Auch auf der Weiterreise (16. Mai) zeigte die Küste denselben einförmigen Charakter: dichtbewaldete Hügel, die steil bis ins Meer abfallen, hie und da mit kahler Felssohle, im Hintergrunde höhere Berge. Wir hatten Angriffshafen noch nicht lange verlassen, als sich westlich von einer sanft gerundeten Huk (Robidé), in weiter Entfernung höheres, in Wolken gehülltes Land zeigte, daß sich später als Teil des Cyclopgebirges erwies. Humboldt-Bai, das Endziel unserer Reise war also nicht mehr fern und der Eingang zu derselben deutlich zu erkennen, nachdem wir Robidé-Huk[84] passiert hatten. Das Meer zeigte hier wieder seine eigentliche tiefblaue Farbe, aber einige Meilen weiter erschien es, soweit das Auge reichte, aufs neue scharf abgesetzt grün, wie ein großes Riff. Wir hatten diese Erscheinung aber bereits so häufig beobachtet, daß der Kapitän ohne Zögern in das grüne Wasser hineindampfte, welches bald schmutzig lehmfarben wurde. Es mußte also in der Nähe ein Fluß münden, nach dem der Kapitän zu suchen schien. Statt nach dem Eingange von Humboldt-Bai, die mit Kap Bonpland so deutlich voraus lag, wurde nämlich O.-S.-O. gesteuert, in eine Art sanfte Bucht, die östlich von einem steilen, dichtbewaldeten Hügel begrenzt wird. Ich nannte ihn später Germania-Huk, weil sie den letzten Küstenvorsprung auf deutschem Gebiete bezeichnet. Bald sahen wir die erwartete Mündung eines Flusses, des Sechstroh, (nach unserem ersten Offizier). Obwohl sich die Unzugänglichkeit desselben schon jetzt erkennen ließ, so fehlen der Kapitän, welcher wie immer aus der Marsraae[85], die Navigation leitete, doch Absichten mit diesem Flusse zu haben. Es wurde ein Boot ausgesetzt, fleißig gelotet und — »schmiet daal!« — da rasselte der Anker in die Tiefe. »Willkommen in Humboldt-Bai« hieß es, als Kapitän und Steuermann aus ihrer luftigen Höhe wieder an Deck festen Fuß faßten. »Humboldt-Bai? I, Gott bewahre! die liegt ja dort, noch über fünf Meilen zu West« — Und so verhielt es sich auch; übrigens ein verzeihlicher Irrtum, da keine Spezialkarte dieser Bai an Bord war, die ich diesmal besser kannte. Hatte ich mich doch einmal mit Humboldt-Bai eingehend zu beschäftigen gehabt, als ich vor vielen Jahren mein erstes Buch[86] über Neu-Guinea schrieb, eine jener gutgemeinten Kompilationen, in denen trotz aller Sorgfalt eine Menge Fehler unterlaufen. Ich konnte damals freilich nicht ahnen, daß ich noch einmal Gelegenheit haben würde, dieselben an Ort und Stelle zu korrigieren. Da lagen wir nun, kaum drei Viertel Meilen, in sieben Faden Schlick, vor dem neuen Flusse, dessen Mündung sich durch mächtige Brandung und Treibholzstämme kennzeichnete, aber ebenso wenig versprechend aussah, als die Küste selbst. Sie zieht sich als dichtbewaldetes Flachland, an dem es brandet, anscheinend bis Kap Bonpland hin, das durch mehrere hellgefärbte Flecke, kahlen Fels, so kenntlich ist. Das Kap bildet den steilabfallenden Ausläufer einer bewaldeten Hügelkette, welche das Vorland begrenzt und auf deren Kammlinie sich zwei Kuppen (Alexander-Spitze, ca. 1200 Fuß und Aimé-Kuppe, ca. 1000 Fuß) besonders markieren. Bei der sehr bedeckten Luft war Kap Caillié nicht deutlich auszumachen, wohl aber die Ausläufer des Cyclopgebirges und die Berge in der Tiefe von Humboldt-Bai zu erkennen. Der Mangel von Kokospalmen an der Vorlandsküste ließ auf den gleichen an Menschen schließen, und so konnte eine Revision der Maschine, welche zum Bleiben nötigte, in aller Ruhe vorgenommen werden. In Humboldt-Bai wäre das, wie wir später sehen werden, gewiß nicht mehr möglich gewesen. Der unfreiwillige Aufenthalt hier erwies sich daher als eine Fügung des Himmels, für die wir in jeder Beziehung dankbar sein konnten. Freilich dauerte die Ruhe nicht lange, denn bald zeigten sich bekannte dunkle Gestalten am Ufer, die mit grünen Zweigen winkend, uns schreiend an Land einluden. Der Kapitän wollte aber seinen Leuten einmal etwas Ruhe gönnen und hatte überdies nicht Lust, ein Boot zu gefährden, da die Landungsverhältnisse nicht eben sehr günstig aussahen. Die Eingeborenen riefen ohne Aufhören weiter und gaben sich alle erdenkliche Mühe; sie wateten brusttief ins Wasser und erkletterten die Treibholzstämme, auf denen bald eine ganze Reihe, wie brüllende Seelöwen hockte. Die armen Kerle besaßen gewiß keine Kanus und hätten die seltenen fernen Gäste doch so gern gesehen! Ach was! die werden sich schon zu helfen wissen. Und sie halfen sich! Bald sah man braune Körper, auf irgend etwas sitzend, durch die Brandung gondeln und mit der Strömung nach dem Dampfer treiben. Ja, das waren wirklich die denkbar einfachsten Fahrzeuge, Baumwurzeln, jederseits ein dicker Bambu angebunden. Aber, wie die Abbildung ([S. 344]) zeigt, die Sache ging prächtig. Als wären sie erwartet, ließen die ersten Ankömmlinge ihr Gefährt treiben, um gleich an Bord zu klettern, wovon ich sie jedoch sanft zurückhielt. Bei den mancherlei Arbeiten auf Deck lag allerlei Gerät umher, was für Kleptomanen doch zu verführerisch gewesen wäre. Auch ist es im allgemeinen nicht rätlich Eingeborene, die man noch nicht genauer kennt, an Bord umherschnüffeln zu lassen, und ich hielt stets darauf, diesen Grundsatz durchzuführen, da Vorsicht ja niemals schaden kann. Übrigens wußten sich diese Fouriere trefflich zu akkomodieren, und konnten, an Ruder oder Ankerkette sich festhaltend, gemütlich die Kanus abwarten, welche bald durch die Brandung tanzten. Sie brachten je zwei bis vier, höchstens zehn Eingeborene, in jeder Weise echte Brüder der Angriffshafener, nur daß sie noch viel mehr lärmten. Sie kamen nicht aus Wißbegierde, kümmerten sich weder um den Dampfer noch unsere weiße Haut, sondern ihr einziger Zweck war schachern und — stehlen. Da wir zu gut aufpaßten, so blieb es in Bezug auf das letztere bloß bei Versuchen, aber schon diese ließen die Gewandtheit der Leute zur Genüge erkennen. So machte es mir viel Spaß, einen Eingeborenen im stillen zu beobachten, der sich bemühte, eine leere Flasche durch die Klüse zu eskamotieren und sie ihm gerade im letzten Moment abzunehmen. Auch beim Schacher hieß es scharf aufpassen, denn hielt man das Tauschobjekt des Eingeborenen nicht bereits mit der einen Hand fest, so durfte man das seinige nicht aus der anderen lassen. Wurde doch ohnehin schon versucht, Sachen aus der Hand zu reißen oder zum Ansehen gegebene zu behalten. Nach diesem in meinem bisherigen Verkehr mit Eingeborenen durchaus neuen, nicht eben sehr angenehmen Betragen zu urteilen, hatten wir es hier mit einem wilderen Stamme als bisher zu thun. So würden nämlich die meisten urteilen; aber ich denke, die hiesigen Eingeborenen lernten diese üblen Manieren erst in Humboldt-Bai, wo sie gewiß schon Schiffe gesehen hatten. Sie warnten uns übrigens vor Lintschu, wie sie die Bai nannten, ein Name, den ich in ihr selbst nicht hörte, aber nur aus Spekulation, um den Eisensegen allein einzuheimsen. Denn ihre einzige Losung war »Szigo« (Eisen), und sie wußten die Gelegenheit, die ihnen wohl zum erstenmal ein Schiff direkt vor ihre Barre führte, nach besten Kräften auszunutzen. Analog unserem Hurra ertönte hier aus allen Kehlen ein kräftiges »i, i, i — jáh«, jedesmal als Zeichen, daß sie wiederum ein Hobeleisen erschachert hatten. Die Leute besaßen übrigens schöne Sachen, zumeist identisch mit denen von Angriffshafen. So die Kanus (mit Pandanus-Mattensegel), Waffen, Steinäxte, Töpfe (T. IV. 1, 2), Schmuck (darunter die bekannten Brustschilde) und sonstige Zieraten.

Auf Baumwurzeln am Sechstrohfluß.

Unter den letzteren erhielt ich einige neue Leibschnüre; so eigentümliche aus aufgereihten Vogelknochen (meist von Buceros) und Krebsbeinen mit großen kugelförmigen Samenkernen (T. XXIV. 2), und sehr elegant aussehende von Coixsamen, abwechselnd mit den kirschbraunen Samen von Adenanthera pavonina (XXIV. 6). Letztere waren auch zu langen Schnüren als Hals- und Brustketten aufgereiht. Eine neue Art Collier bestand in zwei kolossalen Eberhauern (Taf. XXI. 1), die einen Ring von 12 cm Durchmesser bilden. Neu war auch ein Nasenschmuck aus Tridacna geschliffen (XX. 7). Zirkelrunde, abnorm gewachsene Eberhauer (wie XX. 2), scheinen diesem westlichen Gebiete zu fehlen und wurden in Krauel-Bai zuletzt beobachtet. Ein neues Steingerät waren Sagoklopfer mit gleichem Holzstiel wie Steinäxte (T. I. 5), aber mit einem ca. 12 cm langen, konischen, runden, sauber bearbeiteten Stein. An Waffen erhielt ich nur Bogen und Pfeile. Letztere (1,45 bis 1,80 Meter lang), zeichnen sich durch mehrere schwarzgemalte Ringe auf dem Rohrschafte aus, dessen erster Abschnitt mit hübschen eingebrannten Mustern verziert ist; bunte Bemalung und Federschmuck fehlen daran. Dolche aus Kasuarknochen waren sehr häufig, und manche zeichneten sich durch kunstvolle Gravierung aus, wie das schöne Stück auf T. XI. 7. Die Bekleidung der Männer bestand ausnahmslos in den ([S. 337]) erwähnten Kalebassen, zuweilen mit zierlich eingebrannten Mustern, und viel reicher als die Kalkkalebassen ornamentiert. Die Bambubüchsen für Tabak zeigten hübsche Gravierungen. Fischhaken sah ich (wie seit Astrolabe) auch hier nicht, erhielt aber Fischspeere in der bekannten Form, mit mehrzinkiger Holzspitze, wie sie sich überall findet. Beiläufig mag erwähnt sein, daß die Speerstange deshalb ausnahmslos aus Bambu besteht, weil eine solche schwimmt. — Ziernarben waren auch hier häufig (vergl. [S. 334] Fig. c, d). An Sonstigem wurden nur wenig Kokosnüsse, Pandanusfrüchte, ein paar junge Hunde der echten Papuarasse und eßbare Erde[87] angeboten, letztere in Form flacher, 20 cm breiter Kuchen, mit einem Loch in der Mitte, um ein Tragband hineinzuknüpfen. Als Jagdtrophäe erhielt ich den Unterkiefer eines Krokodil. Das Fleisch des letzteren ist bekanntlich bei den Papuas sehr beliebt, aber sie werden sich dieses Bratens wohl nur selten erfreuen. Wie ich selbst auf all diesen ausgedehnten Reisen nur ein paarmal Krokodile zu sehen bekam, so wurde mir von den Eingeborenen, außer hier, nur noch einmal auf Guap ein Schädel dieses Sauriers angeboten, und später sah ich einen in Humboldt-Bai.

Da die Leute noch vor Einbruch der Dunkelheit durch die Brandung mußten, so machten sie sich, Gott sei Dank! nach und nach auf den Weg und ich pries den Himmel als das letzte »i, i, i-jah« verhallte. Ja, das war wieder einmal ein schwerer, aufreibender Tag gewesen, dessen Errungenschaften, unter Geduldproben der härtesten Art erworben, hauptsächlich das Museum für Völkerkunde in Berlin bereichern halfen, das aus diesem Gebiete vorher kaum etwas besaß.


II. Humboldt-Bai und heimwärts.

Von d'Urville gesichtet. — Alte Glasperlen. — Einfahrt von Humboldt-Bai. — Samoa-Cove. — Erster Eindruck der Eingeborenen. — Besuch von Beccari-Cove. — Pfahldörfer im Wasser. — Merkwürdiger Baustil. — Inneres eines Hauses. — Frauen. — Taschendiebe. — »Tempel« in Tobadi. — Sein Inneres. — Staunenswerte Konstruktion. — Kein Tempel, sondern Versammlungshaus. — »Heilige« Flöten. — Holzschnitzereien. — Äußerer Schmuck. — Großartiges Bauwerk der Steinzeit. — Betrachtungen über die Erbauer. — Hollands Hoheitszeichen. — Wißbegierde. — Dörfer und Bevölkerung. — Zurück an Bord. — Wieder Tätowierung. — Tauschhandel unmöglich. — Wieder in See. — Le Maire-Inseln. — Blosseville. — Lesson. — Vulkanische Thätigkeit. — Hansa-Vulkan. — Wieder an der Küste. — Laing-Insel. — Hatzfeldthafen. — Eingeborene. — Ethnologisches. — Versprechendes Land. — Wieder in Astrolabe-Bai. — Kuram und die Flagge. — Hauptresultate der Reise. — Heimwärts. — Meerestiere. — Vögel. — Delphine. — Dolphin und Bonite. — Fliegende Fische. — Schildkröten. — Wiedersehen in See. — Befreite Sklaven. — Wieder in Blumenthal. — Auflösung der Station. — Abschied von der Samoa.

Der Eingang zu der Bai, vor welcher wir lagen, wird keinem Schiffe entgehen können, das von Angriffshafen nahe der Küste westlich segelt. Dumont d'Urville befand sich im August 1827 auf seiner Weltreise mit der Astrolabe in diesem Falle. Er benannte das geschlossene Becken nach unserem großen Landsmanne, Humboldt-Bai; die beiden Felsvorsprünge, welche die Einfahrt so kenntlich markieren, nach seinen eigenen: Kap Bonpland und Kap Caillié, und dabei blieb es. Denn erst dreißig Jahre später (1858) lief das holländische Kriegsschiff »Etna« zum erstenmal in die Bai ein, und so erhielten wir vier Jahre später die erste Kunde über dieselbe. Jedenfalls haben aber schon Portugiesen und Spanier im sechzehnten Jahrhundert diese Küste bereits berührt, wenn sich darüber auch keine sicheren Nachweise mehr erbringen lassen. Wie aber schon Schouten 1616 auf den Arimoa-Inseln eiserne Kessel von spanischer Arbeit bei den Eingeborenen vorfand, so erhielt ich am Sechstroh Belegstücke aus jenen Zeiten der ersten Entdeckungsfahrten. Bei einer Musterung der dort gekauften Brustschilde (XXIII. 2) fand ich zu meiner Überraschung unter den landesüblichen Abrusbohnen auch zwei fremde Gegenstände aufgeklebt. Sie erwiesen sich als Hälften einer schönen länglich runden (12 cm langen) Mosaikglasperle, merkwürdigerweise ein und desselben Stückes, welche ich sogleich als eine altvenezianische erkannte, was von Professor Salviati später bestätigt wurde. Von ähnlicher Herkunft ist ohne Zweifel das berühmte »Palau-Geld«[88]; während dasselbe aber dort noch heute als kostbar betrachtet wird, ist die Wertschätzung für alte Glasperlen im Laufe der Zeit bei den Papuas verloren gegangen und ich rettete wahrscheinlich ein paar der letzten Reste.