Wer hinaufgehoben,
Schaue Jesum Christ,
Der zum Vater droben
Segnend gangen ist. —
Wenn der Lenz gekommen,
Dann gedenke sein;
Wen er aufgenommen,
Wird sein Engel sein.«
So sang Dorothe ihren Kindern vor am offnen Fenster. Der April war gekommen und mit ihm das Osterfest, für die Alten das Fest der Lieb' und Herrlichkeit, und für die Jungen das Fest der bunten Eier und des lauten, frohen Jugendspiels auf grüner Flur. Aus dem Thal herauf hörte man das Jauchzen der Kinder, und das Herz
so voll Kindesglücks und Frühlingslust drängte sich auch Heinrich an die Mutter heran, und fragte, und fragte viel über das Osterfest, und über den Herrn Christum, und über die bunten Eier, und über den Pathen im fernen Holland, und ob denn jetzt immer Frühling bleibe und nie wieder Winter werde?
O wer kennt sie nicht diese Kinderfragen, wer hörte sie nicht gerne, und gäbe nicht gerne Antwort darauf! Sie sind ja der Durst des kleinen Menschenherzens, den Grund zu wissen von Allem, und den Vorhang zu heben, der über der Zukunft liegt! Wir Alle werden ja Zeit Lebens nicht müde zu fragen. Gingen wir nur bei unsern Fragen nicht so oft an die unrechte Thüre; lernten wir doch Den frühe zu unserm Rathgeber wählen, der länger und geduldiger, denn Vater und Mutter, stille hält und uns nie von sich scheucht; bei ihm würden wir Ruhe finden für unsere Seelen.
Aber Heinrich wollte viel wissen, und die Fragen des Kindes trieben der Mutter die Thränen in's Auge. Ob Vater und Mutter immer bei ihm bleiben, und immer froh sein und ihm immer gut, und ob es auch ihm gut ginge, wenn er fromm und gut bliebe? »Ja«, sagte Dorothe, »es wird dir immer gut gehen, Heinrich, wenn du den lieben Gott lieb hast und nach seinen Geboten thust. Aber wie es in der Natur ist, daß bald Winter ist und bald Sommer, und auch mitten im Sommer mancher Tag stürmisch und rauh ist, und die Sonne nicht scheint, so wechselt es auch im Menschenleben, und der liebe Gott macht uns bald froh und bald traurig. Heute gibt er uns und morgen nimmt er uns. Aber ob er gibt, oder nimmt, so thut er uns allezeit wohl. Wer nur recht fest an ihn glaubt und ihm fein stille hält, dem kommt auch nach jedem Win
ter der Frühling wieder, und er vergißt der gehabten Sorge um seiner Freundlichkeit willen. Es ist nur und dem Vater nicht alle Zeit wohlgegangen, und kann auch wieder eine Zeit kommen, wo uns das Leben sauer wird; aber wir verlassen uns auf den lieben Gott, das thu' du auch, Heinrich und vergiß nicht dein Sprüchlein:
»Kindelein, bete fein,
Wird dir Gott gnädig sein!«
Und Heinrich sah ernst in seiner Mutter Augen, die voll Thränen standen, gleich als verstünde er, was sie sagte. Und wohl verstand er, was sie sagte; denn Mutterthränen sind zart geschliffene Gläschen, durch die das Kindesang' die Schrift der Liebe im Mutterherzen lesen kann; und ein Brücklein ist gebaut zwischen Mutter- und Kindesherz, darauf führt der Herr die guten Engel herüber und hinüber.
Mittlerweile war der Vater draußen gewesen im Hausgärtchen, um sich an seinen Bienen zu erfreuen, die auch der Frühlingstag zu neuem Leben gerufen hatte, und die in dicken Trauben an den Fluglöchern hingen. Jetzt trat er herein, und in seiner Begleitung war der Fremde von neulich, der ein Obdach im Hause des Schulmeisters gefunden, und versprochen hatte, bald wieder zu kommen. Eine große Veränderung war seitdem mit ihm vorgegangen. Statt der schmutzigen, zerrissenen Kleidung, die ihn damals bedeckte, war er jetzt sehr anständig angethan, aber die schwarze Farbe seiner Kleidung und ein schwermüthiger Zug in seinem Angesicht sagten deutlich, daß die Nacht auf dem Veitsberg nicht die letzte trauervolle gewesen sei. Jetzt nannte er seinen Namen, erzählte mit tiefer Wehmuth, wie sein guter Vater in seinen Armen gestorben sei, nachdem er ihm zuvor herzlich vergeben;