Ganz wie zu d'Urvilles Zeiten kamen, noch ehe der Anker fiel, Eingeborene in ihren Kanus angerudert; zehn, zwanzig, bis eine ganze Flotte von dreißig bis vierzigen den Dampfer umlagerte. Die Leute stellten förmliche Wettrudern an, als solle das Schiff gleich genommen werden und führten, wie damals, Unmassen von Waffen mit sich. Ich kannte die Art der Eingeborenen aber besser und wußte, daß ich bald eine Menge ihrer Armaturstücke einhandeln und daß ev. ein Gewehrschuß genügen würde, die Flotte in wilder Flucht auseinander zu jagen.

Die Kanus schienen im ganzen klein und trugen drei bis sieben Mann; doch waren einzelne mit Mast und Segel versehen; letzteres aus dem bastartigen Zeug von der Basis des Kokospalmblattes. Die Fahrzeuge zeichneten sich übrigens durch einige Besonderheiten aus. So ist die anscheinende Randborte nicht aufgebunden, sondern in einem Stück mit dem Kanu aus dem Baumstamm gezimmert (vergl. T. VII 2). Außer eingravierten Verzierungen der Seiten, sind die Enden der Kanus häufig mit einem kunstvoll geschnitzten, buntbemalten, S förmigen Schnabel versehen, der gewöhnlich in einen Vogelkopf endet und angebunden wird. Kanuspitzen mit Schnitzereien von Krokodilen (wie VII 4, 5) kommen hier und weiter westlich nicht mehr vor. Zwei auf dem Ausleger befestigte Stöcke, die nach innen zu in einen Haken enden, öfters ebenfalls bemalt und zierlich ausgeschnitzt, dienen wie ein schmaler Gitterkasten an der entgegengesetzten Seite zur Aufbewahrung der Waffen, die hier sehr handlich liegen. Sie bestanden hauptsächlich in Bogen und Pfeilen, wie wir sie schon in Tagai ([S. 324]) kennen lernten, indes ohne Federschmuck, aber ich war erfreut, hier auch Schilde zu finden und noch mehr durch Kürasse überrascht, die, wie ich glaube, bisher nur im Inneren des Flyflusses beobachtet wurden. Diese Armaturstücke verleihen, wie die Abbildung zeigt, dem hiesigen Krieger im vollen Staate ein gar martialisches Aussehen. Die Schilde zeichnen sich durch besonders schöne, erhaben geschnittene Ornamentik aus und gehören mit zu den besten Kunstleistungen des Papuafleißes. Die Kürasse sind feine Modelle sauberer Korbflechtarbeit aus gespaltenem Rotang und werden durch Bänder über die Achsel festgehalten. Für unsere Panzerreiter würden sie freilich, schon ihres Umfanges wegen, nicht passen, denn es gehören Leute von weniger als 83 cm Hüftenweite dazu, um hineinzuschlüpfen. Lendenbinden aus Tapa, wie sie die Krieger, (siehe Abbildung) gürten, gehörten zu den Ausnahmen. Die meisten Männer begnügen sich nämlich mit einer Kalebasse (T. XVI. 7), die ich einzeln schon in Massilia gesehen hatte, und die für hier, wie weiter westlich, als Bekleidung charakteristisch ist.

Krieger von Angriffshafen.

Auch in den übrigen Sachen der Eingeborenen zeigten sich allerlei Veränderungen, und man konnte bemerken, daß wir uns in einer neuen ethnologischen Provinz befanden. Hundezähne und Cymbiumscheiben, die weiter im Osten eine so hervorragende Rolle spielen, waren kaum mehr zu sehen, dagegen sind für dieses Gebiet die schönen roten (auch stahlblauen) Paternosterbohnen (von Abrus precatorius) als Material zu Zieraten charakteristisch. Ihre geschmackvollste Anwendung finden sie bei den schon ([S. 316]) erwähnten Kampfbrustschilden (XXIII. 2), aber auch bei Stirnbinden und Armbändern. Es verdient dabei Beachtung, daß diese Bohnen stets mittelst einer Art Harz aufgeklebt, nicht aufgereiht und aufgeflochten werden, wie dies mit den Samen von Coix lacrymae geschieht, die im hiesigen Schmuck ebenfalls häufige Verwendung finden. So sah ich hübsche Stirnbinden aus Coix, in feines Flechtwerk eingeknüpft, wie überhaupt eine Menge eigenartiger Zieraten. Reich vertreten waren schöne Leibgürtel, (wie Fig. 8, T. XXIV), und dünne Leibschnüre aus Coix und Kokosperlen (wie XXIV, 7), oder eigentümliche, rot gefärbte, aus einem feinen Fasermaterial (wohl vom Blatt der Sagopalme), zum Teil mit Coixsamen durchflochten und mit einzelnen Federn aus den Seitenbüscheln des Paradiesvogels. Gravierte breite Schildpattarmbänder fehlen hier, wie diesem westlichen Gebiet überhaupt, aber schmale, dünne Schildpattreifen sind sehr in Mode und werden, oft in großer Anzahl, im Ohrläppchen getragen. Sie sind häufig noch mit langen Troddeln aus Bindfaden und Coixkernen verziert, ebenso wie die sogenannten Haarkämme, die hier (vergl. T. XVII. 3) in eigentümlicher neuer Form auftreten. Als Nasenschmuck fanden, außer den ([S. 333]) erwähnten Eberhauern, besonders dicke Keile, aus Rohr (T. XX. 4) oder sehr sauber aus Tridacnamuschel (XX. 3) geschliffen Verwendung. Wenn man bedenkt, daß ein solcher Muschelkeil bei 11 cm Länge bis 17 mm dick ist und 60 Gramm wiegt, so kann man ermessen, was den hiesigen Nasen zugetraut wird. Eine Ausdehnung der Nasenlöcher auf 55 mm in der Runde ist gewiß keine Kleinigkeit, wobei bemerkt sein mag, daß diese Körperöffnung beim Papua keineswegs so unverhältnismäßig viel größer ist als beim Mittelländer, denn ich kenne Nasen von Weißen, die bis auf die Couleur sich in nichts von denen gewisser Papuas unterscheiden. Aber »Hoffart will Zwang haben« gilt auch beim Kanaker, und so unterwirft er sich willig der Mode, wie dies, trotz mancher Inkonvenienzen bei uns auch geschieht. Denn ein solcher Nasenschmuck ist ja eine Zier des Mannes und verschönert ihn, — wie? — zeigen die Figuren 1 und 2 Taf. XX. Aber hinsichtlich der Ziernarben (vergl. [S. 334], Fig. b) verhält es sich ja ebenso.

Charakteristisch für dieses westliche ethnologische Gebiet sind auch die Steinäxte und zwar durch den Stiel. Derselbe besteht nämlich nicht in einem knieförmig gebogenen, rechtwinkeligen Aste, sondern in einem geraden runden Holzstück (vergl. T. I. 5), in welchem das Holzfutter mit der Steinklinge in einem Bohrloche steckt. Für Menschen der Steinperiode ist es schon ein äußerst schwieriges Stück Arbeit, ein so weites Bohrloch anzufertigen. Wie wollten wir wohl ohne Bohrer damit fertig werden? Diese Manier der Befestigung der Klinge bietet übrigens den Vorteil, daß die letztere drehbar ist. Manche der hiesigen Axtklingen schienen, soweit sich nach dem Auge urteilen läßt, Nephrit zu sein. Filetgestrickte Brustbeutel sind im westlichen Gebiet zwar vorhanden, aber viel seltener als im östlichen und entbehren meist des reichen Ausputzes, in welchem Scheiben aus Cymbiummuschel gar nicht mehr vertreten sind. Eigentümlich waren aus Kokosblatt geflochtene Tragkörbe, in besonders reicher und eigentümlicher Ausschmückung (darunter Faserbüschel, Paradiesvogelfedern, Krebsscheren und bemalte Tapa).

Außer Kokosnüssen und etwas Yams brachten die Angriffshafener Blättertabak, geräucherte Fische und verschiedene Nährmuscheln (Batissa violacea und angulata, sowie Neritina petiti und rhytidophora), die hier sehr beliebt zu sein scheinen, sowie etliche schlechte Paradiesvögelbälge.

Anthropologisch zeigten sich auch die hiesigen Eingeborenen als echte Papuas von gewöhnlicher, dunkler Hautfärbung (zwischen Nr. 28 und 29 Broca's), und erschienen im allgemeinen als kräftige und gut gebaute Menschen. Mit vieler Mühe gelang es mir, einige zu messen, denn sie hatten schreckliche Furcht und zitterten wie Espenlaub, schier als solle es ihnen an den Kragen gehen. Die gewöhnliche Höhe ergab 1,57 Meter, wie dies sonst bei Papuas[83] der Fall ist; die stärksten Männer maßen 1,67 bis 1,70 Meter. Schuppenkrankheit und Ringwurm waren sehr verbreitet, aber ich sah keine Pockennarben. Bezüglich des Kopf- und Barthaars gilt das bei Massilia gesagte ([S. 333]); rote Erde war nicht selten ins Kopfhaar geschmiert, sonst sah ich wenig Bemalung.

Obwohl ich bei den Leuten nur eine Glasperle als einziges europäisches Erzeugnis beobachtete, die sehr alt zu sein schien und an einem Kamm befestigt war, so schienen sie doch Eisen zu kennen. Denn sie machten die Pantomime des Schneidens und nahmen sonderbarerweise Messer, die sonst am wenigsten begehrt sind, lieber als Hobeleisen.

Durften die Massilianer schon als Radaumacher gelten, so waren es diese Eingeborenen in erhöhtem Maße. Jeder wollte zuerst seinen Kram los werden, und dabei wurde geschrieen, daß man kaum das eigene Wort verstehen konnte, ein wahrer Höllenspektakel! Und nach des Tages Last und Hitze sehnte man sich wirklich nach Ruhe und bedurfte derselben; aber der hereinbrechende Abend schien den Handelsgeist der Leute nicht im mindesten abzuschwächen. Hundertmal hatte ich ihnen angedeutet, daß nichts mehr gekauft würde, aber immer wieder wurden Sachen, oft dieselben Stücke angeboten. Da ist z. B. ein langer Kerl, der um jeden Preis seinen schlechten Knochendolch zu hohem Preise los sein will, obwohl ich ihn schon so viele Male zurückgewiesen. Das Stück erscheint immer aufs neue und in verändertem Aussehen auf der Bildfläche. Bald ist es mit grünen Blättern, bald mit Baststreifen verziert oder mit roter Farbe angeschmiert, aber immer wird es durch einen anderen offeriert. Nicht wahr, diese Schwarzen sind pfiffige Leute? Aber wir waren es auch, und zwar in einer den braven Eingeborenen durchaus neuen Weise. Ein paar Worte mit dem Maschinisten und plötzlich gellte die Dampfpfeife. Hei, wie sie das Wasser schaufelten und in wilder Hast heimwärts stürmten! »Ja, nicht wahr? der Schreck ist euch in die Glieder gefahren« dachte ich, als mit dem Pfiff Luft geschafft worden war und zündete mir ein Pfeifchen an, um bei der matten Kajütenlampe und 27° R. Wärme die Erlebnisse des Tages niederzuschreiben. Prioritätsrechten zufolge muß diesem Hafen der odiöse Name verbleiben, der lehrt, wie verschieden die Aufnahme an ein und demselben Platze sein kann, zu der allerdings das Auftreten der Fremden nicht selten die Veranlassung giebt. Kap »Eintracht«, in Erinnerung an das gute Einvernehmen mit uns, wird die Angriffshafener etwas versöhnen, denen ich noch außerdem das Epitheton »Lärmonkels« stifte.