Betend für einen glücklichen Ausgang, und überlegend, wohin er sich wenden solle, wenn seines Bleibens hier nicht mehr sei, ging Heinrich seit einer Stunde in seiner Stube auf und ab; da kam Siegmund und beschied auch ihn in's Gartenhaus. »Seid weise, klug und treu«, sprach er flüsternd zu ihm, »von dieser Stunde hängt das Glück dreier guten Menschen ab. Geht in Gottes Namen hinein; ich will für euch beten.«
Ohne sonderliche Angst trat Heinrich in das Zimmer, wo die beiden Alten ihn erwarteten. Der Buchhalter führte das Gespräch; er wollte unbefangen scheinen, aber er konnte es nicht, er wollte Kreuz- und Querfragen thun, aber man merkte, wie ihm seine Verschlagenheit dießmal nicht helfen wolle. Denn Heinrich erzählte, als wisse er nichts von dem Zusammenhang der Sache, von dem Leben und Leiden daheim; erzählte von Selma's Ankunft im Aelternhause, von ihrer Kindheit und Jugend, von ihrer Schönheit und Herzensgüte, von ihrem Wunsche, Vater und Mutter wiederzufinden, und das Alles so treu und kindlich, daß der alte Herr die Rührung nicht unterdrücken konnte. Er hielt die Hand vor's Angesicht, und unbekümmert um die Blicke und das verlegene Husten des Buchhalters, seufzte er tief auf und rief: »O Lewin, mein Sohn!«
Da fühlte sich Heinrich von dem Buchhalter am Arme gefaßt und vor die Thüre geschoben.
Was nun nach Heinrich's Entfernung zwischen dem Herrn van der Bruck und seinem Buchhalter sich zugetragen, das hat Niemand erfahren, nur vermuthen kann man, daß der gute Geist in dem alten Herrn gesiegt,
und daß der Versucher von ihm weichen mußte. Der Kammerdiener hörte Stunden lang ein lautes Reden in der Stube, das sogar mehrmals in lautes Schreien überging, bis die Thüre sich öffnete, und der Buchhalter drohend herausstürzte, hinter ihm her der alte Herr mit zornrothem Angesicht und geballter Faust.
Am andern Morgen erschien statt des Buchhalters der Herr selbst auf der Schreibstube, was seit Jahren nicht geschehen war, gab dem ersten Schreiber das Amt des Entlassenen, und hieß dann Heinrich ihm in seine Stube folgen. Dort mußte er Alles, was er von Selma wußte, niederschreiben, und mit diesem Aufsatz und einem Briefe von des Herrn eigner Hand, ging mit dem ersten Schiff ein Reisender nach Batavia ab. In Heinrich's äußeren Verhältnissen aber änderte sich nichts.
Das war der Inhalt von Heinrich's Brief; darf man sich wundern, wenn er auf alle Hausgenossen einen tiefen Eindruck machte! Schweigend saßen die Männer da, und Selma lehnte still-weinend den Kopf an Dorothe's Schulter. »Weine nicht, Selma«, sprach selbst tief ergriffen Dorothe, »was ich längst gehofft und doch gefürchtet, und wonach du dich still gesehnt hast, trotz deiner Liebe zu uns, das wird nun bald geschehen. Du wirst bald von uns genommen werden; du wirst aus der Hütte der Armuth in das Haus des Reichthums übergehen; aber laß uns nicht vergessen, daß es Gottes Wille also ist, und in Demuth seine Weisheit bewundern. Denk' an das Glück von Vater und Mutter, die sechszehn Jahre lang um dich getrauert haben, und die dich nun wiederfinden sollen. Vertrauend gaben sie dich einst in unsere Hände, voll Stolz und Freude geben wir dich ihnen zurück, und können getrost sagen, wir haben mit des Herrn
Hülfe dein Herz dem lieben Gott treu erhalten. Und nun, mein Töchterchen, du Kind unserer Seele, geh' schlafen, deine Augen sind schwer vom Weinen; danke Gott, ehe du schläfst und der treue Wächter deiner Jugend gebe dir schöne Träume von Vater und Mutter und der neuen fernen Heimath.«
Und wie der Schulmeister den Hausfreund vor die Thüre begleitet, da sah er seufzend auf zu den Sternen, die schimmernd vom Herbsthimmel herniederglänzten, und vor sich hin sprach er: »Wie ist doch Alles ganz eitel, was unter der Sonnen geschieht, stark ist nur deine Hand, Herr, und hoch ist deine Rechte, und droben bei dir ist noch eine Ruhe vorhanden!«