Häuptlinge von irgend welcher Bedeutung scheinen in Humboldt-Bai, wie meist in Neu-Guinea, zu fehlen. Aber einige schwarz- und rotbemalte Kerls mit viel roten Hibiscusblumen im Haar, wahrscheinlich Honoratioren Tobadi's, hatten sich bald angefreundet und spielten die Führer, inkommodierten indes mehr, als sie nützten. Die Wißbegierde dieser Leute war wirklich lobenswert; sie wollten alles sehen, in die Hand nehmen und — selbst Taschenuhr, Feldstecher und ähnliche Dinge — geschenkt haben. So zog mir einer den Schuh aus, während ich den Tempel zeichnete, indes ein anderer meine Taschen zu visitieren versuchte. Auffallenderweise schienen sie Gewehre und und deren Wirkung nicht zu kennen.

Mit einigen der neuen Freunde kletterten wir ins Boot um an Bord zurückzukehren, da sich die Dörfer links am Eingange von Beccari-Cove doch nicht erreichen ließen. Ich sah hier ein größeres, aus acht großen und acht kleinen Häusern bestehend, das Ingros genannt wurde, dahinter auf einer kleinen Insel (Janus-Eiland) noch einige Häuser: Kai. Diese Dörfer lagen jetzt bei Ebbe unnahbar auf einer großen Sand- und Schlammbank, welche die Beccari-Cove nach Süd zu schließen schien. Doch ließ sich in der nördlichen Ecke hinter Tobadi noch eine kleine Insel, Timsau (Slavante-Eiland der holländischen Karte) erblicken, auf der anscheinend Häuser stehen. Beccari-Cove zieht sich übrigens bei Hochwasser noch ziemlich weit nach Südost, hinter dem schmalen Kokosuferstreif hin, ist aber für Schiffe unzugänglich. Alles in allem mag es, mit Einbegriff der Siedelungen in Challenger-Cove, elf Dörfer in Humboldt-Bai geben, hinsichtlich deren Namen zum Teil noch arge Verwirrung herrscht. Die Gesamtbevölkerung schätze ich auf 1500 bis 1800, gegen 5000 in dem Etnareisewerk. Dieser Unterschied rührt wohl weniger von dem Rückgange der Bevölkerung her, sondern liegt hauptsächlich an den viel zu hoch gegriffenen Schätzungen der ersten Besucher.

Die kleine »Samoa« war von weitem kaum zu erkennen; nur Masten und Schornstein ragten aus einer wirren Masse von Kanus hervor. Herr, du meine Güte! welch ein Gewimmel! etliche siebenzig Kanus lagen um den Dampfer, als wäre Jahrmarkt, und es kostete Mühe, sich durchzuarbeiten. Ja, ich wollte gern glauben, daß der Steuermann und die Zehn, welche ihm noch geblieben waren, alle Mühe aufwenden mußten, um die Gesellschaft von Bord abzuhalten. Jetzt kam Hilfe, denn ich besaß ja einigermaßen Erfahrung, um das Geschäft mit übernehmen zu können. Da die »Samoa« so niedrig über Wasser lag, daß ein im Kanu stehender Mann mit dem ausgestreckten Arme den Deckrand erreichen konnte, so war es den Eingeborenen freilich leichter gemacht als auf den sieben Kriegsschiffen, welche sie bisher kennen lernten. Bald an Steuer- bald an Backbord zum Rechten sehend, hatte ich gute Gelegenheit, das interessante Bild zu betrachten. Die Männer glichen ganz den vorhergesehenen, und der junge Krieger von Massilia ([S. 333]), könnte ebenso gut als Type eines Humboldtianers gelten. Gewöhnlich war ihr Ausputz aber nicht so reich als an diesem, und rote Bemalung, oft das ganze Gesicht und Brust bedeckend, bildete einen hervorragenden Teil desselben, wie Hibiscusblumen und Blätterschmuck. Ziernarben, oft sehr regelmäßige auffallend erhabene Figuren bildend, fanden sich nicht nur an Männern, sondern auch bei Frauen. Die beigegebene Abbildung zeigt eine solche Ziernarbe auf der linken Achsel und zugleich die eigentümlichen Muster der Tätowierung. Ich hatte diese Körperverschönerung seit Dinner-Insel nicht mehr gesehen und freute mich, sie hier wieder zu finden. Übrigens schienen nur Frauen tätowiert und trugen das Haar in dünnen, rotgefärbten Strähnen, ganz wie die Mädchen in Friedrich-Wilhelmshafen ([S. 108]). Bei der Mehrzahl der Weiber war auf das Haar keine Pflege verwendet. Wenige hatten auch einen so reichen Ohrschmuck an dünnen Schildpattreifen aufzuweisen als die hübsche Frau unseres Bildes. Es gab übrigens mehr niedliche Gesichter, und Humboldt-Bai scheint in ganz Neu-Guinea die schönsten Frauen zu besitzen.

Tätowierte Frau, Humboldt-Bai.

Die guten Geschöpfe kamen gleich kanuweis an und brachten eine Menge Bananen, Yams, Taro, Zuckerrohr, wenig Kokos (Niu) und geräucherte Fische, die sie gern los sein wollten. Aber an Tauschhandel war bei dem Gewimmel gar nicht zu denken. Wollte man irgend etwas haben, dann kletterten gleich so viele herauf, daß man Last hatte, sie wieder herunterzuwerfen. Dazu ein Rufen und Streiten untereinander, kurzum ein unbeschreiblicher Lärm. Es war gut, daß ich meine Einkäufe am Sechstroh gemacht hatte, und ich konnte mein ethnologisches Gewissen beruhigen, indem alle Gegenstände, Geräte, Schmucksachen u. s. w. mit den dortigen ganz übereinstimmten. Da die Gesellschaft nicht an Bord kommen durfte, also nicht stehlen konnte, wurde sie immer zudringlicher. »Whistle«! (pfeife) Da schrillte die Dampfpfeife, aber diesmal wirkungslos, denn die Leute kannten ja ihren Ton. Etwas mehr Luft schaffte Abblasen des heißen Wasserdampfes aus den Ventilen an Bordseite. Da wurde im Augenblick Platz gemacht, und es gab ein Drängeln und Stoßen, wobei mancher Ausleger abknackte. Aber die Sache erwies sich als ganz harmlos und wurde bald unter brüllendem Beifall als Scherz aufgefaßt. Trotz aller Vorsicht war eine Konservebüchse gemaust, dem Thäter der Raub aber sofort abgejagt worden. Er zeigte sich sehr beleidigt und legte schon einen Pfeil auf die Bogensehne, aber gleich wieder nieder, als ihm einige plattdeutsche Flüche an den Kopf flogen. So ein bißchen Anlegen ist ja noch nicht geschossen, das muß man nicht so übel nehmen; es war gewiß nicht bös gemeint. Hatten die Leute Absicht, uns anzugreifen, dann würde nicht ein einzelner angefangen haben, sondern es giebt gleich einen ganzen Hagel von Pfeilen. Und dazu fehlte es nicht an Gelegenheit und Material, da sie ein wahres Arsenal an Bogen und Pfeilen mit sich führten. Da wir mit dem Gesehenen zufrieden sein konnten, so war ein weiteres Abmühen mit den Eingeborenen, das schließlich doch vielleicht zu ernsterem Streit führen konnte, nutzlos und wir lichteten Anker. Eigentlich sollte weiterhin ein ruhigerer Platz für die Nacht aufgesucht werden, aber die Leute schienen unseren Plan zu erraten. Was Hände hatte, versuchte sich am Schiffe festzuhalten und an Bord zu klettern, kurzum die ganze Flottille folgte uns nach. Diese Hetzjagd schien den brüllenden Insassen gerade ein besonderes »Gaudi«, wie der Wiener sagen würde. Das sah wenig nach Ruhe aus, und da wir an dem Lärm und Spektakel gerade genug hatten, so nahmen wir Abschied von Humboldt-Bai und dampften seewärts. In wohlthuender Stille ließ ich die Erlebnisse des Tages an meinem Geiste vorüber ziehen und kam hinsichtlich der Eingeborenen zu dem Schluß, daß auch die vielgeschmähten und verleumdeten Humboldtianer besser sind als ihr Ruf. Überall wird ihre Hinterlist und Verräterei hervorgehoben, aber bis jetzt liegen keinerlei Beweise dafür vor. Schreien und ein mehr als ungeniertes Wesen, das ist ihnen eigen, wie sie auch nicht von Stehlsucht freizusprechen sind. Aber daran sind hauptsächlich die ersten Besucher mit schuld, die sich soviel gefallen ließen und die Schwächen der armen, nackten »Wilden« zu rücksichtsvoll über sich ergehen ließen. Wenn auf Kriegsschiffen allerlei, selbst anscheinend gesicherte Gegenstände gestohlen wurden, wie wäre es da wohl der kleinen »Samoa« ergangen, wenn wir die Gesellschaft an Bord gelassen hätten? Es wurde aber immer gut aufgepaßt, und so kamen während aller unseren Reisen nur ein paar unbedeutende Diebstähle durch Eingeborene vor.

Wir waren wieder einmal in offener See; unter uns tiefblaues Meer, über uns lichtblauer Tropenhimmel, der sich an einem Morgen sogar fast durchaus wolkenlos zeigte, was ich deswegen bemerke, weil dies in diesem Teile der Tropen äußerst selten vorkommt. Der nicht unerhebliche Weststrom, gegen den die »Samoa« tapfer arbeitete, ließ es Kapitän Dallmann, im Hinblick auf den Kohlenvorrat, rätlich erscheinen, direkt nach Mioko zurückzukehren. Aber noch blieb zur Vollendung unserer Küstenfahrt die Strecke von Vulkan-Insel bis Kap Croissilles übrig, und diese Lücke von lumpigen 70 Meilen durfte doch unmöglich ungesehen bleiben. So willigte der Kapitän ein, O.-S.-O. zu steuern, nach jenen Inseln, die sich von Vulkan, ca. 20 Meilen von der Küste, an 80 Meilen weit nach W.-N.-W. hinziehen. D'Urville benannte sie Schouten-Inseln, was deshalb eine Neubenennung nötig macht, weil gleichnamige Inseln an der Küste Neu-Guineas (in Geelvinks-Bai) schon viel früher so getauft wurden. Der Name Le Maire's, des verdienstvollen Gefährten Schouten's, dessen Andenken bis jetzt kein Name auf der Karte Neu-Guineas ehrt, soll deshalb die Stelle des Irrtum erregenden fortan ersetzen.

Wir hatten am zweiten Tage D'Urville-Insel gesichtet und nach und nach kamen auch Roissy, Deblois und Jacquinot zum Vorschein, von denen die erstere die größte und an sechs Meilen lang sein mag. Diese westlichen Le Maire-Inseln erscheinen als dichtbewaldete, mäßig (400–600 Fuß) hohe Bergrücken, von wenig vulkanischem Gepräge, das in Garnot schon deutlicher hervortritt. Diese Insel bildet einen ebenfalls dicht bewaldeten stumpfen Kegel, ca. 600 bis 800 Fuß hoch, scheint aber keine Kokospalmen zu besitzen. Aber eine kleine Insel ca. anderthalb Meilen Südwest davon, die ich Hirt-Insel benannte, ist fast ganz mit solchen bewachsen und voraussichtlich stark bevölkert.

Insel Blosseville aus West.