„Also du willst mir nicht helfen ... willst nicht ...“
Ihre Augen sprühten, ihre Lippen bebten.
„Du hast mich nach Amerika geschleppt ... Du! ... Ich wollte nicht ... Ich wollte bei meinem Kinde bleiben. Aber das war dir ganz egal, was mit dem Kinde geschah! Du hattest ja deine Schwestern ... Deine Schwestern sind dazu da, sich um das Kind zu kümmern ... Ich muß Geld ...“
Sie brach plötzlich ab, denn Altmann hatte sich über sie gebeugt, sehr bleich im Gesicht, und hatte mit heftigem Druck ihre Hand ergriffen.
„Sprich nur zu Ende ... bitte ... lege dir keinen Zwang auf. Wer da alles aus dir herausredet, das weiß ich nicht. Aber zu so etwas kommt es wohl, wenn der Mann seine Frau über sich hinauswachsen läßt. Das heißt — du bist noch nicht hinausgewachsen ... lange nicht. Denn das ‚viele Geld‘, das du verdienst — ist weniger wert als meine kleinen Gagen in den letzten Jahren. Von denen sparte ich mir noch etwas — ja, das tat ich — sonst hätte ich dich ja gar nicht heiraten können. Was besitzen wir, seitdem du verdienst? — — Schulden. So ist es. Glaubst du, Russel läßt dich gehen, solange du ihm noch einen Dollar abzusingen hast? Eher läßt er dich zehnmal durchfallen, als daß er dich gehen läßt! Ein Durchfall ist unter Umständen auch eine Sensation, wenn man ihn geschickt ausnutzt. Denn was du in der Kehle hast, weiß er so gut wie ich! Aber du bist unbeherrscht — und darauf rechnet er. Ich bin ihm unbequem, und er möchte mich los sein! Darum sucht er mich klein zu machen in deinen Augen! Tu ihm nur den Gefallen und falle ihm drauf rein — bitte. Mir brauchst du ein einziges Wort zusagen — mit dem nächsten Schiff bin ich wieder in Europa. Dann balge du dich mit ihm herum! Versuche es, von ihm loszukommen. Er wird dich schon zu halten verstehn. Ich weiß jetzt Bescheid über ihn! Du bist nicht die einzige. Wenn du nicht den Stoff in dir hast, eine allererste zu werden, wertvoll genug bist du, daß er dich bis aufs Letzte auspumpt! Geh morgen zu ihm hin und verlange dreitausend Dollar Vorschuß. Er wird sie dir geben. Auch fünftausend. Je mehr, desto besser! Desto sicherer bist du ihm. Oder willst du durchbrennen — willst du steckbrieflich verfolgt werden? ... Mein liebes Kind ... zieh dir einen Leinwandrock an, braune Stiefel und grüne Handschuhe — und diese selbe Gesellschaft, die dich heute ausgelacht hat, brüllt dir zu — wenn du einen Namen hast! Den Namen aber geben dir nicht deine Kleider, sondern den gibt dir deine Selbständigkeit Russel gegenüber. Zeige ihm, daß du ihn nicht brauchst, dann wird er Angst haben, dich zu verlieren. So. Und nun wirtschafte weiter nach eigenem Ermessen. Meine Sachen sind rasch gepackt ...“
„Ernst!“
Sie hielt ihn am Arm zurück. Sie küßte den alten graukarierten Stoff, sie streichelte ihm das Gesicht mit ihrer tränenfeuchten Hand. Sie murmelte:
„Nicht böse sein ... ich bin so dumm ... so schrecklich nervös bin ich ... Pass’ auf, wenn ich ruhiger werde ... es ist wahr, du mußt immer mit mir gehen ... immer ... dann kann ich dir gleich alles sagen ... Du bist immer so gut zu mir gewesen ... Du wirst mir raten ... Gewiß wäre das heute nicht passiert, wenn du dagewesen wärst ... gewiß nicht ... Und nie nehme ich mehr einen Vorschuß ... nie! ... Überhaupt will ich das Geld gar nicht mehr sehn ... Du gibst mir ein Taschengeld wie früher ... ich brauche ja nichts ... nicht wahr? Ein paar Handschuhe vielleicht ... Schleier trage ich ja nicht ... und mal was Süßes ... oder eine Kleinigkeit für Schmerzchen ... so wonnige Babysachen haben sie hier ...“
Altmann drückte ihren hübschen, dunklen Kopf an sich. Wie ein ungebärdiges Kind war sie. Wild und zügellos, und im Handumdrehen wieder gut und lenksam. Er wollte ja auch wirklich nur ihr Bestes — in ihrem gemeinsamen Interesse! Sie dachte an ein Röckchen für das Kind, er dachte an des Kindes Zukunft.
Es war zwei Uhr nachts, als Karla wie gerädert ihr Bett aufsuchte. Ihr Mann hatte ihr versprochen, über den gestrigen Abend mit Russel zu sprechen.