In der Frühe des anderen Tages (17. Mai) brachen wir von unserem Ankerplatze auf, passierten die kaum mehr als zwei Meilen entfernte holländische Grenze, ohne von Zollbeamten aufgehalten zu werden und dampften nach Humboldt-Bai, welche bald den folgenden Anblick bot ([S. 349]).

Der Hügel im Vordergrund links, mit den kahlen (rot und weiß gefärbten) Felsflecken ist Kap Bonpland (wohl nicht höher als 500 bis 600 Fuß), die Bergpyramide in der Tiefe der Mera, eine treffliche Landmarke für aus Ost kommende Schiffe und Wegweiser zum besten Ankerplatze. Er mag an 800 bis 1000 Fuß hoch sein und erhielt den bezeichnenden Namen mera = rot, weil sich in der dichten Bewaldung ein ziegelroter Streif schon von weitem bemerkbar macht, der von rotem Thon herrührt. Kap Caillié, die nordwestliche Ecke der Einfahrt, trat erst später deutlich hervor als ein ca. 400–500 Fuß hoher, steiler, dichtbewaldeter Hügel, mit einer kahlen Felsstelle an der Basis. Die Entfernung zwischen den beiden Kaps beträgt ca. vier Meilen, die Tiefe der ziemlich halbkreisförmigen Bai, deren Pforten sie bilden, etwa ebenso viel. Da uns, wie erwähnt, eine Spezialkarte fehlte, so mußten wir in diesem ausgedehnten Wasserbecken erst einen Ankerplatz suchen. Die Aussichten dafür sahen nicht eben günstig aus: soweit das Auge reichte, nichts als Sandstrand mit Kokospalmen und — Brandung. Als wir aber den letzten hügeligen Vorsprung (Hagenaarshoek) passierten, öffnete sich in Südost eine hübsche kleine Buchtung, mit einigen kleinen Inseln (Muskiet- und Meeuweneiland) oder vielmehr bewachsenen Felsen am Eingange und in diese schlüpfte die Samoa hinein und ankerte in fünf Faden. Da lagen wir gar prächtig und vor allem ruhig; denn nur Vogelstimmen ertönten aus dem dichten Urwalde, welcher die »Samoa-Cove« (wie ich sie später nannte) säumt, und nirgends waren Anzeichen von Menschen zu sehen oder zu hören. Und das sollte Humboldt-Bai sein mit den wunderbaren Pfahlbauten, den lärmenden und zudringlichen Eingeborenen, über die ich selbst geschrieben hatte? Das war freilich schon lange her, und in zwanzig Jahren kann das Gedächtnis über so entfernte Gegenden, die man nicht aus eigener Anschauung kennt, wohl wackelig werden. Ja, ganz richtig! ich hatte mich geirrt und die gesuchte Binnenbai mußte ja gerade in entgegengesetzter Richtung in West liegen. Sehen konnte man sie freilich nicht; nur kahle grasige Berge, sanft abfallende Ausläufer des Cyclopgebirges[89], dessen Gipfel häufig Wolken einhüllten, traten dem Auge wenig anlockend entgegen, aber hinter einem felsigen Hügel, da mußte das gesuchte Ziel liegen.

Einfahrt in Humboldt-Bai.

Diesmal irrten wir uns nicht, denn noch während des Ankerhievens wirbelten Rauchsäulen in jener Gegend auf, zum Zeichen, daß auch wir bemerkt waren. Und als wir längs der Küste, die aus einem fast ununterbrochenen Kokoswald zu bestehen scheint, in Fahrt waren, da kamen hinter jenem Felsenhügel bereits Kanus hervor, — eins, zwei, — sechs, — eine ganze Menge! Als handle es sich um eine Regatta, suchte ein Kanu das andere zu überholen, denn jedes wollte ja das erste längsseit sein, um zuerst beschenkt zu werden, wie dies die Eingeborenen im Verkehr mit Weißen gelernt hatten. Ja, diese Leute kannten bereits Schiffe, das konnte man schon am Ersten sehen, der herankam. Er wußte gleich, wo er sich festhalten müsse, um an Bord zu voltigieren, und ich hatte wieder Arbeit, um schmutzige Papuafinger, die sich bereits an die Reiling klammerten, los zu machen und ihre Besitzer ins Kanu zurück zu spedieren. Ganz nahe des felsigen Hügels, der, wie sich später zeigte, das Ende der Landzunge Anessau (Rotshoek der holländischen Karte) ist, ankerte die »Samoa« heut zum zweitenmal. Da hatten wir nun bald die gefürchteten Humboldtianer in jeder Auswahl um uns, und immer mehr Kanus brachten neue Zuschauer um jene Felsenecke heran. Auch aus Nord von den Mathilden- und Magdalenen-Inseln vor Challenger-Cove zeigten sich Segel. Der erste Eindruck dieser Leute war allerdings, auch für das an Papuas gewöhnte Auge, kein günstiger, schon deshalb weil sie, mit Ausnahme des bekannten Halsstrickchens und Grasarmbandes, total unbekleidet waren. Doch bemerkten wir auch bei ihnen einzeln die bereits ([S. 337]) erwähnten Kalebassen. Hautkrankheiten, namentlich Ichthyosis, waren nicht so häufig als anderwärts aber ich bemerkte eine Menge Leute mit Pockennarben, anscheinend vierzig Jahre alte Individuen. Im übrigen waren aber auch diese Eingeborenen echte Papuas, im allgemeinen vielleicht von etwas dunklerer Hautfarbe als an der Ostspitze, aber es gab, wie überall, auch hellere Individuen (bis Nr. 30). Der vorherrschende Färbungston hielt sich zwischen Nr. 28 und 29 aber mehr zu 28 neigend. Das wenig gepflegte Haar ist echt melanesisch. Powells Angabe, die hiesigen Eingeborenen seien »von mehr malayischem Typus«, fand ich daher nicht zutreffend, auch war keiner, der ein holländisches, geschweige ein englisches Wort verstanden hätte. Die guten Leute schienen übrigens ziemlich verblüfft, nicht an Bord kommen zu dürfen, betrugen sich aber nicht schlimmer als ihre Nachbarn am Sechstroh. Die Kanus, ganz in der Bauart wie dort, und mit ebensolchen geschnitzten Schnabelaufsätzen, trugen meist nur drei bis sechs, höchstens acht Mann. Ein alter pockennarbiger Kerl offerierte mir sehr bereitwillig seine Wasserdroschke, um mich in die Nebenbai zu rudern, was ich aber freundlich ausschlug, da ich mein Leben bereits zweimal in solchen Seelentränkern riskiert hatte. Freilich »der Ausleger verhindert das Umschlagen«, steht in den meisten Büchern, aber wer so manches Kanu umkippen sah wie ich, der weiß das besser. In unserem Whaleboot konnte das nicht passieren, welches zur Fahrt soeben klar gemacht wurde, zu der sich auch unsere Mioko-Schwarzen als Ruderer in den besten Staat werfen mußten. Sie sahen bald in roten englischen Uniformröcken, Mützen der »Heilsarmee«, Sachen, die ich für derartige Gelegenheiten eigens in Sydney gekauft hatte und in weißen Pantalons gar stattlich aus, machten aber betrübte, lange Gesichter. »Doctor! me like Market!« (ich wünsche eine Muskete), sagte Jimmy, »bye and bye Kanaker he fight, me kill« (damit ich die Kanaker totschießen kann, wenn sie uns angreifen). — »Ja, nicht wahr? das möchtest du wohl, so ein bißchen schießen, aus purer Angst! es wäre auch groß schade, wenn einer von euch erschlagen würde!« gab ich ihm tröstlich zur Antwort — und »down! pull« (rein! rudert!) da gingen wir schon dahin. Aber nicht in Windeseile, denn unsere furchtsamen Kanaker ließen sich Zeit und bemühten sich nicht, eine Wettfahrt einzugehen, zu welcher die uns begleitenden zum Teil nur von Frauen geführten Kanus so sehr reizten. Übrigens setzt bei Ebbezeit, wie wir sie hatten, ein starker Strom um die Felsenhuk, den die Eingeborenen, sich dicht am Ufer haltend, vermeiden konnten. Alle Erwartungen waren gespannt, als wir um die verhängnisvolle Ecke in die kleine Nebenbai einbogen, die ich später Beccari-Cove nannte. Sie zeigt im Norden dichtbewaldete Felsenhügel, zum Teil mit Plantagen, weiter West höhere Berge; der südlichere Kokosuferstreif endet in eine ausgedehnte Sand- und Schlickbank, die bei Hochwasser überflutet wird. Noch zeigte sich nichts von Siedelungen, aber dort, hinter einer zweiten Huk, in einer kleinen Buchtung, da standen Häuser im Wasser, nur sieben, das Dorf Ungrau. Ja, solche Pfahlbauten hatte ich in Neu-Guinea noch nirgend gesehen; sie erschienen gegen die armseligen Hütten an der Südostküste (P. Moresby, Hood-Bai etc.), wie Paläste. Das Separatbild S. 352 zeigt einen Teil des Dorfes Tobadi (auch Tobari ausgesprochen), der Perle von Humboldt-Bai und des Pfahlbauertums der Steinzeit überhaupt, wie ich es an Ort und Stelle skizzierte. Das Dorf liegt ebenfalls in einer kleinen Einbuchtung versteckt, der nächsten von Ungrau, und machte mit seinen düsteren, von Wetter und Rauch gebräunten Häusern, einen äußerst fremdartigen Eindruck. Von weitem glaubt man ungeheuer große Wigwams, oder Ostiaken-Dschums, im Wasser schwimmend zu erblicken, aber bald sehen wir, daß es solide auf Pfählen ruhende Bauten sind, die im wesentlichen aus einem spitzen, meist viereckigen Dache bestehen, dessen Spitze 30 Fuß und mehr Höhe erreichen mag. Sie ist häufig mit einer runden Holzscheibe gekrönt, auf der als besonderer Schmuck eine roh geschnitzte, menschliche Figur, in sitzender Stellung hockt. Diese aus Ried oder Gras sehr sorgfältig gedeckten Dächer ruhen auf ca. fünf Fuß hohen Seitenwänden aus gespaltenem Bambu und haben zwei gegenüber liegende Eingänge, vor denen Plattformen errichtet sind. Letztere ragen (bei Ebbe) an sieben bis neun Fuß über die Wasserfläche und stehen ebenfalls auf Pfählen. Dabei darf man sich aber nicht Pfähle nach unseren Begriffen, starke, gerade, behauene Stammstücke vorstellen, sondern schiefe, krumme Stämmchen, die gegenüber dem gewaltigen Bau unverhältnismäßig dünn erscheinen.

Ohne viel zu fragen, voltigierten wir, über den Rücken eines Schwarzen, auf die Plattform, deren Betreten allerdings Vorsicht erheischt, da sie aus morschen, wackeligen Brettern (Seitenborden alter Kanus) besteht, und treten, ein Heck überkletternd, ins Innere. Zunächst ist natürlich nicht viel zu sehen, denn die Thüren und die Öffnung in der Dachspitze spenden nicht viel Licht, aber das Auge gewöhnt sich nach und nach an die Dunkelheit. So konnte ich denn den Grundriß eines solchen Hauses skizzieren, wie ihn Taf. II. 2 des Atlas darstellt. Es ist ein Familienhaus mit Scheidewänden in jeder Ecke, beherbergt also voraussichtlich vier Familienverbände. Die Feuerstellen bestehen aus viereckigen mit Sand gefüllten Rahmen und sind mit Töpfen besetzt, die überhaupt einen hervorragenden Teil des Hausrates bilden und zu denen der Mera das Material liefert. Diese Töpfe (Uro) haben dieselben Formen als am Sechstroh (IV, 1, 2), sind oft von bedeutender Größe und zuweilen mit bunter Malerei, in Schwarz, Weiß, Rot, zum Teil Figuren von Vögeln und Fischen darstellend, verziert. Den meisten Hausrat hatte man hängend, zum Teil auf großen Horden untergebracht und noch besonders mit etwas höher befestigten, großen hölzernen Scheiben bedeckt, um die Vorräte vor den Ratten zu sichern, von denen es unter solchen Grasdächern wimmelt. Da der beständige Rauch alles schwärzt, so sind die meisten Gegenstände, wie dies überhaupt Papuasitte ist, in Blätter oder Tapa eingeschlagen. Doch bemerkte ich schöne Fischnetze und weitmaschige Netze aus dicken Stricken, die bei den Treibjagden auf Wildschweine dienen; an Waffen nur lange Speere (keine Keulen, Schilde und Kürasse). Gerüste zum Schlafen fehlen, da dafür die sehr saubere und ebene Diele benutzt wird, welche aus schmal gespaltenen (ca. drei Zoll breiten) Latten (wohl von der Betelpalme) besteht. Als Kopfunterlage dienen die bekannten kleinen Bänkchen ([S. 312]).

Damen von Humboldt-Bai.

Die Eingeborenen betrugen sich übrigens sehr anständig, ja sogar gastfrei, denn eine alte Frau gab uns etliche geröstete, sehr gute Yams und in einer Schöpfkelle aus Kokosnuß Wasser zum Trinken. Das galt aber nicht als Begrüßungszeremonie, sondern geschah nur ganz zufällig. Es ging uns also besser als den Besuchern vom »Challenger«, die nicht einmal in ein Haus gelassen wurden. Freilich machten wir nicht viel Umstände, und andererseits hütete ich mich wohl, die Hobeleisen, Messer und Glasperlen, die ich in einer Tasche bei mir trug, zu zeigen, sonst wäre es mit Notizenmachen aus gewesen und gewiß zu einem Radau gekommen. Ich begnügte mich, nur alte Weiber mit Streifen roten Zeuges zutraulich zu machen, und diese lockten dann auch die anfangs schreiend ausreißende jüngere Damenwelt herbei, von welcher die vorherige Abbildung Typen zeigt.