbert. Treffliche Kultivationen, in denen hauptsächlich Bananen und Tabak (Sagum) gezogen wurden, lehnten sich unmittelbar an das für papuanische Verhältnisse ebenso große als schöne Dorf Rabun oder Labuhn. Es zählte, von Bäumen und Kokospalmen beschattet, an 20 Häuser, solide und stattliche Bauten, denen nur Fenster fehlten, um gar manche viel armseligere Hütte daheim zu übertreffen. Einzelne dieser Pfahlhäuser (Rum) waren 40 bis 50 Fuß lang, 24 Fuß breit und bis unter die Giebelspitze an 20 Fuß hoch. Das Dach bestand aus Ried oder Gras, die Seitenwände aus sehr sauber befestigten, zuweilen rot und schwarz bemalten Blattscheiden der Nipa- oder Sagopalme, die Diele aus gespaltenen Latten von Betelpalmen. Charakteristisch für den hiesigen Baustil ist das Fehlen eines Vorplatzes oder einer Plattform, da die Treppe gleich unter der in eigentümlicher Weise verschiebbaren Thür liegt (vergl. Abbildung [S. 308]). Die im Inneren der Häuser herrschende Dunkelheit erlaubte erst allmählich Orientierung, ließ aber die gewöhnliche Einfachheit der Einrichtung erkennen: in der Mitte die Feuerstelle, aus einem mit Sand gefüllten Rahmen bestehend, an den Seiten Lagerstätten aus gespaltenem Bambu mit Kokosmatten belegt und Töpfe. Letztere stimmten in der Form (T. IV. 3, 4) mit denen von Bilibili überein und wie ich sie auch am Caprivi sah; es gab aber auch Töpfe von kolossaler Größe, die als Behälter für Sago dienten. Keramik schien auch hier eine Quelle des Wohlstandes und Reichtums, denn es gab Töpfe im Überfluß; so waren unter anderem auch besondere an Stricken befestigte Horden mit solchen versehen. Große Häuser enthielten zwei Abteilungen und werden, wie schon die doppelte Feuerstelle andeutete, wohl von mehr als einer Familie bewohnt. In einem Hause bemerkte ich eine roh geschnitzte Holzfigur, einen sogenannten Götzen, ähnlich den Telums von Astrolabe (T. XV. 1), aber ohne die für jenes Gebiet charakteristische langausgestreckte Zunge. Wenn auch Holzschnitzereien an den Häusern fehlten, so fanden sich doch andere Arbeiten, welche von der Geschicklichkeit der hiesigen Eingeborenen in diesem Genre zeugten. So die kolossalen trogförmigen Signaltrommeln, die, (wie auf der Abbildung), gewöhnlich vor den Häusern standen, also wohl nicht tabu sein mochten, sowie die Spitzen der Kanus. Einzelne waren in sehr naturgetreuen Figuren, Krokodil und Menschengesichter darstellend (wie T. VII. 4) ausgeschnitzt, und diese Verzierungen häufig sorgfältig eingepackt, um sie vor Bestoßen zu schützen. Auch sonst stimmten die Kanus in der Bauart mit denen am Caprivi überein. Als Mastschmuck dienten Bastbüschel und artig aus Pflanzenfaser geflochtene Ketten; als Segel war, wie auch anderwärts, der zeugartige Bast von der Basis der Blattscheide des Kokosblattes verwendet. Waffen irgend welcher Art kamen mir nicht zu Gesicht, werden aber ohne Zweifel nicht fehlen. Von Musikinstrumenten sah ich Holztrommeln in der gewöhnlichen sanduhrartigen Form (ähnlich T. XIII. 2), mit Eidechsenhaut (von Monitor) überzogen.

Haus in Gaußbucht.

Bei unserer Ankunft flüchteten die Weiber und Kinder eiligst in die Häuser, deren Thüren zugeschoben, aber gar bald wieder etwas geöffnet wurden, denn die so berechtigte Neugier, welche dem ganzen Menschengeschlecht eigen ist, überwand auch hier die Furcht, und nach und nach kamen, aufgemuntert durch die Männer, die Schönen zum Vorschein. In der That gab es sehr hübsche Gestalten von tadellosen Formen unter diesen braunen Mädchen, die in ihren bunten Faserschürzchen (T. XVI. 9) gar niedlich aussahen. Sie trugen das Haar meist kurz geschoren, in Form runder Pelzkäppchen, Frauen durch schwarze Farbe verschmierte Zotteln, ähnlich wie in Astrolabe-Bai ([S. 40]). Kleinen Kindern von drei bis fünf Jahren war der Kopf meist rasiert, bis auf eine Skalplocke zur Befestigung von Schmuck aus Muschelringen und dergleichen.

Außer den vorherbeschriebenen Häusern entdeckte ich übrigens noch zwei besondere, von ganz eigentümlicher Form, wie sie mir in Neu-Guinea sonst nirgends vorkamen. Sie waren lang und schmal mit schüsselförmigem Dach, standen auf niedrigen Pfählen (vergl. Abbild. [S. 310]), und hatten an jeder Seite eine Thür mit spitzwinkeligem Vorplatz, den vom Dachrande herabhängende, lange Blattfasern wie mit einer Portière verhüllten. Aus Rücksicht für die Eingeborenen, die sich sehr ängstlich zeigten, und deren Geduld ich ohnehin schon genug auf die Probe gestellt hatte, ließ ich das Innere unbetreten. Der Zweck dieser Gebäude blieb daher unaufgeklärt, aber ich werde wohl nicht irren, wenn ich sie für jene Versammlungs-, Junggesellen- oder Tabuhäuser halte, wie sie sich in verschiedenen Formen allenthalben in Melanesien finden.

Tabuhaus in Rabun, Gaußbucht.

Die Höflichkeit der hiesigen »Wilden« übertraf übrigens alle bisher erfahrene und jedenfalls die meinige in der Erwiderung. Man würde es bei uns und mit Recht als Zeichen geringer Achtung und Bildung auslegen, wenn ein Gast den angewiesenen Ehrenplatz (hier ein mit weißem Sand bestreuter Platz vor dem Hause) und die angebotenen Erfrischungen (hier Betel, »Bu« und Naturzigaretten) zurückweist, wie ich es that. Aber es gab soviel zu sehen und aufzuzeichnen, daß ich im Interesse der Wissenschaft selbst gegen die bei Papuas herrschende Etikette verstoßen mußte. Die guten Leute mochten von dem ersten Weißen, der ruhelos umherlief, überall unverständliche Zeichen aufkritzelnd, wohl einen sonderbaren Begriff bekommen und ich würde es ihnen nicht übel nehmen, wenn sie mich für übergeschnappt gehalten hätten. Sie zeigten sich aber über mein Gebaren nicht unwillig, ja ihre Höflichkeit steigerte sich bis zur Gastfreundschaft, eine bisher von mir bei Kanakern niemals beobachtete Tugend. Die Pantomime des Kauens ließ im Verein mit behaglichem Klopfen und Streicheln der Magengegend keinen Zweifel, daß ein Festschmaus geplant wurde. Am Ende sollten wir als Schlachtopfer dafür dienen, wird vielleicht mancher denken, der da meint, Kannibalen machten allemal ähnliche Zeichen, ehe sie ihre Beute abmurksen! Ach, nein! das thun sie niemals; die braven Rabuniten waren überdies keine Kannibalen, und wenn sie auch solche gewesen wären, so würde uns dies wenig geniert und das Gefühl der Sicherheit nicht im mindesten alteriert haben. Zum großen Leidwesen der Bewohner schieden wir von dem freundlichen Rabun, und wenn wir auch für diesmal der zugedachten gastronomischen Prüfung entgingen, so ereilte uns doch das Schicksal im nächsten Dorfe. Hier wurden wir förmlich überrumpelt und mußten wohl oder übel an dem bereits servierten Festmahle teilnehmen. Ich gebe hier das Menu. Erster Gang: rötliche Sagoklöße (zähkleistrig, unkaubar, daher nach Angabe der Eingeborenen nur ganz zu verschlingen, was uns nicht gelang); zweiter Gang: kleine sprottenartige Fische mit den Eingeweiden geröstet (nicht übel); dritter Gang: gekochte Tiere einer kleinen Muschel (Neritina), mit den Zinken der Haarkämme aus der Schale gezogen (indifferent), dazu als Konfekt eßbare Erde, als Getränk Wasser und frische Kokosnußmilch. Das war freilich keine Bremer Schaffermahlzeit, aber das Hauptstück der Tafel, ein in der Erde zwischen heißen Steinen gedünstetes Schwein (Bohr), sollte ja erst zubereitet werden. Aber wir hatten keine Zeit darauf zu warten, obwohl uns damit ein Genuß entging. Denn ich darf versichern, daß in dieser Manier gar gemachtes Fleisch nicht zu verachten ist und getrost auf unserer Tafel erscheinen dürfte, wenn nicht das für uns unentbehrliche Salz fehlte. Mit Kokosnüssen beladene Eingeborene geleiteten uns, diesmals längs dem Strande, der meist aus Korallen besteht, wovon wir auch ausgedehnte Riffe in Gaußbucht beobachteten, die sich deshalb als Ankerplatz kaum eignen dürfte. Als wir bei unserem Boot anlangten, packten es unsere Freunde fast voll mit Kokosnüssen, was uns auch noch niemals passiert war. Erst jetzt verteilte ich die Gegengeschenke, und erwähne dies deshalb, weil dadurch erst die lobenswerte Uneigennützigkeit der Eingeborenen im rechten Lichte erscheint. Daß uns die guten Leute auch an Bord folgten, ist wohl selbstverständlich. Sie waren inzwischen klüger geworden und brachten allerlei zum Tausch, darunter neue und interessante Gegenstände. So groteske, buntbemalte, aus Holz geschnitzte Masken, mit meist kolossalen, oft vogelschnabelartigen Nasen, häufig mit Bart aus wirklichem Menschenhaar besetzt, wovon Taf. XIV (1, 2) gute Stücke repräsentiert, und kleine Holzgötzen (T. XV. 4, 5, 6). Sie stellen männliche wie weibliche Nachbildungen von Eingeborenen dar, öfters mit Haarkörbchen, zuweilen sogar mit Gesichtsmasken ausgeschnitten und sind jedenfalls keine Idole, wie jeder Missionär deuten würde, sondern mehr als Talismane zu betrachten. Die Leute gaben sie ohne Zögern her und hatten solche sogenannte Götzen nicht selten, wie Miniaturmasken (vergl. T. XIV. 3) als Zierat an ihren Brustbeuteln befestigt. Neu waren auch eigentümliche Kopfruhebänkchen, sogenannte Kopfkissen, aus Holz mit Schnitzerei und Beinen aus Bambu.

Um mich für die freundliche Aufnahme an Land zu revanchieren, versuchte ich die Eingeborenen mit allerlei Erzeugnissen der Civilisation bekannt zu machen. Außer Zigarrenstummeln ließen Genußmittel ziemlich teilnahmslos. Wie gewöhnlich wurde aus Höflichkeit von dem und jenem gekostet, ohne jedoch an den Speisen Geschmack zu finden, ganz so wie es uns im entgegengesetzten Falle geht; aber die Leute gaben zu verstehen, daß Zucker mit Zuckerrohr identisch sein müsse. Mehr Interesse erregten Nützlichkeitsgegenstände, und ich hatte auch hier wieder Gelegenheit, die individuell verschiedene Auffassung zu beobachten. Das Ticken einer Taschenuhr ruft meist freudiges Erstaunen, wie bei Kindern, aber auch nicht selten Schreck hervor, ganz so wie dies mit der Musik einer Spieluhr der Fall ist. Aber die fröhlichen Weisen, welche ich auf einer Mundharmonika vorspielte, fanden überall Beifall und erregten die Bewunderung der Eingeborenen. Streichhölzer versetzen immer in Erstaunen, dagegen May'sche Streichwachslichte (Vestas) meist in Furcht, weil sie beim Entzünden knallen. Spiegel, und zwar jene runden Taschenspiegel in Blech- oder Zinnfassung, wie sie hauptsächlich üblich im Tausch, werden sehr verschieden beurteilt. Manchmal machen sie viel Spaß, häufig aber werden sie nur für eine glänzende Zierat, Brust- oder Stirnschmuck, gehalten. Denn der Naturmensch muß ja erst lernen sein Abbild im Spiegel zu erkennen, den er gewöhnlich so nahe oder so entfernt hält, daß dies nicht möglich ist. Dasselbe gilt bezüglich des Sehens durch einen Feldstecher, dessen Gebrauch noch mehr Unterricht erfordert. Einen viel größeren Eindruck machen Brenngläser; aber auch bei diesen weiß der Eingeborene den Brennpunkt nicht leicht zu finden und sie machen nur Mühe, denn jeder will das Brennen auf seiner Hand fühlen. Zur Belohnung gab ich den Rabuniten noch eine Extravorstellung meiner Spielsachen zum besten, wie ich zuweilen bei besserer Bekanntschaft mit Eingeborenen zu thun pflegte. Kinderspielzeug, Tiere aus Guttapercha, deren Quitschtöne zuweilen Krieger erschreckt über die Reiling jagten, fanden hier wenig Anklang, ebenso erging es dem Kaleidoskop. Dagegen machte ein Kreisel mit Musik viel Spaß, der sich, wie überall, unendlich steigerte, als ich eine schöne, gut angekleidete Mädchenpuppe mit Haar zeigte. Und nun gar erst die Freude über das Gegenstück dieser Europäerin, eine niedliche kleine Negresse, mit Wollkopf, rotem Röckchen und Perlhalsband! Eine Diva bei uns kann nicht mehr applaudiert werden, als diese Puppe hier; jeder wollte sie besitzen und würde alles dafür gegeben haben. Nicht wahr? Die Wünsche dieser »Wilden« sind oft unberechenbar. Wie bei allen Vorstellungen hatte ich das Glanzstück zum Schluß vorbehalten, und zwar die Elektrisiermaschine. Sie bildete wie überall, wo ich Eingeborene mit ihr bekannt machte, auch hier den Knalleffekt und ihre Wirkung äußerte sich in derselben Weise. Die Leute wollten schier vor Lachen zerbersten, wenn der erste Kühne, welcher die Metallkolben in den Händen hielt, sprachlos vor Überraschung anfing, allerhand Grimassen zu schneiden und Sprünge zu machen. Aber kaum hatte ich den ersten erlöst, so nahm ein zweiter seine Stelle ein, unerwartet, aber doch erklärlich. Denn auch diese Naturkinder machten es ganz so wie es in ähnlichen Fällen bei uns zu geschehen pflegt. Nämlich, jeder sagte dem anderen, daß die Sache sehr schön sei, und so fielen am Ende alle der allgemeinen Heiterkeit zum Opfer.