Verheiratete tragen ein großes Stück Tapa, mit einem Strick um die Hüften befestigt, das sehr dezent und ganz wie die Lavalavas der Polynesier kleidet. Diese Tapa ist zuweilen weiß gebleicht oder in bunten Mustern bemalt; zum Festbinden dienen manchmal hübsche Schnüre aus Coix- und Adenanthera-Kernen, mit allerlei Anhängseln. Unverheiratete begnügten sich, wenn auch schon in heiratsfähigem Alter, mit dem bescheidenen Kostüm Evens vor dem Fall. Aber die Mädchen eilten bei unserer Ankunft ihre Blöße, durch ein Stück Tapa oder ein Faserschürzchen zu decken. Auch diese hübschen, dunklen Gestalten wurden mit roten Streifen bedacht, machten dem Vorrate aber bald gegen meinen Willen ein Ende. Die Zeugfetzen folgten nämlich Dallmanns seidenem Taschentuche nach, das schon im ersten Hause gestohlen worden war. Ja, das mahnte zur Vorsicht; denn diese lieben Naturkinder verstanden so geschickt als ein großstädtischer Taschendieb zu stehlen.

Von großen spitzdachigen Familienhäusern waren in Tobadi[90], das im ganzen nur 32 Baulichkeiten zählte, nur ein Dutzend vorhanden, die anderen hatten die gewöhnliche Hausform mit schrägem, meist geradfirstigem, zuweilen sattelförmigem Dach.

Über einen nichts weniger als bequemen Steg, aus einem unbehauenen Baumstamme, turnten wir nach der Plattform des merkwürdigsten Bauwerkes von Tobadi, dem sogenannten »Tempel« hinüber. Schon diese an den Längsseiten ca. 50–60 Fuß messende Plattform, war ein gewaltiges Werk, konnte ihren Zweck als Tanzplatz aber nicht mehr erfüllen, da sie bedenkliche Senkungen zeigte.

Wie in der Beschreibung der Etnaexpedition zu lesen, hatten sich die ersten Besucher nur dadurch Erlaubnis zum Eintritt verschafft, daß sie als Zeichen der Verehrung vor dem Tempel niederknieten, wovon die Papuas wohl wenig begriffen haben dürften. Wir aber machten keine langen Faxen. Ich sagte den Leuten auch hier, »daß ich Finsch aus Bremen« und ein »Wapimé« (Freund) sei, und hie und da einen auf die Schultern klopfend, andere sanft zurückdrängend, befanden wir uns bald im Heiligtum. Diesem »fait accompli« gegenüber konnten die Eingeborenen nichts Besseres thun, als die gewöhnlichen Friedenszeichen anzubieten: niederzusitzen und Betel, was wir durch einige Zigarrenstummel erwiderten. Es litt mich aber nicht lange auf dem Baststück, das hier die Stelle von Matten vertritt, zu hocken, sondern ich begann, wie stets, sogleich mit Aufzeichnungen, denen der Grundriß (T. II. 1) sein Entstehen verdankt. Ein schräger Steg führte von der Plattform auf die etwas höher liegende Hausdiele, die 40 bis 50 Fuß Durchmesser haben mochte und so schön war als in den Familienhäusern. Erst im Innern konnte man recht die staunenswerte Konstruktion des an 60 Fuß hohen Daches bewundern, um so besser, als die im obersten Teil offene Spitze ziemlich viel Licht einließ. Das ist ein Gewirr von schiefen und geraden Stützen und Querhölzern in allen Richtungen, in welchen man, auch ohne Architekt zu sein, doch System erkennen konnte, und dabei waren alle Teile nur mittelst Lianen oder Stricken zusammengebunden. Dem ganzen merkwürdigen Turmbau schienen übrigens nur vier Hauptpfeiler als Grundfesten zu dienen; die niedrigen Seitenwände des von außen achteckigen Gebäudes schlossen in den Ecken gerundet ab, so daß das Innere fast kreisförmig erschien. Feuerstätten und Kopfbänkchen zeigten, daß das Haus auch als Wohnung dient und zwar für die unverheiratete junge Männerwelt, denn alte Junggesellen giebt es bei den Papuas wohl im ganzen wenig. Der so berühmte »Tempel« hat eben mit Religion nichts zu thun und ist einfach eins jener Versammlungshäuser der Männer, wie sie überall in Melanesien vorkommen und die aus bekannten Gründen für das weibliche Geschlecht »tabu« sind. Ja, in diesem Tempel mochte schon manches Festessen gehalten worden sein, denn wohl ein paar Hundert Schweineschädel, in allen Stadien der Verräucherung, waren in Querleisten eingesteckt und bildeten den hauptsächlichsten Ausputz. Wie das stärkere Geschlecht bei den Papuas in ungalanter Weise die Damenwelt am Bankett nicht teilnehmen läßt, um das »Poro« (Schwein) allein verzehren zu können, so besorgt es auch den Tanz ohne die schöneren Hälften. Das übliche Begleitinstrument, die Holztrommel (Meschink), in der bekannten Form, fehlte auch im »Tempel« nicht, ebenso wenig als das unerläßliche Lärmrequisit, eine Signaltrommel (Kaduar). Sie war außerordentlich groß, wohl 10 bis 12 Fuß lang, kanuförmig und der besseren Resonanz wegen aufgehangen. Bald hätte ich die Flöten (Ariho) vergessen, auf denen »die Jünglinge des Tempels bei den religiösen Tänzen musizieren«, wie es in der Etnareise heißt. Ich versuchte sogleich eine dieser »heiligen« Flöten, was die guten Eingeborenen-Seelen unendlich amüsierte, denn ich brachte keinen Ton hervor. Hätte ich es gewagt, ein Hobeleisen hervorzuholen, so würden sie mir gern eine solche Flöte verkauft haben, so mußte ich mich mit einer Abbildung (XIII. 5) begnügen. Es waren eben Flöten, Rohrflöten, wie anderwärts in Melanesien, ohne alle religiöse Bedeutung, sind aber wahrscheinlich wie manche andere Instrumente für die Frauen »tabu«. Waffen sah ich nicht, wahrscheinlich weil die Männer alle Vorräte mit in die Kanus geschleppt hatten; ebenso wenig hier, wie in irgend einem anderen Hause, Menschenschädel. Bloß unter den Talismanen, welche an den Brustschilden befestigt werden (meist Stückchen Rinde, Blätter und Vogelknochen) habe ich ein paarmal ein menschliches Schlüsselbein gesehen. Figuren, sogenannte »Götzen«, die man doch eigentlich in einem »Heidentempel« erwartet, fehlten ebenfalls. Nur im Vestibül standen drei kleine, anscheinend aus dem weichen, zelligen Stamme von Cycas roh geschnitzte Figuren (T. XV. 8), wohl die schüchternen Versuche angehender Künstler der Holzbildnerei. Dafür diente der »Tempel« außerdem als Werkstatt, und ich hatte die seltene Freude, Holzschnitzer der Steinzeit noch in voller Thätigkeit zu sehen. Mehrere junge Leute arbeiteten an einem ca. 15 Fuß langen Fries (Drom), der Figuren von Eingeborenen, Eidechsen und Fischen zum Teil zierlich durchbrochen ausgearbeitet zeigte. Mit Flußmuscheln (Batissa) und Raspeln aus Rochenhaut schabten und feilten noch einige daran, während andere bereits mit Bemalen begonnen hatten. Die Farben (schwarz, weiß, rot und ockergelb) waren in Topfscherben oder Kokosnußschalen angerieben und wurden mit Federn als Pinsel aufgetragen. An sonstigem Ausputz bemerkte ich nur noch lange Büschel von Pflanzenfaser, ebenfalls Erinnerungszeichen an gehaltene Feste.

Die alte Schuld der total unrichtigen Abbildung des »Tempels« aus dem Reisewerk der Etna durch Kopie zur weiteren Verbreitung verholfen zu haben, konnte ich nach fast zwanzig Jahren sühnen durch eine an Ort und Stelle aufgenommene korrekte Skizze (vergl. Separatbild). Derselben sind nur einige Worte zur Beschreibung des Äußeren hinzuzufügen. Die vier Absätze des achteckigen Bauwerkes tragen buntbemalte Holzschnitzereien, Friese, wie wir sie im Innern soeben arbeiten sahen; vom unteren Dachrande hängen lange Fransen aus Palmfaser und (wie auch an anderen Stellen) Festons von aufgereihten Eierschalen (wohl Krokodil oder Megapodien), im Dache selbst stecken Palmwedel und verschiedene buntbemalte Tierfiguren. Sie stellen Vögel, Eidechsen und besonders kenntlich Fische dar; auf der äußersten Dachspitze thront eine menschliche Figur, darüber ein Vogel, in fliegender Stellung, auf dem lärmende Glanzstare (Lamprotornis metallicus) lustig ihr Wesen trieben. Gleich neben dem Tabuhause baute man an einem anderen ähnlichen großen Gebäude, das schöne Gelegenheit zu Pfahlbau-Studien gab. Ich will aber nur erwähnen, daß das Gerüst (Hauptbild S. 352 in der Mitte des Hintergrundes) mit unseren baupolizeilichen Verordnungen sehr im Widerspruch stand und eben für Papuas praktikabel war, die im Klettern Großartiges leisten. Voll Bewunderung nahm ich Abschied von dem Bauwerk. Wenn der Ankömmling die Verfertiger desselben, draußen in der Bai in ihren Kanus, als »nackte Wilde« bezeichnen durfte, so mußte er ihnen das angesichts dieser Leistung im stillen abbitten. Menschen, die derartiges fertig bringen, sind gewiß keine Wilden mehr, sondern haben sich bereits auf die Stufen einer Kultur hinaufgeschwungen, die nur zu wenig bekannt ist, um Anerkennung zu finden. Dem civilisierten Herrn der Schöpfung ist es eben mit der Civilisation eingeimpft, seine nacktgehenden Speciesgenossen für wild und schamlos und wo möglich für bildungsunfähig obendrein zu halten. Das sind die Papuas nun aber keineswegs. Ob sich diese Bürger der Steinperiode jedoch in dem von uns gewünschten Sinne entwickeln lassen werden, das ist freilich eine ganz andere Frage, deren Beantwortung bis jetzt nur sehr ungenügend versucht wurde. An Bildungsfähigkeit mangelt es ihnen gewiß nicht, aber es ist zu bezweifeln, ob sie die Notwendigkeit, eine höhere Bildungsstufe zu erlangen, überhaupt einsehen und bei gebotener Gelegenheit benutzen werden. Jedenfalls fühlt sich der Papua im Kulturzustande der Steinzeit sehr wohl; warum sollte er also eine Änderung wünschen, die nur nach unseren Anschauungen eine Aufbesserung seiner Verhältnisse ist. Daß solche sogenannte Naturmenschen viel mehr zu leisten verstehen und leisten, als ihre geringen Bedürfnisse erheischen, das zeigte sich wieder einmal recht deutlich angesichts dieser Bauwerke. Wozu diese hohen, mühsam herzustellenden Dächer? kleine unbedeutende Hütten genügen ja anderwärts! Aber auch dem Papua wohnt Schönheitssinn inne. Er beseelt ihn eine Menge Dinge zu verzieren und auszuschmücken, die ohne diesen Kunstfleiß ihren Zwecken ebenso gut entsprechen würden.

(S. 358.)

Tabuhaus in Tobadi.

Zu den großartigsten Denkmälern dieses Kunstfleißes der Steinzeit zählt ohne Zweifel das Tabuhaus in Tobadi. Von einer Handvoll Menschen, nur im Besitz von Steingeräten, errichtet, ist es für diese Periode ebenbürtig einer Pyramide zu vergleichen, und würdig der Bewunderung, welche wir jenen Riesenbauten zollen. Wie viele solche Denksteine aus dem Wiegenalter der Menschheit sind aber bereits dahingeschwunden, unergründet für die civilisierte Welt, und wie bald werden ihnen diese nachfolgen. Schon hängt das Damoklesschwert auch über dieser bisher fast unberührten Oase der Steinzeit. Denn, wenn der Plan einer regelmäßigen Dampferfahrt nach Humboldt-Bai zur Ausführung gelangt, dann werden auch hier bald die letzten Reste jener Periode verschwunden sein.

Kommerzielle Erfolge dürfte eine solche Dampferlinie wohl kaum zu erwarten haben, da außer dem bißchen Kopra, das vielleicht den einen oder anderen Trader ernährt, sich wenig holen lassen wird. Aber die niederländisch-indische Regierung will wahrscheinlich ihre Herrschaft auch einmal in anderer kräftigerer Weise als mit dem bloßen »Je maintiendra« ihres Wappenschildes zeigen. Wir entdeckten dieses ziemlich nutzlose Symbol, womit Holland bis jetzt fast ausschließend seinen Besitz, aber nicht zugleich seine Macht, in Neu-Guinea kennzeichnet, ganz zufälligerweise. Das »wapenbord«, eine gußeiserne Platte mit dem holländischen Wappen und der obigen Devise, war sorgfältig mit Rotang an einem Hauspfosten befestigt, und schien nach den frischen Farben zu urteilen noch neu[91] zu sein. Ja, diese Wappenschilde haben den holländischen Kriegsschiffen schon manchmal etwas zu thun gegeben, den Eingeborenen aber ein paar starke Nägel verschafft. Denn das scheint nach ihrer Auffassung der einzige Zweck, und auch die hiesigen Eingeborenen würden mir das nutzlose Gußeisen, das sie überhaupt gar nicht als »szigo« (Eisen), anerkannten, für irgend eine Kleinigkeit verkauft haben. Ich suchte ihnen aber die hohe Bedeutung dieses Tabuzeichens des weißen Mannes klar zu machen und belobte sie für die gute Verwahrung desselben.