obern Stocke, indeß der Jäger sich mit den Koffern und Reisepäcken zu schaffen machte.

Der Riesenwirth, der die Fremden auf ihr Zimmer geleitete, sprach vom Wetter und vom Vergnügen, das er habe, solche vornehme Marktgäste beherbergen zu dürfen, und wie er es bedaure, den Herrschaften heute kein besseres Zimmer anbieten zu können, sintemal die Marktbesucher schon Alles besetzt hätten, und machte Bücklinge über Bücklinge; aber es kam aus dem Munde der Fremden keine Antwort. Ein Wink des Herrn nach der Thüre gab zu vergehen, daß die Reisenden allein zu sein wünschten, und kopfschüttelnd entfernte sich der Riesenwirth. Nach einiger Zeit erschien der Jäger, der ab- und zugegangen war, und verlangte für seine Herrschaft ein Mittagessen, nahm aber alle Schüsseln dem Riesenwirth vor der Thüre ab und trug sie selber hinein. Das kam dem Wirthe immer sonderbarer vor, und er säumte nicht, seinen Gästen mitzutheilen, wie in seiner langen Wirthschaft ihm so eigne Leute noch nicht vorgekommen seien, und wie dahinter gewiß etwas stecke. Und die Gäste theilten seine Meinung und blickten von Zeit zu Zeit hinab auf die Straße und staunten den Wagen an, vor dem bereits eine Anzahl Schaulustiger sich gesammelt hatten.

»Hätte ich nicht mit meinen Augen gesehen, wie der Jäger das Fuhrwerk ausgepackt bis auf den Grund, es möchte mich schier bedünken, es wär' noch allerei fremdes Gethier in dem Kasten«, sagte Einer aus den Umstehenden. »Und sehet nur«, hub ein Zweiter an, »wie tief die Axen hinabreichen, fast scheint es, der Wagenkasten schleife auf dem Boden. Es sieht das Ding fast einer Feuerspritze ähnlicher, denn einem Herrnwagen.« »Aber das bleibt gewiß«, sprach ein Dritter, »schön ist das Fuhrwerk; seht

nur, wie bunt die Räder gemalt sind; und so wahr ich lebe, Goldleisten überall. Gebt Acht, das sind keine geringen Leute, die also fahren; aber weit her sind sie, darauf möcht' ich wetten!«

So ging eine Stunde des Gallustages nach der andern hin. Der Markt vor der Stadt nahm seinen fröhlichen Fortgang, die Gäste im Riesen gingen aus und ein, und der Jäger bediente die fremde Herrschaft allein. Als es Abend ward, trat er unter das Thor und schaute sich die Marktbesucher an, wie sie gingen und kamen. Eben ward das Marktglöcklein gezogen, zum Zeichen, daß für heute das Kaufen und Verkaufen aufhören solle, da trat der Riesenwirth zu dem Jäger heran und sagte, auf das Fuhrwerk der Fremden zeigend: »Schön Fuhrwerk das!« »Wem's gefällt«, war des Jägers Antwort. »Scheint im Ausland gebaut zu sein?« »Denk's auch«, sagte der Jäger. »Ist die Herrschaft schon lang auf der Reise?« fragte der Riesenwirth. »Ziemlich!« — »Weit her?« — »Soll's meinen!« »Aus Frankreich?« — »Nein!« — »Holland?« — »Ja!« — »Also aus Holland ist die Herrschaft?« fragte erfreut der Riesenwirth. »O das ist schön, große Ehre für Grünberg. Doch wohl ein Kaufmann, der auf unserm Gallusmarkt denkt Geschäfte zu machen? Glück zu! Gibt auch nur einen Gallusmarkt auf weit und breit.« Damit folgte der Riesenwirth zweien Gästen, die eben in sein Haus eingingen.

»Hört Landsmann«, rief der Jäger einem Bauer zu, der näher getreten war, sich das fremde Fuhrwerk zu besehen, »wo seid ihr her, wenn's erlaubt ist, zu fragen?« Der Bauer lüftete seinen dreieckigen Hut und sprach »Wie's euren Edlen gefällt, ich bin von Göbelnrod.« »Nun dann seid ihr ja nicht weit vom Veitsberg«, sprach

der Jäger, »und könnt mir wohl sagen, ob der Schulmeister Justus noch lebt?« — »Wird wohl noch leben«, war des Bauers Antwort, »denn wär' er gestorben, so hätt' ich's sicher erfahren. Doch wart', alleweile fällt mir ein, daß der Kalendermann noch lebt. Denn mein Nachbar, der Bornpeter, sagte vorgestern zu mir, er wolle bald auf den Veitsberg, und sich den Kalender holen für's künftige Jahr. Wenn ihr den Schulmeister kennt, so wißt ihr auch, daß Keiner auf weit und breit den Kalender besser versteht, denn der Justus. Ehe die Sterngucker, Gott weiß wo sie sind, ihn gemacht haben, da haben wir ihn hier herum längst und Einer schreibt ihn vom Andern ab, und wenn die Drucker ihn endlich liefern, so um Weihnachten hin, da weiß Unsereiner schon längst im neuen Jahr Bescheid. Und wenn er's wissen will, so sagt ihm der Kalendermann vom Veitsberg auch jede Sonn- und Mondsfinsterniß voraus, und das auf die Minute. Kurz der Mann versteht seine Sache, das muß man ihm lassen.« »Dank für die Nachricht, guter Freund«, sprach der Jäger freundlich, »da trinkt, ehe ihr heimgeht, noch ein Frisches auf die Gesundheit des Kalendermanns, und gedenkt auch mein dabei, wenn's euch nichts verschlägt!« — Ehe noch der erstaunte Bauer seinen Dank sagen konnte, war der Jäger in's Haus zurückgegangen.


3. Lust neben Schmerz.

Eine milde Octobernacht breitete sich über die Stadt Grünberg aus. Die Sterne schienen friedlich vom dunkelblauen Herbsthimmel hernieder, aber Friede brachte ihr Glanz nicht allen Menschenseelen an diesem Abend. Die Buden auf dem Marktplatz waren geschlossen, um erst am Morgen zu neuer Geschäftigkeit geöffnet zu werden, und mit festen Schritten und einander zurufend, schritten die Wächter auf und ab. In den Bäckereien war man emsig beschäftigt, neuen Vorrath zu backen, und aus den Häusern der Metzger hörte man das taktvolle Fallen der Hackmesser. Aus allen Gasthäusern und Herbergen schallte Tanzmusik und Jubel, und die Mühe des Tages ward vergessen in der neuen Mühe, die man Freude nannte.