ihr auch unter den sauberen Vögeln wäret. Hab' euch längst auf dem Strich gehabt, und es den Herrn vom Rath versprochen, den Justus krieg ich gewiß auch einmal, wo er sich's am wenigsten versieht. Kalendermänner und Schatzgräber sind allezeit Gebrüder und des Teufels Diener.«
Der erschrockene Mann mochte seine Unschuld betheuern, wie er wollte, mochte der Seinen Angst, wenn er nicht heim komme, noch so lebhaft schildern, es half Alles nichts. Man schleppte ihn mit nach Grünberg, und steckte ihn mit den Schatzgräbern in den Thurm.
Schon mit dem frühsten Morgen erschien Dorothe vor dem Amtmann, und kurz nach ihr der treue Hausfreund Elias Büttner. Beide gaben sich alle Mühe, den Richter von der Unschuld des Gefangenen zu überzeugen, baten wenigstens um seine Freilassung, damit ihm der Schimpf erspart werde, aber es half nichts; die kurze Antwort lautete: »Mitgefangen, mitgehangen.« Das war ein schlechter Trost. Und was die Sache noch verschlimmerte, war, daß die Schatzgräber aus purer Bosheit den Justus als Einen von Ihresgleichen angaben, und sich an seinem Schmerze labten. Dazu war der Kranke, den Justus an jenem Unglücksabend besucht hatte, gestorben, und die Seinen waren über den Trauerfall so bestürzt, daß sie sich in ihren Aussagen widersprachen; kurz, der redliche Justus, der alles Schatzgräberwesen verachtete, und alle Gemeinschaft mit diesen Leuten vermied, saß jetzt als Mitgenosse im Gefängniß, und hatte kein Mittel, seine Unschuld zu beweisen. Denn was er auch vorbrachte, sich zu rechtfertigen, da hieß es immer: Er habe schon lange in bösem Verdachte gestanden, als treibe er Teufelswerk, denn er trage den Namen »Kalendermann« nicht umsonst.
Daheim war Herzeleid ohne Gränzen; und so oft auch
Dorothe den Ihren Trost einsprach, und sie auf Hiob's Wort hinwies: »Der Unschuldige wird vom Herrn errettet werden«, so bedurfte sie des Trostes doch selber, denn sie sah kein Ende dieser langen, schmählichen Gefangenschaft. Da war eines Morgens Selma verschwunden. Mutter und Geschwister meinten, sie sei nach Grünberg gegangen, den Vater zu besuchen, wie sie oft that, und ihm Trost in sein unverdientes Gefängniß zu bringen. Als aber der Abend kam, und das Mädchen nicht heimkehrte, da gesellte sich eine neue Angst zu der alten. Doch am folgenden Abend, als man zu Nacht läutete, kam sie wieder und mit ihr der Vater. Aber wer beschreibt die Rührung Aller, als Justus sein Pflegkind an der Hand nahm und also sprach: sehet hier meinen Engel und Retter! Dieß Kind hat, vertrauend auf den starken Gott, der einen Daniel von der Löwen Rachen schützen kann, mich befreit durch nichts, als durch das Wort der Wahrheit aus Kindesmund. So hab' denn Dank, du mein Kind, für dein Wort zur rechten Stunde; du hast reichlich vergolten, was ich an dir gethan. Uns alle aber lasset Gott danken auch für diese Anfechtung, und ihn bitten, daß er sie uns helfe vollführen, denn noch ist der Böse geschäftig, Unkraut zu streuen.«
Und so war es wirklich. Denn gerade Selma's fromme That der Kindesliebe hatte die Sache des Schulmeisters nur verschlimmert. Auf die Freiwerdung des Vaters hatte das gute Kind es abgesehen, und die erlangte es auch, aber es hatte dem bittersten Feinde der Aeltern, dem Gerst, die neue Noth der Familie geklagt, und der baute darauf einen neuen teuflischen Plan. Wie Selma an jenem Morgen, wo sie heimlich das Aelternhaus verlassen hatte, um für ihren Vater zu bitten, an der Mauer des Kirchhofs, der vor Gießen liegt, hinging, da trat das Bild ihrer mütterlichen Freundin,
der alten Lindin, lebhaft vor ihre Seele, und sie wünschte ihr Grab zu sehen, um auf ihm sich Stärke für ihren sauren Gang zu erbeten. Der Todtengräber grub an der Mauer ein neues Grab, und gab dem Mägdlein auf seine Frage nach dem Grab der Mutter Lindin freundlichen Bescheid. »Seht dort«, sprach er, »dort, wo die Aeste der Linde über die Mauer herüberhängen, liegt die Alte. Gott hab' sie selig. Das war ein Weib nach dem Herzen Gottes, beides bei Alt und Jung wohl gelitten. Ich bin nun schier 36 Jahre Todtengräber hier in der Stadt; und wenn sie Einen nach dem Andern hier herausbringen, dann überdenk' ich so dieß und das aus ihrem Leben, denn es denkt mir schon lange, und vor allem an das Sprüchlein denk' ich: »Herr, lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.« Als sie die alte Lindin heraustrugen, da konnt' ich nichts bedenken, als dieses: »Meine Seele müsse sterben des Todes der Gerechten, und mein Ende werde wie dieser Ende.« — Du weinst, mein Töchterlein? Nun weine immerhin, solch' Thränen sind köstliche Perlen auf ihrem Grab. Hast du sie gekannt wie ich, und ihre Liebe erfahren, wie ich und die Meinen, dann weißt du, daß der alte Kramer die Wahrheit sagt. — Doch komm' mit; meine Arbeit ist für jetzt hier gethan, und ich muß den Kirchhof schließen. Willst du zur Stadt, so gehen wir ein Weilchen mit einander, und reden noch ein Wörtlein von der alten Lindin.«
Das thaten sie denn, und bis sie zum Thore der Stadt kamen, wußte auch der alte Kramer den Kummer im Hause des Schulmeisters, und versprach dem Mädchen seine Hülfe. Er führte sie zu Diesem und Jenem, von dem er sich eine Hülfe für den Schulmeister versprach; und ehe Mittag ward, konnte Selma schon mit einem Schreiben
nach Grünberg aufbrechen, in welchem dem Amtmann bedeutet ward, den Gefangenen bis auf weiteren Befehl frei zu geben. — Aber der alte Kramer hatte sie auch zu dem Rath Gerst geführt, und dieser, der mit der Untersuchung nichts zu thun hatte, und wahrscheinlich auch sobald nichts von ihr erfahren hätte, gab die schönsten Vertröstungen mit dem Munde, im Herzen aber erwog er böse Tücke.
Was in aller Welt scheint einfacher, als die Untersuchungssache gegen den Kalendermann! rufst du wohl aus, lieber Leser. Aber bedenke, unsere Geschichte spielt vor etwa 100 Jahren und das Rechtsverfahren war damals nicht so geregelt, wie heut zu Tage, und das sogenannte Menschliche hatte oft einen solchen Einfluß auf die Richter, daß noch viel einfachere Sachen verwickelt, und noch viel Unschuldigere, denn unser Justus, für Schuldige gehalten wurden. Denn was gegen ihn sprach, das war die Meinung Vieler, die hinter dem Namen Kalendermann etwas Absonderliches suchten; und dann war er mit den Schatzgräbern gegriffen worden, und diese legten manch' falsch Zeugniß gegen ihn ab. Man verfuhr mit großer Strenge gegen die ganze Bande, unter welcher viele Ausländer sich befanden; die aber aus der nächsten Nähe, auf welche es hauptsächlich abgesehen war, der Schreinerkaspar und der Herr Fleischhauer, waren entflohen.