4. Das Trauerhaus.
Der Morgen des 17. Octobers war so schön, wie nur ein Herbsttag sein kann im lieben Deutschland. Die Sonne schien warm vom wolkenlosen Himmel herab, der Herbstthau schimmerte noch im Grase, und zwischendurch zirpten die Heimchen. In langen weißen Fäden flog der Sommer über die Felder hin, hier von einzelnen Sträuchern in seinem Flug aufgehalten, und dort vom Morgenwind einem Wandrer entgegengeführt. Eine eigenthümliche Stille herrschte in der Natur, nur hin und wieder unterbrochen vom lauten Schlag der Drossel oder vom sanften Gesang des Rothkehlchens. O unser Vaterland ist schön zu jeder Jahreszeit; und wer mit dem Frieden Gottes in der Brust hinaustritt auf die gesegneten Felder oder auf die grünen Höhen, der fühlt tief das Wort der Schrift: »Groß sind deine Werke, Herr, wer ihrer achtet, der hat eitel Lust daran.« —
Die Stille des Herbstmorgens waltete auch um das Häuschen her, in dem der Schulmeister Jakob Konrad Justus wohnte. Das stand auf dem Veitsberg, eine Stunde von Grünberg, neben der Kirche, und drum her eine kleine Zahl von Häusern. Von der Höhe herab übersieht man eine Reihe von Dörfern, deren Bewohner sonntäglich entweder die Kirche vom Veitsberg, oder die vom Wirberg besuchen. An den Kirchhof lehnt sich das Schulhaus, damals wie jetzt noch klein und unscheinbar, aber heimisch und traulich gelegen. Trauben rankten an der Sonnenseite empor und bedeckten fast die kleinen Fenster, und zwischen den breiten Blättern schimmerten blau und hellgrün die saftigen Trauben hervor. —
In dem Häuschen herrschte eine düstere Stille, nur
manchmal durch einen einzelnen Laut der Klage unterbrochen. Magdalenchen, das jüngste Kind des Schulmeisters, war gestorben, und um das offne Särglein in der Wohnstube standen Vater und Mutter und drei Geschwister, auch die Gespielinnen des Kindes und einige Nachbarn standen da, Alle sonntäglich geschmückt und den Rosmarinkeim in der Hand. »Nun Kinder«, sprach der Schulmeister in wehmüthigem Tone, »draußen läuten die Glocken, seht euch euer Schwesterlein noch einmal an, es ist Zeit, daß wir aufbrechen; und ihr Kameraden meines Magdalenchens, gebt ihm die Blumen, die ihr tragt, in sein Todtenstübchen. So, nun sieht mein Lenchen wie ein Engel aus, der unter Blumen schläft. Nun, Nachbarn, deckt den Sarg zu und laßt uns gehen. Komm Dorothe und sei fest; ein Kind weniger auf Erden und einen Engel mehr im Himmel, wozu da das Trauern? Das Mägdlein ist nicht todt, es schläft nur, und ist droben schon erwacht. Der Herr ist sein Hirte und weidet sein Schäflein, gebe er auch uns seinen Frieden in die Seele und die Hoffnung des seligen Wiedersehens in's Herz. Und damit Amen in seinem Namen! — Wie dann der Zug der Leidtragenden um das Grab stand, wie das Särglein hinabgesenkt und mit Erde bedeckt war, wie sie die Blumenkrone auf dem Hügel befestigt hatten; da sprach der Schulmeister, indem ihm die Thränen über die Wangen rollten: »Ich will schweigen und meinen Mund nicht aufthun. Du, Herr, wirst es wohl machen. — Du warst ein Kind guter Art und das Loos ist dir gefallen auf's Liebliche; dir ist ein schön Erbtheil geworden!« — »Und nun, Nachbarn, betet ein still Vaterunser mit uns, und dann habt Dank für eure Liebe. Der Herr vergelt's. — So,
und nochmals Amen! und einen freundlichen guten Morgen euch Allen, auch euch, ihr Kinder!«
»Guten Morgen, Bruder!« rief's da plötzlich, und der Jäger, den wir zu Grünberg im Riesen kennen gelernt, eilte über die Gräber weg, und schlang seinen Arm um den Schulmeister und küßte ihn. Aber erschrocken fuhr er zurück, als er die Thränen in seinen Augen gewahrte. »Was ist mit euch, Bruder«, rief er, »habt ihr Eines der Euren verloren? Doch nicht meinen Pathen Heinrich, das wolle Gott verhüten!« »Sei willkommen«, sprach freundlich der Schulmeister, »auf dem Grab meiner Jüngsten muß ich dir heute die Hand reichen. Aber es ist auch so gut; der Herr hat's gethan! Siehe, diese sind mir ja noch übrig, meine Dorothe, mein Heinrich, meine Marie und meine Anna. Bin ich da nicht reich genug? — Und woher kommst du denn, Bruder Heinrich, und was trägst du denn unter deinem Mantel? Ein Kind? Wem gehört denn das? Dein vielleicht?« »Seid ihr verheirathet, Schwager?« fragte Dorothe. »Davon laßt uns drinnen im Hause reden«, sprach in leiserem Tone der Jäger, »was ich euch zu sagen habe, gehört nicht vor Jedermanns Ohren.«
Wie sie nun in's Haus gegangen waren und der Jäger die Tücher, mit denen es umhüllt war, abgebunden hatte, da erwachte das Kind, und da es die gewohnten Gesichter nicht sah, so fing es an zu weinen. Dorothe nahm es auf ihren Arm und liebkoste es, und hieß die Marie hinausgehen und Milch für das Kleine holen, während Anna auf einen Schemel stieg, um sich den kleinen Fremdling besser zu betrachten.
»Wo das Kind eben ist, Schwägerin«, sprach da der Jäger, »in euren Armen, da möcht' ich es gern auf einige